Bawean-Hirsch

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Bawean-Hirsch

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Hirsche (Cervidae)
Unterfamilie: Echte Hirsche (Cervinae)
Gattung: Axishirsche (Axis)
Art: Bawean-Hirsch
Wissenschaftlicher Name
Axis kuhlii
(Temminck, 1836)

IUCN-Status
Critically Endangered (CR)

Der Bawean-Hirsch (Axis kuhlii) zählt innerhalb der Familie der Hirsche (Cervidae) zur Gattung der Axishirsche (Axis). Im Englischen wird dieser Axishirsch Bawean Deer, Bawean Hog Deer oder Kuhl's Hog Deer genannt. Die Art wurde nach dem deutschen Zoologen und Naturforscher Heinrich Kuhl (1797-1821) benannt. Ein weiteres deutsches Synonym ist Bawean-Schweinshirsch. Benannt wurde die Art nach dem deutschen Zoologen Heinrich Kuhl.

Die Art ist monotypisch, Unterarten sind demnach keine bekannt. In älteren Systematiken wird der Bawean-Hirsch als Unterart des Schweinshirsches (Axis porcinus) geführt. Diese Zuordnung ist nach Grubb, 2005, nicht valide.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Bawean-Hirsch erreicht je nach Geschlecht eine Körperlänge von 105 bis 115 Zentimeter, eine Schulterhöhe von 68 bis 70 Zentimeter, eine Schwanzlänge von etwa 20 Zentimeter sowie ein Gewicht von 36 bis 50 Kilogramm. Das weiche, kurze und ausgesprochen glatte Fell weist eine bräunliche Grundfärbung auf, dorsal und lateral kann sich jedoch auch ein leicht gelblichbraune Schimmer zeigen. Ventral ist das Fell nur geringfügig heller gefärbt. Der mittellange Schwanz ist von buschiger Form. Der Bawean-Hirsch kann mit dem Schweinshirsch (Axis porcinus) verwechselt werden, jedoch sind die Beine des Bawean-Hirsches kürzer. Die kurzen Beine stellen eine Anpassung an den Lebensraum Wald dar. Die eher kleinen und trichterartig geformten Ohren liegen weit hinten am Schädel. Innen weisen die Ohren eine weißliche Färbung auf, außen sind sie braun gefärbt. Männchen verfügen wie bei allen Hirschen über ein ausladendes Geweih. Die Geweihe bestehen aus 3 Stangen und sind auf Knochenzapfen im Bereich des Stirnbeins gelagert. Das Geweih weist eine Länge von durchschnittlich bis zu 25 Zentimeter und eine basaler Umfang von 7,3 Zentimeter. Es sind jedoch nach Atmosoedirdjo auch Geweihlängen von bis zu 47 Zentimeter dokumentiert (Bloch & Atmosoedirdjo, 1987; Novak, 1999).

Lebensweise

Bawean-Hirsche sind hauptsächlich in der Nacht aktiv. Am Tage halten sie sich im dichten Unterholz verborgen. Da die Tiere auch in der Nähe des Menschen leben, stellt die Nachtaktivität wahrscheinlich eine Anpassung dar. Bawean-Hirsche sind ausgesprochen vorsichtig und führen eine heimliche Lebensweise. Vor allem der direkte Kontakt zum Menschen wird gemieden. Bawean-Hirsche leben üblicherweise einzelgängerisch und sind eher selten paarweise anzutreffen. Bei Paaren handelt es sich meist um ein Weibchen mit ihrem Nachwuchs. Aus dem dichten Unterholz kommen die Tiere nur zur Nahrungssuche, die sich über die Dunkelheit erstreckt. Zu dieser Zeit halten sie sich auf Lichtungen, Waldrändern oder landwirtschaftlichen Flächen auf. Die Bruftkämpfe erfolgen ebenfalls auf offenen Flächen. Vor allem die Hirsche sind ausgesprochen territorial, die Reviermarkierung erfolgt mit einem Sekret aus preorbitalen Drüsen. Die Kommunikation im Nahbereich erfolgt akustisch (Bloch & Atmosoedirdjo, 1987; Novak, 1999).

Vorkommen und Lebensraum

Historische und rezente Verbreitung

Bawean-Hirsche sind auf der indonesischen Insel Bawean endemisch. Die Insel liegt in der Javasee zwischen der Nordküste von Java und Borneo. Besiedelt wird jedoch nicht die ganze Insel, sondern nur das zentrale Bergland und der Südwesten der Insel. Die Lebensräume liegen in der Ebene und in Höhenlagen bis in Höhen von über 500 Meter über NN. Im Grunde handelt es sich bei der rezenten Verbreitung der Tiere nur um Reliktvorkommen. Ursprünglich war die Art auch auf Java anzutreffen. Man geht davon aus, dass die Art im frühen Holozän aufgrund der Konkurrenz zum Mähnenhirsch (Rusa timorensis) und anderen Hirschen (Cervidae) verdrängt wurden. Wie die Art nach Bawean kommen konnte, ist unklar. Man geht davon aus, dass während des Pleistozän zwischen Bawean und Java eine Landbrücke existierte. Der Bawean-Hirsch ist evolutionär wahrscheinlich während des Pleistozän aus Axis lydekkeri hervorgegangen (Meijaard &Groves, 2004; Grubb, 2005; Bloch & Atmosoedirdjo, 1987; Zaim et al., 2003).

