Amerikanischer Spitzmull

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

Amerikanischer Spitzmull

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Spitzmausartige (Soricomorpha)
Familie: Maulwürfe (Talpidae)
Unterfamilie: Eigentliche Maulwürfe (Talpinae)
Gattung: Neurotrichus, Günther, 1880
Art: Amerikanischer Spitzmull
Wissenschaftlicher Name
Neurotrichus gibbsii
(Baird, 1858)

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Der Amerikanische Spitzmull (Neurotrichus gibbsii) gehört innerhalb der Familie der Maulwürfe (Talpidae) zur Gattung der Neurotrichus. Im Englischen wird dieser Maulwurf Shrew-mole, American Shrew-mole oder American Shrew Mole genannt. Die Gattung ist monotypisch (Carraway & Verts, 1991).

Der generische Name Neurotrichus kommt aus dem griechischem und setzt sich aus ne (nein, nicht), oura (Schwanz) und thrix gentiv trichos (Haar) zusammen. Der Artname gibbsii wurde zu Ehren des Entdeckers der Art, George Gibbs, genommen (Carraway & Verts, 1991).

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Die Vorfahren der Amerikanischen Spitzmulle stammen aus Asien. Der älteste bekannte Vorfahre ist Quyania chowi. Die ältesten Funde dieser Art stammen aus der inneren Mongolei und lassen sich auf ein Alter vom oberen Miozän bis ins untere Pliozän datieren. Der erste Vertreter der Amerikanischen Spitzmulle tauchte während des unteren Pliozän in Polen, Westeuropa auf. Langsam wanderten Amerikanische Spitzmulle ostwärts, bis im Pleiszozän auch Nordamerika besiedelt wurde. Von der rezenten Art des Amerikanisches Spitzmulles gibt es keine pleistozänen Funde (Carraway & Verts, 1991).

Erkennung

Von der Gattung der Westamerikanischen Maulwürfe (Scapanus) unterscheidet sich der Amerikanische Spitzmull durch die deutlich geringere Größe sowie 36 statt 44 Zähnen. Die Füße sind zudem nur moderat verbreitet und zum Graben weniger geeignet als bei Scapanus. Die nächsten Verwandten sind die Japanischen Spitzmulle (Urotrichus). Ursprünglich stellte man beide Arten in eine Gattung. Man stellte jedoch bei genauerer Betrachtung fest, dass es sich bei den Gemeinsamkeiten lediglich um Konvergenzen handelt (Carraway & Verts, 1991).

Beschreibung

Aussehen und Maße

Amerikanische Spitzmulle sind eher klein und weisen rudimentäre Augen auf, die einen Durchmesser von lediglich 0,7 bis 1,0 mm erreichen. Ohren sind vorhanden, eine externe Ohrmuschel fehlt jedoch. Die Schnauze ist spitzmausartig verlängert, der Schädel ist dorsalventral leicht abgeflacht. 8 Paar Vibrissen mit einer Länge von 6 bis 12 mm liegen anterior zu den Augen. Die Tuberkel an den Sohlen der Vorderfüße sind gut entwickelt, die an den Hinterfüßen sind weniger gut ausgeprägt. Die Zehen der Vorderfüße weisen lange gebogene Klauen auf. Sie sind 4 mm breit, 2 mm dick und 5,4 mm lang. Der mittellange und dicke Schwanz erreicht etwa ein Drittel der Körperlänge und ist spärlich mit Fell versehen. Das Fell der Amerikanischen Spitzmulle ist blauschwarz bis schwarz gefärbt.

Der Amerikanische Spitzmull erreicht eine Gesamtlänge von 100 bis 117 (107) mm, eine Schwanzlänge von 31 bis 39 (35,3) mm, eine Hinterfußlänge von 14 bis 16 (15) mm, eine Schädellänge von 21,1 bis 22,3 (21,7) mm, eine Schädelbreite von 9,7 bis 10,0 (9,9) mm sowie ein Gewicht von 9,5 bis 10,5 (10,0) g. Das Gehirn erreicht ein Gewicht von 0,91 g. Zwischen den 3 Unterarten kann es zu leichten Abweichungen in der Größe kommen. Die rudimentären Augen liegen vollständig im Fell verborgen. Die Tiere können mit den Augen lediglich hell-dunkel-Unterschiede erkennen. Eine Bowman-Membran, die normalerweise aus Kollagenfibrillen besteht und zwischen Stroma und der Basalmembran liegt, fehlt den Amerikanischen Spitzmullen.

