Braunkehl-Faultier

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Braunkehl-Faultier

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Nebengelenktiere (Xenarthra)
Ordnung: Zahnarme (Pilosa)
Unterordnung: Faultiere (Folivora)
Familie: Dreifinger-Faultiere (Bradypodidae)
Gattung: Bradypus
Art: Braunkehl-Faultier
Wissenschaftlicher Name
Bradypus variegatus
Schinz, 1825

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Das Braunkehl-Faultier (Bradypus variegatus) zählt innerhalb der Familie der Dreifinger-Faultiere (Bradypodidae) zur Gattung Bradypus.

Inhaltsverzeichnis

Evolution

Braunkehl-Faultiere entstammen einer sehr alten Tiergruppe. Die gewonnenen Erkenntnisse beruhen allerdings nicht auf fossile Funde. Fossilien wurden von Faultieren und deren Vorfahren im allgemeinen noch keine gefunden. Die heutigen Faultiere bilden das letzte Glied in einer Reihe von ausgestorbenen Gattungen und Species. Zu den Vorfahren gehören beispielsweise das Mylodon (Mylodon domesticum), das vom Mittleren Pleistozän bis Altholozän lebte und wahrscheinlich vor gut 13.500 Jahren ausstarb. Ein weiterer interessanter Vertreter war Megatherium, das bis ins späte Pleistozän überlebte und ein reiner Bodenbewohner war. Eine mittelgroße Art war Glossotherium, der eine Länge von knapp drei Metern erreichte. Er starb vor rund 10.000 Jahren im späten Pleistozän aus. Über die Gründe des Aussterbens kann nur spekuliert werden, man vermutet jedoch, dass das Aussterben auf die frühen Menschen zurück ging. Zu den ausgestorbenen Arten gehören auch Eremotherium, Nothrotherium und Nothrotheriops.

Die beiden heute noch existierenden Familien, zum einen die Zweifinger-Faultiere (Megalonychidae) und zum anderen die Dreifinger-Faultiere (Bradypodidae), trennten sich nach einhelliger Meinung vor rund 35 Millionen Jahren. Man glaubt weiter, dass Faultiere aus den Gürteltieren hervorgegangen sind. Die ersten Urformen der Faultiere sollen sich vor 70 bis 80 Millionen Jahren von den Gürteltieren abgespalten haben. Diese Meinung teilen jedoch nicht alle Forscher. Festzustehen scheint, das die Wurzeln der Faultiere ihren Anfang im späten Oligozän oder im frühen Miozän hatten. Zu dieser Zeit hatte die Ordnung der Nebengelenktiere (Xenarthra) ihren Höhepunkt, zu denen auch Faultiere gehören. Im Pliozän entwickelten sich vor etwa fünf Millionen Jahren die ersten Arten, die den heutigen Species ähnelten.

Das Braunkehl-Faultier gehört in die Familie der Dreifinger-Faultiere (Bradypodidae). Hier sind sie der Gattung Bradypus zugeordnet, zu den auch das Kragenfaultier (Bradypus torquatus) und das Ai (Bradypus tridactylus) gehört. Ursprünglich wurde die Gattung Choloepus ebenfalls zu der Familie Bradypodidae gerechnet. Dieses wurde allerdings revidiert und man ordnete Choloepus der Familie der Zweifinger-Faultiere (Megalonychidae) zu. Im Laufe der Zeit bürgerten sich für das Braunkehl-Faultier verschiedene Synonyme ein. Dazu gehören insbesondere Namen wie Bradypus boliviensis, Bradypus cuculliger und Bradypus infuscatus. Diese Namen hielten einer Revision allerdings nicht stand.

Die borealen, bzw. terrestrischen Vorfahren der heutigen Faultiere werden im wesentlichen in Familien Megalonychidae und Mylondontidae zusammengefasst. Von den dort ausgestorbenen und zugeordneten Arten hat man reichlich Fossilien gefunden. Aufgrund von Radiokarbonmessungen konnte man relativ genau das Alter der Fossilien bestimmen.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Das Braunkehl-Faultier erreicht eine Körperlänge von durchschnittlich 47 bis 75 Zentimeter sowie ein Gewicht von 2.500 bis 5.000 Gramm. Größe und Gewicht können je nach Verbreitungsgebiet stark schwanken. Markantes Merkmal ist der kleine rundliche Kopf, der über keine sichtbaren Ohren verfügt. Die Ohren sind im Fell verborgen und erreichen eine Länge von 10 bis 15 Millimeter. Auch ein Schwanz fehlt fast vollständig und ist nur noch rudimentär vorhanden und erreicht eine Länge von vier bis sieben Zentimeter. Das Fell weist eine dichte Unterwolle auf. Darüber befinden sich längere und deutlich gröbere Haare, die hellbraun bis braun gefärbt sind. Der Kopf ist insgesamt etwas dunkler gefärbt als das restliche Fell.

