Ägyptische Landschildkröte

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Ägyptische Landschildkröte

Systematik
Klasse: Reptilien (Reptilia)
Ordnung: Schildkröten (Testudinata)
Unterordnung: Halsberger-Schildkröten (Cryptodira)
Familie: Landschildkröten (Testudinidae)
Gattung: Testudo
Art: Ägyptische Landschildkröte
Wissenschaftlicher Name
Testudo kleinmanni
Lortet, 1883

IUCN-Status
Critically Endangered (CR) - IUCN

Die Ägyptische Landschildkröte (Testudo kleinmanni) zählt innerhalb der Familie der Landschildkröten (Testudinidae) zur Gattung Testudo. Im Englischen wird diese Art Egyptian Tortoise genannt. Das erste Mal wissenschaftlich beschrieben wurde die Ägyptische Landschildkröte von Louis Charles Emile Lortet im Jahre 1883.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Die Ägyptische Landschildkröte ist die kleinste Art innerhalb der Gattung Testudo und erreicht lediglich eine Carapaxlänge von zehn bis zwölf Zentimeter, maximal 15 cm bei großen Weibchen. Die Männchen bleiben deutlich kleiner als die Weibchen. Der Carapax weist eine gelblich-beige bis bräunlich-beige Grundfärbung auf. Die einzelnen Hornschilde setzen sich an der Basis dunkelbraun ab. In der Mitte der Mittel- und Seitenschilde befindet sich häufig ein schwarzer Fleck, der jedoch bei älteren Tieren auch fehlen kann. Insgesamt ist der Carapax auffallend hoch gewölbt. Das Plastron ist beige gefärbt und weist 4 bis 6 paarig angeordnete dunkelbraune Dreieckflecken auf, deren Spitze nach hinten weist (ähnlich wie bei der Breitrandschildkröte). Vordere und hintere Füße enden jeweils in 4 Krallen. Mit ihrer Färbung sind die Schildkröten in ihrem wüstenähnlichen Lebensraum bestens getarnt und die helle Färbung reflektiert zudem die Sonneneinstrahlung. Im Gegensatz zu anderen Testudo-Arten fehlen der Ägyptischen Landschildkröte die charakteristischen Schenkelsporen und der Hornnagel am Schwanz.

Verbreitung

Die Ägyptische Landschildkröte ist am Mittelmeer im rund 50 Kilometer breiten Küstenstreifen von Libyen, Ägypten und Israel verbreitet. Gelegentlich gibt es Berichte von Funden im Südwesten Lybiens, die aber nicht gesichert sind und wohl eher auf Verschleppung durch Nomaden zurückzuführen sind, die mit den Tieren gelegentlich Handel treiben.

Nahrung

Die Ägyptische Landschildkröte ist von ihrem Darmaufbau her ein reiner Pflanzenfresser. Sie ernährt sich vorwiegend von Gräsern, Wildkräutern, Blättern und Blüten. Ihren zusätzlichen Kalziumbedarf deckt sie durch die Aufnahme von Vogeleier-Schalen, Schneckenhäusern und Knochen von Nagetieren. Als Bewohner überwiegend sehr karger Habitate, die nur im Winter reichhaltige Nahrungsressourcen aufweisen, sind die Schildkröten auf eine geringe Nahrungszufuhr, dafür auf eine extrem effiziente Nahrungsverwertung ausgelegt. Bei der Haltung in menschlicher Obhut ist das dringend durch eine sehr zurückhaltende und artgerechte Fütterung zu berücksichtigen, wenn die Tiere nicht früher oder später an Knochenbau- und Organproblemen erkranken sollen. Ihren Wasserbedarf decken die Schildkröten in freier Natur durch Trinken an Pfützen oder das Fressen von Sukkulenten. Genauso nehmen sie Tau und Regentropfen auf. Außerdem sind sie in der Lage, beim Sitzen in einer flachen Wasseransammlung oder frühmorgens in feuchtem Gras (Taubildung!) über die Haut und die Kloake Wasser in ihren Organismus aufzunehmen. Ihre Urinblase kann große Flüssigkeitsmengen speichern, die bei Wassermangel über die membranartige Blasenwand in den Körper rückresorbiert werden können.

