Bullenhai

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Bullenhai

Systematik
Klasse: Knorpelfische (Chondrichthyes)
Unterklasse: Plattenkiemer (Elasmobranchii)
Überordnung: Galeomorphii
Ordnung: Grundhaie (Carcharhiniformes)
Familie: Requiemhaie (Carcharhinidae)
Gattung: Carcharhinus
Art: Bullenhai
Wissenschaftlicher Name
Carcharhinus leucas
Müller & Henle, 1839

IUCN-Status
Near Threatened (NT) - IUCN

Der Bullenhai (Carcharhinus leucas) zählt innerhalb der Familie der Requiemhaie (Carcharhinidae) zur Gattung Carcharhinus. Im Englischen wird dieser Hai Bull shark genannt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Bullenhai ist deutlich kleiner als beispielsweise der Tigerhai (Galeocerdo cuvier). Er erreicht je nach Geschlecht eine durchschnittliche Körperlänge von 240 bis 350 Zentimeter sowie ein Gewicht von 130 bis 230 Kilogramm. Männchen bleiben kleiner und leichter als Weibchen. Bullenhaie wachsen verhältnismäßig langsam und erreichen nur einen Längenzuwachs von etwa 20 bis 28 Zentimeter pro Jahr. Mit zunehmendem Alter verringert sich das Wachstum deutlich. Sie sind damit meist erst nach 10 Jahren ausgewachsen. Die Haut weist dorsal eine überwiegend dunkelgraue bis graubraune Färbung auf.
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Ventral zeigt sich eine weißliche Färbung. Die Flossen können dunkel gefärbte Spitzen aufweisen, diese verblassen jedoch mit zunehmendem Alter. Der Körperbau wirkt ausgesprochen kompakt. Der Kopf endet in einer kurzen und stumpfen Schnauze. Die Zähne des kräftigen Gebisses weisen eine leicht dreieckige Form auf und verfügen über eine feine Zackung. Das sogenannte "Revolvergebiss" verfügt über mehrere hintereinander liegende Zahnreihen. In den hinteren Zahnbildungsgruben bilden sich dabei permanent neue Zähne. Die kleinen Augen liegen weit vorne seitlich am Kopf. Da der Bullenhai überwiegend im trüben Wasser lebt, kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei dem Sehsinn um keinen primären Sinn handelt.

Dorsal zeigen sich zwei Rückenflossen, von denen die hintere Rückenflosse deutlich kleiner ausfällt und unmittelbar vor dem Schwanzansatz liegt. Die erste, deutlich größere Rückenflosse weist eine typische dreieckige Form auf und liegt in etwa in der Mitte des Körpers. Die kleine und sichelartige anale Flosse liegt ventral auf Höhe der zweiten Rückenflosse. Die beiden kleinen Bauchflossen liegen ventral kurz hinter der Analflosse. Die leicht dreieckigen und spitz zulaufenden Brustflossen liegen seitlich am Körper unmittelbar hinter den Kiemenausgängen. Die vertikale Schwanzflosse ist tief gegabelt. Die untere Fahne der Schwanzflosse ist eher kurz, die obere spitz zulaufende Fahne ist sehr lang und weist etwa die doppelte Länge der unteren Fahne auf.

Lebensweise

Bullenhaie leben einzelgängerisch. Sie sind sowohl am Tage als auch in der Nacht aktiv. Bullenhaie wandern deutlich weniger umher als andere große Haiarten, man kann sie daher als relativ standorttreu bezeichnen. Anders als alle anderen Haiarten, ist der Bullenhai in der Lage über längere Zeit im Süßwasser zu leben. Wie sich das Leben im Süßwasser auf den Organismus auswirkt ist jedoch abschließend noch nicht erforscht. Sie gelten als gute Schwimmer und erreichen eine Geschwindigkeit von gut 20 km/h.