Die Form des Magen ist typisch für Spitzmausartige (Soricomorpha). Die Cardia (Magenmund), also die Verbindung zwischen Magen und Speiseröhre (Oesophagus) ist jedoch bei den Amerikanischen Spitzmullen größer als bei anderen Soricomorpha. Der Magen erreicht eine Außenfläche von 3,52 cm². Das Gebiss besteht aus 36 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i3/3, c1/1, p2/2, m3/3. Weibchen verfügen über 10 Zitzen. 1 Paar liegt pectoral (Brustbereich), 2 Paare abdominal (Bauch) und 2 weitere Paare inguinal in der Leistenregion (Carraway & Verts, 1991; Nowak, 1999).

Lebensweise

Amerikanische Spitzmulle sind tag und nachtaktiv. Sie ruhen für 1 bis 8 Minuten in Intervallen von 2 bis 18 min. Sie sind zwar ausgesprochen agil, bewegen sich jedoch eher langsam. Amerikanische Spitzmulle sing gute Kletterer und können problemlos in kleinere Bäume oder Büsche klettern. Darüberhinaus gelten die Tiere auch als gute und kraftvolle Schwimmer. Amerikanische Spitzmulle orientieren sich hauptsächlich über den Tastsinn, der Sehsinn spielt keine Rolle. Die Nase weist hierfür zahlreiche Tasthaare auf. Sie ist sehr beweglich und kann um 40° in jede Richtung bewegt werden. Je nach Lebensraumqualität liegt die Siedlungsdichte bei durchschnittlich 12 bis 15 Individuen pro ha. Eine höhere Siedlungsdichte ist nur bei Ausbleiben von Nahrungskonkurrenten zu beobachten. Im Nahbereich erfolgt eine Kommunikation über Laute, deren Frequenz zwischen 8 und 30 kHz liegen (Carraway & Verts, 1991).

Unterarten

Verbreitung und Lebensraum

Vorkommen

Amerikanische Spitzmulle sind vom Fraser River in British Columbia, Kanada, südlich bis nach Fremont Peak, Monterey County in Kalifornien verbreitet. Im Osten reicht das Verbreitungsgebiet von der Kaskadenkette (Cascade Range) und der Sierra Nevada von Washington über Oregon bis nach Kalifornien. Im Westen sind die Vorkommen durch die pazifische Küste begrenzt (Carraway & Verts, 1991; IUCN, 2011).

Lebensraum, Habitate

In Washington, USA, kommen in Habitaten mit weicher Humusschicht bis in Höhen von gut 2.440 m über NN vor. Zur dominanten Vegetation im Lebensraum der Amerikanischen Spitzmulle zählen Oregon-Ahorn (Acer macrophyllum), Weinblatt-Ahorn (Acer circinatum), Erlen (Alnus), Nuttalls Blüten-Hartriegel (Cornus nuttallii), Roter Holunder (Sambucus racemosa), Rosengewächse (Rosaceae) wie Pracht-Himbeeren (Rubus spectabilis), Igelkraftwurz (Oplopanax horridus), Berberitzen (Berberis), Schwertfarne (Polystichum munitum) und Amerikanischet Stinktierkohl (Lysichiton americanus). Auch in sumpfigen Habitaten kommen Amerikanische Spitzmulle durchaus häufig vor. Hier dominieren vor allem Rohrkolben (Typha) und Weiden (Salix). Entlang von Flussbänken, insbesondere in Oregon, treten häufig Sitka-Fichte (Picea sitchensis) und Scheinbeeren (Gaultheria) in Erscheinung. In Kalifornien sind im Lebensraum der Tiere Pflanzen wie Küstenmammutbäume (Sequoia sempervirens) nachgewiesen (Carraway & Verts, 1991).