Lebensweise

Die Ägyptische Landschildkröte ist eine sehr kleine, tagaktive Landschildkröte, die in der Regel als Einzelgänger lebt. Begegnungen in freier Natur sind eher zufällig oder paarungsbedingt. Ihr Lebensraum zeichnet sich durch ein stark mediterran geprägtes Klima mit einem heißen, trockenen Sommer (tagsüber Lufttemperaturen bis 45°C) und einem sehr milden Winter (nachts selten unter 10°C) mit gelegentlichen Regenfällen aus. Die Nähe zum Mittelmeer bewirkt die meiste Zeit des Jahres eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit mit Werten zwischen 60 und 90%. Weit über 3000 Sonnenstunden pro Jahr und ein Leben in semiariden Regionen prägen ihre Lebensweise. Da die Schildkröten mit ihrer geringen Größe leicht auszutrocknen oder zu überhitzen drohen, sind sie nur in Herbst, Winter und Frühjahr vormittags und nachmittags anzutreffen. Ab Frühsommer verschiebt sich wegen der Hitze ihre Aktivitätszeit auf den frühen Morgen oder in die Abenddämmerung. Während der heißen Mittagsstunden bleiben sie zu allen Jahreszeiten versteckt. Sie halten, anders als die Europäischen Landschildkröten, keine Winterruhe. Stattdessen graben sie sich während des heißen Sommers zwischen Juli und August, witterungsabhängig, 4 - 8 Wochen lang an einer geschützten, leicht feuchten Stelle (Taubildung!) in den Boden ein und halten eine Sommerruhe.

So klein diese Schildkröten auch sind, sie gehören zu den bewegungsfreudigsten Landschildkröten überhaupt. Vor allem die Männchen verbringen einen guten Teil der Aktivitätszeit damit, förmlich herumzurennen. Teils wohl auf der Suche nach Futter, teils sicher auch auf der Suche nach Weibchen. Doch auch in menschlicher Obhut, wo die Tiere keine so langen Wegstrecken zu Futterquellen und Weibchen zurücklegen müssten, laufen sie, vor allem im Winter und Frühjahr, manchmal stundenlang genauso umher, wie man das auch in ihrem Biotop beobachten kann. Für eine Haltung in menschlicher Obhut eignen sich deshalb ausschließlich Behälter ab 180 cm Länge und min. 100 cm Breite! In Mittel- und Nordeuropa kann die Ägyptische Landschildkröte nicht im Freiland gehalten werden. Die Haltung in einem gut beheizten Gewächshaus oder in einem beheizbaren Wintergarten mit ausreichendem Platzangebot, hoher Sonneneinstrahlung und hoher Luftfeuchtigkeit behagt den Tieren recht gut. Eine Haltung im Zimmerterrarium hat sich oft nicht so gut bewährt. In erster Linie fehlt dort den Schildkröten das viele Sonnenlicht und die hohe Luftfeuchtigkeit. Wegen der extremen Paarungsfreudigkeit der Männchen dürfen diese zur Stressvermeidung nicht ganzjährig mit Weibchen zusammen gehalten werden. Da sich die Männchen auch untereinander durch gegenseitiges Rammen, Aufreiten und Beißen bekämpfen, sind diese einzeln zu halten und nur zur Paarung für wenige Stunden mit Weibchen zu vergesellschaften. Für die Haltung dieser Art bedarf es viel Fingerspitzengefühl und mehrjährige Erfahrung in der Landschildkrötenhaltung. Für Einsteiger in die Landschildkrötenhaltung ist diese Art keinesfalls geeignet.

Fortpflanzung

Ägyptische Landschildkröten erreichen in freier Natur die Geschlechtsreife nach rund 8 bis 10 Jahren. Je nach den Witterungsverhältnissen und dem Futterangebot in den Jahren der Entwicklung der Jungtiere kann sich das Erreichen der Geschlechtsreife auch bis zum zwölften oder vierzehnten Lebensjahr hinziehen. Die Paarung erfolgt im Spätwinter und im Frühjahr. Vor der eigentlichen Paarung verfolgt das Männchen das Weibchen und "boxt" es häufig und anhaltend mit seinem Panzer-Vorderteil in alle Seiten. Ist ein Weibchen paarungsbereit, so bleibt es ruhig stehen, zieht seinen Kopf ein und stellt Hinterteil und Kloake leicht aufwärts. Jetzt kann das Männchen aufreiten und die Paarung vollziehen.

