Ansells Graumull

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Ansells Graumull

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Stachelschweinverwandte (Hystricognatha)
Teilordnung: Hystricognathi
Familie: Sandgräber (Bathyergidae)
Unterfamilie: Bathyerginae
Gattung: Graumulle (Cryptomys)
Art: Ansells Graumull
Wissenschaftlicher Name
Cryptomys anselli
Burda, Zima, Scharff, Macholán & Kawalika, 1999

IUCN-Status

Der Ansells Graumull oder veraltet Kleiner-Sambia-Graumull (Fukomys anselli) zählt innerhalb der Familie der Sandgräber (Bathyergidae) zur Gattung der Graumulle (Cryptomys). Im Englischen lautet der Name Zambian mole-rat.

Der Artstatus des Ansells Graumulls war lange umstritten. Vorerst wurde der Ansells Graumull als Unterart des Afrikanischen Graumulls (Cryptomys hottentotus) geführt. Erst später konnte anhand von Allozymanalysen und Karyogrammen der Artenstatus zugeschrieben werden (Burda et al.). In Zoologischen Gärten kann man den Ansells Graumull im Nachttierhaus des Zoo Berlin und im Zoo Leipzig bewundern.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

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Aussehen und Maße

Der Ansells Graumull erreicht je nach Geschlecht und reproduktivem Status eine Körperlänge von 11 bis 16 Zentimeter sowie ein Gewicht von rund 90 Gramm. Der Schwanz ist recht kurz und erreicht mit einer Länge von 1,5 bis 2,5 Zentimeter etwa 14 % der Kopfrumpflänge. Beim Gewicht weisen die Geschlechter einen Dimorphismus auf. Die Königin ist etwas größer und schwerer als die Männchen und die "normalen" Weibchen. Ansonsten unterscheiden sich die Geschlechter nicht. Das dichte Fell weist eine graubraune Färbung auf. Individuell können weiße Stirnflecken in unterschiedlicher Form und Größe auftreten. Ähnlichkeiten bestehen zu dem Kafue-Graumull (Cryptomys kafuensis) der früher als Unterart galt. Mit voller Gewissheit ist er aber nur genetisch abgrenzbar. Der Körperbau ist länglich und zylindrisch. Dies stellt eine Anpassung an die unterirdische Lebensweise dar. Dementsprechend kurz fallen auch die Extremitäten aus. Im Bereich der Schnauze zeigen sich lange Tasthaare, die sogenannten Vibrissen, die der Orientierung dienen. Die Augen der Ansells Graumulle sind nur wenig weit entwickelt und können kaum der Orientierung dienen. Die Ohren liegen weit hinten am Kopf und weisen keine sichtbare Öffnung auf. Das Gehör ist aber sehr wohl gut entwickelt. Die wichtigsten Sinne der Ansells Graumulle sind der Tast- und der Geruchssinn. Beide Sinne sind überdurchschnittlich gut entwickelt. Mit dem Tastsinn können sie selbst feinste Erschütterungen wahrnehmen. Der Kopf ist robust und verfügt über eine besonders ausgebildete Kaumuskulatur. Markantes Merkmal sind die sehr großen, meißelartigen Schneidezähne, die auch bei geschlossenem Maul herausschauen. Mit den Schneidezähnen graben Ansells Graumulle selbst in härtestem Boden. Dabei schließen die Lippen hinter den Schneidezähnen ab, um das Eindringen von gelöstem Boden zu verhindern. Die Schneidezähne wachsen ständig nach und erzeugen die unter den Säugern im Verhältnis zum Körpergewicht größte Beißkraft.

Systematik

Erstbeschreiber der Art ist der deutsche Biologe Hynek Burda. Vorerst wurde der Ansells Graumull wie alle Graumulle der Gattung Cryptomys zugeschrieben. Spätere genetische Untersuchungen zeigten dass zwei unterschiedliche und monopyletische, also von einem einem Vorfahren abstammenden, Gruppen bestehen. Eine neue Gattung namens "Fukomys" wurde gegründet. Das Wort setzt sich aus dem Bantu-Wort für Mulle (mfuko oder fuko) erinnern ((Burda & Begall). Es sind insgesamt 4 Arten der Gattung Fukomys und 14 Artend der Gattung Cryptomys bekannt. (Kock et al.)

Lebensweise

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Einzigartig in der Klasse der Säugetiere (Mammalia) ist das Sozialsystem der Ansells Graumulle. Genau wie die Nacktmulle haben sie ähnlich wie Bienen oder Termieten einem stark staatenbildendes Sozialsystem ausgebildet. Die drei weiteren rezenten Gattungen aus der Familie der Sandgräber (Bathyergidae) Erdbohrer (Heliophobius), Strandgräber (Bathyergus) und Blessmulle (Georychus) leben hingegen einzelgängerisch. Bei dem Sozialsystem der Graumulle und Nacktmulle handelt es sich um einen eusozialen Staat, dem eine Königin vorsteht. Nur die Königin ist innerhalb einer Familiengruppe auch fortpflanzungsberechtigt. Sie paart sich dabei nur mit einem Männchen. Die restlichen Individuen sind Arbeiter, die sowohl aus Männchen als auch aus Weibchen bestehen. Die durchschnittliche Größe einer Familiengruppe der Ansells Graumulle liegt zwischen 10 und 20 Tieren. Ein Austausch mit anderen Familiengruppen kommt dabei nicht vor. Von daher herrscht in einer Familiengruppe Inzucht. Alle Individuen haben die gleiche genetische Herkunft. Stirbt eine Königin, so geht aus dem Weibchen nach einem Machtkampf eine neue Königin hervor. Die Arbeiter kümmern sich zum einen um die Aufzucht des Nachwuchses, gehen auf Nahrungssuche und zum anderen um die Erweiterung und Reparatur der Gangsysteme. Die einzelnen Tunnels haben einen Durchmesser von rund 40 bis 50 Millimeter und liegen oberflächennah in etwa 30 bis 40 cm Tiefe. Die Gänge können sich innerhalb einer Familiengruppe über bis zu einem Kilometer erstrecken. Die Tunnels befinden sich in Tiefen von wenigen bis über 100 Zentimeter Tiefe. Neben den Gängen gibt es zahllose Räume wie Wohnkammer, Vorratskammer und Kotplätze. Hauptwerkzeug bei den Grabaktivitäten sind die mächtigen, ständig nachwachsenden Schneidezähne. Mit ihnen können Ansells Graumulle mühelos selbst durch harten Boden graben. Das lose Geröll wird mit den Beinen nach hinten befördert.