Verbreitung

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Der Bullenhai kommt weltweit in tropischen und subtropischen küstennahen Gewässern vor. Der Indische Ozean wird vom südlichen Afrika, über Madagaskar, Indien, Bangladesh bis nach Thailand und Vietnam besiedelt. Im westlichen Teil des Atlantiks sind sie von den südlichen USA bis ins südliche Brasilien sowie im Golf von Mexiko und in der Karibik anzutreffen. Im östlichen Teil des Atlantiks reicht ihr Verbreitungsgebiet vom nördlichen Afrika bis ins westliche und südwestliche Afrika. Im westlichen Teil des Pazifiks tauchen Bullenhaie in ganz Südostasien, Australien und Neuseeland sowie in Ozeanien auf. Auch die Inselwelt des zentralen Pazifiks wird weitflächig besiedelt. Im östlichen Teil reicht das Verbreitungsgebiet von Kalifornien in den USA bis nach Peru in Südamerika. Im allgemeinen werden vor allem Küstengewässer besiedelt. Es zieht die Bullenhaie aber auch in größere Flüsse hinaus. So wurde bereits ein Bullenhai im Amazonas mehr als 3.000 Kilometer flussaufwärts gesichtet. Auch andere Flüsse wie der Ganges und der Mississippi werden weitflächig besiedelt. Auch in größeren, mit dem Meer verbundene, Seen kommen Bullenhaie vor. Dies ist beispielsweise im Nicaraguasee der Fall. Süßwasser scheint den Tieren demnach nichts auszumachen. Flüsse, Mündungsdelta, Lagunen, Buchten, Atolle und Korallenriffe gehören zu den natürlichen Lebensräumen. Tiefere Gewässer oder das offene Meer wird strikt gemieden. Selten ist er bis in Tiefen von gut 150 Metern anzutreffen. Juvenile Bullenhaie leben ausschließlich in marinen Gewässern.

Prädatoren

Prädator: Leistenkrokodil (Crocodylus porosus)
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Prädator: Leistenkrokodil (Crocodylus porosus)

Ausgewachsene Bullenhaie haben aufgrund ihrer Größe keine natürlichen Feinde, sie stehen am oberen Ende der Nahrungskette und haben weder große Räuber wie Große Schwertwale (Orcinus orca) noch Weiße Haie (Carcharodon carcharias) zu fürchten. Juvenile Bullenhaie können jedoch leicht von Tigerhaien (Galeocerdo cuvier), Weißen Haien (Carcharodon carcharias), Sandbankhaien (Carcharhinus plumbeus) überwältigt und gefressen werden. Je nach Verbreitungsgebiet stehen juvenile Tiere auch auf der Speisekarte von Leistenkrokodilen (Crocodylus porosus), Mississippi-Alligatoren (Alligator mississippiensis) und Räubern ähnlicher Größe. Verschiedene Parasiten wie Ruderfußkrebse (Copepoda) und andere Parasiten befallen nicht selten die Hautoberfläche der Bullenhaie.

Ernährung

Auf der Speisekarte der Bullenhaie stehen vor allem Knochenfische (Osteichthyes) und Knorpelfische (Chondrichthyes) wie Haie (Galeomorphii) und Rochen (Batoidea) in passender Größe. Nicht selten werden auch juvenile Artgenossen gefressen. Zum Nahrungsspektrum gehören Meeresschildkröten (Testudinata), Kopffüßer (Cephalopoda), Seevögel (Aves), Krebstiere (Crustacea) und Meeressäuger wie kleinere Delfine (Delphinidae). Zur Hauptnahrung gehört jedoch Fisch. Aas wird in der Regel nicht angenommen. Mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 20 km/h sind sie den meisten Meeresbewohnern haushoch überlegen. In reichen Nahrungsgründen kann es nicht selten zu größeren Versammlungen von Bullenhaien kommen. Zu einer solchen Gruppenbildung kommt es jedoch nur wegen der vorhandenen Nahrung, da die Tiere ansonsten einzelgängerisch leben.