Aufgrund einer Algenart, die im Fell in Symbiose lebt, schimmert das Fell je nach Lichteinfall leicht grünlich. Dieser grünliche Schimmer im Fell bildet eine bestimmte Algenart, und zwar eine blaugrüne Alge (Anabaena) aus der Familie der Nostochaceen. Diese Symbiose dient offensichtlich der Tarnung. Das Fell in der Schultergegend ist besonders lang und kann leicht schwärzlich gefärbt sein. Der Scheitel des Fells liegt übrigens nicht wie bei anderen Säugern auf dem Rücken, sondern auf dem Bauch. Diese Anpassung war notwendig, damit das Regenwasser besser abfließen kann. Das Fell schützt aber auch vor allzu lästigen Ameisen, die den gleichen Lebensraum wie das Braunkehl-Faultier bewohnen. Es ist selbst im Wasser dicht und schützt hier auch vor gefräßigen Fischen.

Die Extremitäten sind lang und kräftig gebaut. Die Arme sind dabei deutlich länger als die Beine. Im Gegensatz zu den Zweifinger-Faultieren enden die Arme beim Kragenfaultier in drei Zehen. Alle Zehen enden in kräftigen hakenförmigen Krallen. Die jeweils mittlere Krallen ist vergrößert. Das Gebiss besteht nur aus 18 Backenzähne, Schneide- und Eckzähne hat das Kragenfaultier nicht. Bis auf den hochentwickelten Geruchssinn sind die übrigen Sinne eher mäßig bis schlecht entwickelt.

Lebensweise

Braunkehl-Faultiere sind an die ausgesprochen feuchten Lebensräume optimal angepasst. Dies ist auch notwendig, da es zumeist täglich regnet. Das wasserdichte Fell dient zum Schutz vor Nässe und Kälte und zum anderen als fast undurchdringlichen Schild für kleine Angreifer wie Ameisen und Termiten. Die Körpertemperatur ist beim Braunkehl-Faultier mit 34 Grad ausgesprochen niedrig. Der Grund dafür liegt auf der Hand; das Braunkehl-Faultier verfügt nur über rund 30 Prozent des Körpergewichtes an Muskelmasse. Daraus, und in Verbindung mit der Trägheit, ergibt sich ein sehr niedriger Metabolismus, der eine höhere Körpertemperatur nicht zulässt. Auch die Muskelfunktionen und die Nerven reagieren ausgesprochen langsam. Braunkehl-Faultiere leben zurückgezogen und einzelgängerisch. Nur selten sind die Tiere paarweise anzutreffen. Die Geschlechter treffen im Grunde nur während der Paarungszeit aufeinander.

Aufgrund der aborealen Lebensweise ist das Braunkehl-Faultier relativ sicher vor Fressfeinden. Allenfalls die Harpyie (Harpia harpyja) kann dem Braunkehl-Faultier in den Baumkronen gefährlich werden. Auf dem Boden gehören der Jaguar und die Anaconda zu den wichtigsten Fressfeinden. Der Harpyie entgehen Braunkehl-Faultier in der Regel, da sie von der Harpyie abweichende Aktivitätszeiten aufweisen. Auf den Boden steigen die Faultiere nur hinab um zu koten und um eventuell einen anderen Baum zu besteigen. Dies geschieht in der Regel nur einmal in der Woche. Auf dem Erdboden bewegen sich die Tiere nur sehr langsam, kriechend fort. Braunkehl-Faultiere bewohnen ein nur kleines Revier, das meist nur ein bis zwei Hektar groß ist.

Verbreitung

Vorkommen

Das Braunkehl-Faultier ist in weiten Teilen des subtropischen und tropischen Mittel- und des zentralen Südamerikas verbreitet. Es kommt insbesondere in Argentinien, Bolivien, Brasilien, Kolumbien, Costa Rica, Ecuador, Honduras, Nicaragua, Panama, Paraguay, Peru und Venezuela vor. In Argentinien wird jedoch nur die nördliche Spitze besiedelt. Braunkehl-Faultiere leben ausschließlich in den beschriebenen Regionen nur in feuchtwarmen Regelwäldern und sind in der Regel in unmittelbarer Nähe eines Gewässers anzutreffen. Gelegentlich taucht das Braunkehl-Faultier auch in lichten Wäldern auf.