Verbreitung

Der Ansells Graumull ist im südöstlichen Afrika in Sambia verbreitet. Der männliche Typus aus wurde im Jahre 1996 im Nordosten der sambianischen Hauptstadt Lusaka gefunden, worum er heute zirkulär in einem Radius von etwa 100 Kilometer vorkommt. Man schätzt den Kern des Verbreitungsgebietes auf kaum 20.000 km�. Grasige Steppen und ähnlich offene Landschaften mit sandigen und lehmigen Boden gehören zu den natürlichen Lebensräumen. Wälder werden in der Regel gemieden. Ansells Graumulle leben ausschließlich unter der Erde. An die Erdoberfläche kommen sie nur sehr selten, beispielsweise während eines Regenfalls.

Ernährung

Ansells Graumulle ernähren sich von Pflanzenteilen, die unterhalb der Erde gesucht werden. Es handelt sich dabei in der Regel um Knollen und Wurzeln. Auf ihrer Speisekarte stehen jedoch auch Würmer und Insektenlarven. Über ihre Nahrung stillen Ansells Graumulle ihren Wasserbedarf, sie sind daher nicht auf Trinkwasser angewiesen. Die stark zellulosehaltige Nahrung können Ansells Graumulle aufgrund ihres langen Darmes verdauen und in Energie umsetzen. In den Erdbauten werden Nahrungsvorräte in besondere Kammern untergebracht. Um die Nahrungssuche kümmern sich ausschließlich die Arbeiter einer Familiengruppe.

Fortpflanzung

Die Paarungszeit der Ansells Graumulle erstreckt sich für gewöhnlich über das ganze Jahr. Dabei kommt es pro Jahr in der Regel zu zwei Würfen. Die Tragezeit erstreckt sich über rund 85 bis 90 Tagen. Ein Wurf besteht zumeist aus zwei bis vier, selten bis fünf Jungtiere. Ein Jungtier weist ein Geburtsgewicht von lediglich 8 bis 10 Gramm auf. Bereits ab dem fünften Lebenstag nehmen die Jungtiere aktiv Nahrung auf, die von den Arbeitern zur Verfügung gestellt wird. Mit 8 bis 10 Tagen ist bereits der erste scharze Haarflaum zu sehen. Die Geschlechtsreife sind weibliche Tiere mit durchschnittlich etwa 73 Wochen. Die Lebenserwartung liegt je nach Kaste zwischen 10 und 20 Jahren. Studien haben ergeben, dass die reproduktiven Geschlechter durchschnittlich doppelt so alt werden wie die nicht-reproduktiven Geschlechtsgenossen (Burda et al.).

Ökologie, Prädatoren, Gefährdung und Schutz

Ansells Graumulle gelten aus Sicht des Menschen wie alle Sandgräber zu den Schädlingen, da auf landwirtschaftlichen Flächen durchaus Schäden entstehen können. Wurzeln von Getreide stehen dabei hoch im Kurs. Wird die Wurzel abgefressen, so geht der Fruchtstand ein. In vielen Regionen gelten Graumulle bei der Einheimischen Bevölkerung als Delikatesse. Bereits kurz nach der Entdeckung wurde diese Art vom IUCN aufgrund ihres kleinen Verbreitungsgietes als Near Threatened (NT) geführt. Als solches wird der Ansells Graumull in der Roten Liste der IUCN geführt. Mit Außnahme von Parasiten besitzen Ansells Graumulle aufgrund ihrer unterirdischen Lebensweise keine natürlichen Feinde.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Burda, H. & S. Begall: Der Ansell-Graumull � ein Überlebenskünstler unter Tag. Zeitschrift des Kölner Zoos 2011, 2: 89-103
  • Burda, H., J. Zima, A. Scharf, M, .Macholan & M. Kawalika: The karyotypes of Cryptomys ansellii sp. nova and Cryptomys kafuensis sp. nova: new species of the common mole-rat from Zambia (Rodentia,Bathyergidae). Zeitschr ift für Säugetierkunde 1999, 64: 36�50.
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Kock, D., C. M. Ingram, L. J. Frabotta, H. Burda & R. L. Honeycutt: On the nomenclature of Bathyergidae and Fukomys n.g. (Mammalia: Rodentia). Zootaxa 2006, 1142: 51�55.
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
  • Universität Duisburg-Essen: Sex ist gesund (wenn man ein Graumull ist)
  • SPON: Faule Mulle sind rund und fit

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