Altweltliche Stachelschweine

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Altweltliche Stachelschweine
Gewöhnliches Stachelschwein (Hystrix cristata)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Stachelschweinverwandte (Hystricognatha)
Teilordnung: Hystricognathi
Familie: Altweltliche Stachelschweine
Wissenschaftlicher Name
Hystricidae
Fischer von Waldheim, 1817

Altweltliche Stachelschweine (Hystricidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Nagetiere (Rodentia) und zur Unterordnung der Stachelschweinverwandten (Hystricognatha). In der Familie werden 11 rezente Arten in 3 Gattungen und 2 Unterfamilien geführt.

Auch wenn es das deutsche Synonym nahelegen würde, Stachelschweine sind weder mit Igeln (Erinaceidae) noch mit Echten Schweinen (Suidae) verwandt. Zu den nächsten Verwandten zählen vielmehr Riesennager (Hydrochaeridae), Meerschweinchen (Caviidae), Chinchillas (Chinchillidae) und Pakas (Agoutidae).

Inhaltsverzeichnis

Evolution und Entwicklung

Stachelschweine haben ihren Ursprung im Miozän. Die ältesten fossilen Funde stammen aus Asien. Daher kann man davon ausgehen, dass die ersten Arten in Asien in Erscheinung traten. In Europa sind Stachelschweine seit dem Pliozän nachgewiesen. Afrika wurde erst sehr spät im Pleistozän besiedelt. In Europa stammen fossile Funde der Gattung Hytrix des späten Pleistozäns vor allem aus Italien. Zu den ausgestorbenen Gattungen der Stachelschweine gehören Miohystrix, Xenohystrix und Sivacanthion. Innerhalb der Altweltlichen Stachelschweine gelten die Vertreter der Pinselstachler (Trichys) mit ihrem rattenähnlichen Aussehen zu den primitivsten Arten der Familie.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Stachelschweine werden in 2 Unterfamilien eingeteilt. Die Eigentlichen Stachelschweine (Hystrix) zeichnen sich durch rund Rundumbestachelung und kurze Schwänze aus, die ebenfalls mit scharfen Stacheln besetzt sind. Das Schwanzende ist mit einem Büschel hohler Stacheln mit offenen Spitzen versehen. Bei Schwanzbewegungen ist dadurch ein charakteristisches Rascheln zu hören. Der Rumpf ist dorsal und ventral mit schwarzweißen Stacheln geschützt. Die Stacheln bestehen aus Keratin. Die zweite Unterfamilie sind die Vertreter der Atherurinae, zu denen die Quastenstachler (Atherurus) und die Pinselstachler (Trichys) gehören. Quastenstachler verfügen über einen langen und buschigen Schwanz, die in einer Quaste enden. Die Quaste ist mit steifen weißlichen Haaren besetzt, die ähnlich wie bei den Eigentlichen Stachelschweinen bei Bewegung rasseln. Auch bei diesen beiden Gattungen ist der längliche Körper mit langen Stacheln und die kurzen Extremitäten mit bräunlichen Borsten besetzt. Der restliche Körper ist bei allen Arten mit einem borstigen, meist dunkel gefärbtem Fell bedeckt. Die langen Stacheln des Rückens reichen bei vielen Arten bis zum Oberkopf. Sie sind hier jedoch deutlich kürzer und bilden eine Art Kamm. Der Schädel setzt sich nur wenig vom Körper ab und endet zur Schnauze hin stumpf. Die Augen sind relativ klein und liegen seitlich am Schädel. Deutlich hinter den Augen liegen die meist rundlichen Ohren. Die Füße der kurzen Beine enden sowohl an den Hinter- als auch Vorderbeinen in jeweils 4 (Atherurinae) oder 5 (Hystricinae) Zehen. Die Sohlen der Füße sind in der Regel sehr weich und elastisch.