Lebensraum

Braunkehl-Faultiere verbringen einen Großteil ihres Lebens in den Bäumen. Hier halten sie sich für gewöhnlich in den mittleren und oberen Laubschichten auf. Meist hängen sie kopfüber an Ästen oder Stämmen. Gelegentlich sitzen sie auch in Ästen, auf Astgabeln oder an ähnlichen Plätzen. Braunkehl-Faultiere zeichnen sich vor allem durch ihre Regungslosigkeit aus, die bis zu 20 Stunden am Tag betragen kann. In den restlichen vier Stunden sind sie auf Nahrungssuche oder mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt. Den Erdboden betritt das Braunkehl-Faultier in der Regel nicht. Stehen Bäume nah genug beieinander, so schwingt es sich von Baum zu Baum. Es bevorzugt große und alte Bäume mit ausladenden Baumkronen. Hier findet es auch genügend Nahrung und Schutz vor Fressfeinden. Auch der Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung ist wichtig, da das Braunkehl-Faultier diese nicht verträgt. Am Boden, diesen betritt es sehr selten, bewegt es sich sehr langsam auf allen Vieren voran. Das Braunkehl-Faultier kann aber auch ausgezeichnet schwimmen und überquert mühelos auch größere Flussläufe.

Ernährung

Das Braunkehl-Faultier ernährt sich rein pflanzlich. Neben Blättern und jungen Trieben frisst es hier und da auch Früchte und Wurzelwerk. Aufgrund des niedrigen Nährstoffgehaltes seiner Nahrung hat sich sein Körper angepasst, indem der Stoffwechsel auf ein Minimum heruntergefahren wurde. Die Nahrung wird fast vollständig verwerten. Dazu besitzt das Braunkehl-Faultier einen mehrkammrigen Magen, in dem Bakterien helfen, die Zellulose zu verarbeiten.

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife erreicht das Braunkehl-Faultier mit etwa drei bis fünf Jahren, Männchen brauchen in der Regel ein bis zwei Jahre länger. Die Paarungszeit ist in den tropischen Verbreitungsgebieten an keine bestimmte Jahreszeit gebunden, jedoch fallen die meisten Geburten in die Trockenzeit. Während der Paarungszeit versucht ein Weibchen ein Männchen mit sehr lauten und schrillen Rufen anzulocken. Unmittelbar nach der Paarung, die in den Bäumen stattfindet, trennen sich die Geschlechter wieder. Das Männchen nimmt an der Aufzucht des Nachwuchses nicht teil.

Nach einer Tragezeit von etwa sechs Monaten bringt das Weibchen ein Jungtier zur Welt, das ein Geburtsgewicht von rund 300 bis 350 Gramm aufweist. Die ersten sechs bis sieben Lebensmonate verbringt das Jungtier auf dem Bauch oder auf dem Rücken der Mutter. Die stufenweise Entwöhnung von der Muttermilch beginnt bereits nach zwei bis drei Monaten. Insgesamt bleibt das Jungtier bis zu acht Monaten bei der Mutter. Das Jungtier bekommt zu Beginn, meist bereits ab der sechsten Lebenswoche, vorgekaute Nahrung von der Mutter bevor es später selbständig Blätter frisst. Nach zweieinhalb bis drei Jahren sind die Tiere ausgewachsen. Die Lebenserwartung liegt bei über 30 Jahren.

Gefährdung und Schutz

Das Braunkehl-Faultier ist wie alle Faultiere in hohem Maße an seinen Lebensraum angepasst. Demzufolge reagiert es auf Störungen äußerst empfindlich. Die Vernichtung der tropischen Regenwälder stellt dabei das größte Problem dar. Zu den natürlichen Fressfeinden gehören unter anderem große Raubvögel wie die Harpyie (Harpia harpyja), aber auch Raubkatzen wie der Jaguar (Panthera onca) und der Ozelot (Leopardus pardalis). Aufgrund der Tarnung und der durchaus gegebenen Wehrhaftigkeit des Braunkehl-Faultiers dezimieren Fressfeinde die Art nur unwesentlich. Wegen des relativ großen Verbreitungsgebietes ist die Art heute noch nicht akut gefährdet. Geht der Raubbau an der Natur jedoch so weiter, wird sich das schnell ändern. In der Roten Liste des IUCN wird das Braunkehl-Faultier als wenig gefährdet geführt.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X

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