Lebensraum

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Bawean-Hirsche leben hauptsächlich in primären und sekundären Wäldern. Die Populationen verteilen sich dabei auf 2 Regionen auf Bawean. Die größte Siedlungsdichte ist im Hochland zu verzeichnen. Neben Wäldern werden auch häufig waldnahe sumpfige Wiesen besiedelt. Bawean-Hirsche halten sich meist im dichten Unterholz verborgen, das im Wesentlichen nur zur Nahrungssuche verlassen wird. Das Unterholz weist üblicherweise eine Höhe von bis zu 300 Zentimeter auf. In der Nähe des Menschen kommen die Tiere auch auf landwirtschaftlichen Flächen vor. Hier fressen sie beispielsweise Külturpflanzen wie Mais und Maniok. Beobachtungen zufolge kommen Bawean-Hirsche zuweilen bis an den Strand im Südwesten der Insel. Der Lebensraum der Hirsche ist hauptsächlich von Feigen (Ficus), Weinrebengewächse (Vitaceae), Schwarzmundgewächse (Melastomataceae) sowie verschiedene Malpighienartige (Malpighiales), Windengewächse (Convolvulaceae) und Heidekrautartige (Ericales) gekennzeichnet. In den Wäldern wachsen überwiegend Teakbäume (Tectona grandis) (Bloch & Atmosoedirdjo, 1978, 1987).

Populationen und Populationsentwicklung

Im 19. Jahrhundert kam der Bawean-Hirsch auf Bawean noch zahlreich und weit verbreitet vor. Mit der Zunahme der Bevölkerung nahmen die Populationen im Laufe der Zeit deutlich ab. In den 1950er Jahren stellte man den Lebensraum unter Schutz. In der Folge erhöhte sich der Bestand der Hirsche wieder. Bis in die 1980er Jahren nahm der Bestand jedoch wieder dramatisch ab. Aktuell (Stand 2006) geht man von lediglich 250 bis 300 Tieren aus (Grimwood, 1976; Bloch & Atmosoedirdjo, 1978, 1987; Semiadi 2006, 2008).

Ernährung

Bawean-Hirsche ernähren sich hauptsächlich von Gräsern, Kräutern sowie jungen Trieben und Zweigen. In Feldversuchen konnte Atmosoedirdjo rund 39 Futterpflanzen identifizieren. Die Gräser stammen im Wesentlichen aus der Familie der Süßgräser (Poaceae). Andere Pflanzen konnten den Echten Farnen (Polypodiopsida), den Wolfsmilchgewächsen (Euphorbia), den Bananen (Musa) sowie verschiedenen Korbblütlern (Asteraceae), den Windengewächsen (Convolvulaceae) und den Malpighienartigen (Malpighiales) zugeordnet werden. In der Nähe des Menschen werden auch Getreide wie Mais (Zea mays) und Maniok (Manihot esculenta) gefressen (Novak, 1999; Blouch & Atmosoedirdjo, 1978, 1987).

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife erreichen Bawean-Hirsche gegen Ende des ersten Lebensjahres. Die Brunft beginnt im September und kann sich bis in den Oktober erstrecken. Zu den Geburten kommt es zwischen Februar und Juni. Die Geschlechter treffen nur während der Brunft aufeinander und die Männchen legen ein ausgesprochen territoriales Verhalten an den Tag. Die nicht selten auftretenden Kommentkämpfe unter den Männchen enden für gewöhnlich harmlos. Ein Männchen begattet mehrere Weibchen in seinem Revier, mit der Aufzucht des Nachwuchses hat das Männchen aufgrund der polygamen Lebensweise nichts zu tun. Das Weibchen bringt nach einer Tragezeit von gut 225 bis 230 Tagen in der Regel ein Jungtier zur Welt. Zwillinge sind dokumentiert, sie treten jedoch sehr selten auf. Die Neugeborenen bleiben in den ersten Tagen in schützender Vegetation verborgen, die Mutter kommt mehrmals am Tag zum Säugen vorbei. Erst später folgt ein Jungtier der Mutter. Das dichte Fell der Jungtiere weist eine gelblichbraune Färbung auf und ist sowohl dorsal als auch lateral mit hellen Punkten versehen. Die Fleckung ist jedoch nur in den ersten 3 Lebensmonaten zu erkennen. Die Jungtiere werden von der Mutter über einen Zeitraum von gut 6 Monaten mit Milch versorgt. Die Lebenserwartung liegt in Freiheit bei 10 bis 15 Jahren (Blouch Atmosoedirdjo, 1987; Sitwell, 1970).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Der Bawean-Hirsch steht heute kurz vor der Ausrottung. In der Roten Liste der IUCN wird die Art daher als kritisch gefährdet (CR, Critically endangered) geführt. Das Washingtoner Artenschutzabkommen listet den Bawean-Hirsch in Anhang I des Abkommens. Man geht aktuell von weniger als 300 Individuen in freier Wildbahn aus. Die Hauptgründe der dramatischen Gefährdung sind in der Vernichtung der natürlichen Lebensräume zu suchen. Aber auch die seit 500 Jahren kontinuierliche Bejagung hat zur Dezimierung beigetragen. Die Bejagung wurde zwar im Jahre 1977 verboten, jedoch sterben auch heute noch Tiere durch Wilderer und Jäger. Nach Semiadi (2008) sterben pro Jahr etwa 5 Hirsche durch menschlichen Einfluss (Bloch & Atmosoedirdjo, 1978, 1987; Blouch und Sumaryoto, 1987; Semiadi 2006, 2008).

Anhang

Siehe auch

  • Hauptartikel: die Familie der Hirsche (Cervidae)

Literatur und Quellen

Qualifizierte Weblinks

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