Fühlt sich ein Stachelschwein bedroht, so dreht es seinen Körper in Richtung der Bedrohung und richtet die langen Stacheln auf. Diese liegen ansonsten eng an den Körper gelehnt. Weitere Drohgebärden sind lautes Stampfen mit den Hinterbeinen und grunzende Laute. Wagt sich ein Fleischfresser zu nahe an ein Stachelschwein heran, so lösen sich diese Stacheln vom Körper des Stachelschweins, dringen in die Haut ein und bleiben in der Haut des Angreifers durch spezielle Widerhaken stecken. Stachelschweine weisen je nach Art eine Körperlänge von 35 bis 93 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 2,5 bis 26 Zentimeter sowie ein Gewicht von 1,5 bis 30 Kilogramm. Ein Dimorphismus zwischen den Geschlechtern zeigt sich in der Regel nicht. Die Stacheln können eine Länge von bis zu 35 Zentimeter erreichen.
Weißschwanzstachelschwein (Hystrix indica)
Die Milchdrüsen der Weibchen liegen seitlich am Körper. Die Anzahl der Zitzen schwankt je nach Art zwischen 2 und 3 Paare. Das Gebiss der Stachelschweine weist 20 Zähne auf, die zahnmedizinische Formel lautet i1/1, c0/0, p1/1, m3/3. Einige Arten wie die Vertreter der Quastenstachler gelten als ausgezeichnete Kletterer und sind zuweilen auch in Bäumen auf Nahrungssuche oder suchen hier Schutz vor Fleischfressern.

Lebensweise

Stachelschweine sind überwiegend nachtaktiv und leben terrestrisch. Sie leben einzelgängerisch, paarweise oder in Kleingruppen von bis zu 10 Individuen. Üblicherweise sind Stachelschweine jedoch gesellig. Eine Gruppe besteht meist aus einem Pärchen und dessen Nachwuchs. Eine Gruppe teilt sich dabei einen geräumigen Erdbau. Stachelschweine sind nur wenig territorial, beanspruchen jedoch ein Streifrevier von einigen Hundert Hektar bis mehreren Quadratkilometer, in dem durchaus Artgenossen geduldet werden. Das eigene Revier wird mit einem Sekret aus Duftdrüsen markiert. Die Markierung erfolgt vor allem am Rande der angestammten Trampelpfade.

Verbreitung

Stachelschweine sind in weiten Teilen Afrikas, in Südosteuropa, dem westlichen Asien sowie in Südostasien weit verbreitet. In Afrika wird vor allem der Nordwesten, das westliche und östliche sowie das südliche Afrika besiedelt. Quastenstachler kommen ausschließlich in tropischen Regenwäldern in Zentralafrika und Asien vor. Eigentliche Stachelschweine sind im gesamten Verbreitungsgebiet anzutreffen, Pinselstachler (Trichys) ausschließlich in Südostasien. In Europa werden insbesondere Sizilien, Italen, Albanien, das nördliche Griechendland und Teile der Türkei besiedelt.

Als Lebensraum dienen je nach Arten neben dichten tropischen Regenwäldern, vor allem lichte Wälder, Halbwüsten, Savannen und Steppengebiete. Während der Ruhephasen halten sich Stachelschweine meist in Erdbauten auf, die von anderen Tieren übernommen wurden. Einige Arten graben Erdbauten auch selbst. Quastenstachler (Atherurus) treten sowohl im Tieflandwald als auch in Bergwäldern bis in Höhen von gut 3.000 Metern auf.

Ernährung

Die meisten Arten der Stachelschweine ernähren sich rein vegetarisch von Wurzeln und Knollen sowie Früchten und Beeren. Sie gelten daher als exzellente Samenverbreiter. In der Nähe des Menschen machen sich Stachelschweine auf landwirtschaftlichen Flächen auch über Kartoffeln, Erdnüsse, Kürbisse und andere Feldfrüchte her. Hin und wieder werden auch Insekten (Insecta) und kleine Wirbeltiere (Vertebrata) gefressen. Tierische Kost stellt jedoch nur einen kleinen Teil an der Gesamtnahrung dar. Nicht selten wird auch Aas nicht verschmäht. Auch Knochen werden abgenagt, um die Zähne zu schärfen und ihren Bedarf an Phosphaten zu decken. Nahrungsteile werden zwischen den Vorderpfoten gehalten und zum Maul geführt. Auf Nahrungssuche gehen Stachelschweine meist einzelgängerisch, bei einigen Arten jedoch auch in Kleinstgruppen von 2 bis 3 Individuen.