Die Entwicklung des Eies von der Befruchtung bis zur Eiablage dauert, witterungsabhängig, rund 3 bis 4 Wochen. Kurz vor der Eiablage wird das Weibchen unruhig und läuft suchend umher. Dabei prüft es immer wieder mit seinem Geruchssinn den Boden auf die Eignung als Eiablageplatz. Ist ein passender Ort gefunden, gräbt das Weibchen an einer sonnig ausgerichteten Stelle eine Grube, in der sie ein Ei, sehr selten zwei ovale Eier ablegt. Nach erfolgter Eiablage wird die Grube sorgsam verschlossen und die Oberfläche zur Tarnung als Schutz vor Fressfeinden festgetreten. Das Ei weist eine Länge von rund 28 bis 34 mm sowie ein Gewicht von etwa sechzehn bis achtzehn Gramm auf. Insgesamt kann es bis zu maximal drei Gelegen in einer Saison kommen. Eine Brutpflege wird nicht betrieben. Nach einer temperaturabhängigen Inkubationszeit von 90 bis 120 Tagen schlüpfen die nur rund 6 bis 8 g schweren und ca. 30 bis 35 mm langen Jungschildkröten. Die ersten Wochen verbringt der Schlüpfling vergraben im Boden und zehrt von den Resten seines Dottersacks, der sich während dem Schlupf in die Bauchhöhle verlagert hat. Ägyptische Landschildkröten wachsen ein Leben lang. Ab dem 20. bis 25. Lebensjahr verlangsamt sich das Wachstum allerdings rapide und der Zuwachs ist kaum mehr messbar.

In freier Natur können Ägyptische Landschildkröten ein Alter von rund 20 bis 30 Jahren erreichen, evtl. auch mehr. In menschlicher Obhut wird bei artgerechter Pflege durchaus auch ein Alter von 50 Jahren und mehr erreicht.

Gefährdung und Schutz

Die in freier Natur lebenden Populationen sind heute sehr stark durch Abweidung ihrer Futterpflanzen durch Ziegen und den daraus folgenden Mangel an Futter und Versteckmöglichkeiten gefährdet. So sind sie zunehmend den Angriffen von Krähen und der glühenden Sonneneinstrahlung ausgeliefert. Leider werden diese Schildkröten trotz aller gesetzlichen Schutzmaßnahmen immer noch abgesammelt und vorwiegend auf ägyptischen Märkten zum Kauf angeboten. Der IUCN listet die Ägyptische Landschildkröte in der Roten Liste als kritisch gefährdet. Nach dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen ist die Art seit 15.03.1995 als stark gefährdet im Anhang I gelistet. Seither darf diese Art aus ihren Ursprungsländern nicht mehr ausgeführt oder gehandelt werden. Für den legalen Erwerb von Nachzuchten innerhalb der Europäischen Union benötigt man entweder eine blaue sogenannte CITES-Bescheinigung oder, seit 1987, eine gelbe EG-Bescheinigung, die seit Januar 2000 mit einer sogenannten Fotodokumentation ergänzt werden muss. Der Verkauf oder der Erwerb dieser Art ohne gültige Papiere wird als Straftat verfolgt und wird mit hohen Geldstrafen oder einer Gefängnisstrafe geahndet. Das gilt auch für "geschenkte" oder "gefundene" Tiere dieser Art, die illegal, d.h. ohne gültige Dokumente und ohne Anmeldung bei der örtlich zuständigen Artenschutzbehörde, gehalten werden. Desgleichen gelten die Bestimmungen für Eier, Panzer oder Panzerteile. Selbst der Panzer einer hier verstorbenen Ägyptischen Landschildkröte ist bei der zuständigen Artenschutzbehörde meldepflichtig und darf nicht ohne EG-Bescheinigung weiter gegeben werden.

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