Asselspinnen

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

Asselspinnen
Rote Seespinne (Collossendeis proboscidea)

Systematik
Stammgruppe: Urmünder (Protostomia)
Überstamm: Häutungstiere (Ecdysozoa)
Stamm: Gliederfüßer (Arthropoda)
Unterstamm: Kieferklauenträger
Klasse: Asselspinnen
Wissenschaftlicher Name
Pycnogonida oder Pantopoda
Latreille, 1810

Die Klasse der Asselspinnen (Pycnogonida, Pantopoda) zählt zum Stamm der Gliederfüßer (Arthropoda). In 10 Familien werden mehr als 1.000 Arten geführt. Einige Forscher gehen von mehr als 1.300 Arten aus. Alle Arten leben in marinen Lebensräumen. Der wissenschaftliche Name Pantopoda heißt grob übersetzt "Nur Bein" und bezieht sich sich auf das charakteristische Aussehen, bei dem die Beine die weitaus größte Körperoberfläche bilden.

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde und Stammesgeschichte

Fossile Funde sind selten und liegen nur lückenhaft vor. Die ältesten fossilen Funde von Asselspinnen stammen aus dem Unterdevon und weisen somit ein Alter von etwa 400 Millionen Jahren auf. Es handelt sich bei den Asselspinnen demnach um eine sehr alte Tiergruppe. Die bekanntesten Funde stammen aus dem Hunsrück in Deutschland. Zu Zeiten des Devon war Mitteleuropa ein Meer. Die im Hunsrück gefundenen Fossilien wurden den fossilen Gattungen Palaeoisopus und Paleopantopus zugeordnet. Die prähistorischen Arten waren mit einer Körperlänge von bis zu 14 Zentimeter deutlich größer als die rezenten Arten.

Die stammesgeschichtliche Verwandtschaft innerhalb der Gliederfüßer (Arthropoda) ist bis heute noch nicht restlos geklärt. Viele Forscher sehen die Asselspinnen in einen eigenen Unterstamm innerhalb der Gliederfüßer. Man begründet dies mit der Tatsache, dass im Gegensatz zu anderen Gliederfüßern embryonal nur 3 Gliedmaßenpaare angelegt sind. Ungewöhnlich ist auch die Tatsache, dass sich die nachfolgenden Körpersegmente und Gliedmaßen sich erst postembryonal entwickelt haben. Andere Forscher, und diese sind in der Mehrheit, führen die Asselspinnen in einer eigenen Klasse innerhalb des Unterstammes der Chelicerata. Begründet wird diese Zuordnung mit dem Vorhandensein echter Cheliceren, die embryonal hinter dem Mund angelegt sind und erst im Zuge der Embryonalentwicklung in die definitive Lage wandern. Die auf die Cheliceren folgenden beiden Extremitätenpaare sind zudem wie bei den Spinnentieren (Arachnida) für bestimmte Aufgaben differenziert. Weitere Übereinstimmungen ergeben sich beim Bau des Darmes.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Asselspinnen erreichen eine Körperlänge von 0,2 bis 6,0 Zentimeter. Die größte Art ist Dodecalopoda mawsoni. Die Art erreicht eine Beinlänge von bis zu 24 Zentimeter. Der Körper selbst weist eine meist stabartige Form auf und endet am hinteren Ende stummelförmig. Der Körper ist im Gegensatz zur Gesamtgröße sehr klein. Es verwundert daher nicht, dass nicht alle inneren Organe im Körper liegen, sondern teilweise in den Fortsätzen der Gliedmaßen. Der Rumpf besteht hauptsächlich aus dem Prosoma, der eine Zweiteilung erkennen lässt. Der vordere Abschnitt ist ungegliedert und trägt vorne am Rücken die Augenhügel und verlängert sich nach vorne in einen rüsselartigen Fortsatz. Am vorderen Ende des rüsselartigen Fortsatzes befindet sich die Mundöffnung. Lateral am vorderen Körperabschnitt liegen zudem 3 Gliedmaßenpaare. Dies sind die Pedipalpen, die Cheliceren und die Eiträger. Die Eiträger und auch die Pedipalpen (Kiefertaster) haben bei den Asselspinnen jedoch die Gestalt von Laufbeinen. Je nach Entwicklungsstadium können die Pedipalpen und die Cheliceren rückgebildet sein. Auf den ungegliederten Teil des Prosoma folgt ein durch Querfurchen gegliederter hinterer Teil des Vorderkörpers. An diesem Körperteil setzen die Laufbeinpaare an. Die Laufbeinpaare sind ausgesprochen lang. Über die längsten Laufbeinpaare verfügen die Arten in der Tiefsee. Je nach Art sind 4 bis 6 Laufbeinpaare entwickelt. Bei den 10 und 12-füßigen Asselspinnen tragen die beiden Körpersegmente 8 bis 9 Extremitätenpaare. Die Tarsen der Laufbeinpaare enden in je eine Kralle, artabhängig auch in kleinere Nebenkrallen.

