Ameisenbären

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Ameisenbären
Südlicher Tamandua (Tamandua tetradactyla)

Systematik
Stamm: Chordatiere (Chordata)
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Überklasse: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nebengelenktiere (Xenarthra)
Familie: Ameisenbären
Wissenschaftlicher Name
Myrmecophagidae
Gray, 1825

Ameisenbären (Myrmecophagidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Nebengelenktiere (Xenarthra). In der Familie werden in 3 Gattungen 4 Arten geführt. Zu den nahen Verwandten und weiteren Vertretern der Nebengelenktiere gehören Dreifinger-Faultiere (Bradypodidae), Zweifinger-Faultiere (Megalonychidae) und Gürteltiere (Dasypodidae).

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Ameisenbären erreichen je nach Art und Geschlecht eine Körperlänge von 18 bis 130 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 18 bis 90 Zentimeter sowie ein Gewicht von 175 Gramm bis 39 Kilogramm. Weibchen bleiben 10 bis 20 Prozent kleiner und leichter als Männchen. Die größte Art ist der Große Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla), die kleinste Art ist der Zwergameisenbär (Cyclopes didactylus). Die beiden Tamandua-Arten liegen von der Größe her zwischen den beiden genannten Arten. Die genauen Maße und Gewichte der einzelnen Arten können den unten angeführten Tabelle entnommen werden. Beim Großen Ameisenbären ist das grob und steif wirkende Fell sehr dicht und gräulich bis graubraun gefärbt. Vom Schulterbereich verläuft ein breiter schwarzer Streifen nach hinten und verliert sich etwa im letzten Körperdrittel. Dieser schwarze Streifen ist an den Rändern weißlich gesäumt. Die Jungtiere der Großen Ameisenbären verfügen hingegen über ein ausgesprochen weiches Fell. Das Fell der Zwergameisenbären ist seidenweich und weist eine gräuliche bis gelblichgraue Färbung auf. Dorsal zeigt sich ein dunkler Aalstrich. Das Fell der Tamanduas ist hellbraun bis dunkelbraun gefärbt. Im Schulterbereich zeigen sich markante schwarze bis rotbraune Flecken, die wie eine Weste ausschauen. Die Flecken ziehen sich bis zum Hinterteil. Bei dem südlichen Tamandua können die schwarzen Markierungen fehlen oder nur schwach ausgeprägt sein.

Präparat eines Zwergameisenbären (Cyclopes didactylus))
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Präparat eines Zwergameisenbären (Cyclopes didactylus))
Ameisenbären sind die einzigen Vertreter der Nebengelenktiere, die völlig zahnlos sind. Ihr ganzes Verhalten, ihre Fortbewegung sowie ihr Verdauungsapparat und Stoffwechsel hat sich im Laufe der Evolution an die bevorzugte Nahrung, die ausschließlich aus Ameisen (Formicoidea) und Termiten (Isoptera) besteht, angepasst. Auch in der Anatomie gab es einige Anpassungen. Dazu gehört unter anderem der schmale, lang gezogene Kopf, der in einer langen röhrenartigen Schnauze endet. In Abweichung dazu ist die Schnauze des Zwergameisenbären sehr kurz und endet dtumpf. Die Zunge ist deutlich länger als der Kopf. Tamanduas weisen eine Zungenlänge von gut 40 Zentimeter auf, beim Großen Ameisenbären ist die Zunge etwa 61 Zentimeter lang. Die Zunge ist mit einem klebrigen Schleim überzogen, die es den Ameisenbären erlaubt, mühelos Beutetiere aufzunehmen. Die kräftigen Extremitäten enden bei allen Arten in jeweils 5 Zehen, die zum Teil mit kräftigen und scharfen Krallen versehen sind. Bei einigen Arten sind jedoch nicht alle Zehen sichtbar und liegen rudimentär unter der Haut (beispielsweise die fünfte Zehe beim Großen Ameisenbären). Bei den Vorderpfoten der Zwergameisenbären ist nur an einer Zehe eine Kralle ausgeprägt, alle anderen Zehen sind rückgebildet. Beim Laufen auf dem Boden schlagen Ameisenbären ihre Klauen nach innen, damit sie nicht stören. Bei den Arten, die auch in Bäumen leben, dient der lange Schwanz als Greiforgan. Auch die langen Klauen sind beim Klettern ausgesprochen dienlich. Zwergameisenbären können sich von einem tragenden Ast aus waagerecht ausstrecken, was durch die Nebengelenke zwischen den Wirbeln ermöglicht wird. Durch ein zusätzliches Gelenk in der Fußsohle wird zudem die Greiffähigkeit verbessert. Am Boden können die Klauen durch diese spezielle Gelenk unter den Fuß geklappt werden. Die Ohren sind klein und von rundlicher Form. Die rundlichen Augen sind klein und liegen seitlich am Schädel.

