Anoura caudifer

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Anoura caudifer

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Fledertiere (Chiroptera)
Unterordnung: Fledermäuse (Microchiroptera)
Familie: Blattnasen (Phyllostomidae)
Unterfamilie: Blütenfledermäuse (Glossophaginae)
Gattung: Anoura
Art: Anoura caudifer
Wissenschaftlicher Name
Anoura caudifer
(Geoffroy, 1818)

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Anoura caudifer (Syn. Anoura caudifera) zählt innerhalb der Familie der Blattnasen (Phyllostomidae) zur Gattung Anoura. Im Englischen wird die Art Tailed Tailless Bat genannt. Die Art ist monotypisch, Unterarten sind demnach keine bekannt (Oprea, Aguliar & Wilson, 2009).

Inhaltsverzeichnis

Erkennung und Unterschiede

Anoura caudifer hat nur einen kleinen Schwanz. Dieses Merkmal unterscheidet die Art von den nah verwandten Arten Anoura geoffroyi und Anoura latidens. Anoura caudifer hat einen kleinen, jedoch gut entwickelten Kalkar. Dieser ist bei Anoura geoffroyi nur rudimentät vorhanden. Die Interfemoralmembran ist bei Anoura caudifer halbkreisförmig, breit und wenig behaart. Bei Anoura geoffroyi ist die Interfemoralmembran eher dreieckig und am Rand leicht behaart. Anoura caudifer ist etwas kleiner als Anoura geoffroyi. Anoura caudifer ist ein wenig kleiner als Anoura fistulata, die Zunge ist nur etwa halb so lang (35 bis 70 statt 60 bis 80 mm). Anoura cultrata weist eine abweichende Zahnmorphologie auf (Oprea, Aguliar & Wilson, 2009).

Fossile Funde

Die ältesten fossile Funde stammen aus dem späten Pleistozän und dem frühen Holozän und wurden im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais gefunden. Die Funde stammen aus Höhlen nahe Lagoa Santa (Oprea, Aguliar & Wilson, 2009).

Beschreibung

Aussehen und Maße

Anoura caudifer ist eine relativ kleine Art innerhalb der Blütenfledermäuse (Glossophaginae). Zwischen den Geschlechtern zeigt sich ein Dimorphismus. Die Maße im Einzelnen: Männchen erreichen eine Gesamtlänge von 50,0 bis 58,0 (52,8) mm, eine Ohrlänge von 12,0 bis 17,0 (13,4) mm, eine Unterarmlänge von 35,0 bis 36,4 (37,7) mm, eine Hinterfußlänge von 7,0 bis 12,0 (9,25) mm, eine Schwanzlänge von 3,5 bis 7,0 (4,9) mm, eine Schädellänge von 20,8 bis 23,8 (21,8) mm, eine Condylobasallänge von 21,7 bis 23,0 (22,1) mm, eine Jochbeinbreite von 9,6 bis 10,2 (9,9) mm und eine Hirnschädelbreite von 8,8 bis 9,4 (9,0) mm. Weibchen erreichen eine Gesamtlänge von 50,0 bis 68,0 (58,4) mm, eine Ohrlänge von 8,0 bis 17,0 (12,1) mm, eine Unterarmlänge von 32,9 bis 38,1 (36,3) mm, eine Hinterfußlänge von 8,0 bis 11,0 (9,2) mm, eine Schwanzlänge von 4,0 bis 10,0 (5,5) mm, eine Schädellänge von 21,6 bis 22,1 (21,6) mm, eine Condylobasallänge von 21,7 bis 23,0 (22,1) mm, eine Jochbeinbreite von 9,6 bis 10,2 (9,9) mm und eine Hirnschädelbreite von 8,8 bis 9,4 (9,0) mm. Die Schnauze ist länglich, die Zunge ist relativ lang. Die Oberlippe ist glatt, Falten oder Papillen fehlen. Eine tiefe Furche teilt die Unterlippe nach medial. Die Ohren sind kurz, von einander getrennt und abgerundet. Der Antitragus fehlt, der Tragus ist normal entwickelt und kurz. Der Schädel ist länglich, die Jochbögen sind recht dünn. Ein Scheitelkamm fehlt. Das Fell ist dicht und wirkt seidig. Es ist dorsal meist dunkelbraun gefärbt. Hinter den Ohren, an den Halsseiten und ventral ist das Fell blasser oder leicht rotbraun gefärbt. Die Membranen sind dunkelbraun bis schwarz gefärbt. Der Schwanz ist klein und meist vom Uropatagium bedeckt. Der Kalkar ist klein, etwas kürzer als die Länge des Fußes. Der Daumen ist kurz und dünn, die Nägel sind kurz. Das Gebiss besteht aus 32 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i2/0, c1/1, p3/3, m3/3 (Oprea, Aguliar & Wilson, 2009).