Die Sinnesorgane bestehen im Wesentlichen aus über den gesamten Körper und Gliedmaßen verteilten gegabelten Borsten sowie zahlreichen innervierten Härchen. Im Bereich der Augenhügel verfügen Asselspinnen meist über 4 linsenförmige Augen, die bei einigen Arten, vor allem denen aus der Tiefsee, fehlen können. Die inneren Organe, insbesondere der Darm sind relativ einfach aufgebaut. Der Darm durchzieht den Körper als einfaches Rohr, von dem zahlreiche paarige Blindschläuche abgehen. Die paarigen Blindschläuche reichen bis in die 3 vorderen Gliedmaßenpaare sowie bis in den vorderen Teil des Prosoma, nicht selten sogar bis in den rüsselartigen Fortsatz am Kopfende. In die Laufbeinpaare ziehen sich darüber hinaus paarige Keimdrüsen, die vom Darm abgehen. Die Geschlechtsöffnungen sind in der Regel mehrfach vorhanden und liegen an der Unterseite der Basalglieder der Gangbeine. Sie sind durch kleine Klappen verschlossen und werden nur zur Paarung geöffnet. Bei den Weibchen sind meist mehr Geschlechtsöffnungen vorhanden als bei den Männchen und liegen jeweils an jedem Laufbein. Die Anzahl und Lage der Geschlechtsöffnungen variiert von Art zu Art. Männchen kann man leicht an den gut ausgebildeten Eiträgern erkennen. Diese sind bei den Weibchen deutlich weniger gut entwickelt oder fehlen völlig.

Ordnungsspezifische Merkmale

Zur Ordnung der Colossendeomorpha, in der nur die Familie der Colossendeidae geführt wird, zählen Asselspinnen mit 8, 10 oder 12 Laufbeinen. Alle Arten weisen sehr lange und filigrane Laufbeine auf. Der Rüssel im Kopfbereich erreicht wenigstens die Länge des Rumpfes. In Gegensatz zu den anderen Ordnungen ist der Rüssel der Colossendeomorpha relativ dick ausgeprägt. Die Arten dieser Gattung kommen hauptsächlich in arktischen Gewässern vor.

Zur Ordnung der Nymphonomorpha, zu der 4 Familien (Nymphonidae, Callipallenidae, Phoxichilidiidae und Chilophoxidae) gerechnet werden, gehören Asselspinnen mit 8 oder 10 Laufbeinen. Auch bei dieser Ordnung sind die Beine lang und dünn, der Rüssel im Kopfbereich ist jedoch deutlich kürzer als bei den Arten der Ordnung der Colossendeomorpha. Die jeweils ersten 3 Hüftglieder sind zusammen in der Regel kürzer als die nachfolgenden Beinglieder. Die Arten sind klein bis mittelgroß. Die größte Art dieser Ordnung ist mit einer Körperlänge von 2 Zentimeter und einer Beinlänge von bis zu 7 Zentimeter Boreonympon robustem. Die meisten Arten leben in arktischen und antarktischen Gewässern. Einige Arten leben in auch in den Küstenregionen der kaltgemäßigten Gewässern und kommen auch in Europa vor.