Die Stoffwechselrate bei Ameisenbären ist sehr niedrig. Die durchschnittliche Körpertemperatur der Großen Amereisenbären liegt bei 32,7 Grad Celsius. Dies ist unter allen Säugetieren die niedrigste Körpertemperatur. Bei den anderen 3 Arten liegt die durchschnittliche Körpertemperatur nur unwesentlich höher. Einen Großteil des Tages verschlafen Ameisenbären. Sie sind meist nur durchschnittlich 4 (Tamanduas) bis 8 Stunden (Großer Ameisenbär) am Tag aktiv.

Lebensweise

Ameisenbären leben strikt einzelgängerisch. Die Geschlechter treffen im Wesentlichen nur zur Paarung aufeinander. Gesichtete Gruppen sind in aller Regel Weibchen mit ihrem Nachwuchs. Die einzelnen Arten weisen unterschiedliche Aktivitätsmuster auf. So sind Große Ameisenbären hauptsächlich tagaktiv, Tamanduas und Zwergameisenbären sind ausschließlich nachtaktiv. Große Ameisenbären leben aufgrund ihres hohen Gewichtes überwiegend am Boden, Tamanduas leben auch auf Bäumen. Zwergameisenbären halten sich ausschließlich in Bäumen auf. Ameisenbären sind territorial und meiden den Kontakt zu Artgenossen. Die Streifreviere eines Großen Ameisenbären können eine Größe von bis zu 2.500 Hektar aufweisen, die Reviere der Tamanduas sind je nach Lebensraumqualität mit 50 bis 400 Hektar deutlich kleiner. Noch wesentlich kleiner sind die Reviere der Zwergameisenbären. Sie weisen bei Weibchen eine Größe von durchschnittlich 2,8 Hektar, bei Männchen bis zu 11 Hektar auf. Die Reviere einzelner Weibchen überlappen sich nicht. Aufgrund der Reviergröße der Männchen überlappen diese jedoch meist mit mehreren Weibchen. Während der Ruhephase halten sich Große Ameisenbären in flachen Erdmulden auf, in denen sie bis zu 15 Stunden am Tag schlafen. Tamanduas und Zwergameisenbären rasten im Geäst von Bäumen oder in Baumhöhlen. Große Ameisenbären und auch Tamanduas verfügen über Analdrüsen, über die ein stark riechendes Sekret abgegeben wird, das der Reviermarkierung und der Kommunikation untereinander dient. Zwergameisenbären haben keine Analdrüsen, jedoch verfügen sie über Drüsen im Gesichtsbereich. Die Funktion dieser Drüsen ist jedoch noch unerforscht.