Lebensweise

Die Ruheplätze liegen in Höhlen, Felsspalten, Tunneln, Baumhöhlen oder ähnlichen Strukturen. Anoura caudifer lebt in kleinen Kolonien von bis 15 Individuen. Nicht selten halten sich an den Schlafplätzen verschiedene Arten der Fledermäuse auf. Die Art ist nachtaktiv. Die tägliche Nahrungssuche beginnt mit Einbruch der Dunkelheit und endet in der Morgendämmerung. In den Aktivitätsmustern zeigen sich saisonal keine signifikanten Unterschiede. Die Orientierung erfolgt typischerweise durch Echoortung. Dies gilt zum einen für die eigentliche Orientierung, zum anderen auch für die Lokalisierung von Beutetieren (Oprea, Aguliar & Wilson, 2009).

Verbreitung und Lebensraum

Die Art ist in Kolumbien, Venezuela, Guyana, Surinam, Brasilien, Ecuador, Peru, Bolivien und im nordwestlichen Argentinien beheimatet. In Brasilien werden die Bundesstaaten Acre, Amazonas, Bahia, Espírito Santo, Mato Grosso, Mato Grosso do Sul, Minas Gerais, Pará, Paraná, Rio de Janeiro, Rio Grande do Sul, Santa Catarina und São Paulo besiedelt. Im Nordwesten von Argentinien ist die Art nur in den Provinzen Salta and Jujuy nachgewiesen. Anoura caudifer lebt überwiegend im Flachloand, lokal auch in Höhenlagen bis in Höhen von gut 1.500 m über NN. Die Art besiedelt hauptsächlich tropischen Primärregenwald und Feuchtgebiete und gilt aufgrund seiner Ernährungsweise als wichtiger Bestäuber von Blüten (Oprea, Aguliar & Wilson, 2009).

Biozönose

Endo- und Ektoparasiten

Zu den nachgewiesenen Ektoparasiten gehören insbesondere Milben (Acari, Acarida) der Familien Labidocarpidae, Spinturnicidae und Laufmilben (Trombiculidae). Weitere Ektoparasiten zählen zu den Fledermausfliegen (Streblidae). Zu den nachgewiesenen Endoparasiten zählen Protozoen wie Trypanosomen (Trypanosoma vespertilionis) und Fadenwürmer (Nematoda) wie Litomosoides brasiliensis aus der Familie Filariidae (Oprea, Aguliar & Wilson, 2009).

Sympatrie, Konkurrenz

Anoura caudifer teilt sich seinen Lebensraum, seine Nahrungsressourcen und Ruheplätze mit zahlreichen anderen Fledermausarten. Dies stehen in Abhängigkeit vom Vorkommen und Lebensraum insbesondere Anoura geoffroyi, Anoura cultrata und Glossophaga soricina. Höhlen werden vor allem mit Gemeinen Vampiren (Desmodus rotundus), Kammzahnvampiren (Diphylla ecaudata), der Fransenlippenfledermaus (Trachops cirrhosus), Micronycteris megalotis, Mimon bennettii, den Eigentlichen Schwertnasen (Lonchorhina aurita), Molossus rufus, Peropteryx macrotis, Peropteryx kappleri und der Großen Lanzennase (Phyllostomus hastatus) geteilt (Oprea, Aguliar & Wilson, 2009).

Ernährung

Anoura caudifer ernährt sich sowohl von Nektar, Früchten und Pollen als auch von Insekten (Insecta). An pflanzlicher Kost stehen Nektar und Pollen von Pflanzenfamilien wie Hülsenfrüchtler (Fabaceae), Passionsblumengewächse (Passifloraceae), Glockenblumengewächse (Campanulaceae), Wollbaumgewächse (Bombacoideae), Bromeliengewächse (Bromeliaceae), Marcgraviaceae, Myrtengewächse (Myrtaceae), Weiderichgewächse (Lythraceae), Malvengewächse (Malvaceae) und Rötegewächse (Rubiaceae) hoch im Kurs. An Insekten wurden Fransenflügler (Thysanoptera), Hautflügler (Hymenoptera), Käfer (Coleoptera) und Schmetterlinge (Lepidoptera) nachgewiesen (Oprea, Aguliar & Wilson, 2009).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Laut der Roten Liste der IUCN gehört Anoura caudifer heute noch nicht zu den bedrohten Arten. Die Art ist in weiten Teilen des Verbreitungsgebietes häufig anzutreffen. Nur in wenigen Regionen kommt Anoura caudifer selten oder nur spärlich vor. In der Roten Liste der IUCN wird sie als least concern (nicht gefährdet) geführt. Zu den Hauptbedrohungen gehören lokal der Bergbau, der ausufernde Tourismus und die allgemeine Vernichtung der natürlichen Lebensräume. Die Art ist insbesondere für Störungen an den Ruheplätzen anfällig (IUCN, 2014).

Anhang

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X

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