In der Ordnung Ascorhynchomorpha sind ausschließlich achtbeinige Arten vertreten. Der Ordnung werden die beiden Familien Ammotheidae und Eurycydidae zugerechnet. Die drei Hüftglieder erreichen die gleiche Länge wie das kürzeste der nachfolgenden Glieder. Die Arten sind sehr klein bis mittelgroß und erreichen Körperlängen von 1,5 Millimeter bis 4 Zentimeter. Es werden mittlere Wassertiefen von 100 bis 1.200 Metern besiedelt.

In der Ordnung Pycnogonomorpha, zu der nur die Familie der Pycnogonidae zählt, sind 8 bis 10 beinige Asselspinnen angesiedelt. Die drei Hüftglieder erreichen die wenigste Länge wie das längsten der nachfolgenden Glieder. Die Vertreter dieser Ordnung sind weltweit in allen Weltmeeren verbreitet und leben bis in Tiefen von rund 1.500 Metern.

Lebensweise

Die meisten Asselspinnen können zwar schwimmen, tun dies jedoch eher selten und wenn, dann nur über relativ kurze Strecken. Man geht davon aus, dass nur wenige Dutzend Arten regelmäßig schwimmen. Der Tastsinn ist bei den Tieren gut entwickelt. Die Tastorgane liegen im Wesentlichen an der Innenseite jedes letzten Beingliedes.

Verbreitung

Asselspinnen kommen weltweit in allen Weltmeeren vor. Die meisten der heute bekannten Arten sind in den polaren Meeren, insbesondere in der Antarktis, anzutreffen. Die Tiere besiedeln hauptsächlich die Litoralregion (Küstenregionen), sind aber auch in der Tiefsee bis in Tiefen von rund 7.300 Metern verbreitet. In ihrem natürlichen Lebensraum sind Asselspinnen aufgrund ihrer geringen Größe nur schwer zu beobachten. Sie sind aber auch mit zahlreichen anderen Organismen besetzt, was vornehmlich der Tarnung dient.

Ernährung

Asselspinnen ernähren sich ausschließlich von weichhäutigen Kleintieren. Dies sind meist Hydrozoen (Hydrozoa) und sessile Tiere wie Korallen. Auf der Speisekarte stehen jedoch auch Moostierchen (Ectoprocta) und andere kleine Weichtiere (Mollusca). Die Ernährungsstrategien können je nach Entwicklungsstadium variieren. Nymphen klettern beispielsweise während der Nahrungssuche und -aufnahme auf einen Polypenstock umher und schneiden mit den Cheliceren einzelne Polypenköpfe ab und saugen diese ein. Andere Arten wie beispielsweise die Vertreter der Pycnogonum ernähren sich parasitär. Sie leben beispielsweise am Rande der Fressscheibe einer Seerose. Bei jeder Nahrungsaufnahme einer Seerose partizipiert eine Asselspinne. Die eingesogenen Gewebeteilchen werden im Schlund durch Borstengruppen zerrieben. Im Darm wird die Nahrung auf die einzelnen Blindsäcke verteilt.

Fortpflanzung

Asselspinnen vermehren sich getrennt geschlechtlich. Die Paarungszeit erstreckt sich bei den meisten Arten über die Sommermonate. Bei den Tiefseearten ist der Beginn der Paarungszeit nicht bekannt. Der eigentliche Fortpflanzungsakt wurde bislang nur bei wenigen Arten beobachtet. Besonders gut beobachtet ist er bei den Arten der Gattung Anoplodactylus. Aus den wenigen Beobachtungen kann geschlossen werden, dass es bei den Asselspinnen zu einer äußeren Befruchtung kommt. Die Befruchtung der Eier erfolgt im Augenblick der Eiablage. Dazu steigt ein Männchen auf den Rücken eines Weibchens und begibt sich zugleich auf die Bauchseite des Weibchens. Bei den Arten der Gattung Phoxichilidium bleibt das Männchen während des Paarungsaktes auf dem Rücken des Weibchens. Die Geschlechter schmiegen sich in Bauch-Bauch-Lage eng aneinander. Weibchen und Männchen geben nun Eier und Spermien zeitgleich frei. Die Eier werden jedoch nicht ins Freiwasser abgegeben. Das Weibchen formt mit ihren basalen Gliedern ihrer Laufbeine ein korbartiges Gebilde, in das die Eier abgegeben werden. Nach erfolgter Eiablage greift das Männchen mit seinen Eiträgern in das korbartige Gebilde mit den Eiern. Über Hautdrüsen wird eine klebrige Masse abgegeben und über die Eier verteilt, die dann einen einheitlichen, verbundenen Ballen bilden. Beobachtungen zur Folge dauert dieser Vorgang nur wenige Minuten. Ist der Vorgang abgeschlossen, trennen sich die Geschlechter und das Männchen nimmt mit bauchseits eingeschlagenen Eiträgern den Eiballen auf.