Maße und Gewichte

Deutscher Name Wissenschaftlicher Name Körperlänge Schwanzlänge Gewicht
Zwergameisenbär Cyclopes didactylus 18 - 20 cm 18 - 26 cm 175 - 357 g
Großer Ameisenbär Myrmecophaga tridactyla 100 - 130 cm 65 - 90 cm 22 - 39 kg
Nördlicher Tamandua Tamandua mexicana 52 - 57 cm 52 - 55 cm 3,0 - 5,4 kg
Südlicher Tamandua Tamandua tetradactyla 58 - 61 cm 50 - 52,5 cm 3,5 - 7,0 kg

Verbreitung

Ameisenbären kommen ausschließlich in der neuen Welt vor. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom südlichen Mexiko, über Mittelamerika bis ins südöstliche Brasilien und ins nördlichen Argentinien in Südamerika. Es werden artabhängig zahlreiche Lebensräume besiedelt. Große Ameisenbären kommen in offenen Savannen, Sumpfgebieten und den Rändern tropischer Regenwälder vor. Kleine Ameisenbären leben ausschließlich in tropischen Regenwäldern. Tamanduas besiedeln sowohl sekundäre Regenwälder als auch trockenes Savannen- und Buschland in der Ebene und in Höhenlagen von bis zu 2.000 Metern über NN.

Prädatoren

Prädator: Puma (Puma concolor)
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Prädator: Puma (Puma concolor)

Zu den wenigen Fleischfressern der Großen Ameisenbären gehören der Puma (Puma concolor) und der Jaguar (Panthera onca). Große Ameisenbären sind jedoch nicht völlig wehrlos. Werden sie bedroht, stellen sie sich auf die Hinterbeine und wehren sich mit den langen und scharfen Krallen. Die Krallen am zweiten und dritten Finger können eine Länge von bis zu 10 Zentimeter aufweisen und auch große Raubkatzen in die Flucht schlagen. Die anderen Arten der Ameisenbären suchen Schutz vor Fleischfressern in den Bäumen und sind hier mehr oder weniger in Sicherheit. Ganz ohne Fleischfresser sind aber auch diese Arten nicht. Zu den natürlichen Fleischfressern der baumbewohnenden Arten gehören vor allem die Harpyie (Harpia harpyja), der Brillenkauz (Pulsatrix perspicillata) und einige größere Greifvögel (Falconiformes).

Ernährung

Die Nahrung der Ameisenbären besteht ausschließlich aus Ameisen (Formicoidea) und Termiten (Isoptera). Die Beutetiere werden dabei über den olfaktorischen Sinn lokalisiert, da der Sehsinn nur mäßig ausgeprägt ist. Ameisenbären haben es nicht auf einzelne Beutetiere abgesehen, so machen sie sich in der Regel immer über ein ganzes Nest her. Mit den scharfen Krallen wird beispielsweise ein Termitenbau aufgerissen und mit flinken Zungenbewegungen werden die aus dem Bau heraustretenden Tiere aufgenommen. Die Zunge kann sich bis zu 150 mal pro Minute vor- und zurückbewegen. Die schnellen Zungenbewegungen werden durch den am Brustbeim ansetzenden Musculus sternoglossus gesteuert. Die Technik der Nahrungsaufnahme ist bei den Ameisenbären einzigartig in der Klasse der Säugetiere. Durch Kontraktion der Kaumuskulatur (Zähne sind nicht vorhanden) verschließen sich die beiden Unterkieferhälften zur Mitte hin, so dass die vorderen Spitzen auseinander klaffen und sich dadurch das Maul leicht öffnet. Bestimmte Flügelmuskeln sorgen für das Schließen des Maules. Die Flügelmuskeln ziehen dabei die unteren hinteren Ränder der beiden Unterkieferknochen nach hinten. Dadurch werden die vorderen Spitzen angehoben und das Maul schließt sich.

Es werden nicht nur adulte Tiere gefressen, sondern auch Larven und juvenile Tiere. Die Beutetiere bleiben an der mit klebrigem Speichel überzogenen Zunge hängen und werden unmittelbar danach am Gaumen zerdrückt und in den Schlund befördert. Ein Nest mit Ameisen oder Termiten wird immer nur für kurze Zeit aufgesucht. Im Schnitt nehmen Ameisenbären dabei nur um die 100 bis 140 Beutetiere zu sich. Der Grund liegt auf der Hand: Ameisenbären scheuen die kräftigen Kiefer der Soldaten, da die Schnauze gegen die schmerzhaften Bisse nicht unempfindlich ist. Ein weiterer Aspekt ist der geringe Schaden an den Ameisen- oder Termitennester, die sich binnen kurzer Zeit wieder erholen können. So sichern Ameisenbären langfristig Nahrungsquellen. Ein Ameisenbär braucht pro Tag etwa 9.000 (bei den Tamanduas) und 35.000 Ameisen (beim großen Ameisenbären). Zwergameisenbären benötigen zwischen 700 und 5.000 Ameisen pro Tag. Dazu werden pro Tag zahlreiche Nester aufgesucht. Auf Trinkwasser sind Ameisenbären nicht angewiesen, da sie ihren Wasserbedarf vollständig über ihre Nahrung decken.