Biozönose

sympatrische Art: das Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus)
vergrößern
sympatrische Art: das Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus)

Sympatrie

Im Lebensraum der Amerikanischen Spitzmulle treten sympatrisch eine Vielzahl von kleineren und größeren Nagetieren auf. Hier sind insbesondere die eingeführten Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) zu nennen. Andere Arten sind beispielsweise Rotzahnspitzmäuse (Sorex) wie Sorex bendirii, Sorex bairdii, Dunkle Rotzahnspitzmaus (Sorex monticolus), die Nördliche Wasserspitzmaus (Sorex palustris), Sorex pacificus, Sorex trowbridgii, Sorex vagrans, aber auch der Pazifische Maulwurf (Scapanus orarius), der Townsends Maulwurf (Scapanus townsendii), Stummelschwanzhörnchen (Aplodontia rufa), der Gelbe Fichten-Chipmunk (Tamias amoenus), der Townsend-Chipmunk (Tamias townsendii), das Douglas-Hörnchen (Tamiasciurus douglasii), das Nördliche Gleithörnchen (Glaucomys sabrinus), die Gebirgs-Taschenratte (Thomomys bottae), Amerikanische Erntemäuse (Reithrodontomys) wie Reithrodontomys megalotis, die Hirschmaus (Peromyscus maniculatus), die Westamerikanische Rötelmaus (Clethrionomys californicus), die Nordamerikanische Rötelmaus (Myodes gapperi), die Kalifornische Wühlmaus (Microtus californicus), die Langschwänzige Wühlmaus (Microtus longicaudus), Heidekraut-Wühlmäuse (Phenacomys), Heidekraut-Wühlmäuse (Phenacomys) wie Phenacomys longicaudus sowie die Pazifik-Hüpfmaus (Zapus trinotatus) (Carraway & Verts, 1991).

Prädatoren

Zu den natürlichen Feinden der Amerikanischen Spitzmulle zählen Hermeline (Mustela erminea), Langschwanzwiesel (Mustela frenata), der Nordamerikanische Waschbär (Procyon lotor), Kojoten (Canis latrans), Schleiereulen (Tyto alba), die Waldohreule (Asio otus), Virginia-Uhus (Bubo virginianus), der Sägekauz (Aegolius acadicus), Bussarde (Buteo), aber auch Strumpfbandnattern (Thamnophis) wie die Nordwestliche Strumpfbandnatter (Thamnophis ordinoides) (Carraway & Verts, 1991).

Ernährung

Amerikanische Spitzmulle ernähren sich hauptsächlich als Fleischfresser von Hundertfüßern (Chilopoda), Schnecken (Gastropoda) und Insekten (Insecta) wie Zweiflügler (Diptera) und Käfer (Coleoptera). Zu etwa 18% stehen auch Pflanzenteile wie Sämereien auf der Speisekarte. Die Nahrungssuche und -aufnahme erfolgt hauptsächlich oberirdisch, sowohl am Tage als auch in der Nacht (Carraway & Verts, 1991).

Fortpflanzung

Je nach Verbreitungsgebiet beginnt die Paarungszeit bereits im zeitigen Februar und kann sich bis in den Spätsommer erstrecken. Die Kernzeit liegt jedoch zwischen März und Mitte Mai. Ein Weibchen bringt 1 bis 4 (3) Jungtiere zur Welt. Die Tragezeit ist unbekannt. Jungtiere kommen nackt, blind und taub zur Welt. Ihre Haut ist pink bis fleischfarben gefärbt. Ein Neugeborenes erreicht bei der Geburt eine Gesamtlänge von 26 mm, eine Schwanzlänge von 5 mm, eine Hinterfußlänge von 3,6 mm und ein Gewicht von 0,67 g. Klauen sind bei der Geburt noch nicht entwickelt. Die Säugezeit, die Lebenserwartung und das Erreichen der Geschlechtsreife sind unbekannt (Carraway & Verts, 1991).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Amerikanische Spitzmulle zählen heute noch nicht zu den bedrohten Tierarten. Die Art wird in der Roten Liste der IUCN daher als nicht gefährdet (LC, Least Concern) geführt. Im Ökosystem bildet der Amerikanische Spitzmull eine wichtige Rolle. Die Tiere belüften durch ihre Grabaktivitäten den Boden. Des Weiteren dient die Art zum einen als Nahrung für räuberisch lebende Tiere, zum anderen halten Amerikanische Spitzmulle mit ihrem gesunden Appetit die Populationen an Schadinsekten bzw. deren Larven klein. Die größte Bedrohung für die Tiere geht heute von der Vernichtung der natürlichen Lebensräume aus (IUCN, 2011).

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X

Qualifizierte Weblinks

'Persönliche Werkzeuge