Die Größe der Eier variiert je nach Art und liegt zwischen 0,02 bis 0,7 Millimeter. Die Anzahl der Eier kann bis zu 1.000 betragen. Die Eier furchen sich äqual, wenn sie dotterarm sind. Sind sie dotterreich, so erfolgt eine inäquale Furchung. Äqual bedeutet, dass sich die Zellen in gleich große Tochterzellen teilen. Inäqual bedeutet, dass sich die Eier in große und kleine Tochterzellen teilen. Die Embryonalentwicklung erstreckt sich je nach Art über einen unterschiedlich langen Zeitraum. Aber auch das Schlupfstadium unterscheidet sich zum Teil beträchtlich. In der Regel, also bei den meisten Arten, verlassen die Larven ihre Eier als Protonymphon-Larven. Bei den frisch geschlüpften Larven sind bereits die vorderen 3 Gliedmaßenpaare vollständig vorhanden. Unmittelbar nach dem Schlupf kriechen die Larven auf den Rücken des Männchens. Bei einigen Arten verbleiben die Larven bis zum Ende der Metamorphose beim Vater und leben während dieser Zeit vom Dottervorrat. Bei anderen Arten verlassen die Larven den Rücken des Männchens schon frühzeitig und leben bis zum Ende der Metamorphose meist auf Hydrozoen (Hydrozoa). Hydrozoen sind eine Klasse aus dem Stamm der Nesseltiere (Cnidaria). Die Entwicklung bis zur abgeschlossenen Metamorphose geht mit mehreren Häutungen einher. Im Zuge der Häutungen erfolgt auch ein Ersetzen von verloren gegangenen Gliedmaßen. Es erfolgt eine vollständige Regeneration. Das erreichbare Alter der Asselspinnen ist nicht bekannt.

Systematik der Klasse Asselspinnen

Klasse: Asselspinnen (Pycnogonida oder Pantopoda))

Familie: Ammotheidae
Familie: Austrodecidae
Familie: Callipallenidae
Familie: Colossendeidae
Familie: Endeididae
Familie: Nymphonidae
Familie: Pallenopsidae
Familie: Phoxichilidiidae
Familie: Pycnogonidae
Familie: Rhynchothoracidae

Alternative Darstellung nach Ordnungen (siehe Urania im Anhang):
Klasse: Asselspinnen (Pycnogonida oder Pantopoda)

Ordnung: Colossendeomorpha
Familie: Colossendeidae
Ordnung: Nymphonomorpha
Familie: Nymphonidae
Familie: Callipallenidae
Familie: Phoxichilidiidae
Familie: Chilophoxidae
Ordnung: Ascorhynchomorpha
Familie: Ammotheidae
Familie: Eurycydidae
Ordnung: Pycnogonomorpha
Familie: Pycnogonidae

Anhang

Literatur und Quellen

  • Prof. Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Prof. Dr. Bernhard Grzimek, Prof. Dr. Otto Koehler, Prof. Dr. Otto Kraus, Prof. Dr. Bernhard Rensch, Prof. Dr. Peter Rietschel und Prof. Dr. Erich Thenius: Grzimeks Tierleben. Niedere Tiere. Erster Band. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München Oktober 1993. ISBN 3-423-05970-2
  • Hans-Eckhard Gruner, Hans-Joachim Hannemann und Gerhard Hartwich, Urania Tierreich, 7 Bde., Wirbellose Tiere, Urania, Freiburg, 1994 ISBN 3332005022
'Persönliche Werkzeuge