Fortpflanzung

Mutter mit Nachwuchs auf dem Rücken: der Große Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla)
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Mutter mit Nachwuchs auf dem Rücken: der Große Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla)

Ameisenbären erreichen die Geschlechtsreife mit 2 bis 4 Jahren. Die Paarungszeit der Großen Ameisenbären und der Tamanduas erstreckt sich über den Herbst. Zu den Geburten kommt es dann im kommenden Frühjahr. Zwergameisenbären leben in einer monogamen Beziehung, die anderen Arten sind eher polygam und trennen sich nach der Kopulation wieder. Die Tragezeit ist beträgt beim Großen Ameisenbären bei etwa 190 Tagen, bei den Tamanduas bei 130 bis 150 Tagen und beim Zwergameisenbär bei 120 bis 150 Tagen. Die Wurfgröße umfasst meist nur ein Jungtier, Zwillingsgeburten sind jedoch dokumentiert, wenngleich auch sehr selten. Der Nachwuchs ist bereits bei der Geburt voll entwickelt und verfügt über ein dichtes Fell, geöffnete Augen und Krallen. Mit den Krallen können sie sich bereits kurz nach der Geburt auf dem Rücken der Mutter festhalten. Im Alter von gut 4 Wochen können sie bereits selbständig laufen, halten sich aber meist in den ersten Monaten auf dem Rücken der Mutter auf. Die in den Bäumen lebenden Arten bringen ihren Nachwuchs in Nestern zur Welt. Die Säugezeit beträgt bei allen 4 Arten etwa 6 Monate. Die Jungen bleiben jedoch meist bis zur Geschlechtsreife bei der Mutter. Die Lebenserwartung liegt bei den meisten Arten zwischen 9 und 12 Jahren. In Gefangenschaft konnte beim Großen Ameisenbären eine Lebenserwartung von 26 Jahren nachgewiesen werden.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Der Große Ameisenbär steht heute auf der Vorwarnliste und wird daher in der Roten Liste der IUCN als NT, Near Threatened, geführt. Die anderen 3 Arten gehören noch nicht zu den bedrohten Arten. In einigen Bereich Südamerikas werden Tamanduas wegen der Häute gejagt. Ansonsten hat der Mensch an Ameisenbären kaum ein wirtschaftliches Interesse. Das Fleisch wird nur selten gegessen. Die größte Bedrohung geht von der Vernichtung der natürlichen Lebensräume aus. Dies trifft vor allem auf den Großen Ameisenbären zu, der auf große Reviere angewiesen ist. In Mittelamerika sind Ameisenbären lokal schon verschwunden oder extrem selten geworden. In Südamerika ist die Situation zwar besser, jedoch lässt sich auch hier die weitflächige Vernichtung der Lebensräume beobachten. In Südamerika steht es um die einzelnen Arten vor allem in Peru und Brasilien schlecht. Lokal sind die Arten bereits ausgerottet.

Systematik der Ameisenbären

Großer Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla)
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Großer Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla)

Familie: Ameisenbären (Myrmecophagidae)

Gattung: Zwergameisenbären (Cyclopes)
Art: Zwergameisenbär (Cyclopes didactylus)
Gattung: Große Ameisenbären (Myrmecophaga)
Art: Großer Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla)
Gattung: Tamanduas (Tamandua)
Art: Nördlicher Tamandua (Tamandua mexicana)
Art: Südlicher Tamandua (Tamandua tetradactyla)

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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