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife wird bei den meisten Arten mit rund 1 bis 2 Jahren erreicht. In einer Saison kommt es in der Regel nur zu einem Wurf. Zu den Geburten kommt es in den meisten Fällen zur Regenzeit. Bei einigen Arten wie dem Südafrikanischen Stachelschwein (Hystrix africaeaustralis) gehen die Paarungsaktivitäten meist von den Weibchen aus. Ein Weibchen nähert sich einem potentiellen Partner für gewöhnlich mit aufgerichtetem Rumpf und Schwanz sowie mit abgewandten Stacheln. Ein Männchen besteigt ein Weibchen von hinten und legt seine Vorderpfoten beim Paarungsakt auf dem Rücken des Weibchens. Paarungsbereit sind Weibchen ausschließlich während des Östrus, der sich über 28 bis 36 Tage erstreckt. Während dieser Zeit wird die Verschlussmembran der weiblichen Vagina für das männliche Geschlechtsorgan durchlässig. Der Nachwuchs kommt relativ weit entwickelt nach einer Tragezeit von 90 bis 112 Tagen zur Welt. Ein Wurf umfasst 1 bis 4 (1-2) Jungtiere. Die Geburt erfolgt in weich gepolsterten Nestern in den Höhlen der Weibchen. Das Fell der Jungen ist bereits voll entwickelt und sie kommen mit geöffneten Augen zur Welt. Das durchschnittliche Geburtsgewicht liegt zwischen 250 und 300 Gramm. Bereits nach wenigen Tagen sind die Borsten zu Stacheln ausgehärtet. Bereits in der zweiten Lebenswoche nimmt der Nachwuchs neben der Muttermilch die erste feste Nahrung zu sich. Im Alter von 4 bis 6 Wochen ist die Entwöhnung von der Muttermilch abgeschlossen und die Jungen gehen selbständig auf Nahrungssuche. Bis zur Selbständigkeit kümmern sich beide Elternteile um den Nachwuchs. Leben Stachelschweine in Kolonien, so verteidigt die ganze Kolonie den Nachwuchs. Die Lebenserwartung der Stachelschweine liegt bei etwa 10 bis 15 Jahren. In Gefangenschaft ist eine Lebenserwartung von rund 20 bis 25 Jahren möglich.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

In der Nähe des Menschen gehören Stachelschweine zu den Ernteschädlingen. Sie gelten zudem als Übertrager zahlreicher Krankheiten wie der Beulenpest, die insbesondere durch Flöhe (Siphonaptera) übertragen wird. Aber auch Zecken (Ixodida) und andere Ektoparasiten siedeln sich im Stachelkleid und auf der Haut der Stachelschweine an und können verschiedene Krankheiten auf andere Tiere oder den Menschen übertragen. Quastenstachler gehören in tropischen Regionen auch zu den Überträgern der Malaria. Die Malaria wird zwar von den Quastenstachlern nicht direkt übertragen, jedoch gelten sie als Wirt für die entsprechenden Parasiten. In einigen Regionen wird das Fleisch der Stachelschweine, trotz der beschriebenen Gefahren von der einheimischen Bevölkerung geschätzt. Trotz zahlreicher Bedrohungen wie die Bejagung oder die Vernichtung der natürlichen Lebensräume gilt nur eine der 11 Arten als gefährdet. Das Kurzschwanz-Stachelschwein (Hystrix brachyura) wird in der Roten Liste der IUCN als gefährdet (VU, Vulnerable) geführt. Alle anderen Arten gelten als nicht gefährdet. Schlecht steht es jedoch um einige Unterarten, die lokal als gefährdet oder stark gefährdet gelten. Dies sind für eine Unterart des Hinterindischen Quastenstachler, dem Atherurus macrourus ssp. assamensis. Diese Unterart wird als stark gefährdet (EN, Endangered) geführt.

Systematik der Familie Altweltliche Stachelschweine

Familie: Altweltliche Stachelschweine (Hystricidae)

Unterfamilie: Hystricinae
Gattung: Eigentliche Stachelschweine (Hystrix)
Gattung: Miohystrix
Gattung: Xenohystrix
Unterfamilie: Atherurinae
Gattung: Quastenstachler (Atherurus)
Gattung: Pinselstachler (Trichys)
Gattung: Sivacanthion

Anhang

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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