Fortpflanzung

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Die Bullenhaie erreichen die Geschlechtsreife im Alter von 10 bis 12, je nach Verbreitungsgebiet auch erst nach rund 14 Jahren. Dies entspricht einer Körperlänge von 190 bis 220 Zentimeter. Bullenhaie gehören zu den lebendgebärenden Haiarten. Die Eier mit den Embryonen reifen im Leib der Mutter heran. Die Geschlechter treffen nur während der Paarungszeit aufeinander. Die Paarung und die Geburt der Jungtiere erstreckt sich für gewöhnlich über das späte Frühjahr oder die Sommermonate. Dabei kommt es in der Regel nur alle zwei bis drei Jahre zu einer Geburt. Bereits kurz vor der eigentlichen Paarungszeit produzieren Männchen in ihren Hoden Samenflüssigkeit. Die paarigen Begattungsorgane liegen wie bei allen Haien in einer Körperhöhle unmittelbar unter der Wirbelsäule. In den sogenannten Spermatophoren sammeln sich die Samenzellen. Bei der eigentlichen Paarung führt das Männchen seine Begattungsorgane, die auch Clasper genannt werden, in die Kloake des Weibchens ein. Über kleine Kanäle werden die Spermatophoren dann in die Kloake des Weibchens gepresst. Die Samenzellen wandern im folgenden selbständig in die Eierstöcke des Weibchens. Hier befruchten die Samenzellen die Eizellen und reifen langsam heran. Unmittelbar nach dem Eisprung wandern die Eier durch das Ostium uteri (kleine Röhren zum Muttermund) in den eigentlichen Fortpflanzungstrakt und weiter in den Uterus. Hier erfolgt die abschließende Entwicklung. In der ersten Phase ernähren sich die Embryonen von den Nährstoffen im Dottersack. Ist der Nahrungsvorrat aufgebraucht, ernähren sich die Embryonen von Nährstoffen, die über den Uterus abgegeben werden.
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Nach einer Trächtigkeit von 300 bis 330 Tagen bringt ein Weibchen je nach Alter zwischen 1 und 10, selten bis zu 13 Jungtiere zur Welt. Sie weisen eine Geburtslänge von etwa 70 bis 75 Zentimeter auf. Die Lebenserwartung der Bullenhaie liegt bei etwa 12 bis 16 Jahren.

Ökologie

Zu den gefährlichsten Haiarten gehören zweifelsohne der Weiße Hai (Carcharodon carcharias) und der Tigerhai (Galeocerdo cuvier). Dennoch zählen auch Bullenhaie zu den potentiell sehr gefährlichen Haiarten. Dementsprechend häufig treten auch Angriffe auf Menschen auf, die zum Teil tödlich enden. Laut der ISAF (International Shark Attack File) entfallen ein Großteil der Angriffe auf Attacken, die nicht vom Menschen provoziert wurden. Viele davon endeten tödlich. Ein großer Teil der Angriffe erfolgt dabei in Flüssen. Die Dunkelziffer der Angriffe durch Bullenhaie dürfte recht hoch sein, da die Tiere vor allem in der Dritten Welt vorkommen. Hier kommt es aufgrund mangelnder Kommunikation eher selten zu einer Meldung eines Angriffs. Daher sollten man in den natürlichen Verbreitungsgebieten, vor allem im Mündungsdelta im trüben Wasser schwimmen. In weiten Teilen der Erde, vor allem in Südafrika und den südlichen US-Bundesstaaten, ist der Bullenhai Ziel von Sportfischern. Die Tiere werden vor allem mit Angeln oder Langleinen gejagt. In der kommerziellen Fischerei spielt der Bullenhai eine eher untergeordnete Rolle. Das Fleisch ist eher nicht wohlschmeckend und wird meist nur zu Tierfutter, insbesondere zu Fischmehl, verarbeitet. Begehrt ist allenfalls die Haut und in Asien die Flossen.

Gefährdung und Schutz

Bullenhaie sind heute noch nicht vom Aussterben bedroht. In der Roten Liste der IUCN wird die Art daher als gering gefährdet (NT, Near Threatened) geführt. Die Hauptbedrohung stellt die kommerzielle Bejagung durch den Menschen dar. In weiten Teilen ihrer Verbreitungsgebiete sind das Fleisch und die Flossen sehr begehrt. Da sie in unmittelbarer Nähe zur Küste und in Flüssen leben, stellen sie eine leichte Beute für Fischer und Wilderer dar. Nicht selten verfangen sich Bullenhaie auch als Beifang in Fischernetzen. Leider stehen die Bullenhaie in keiner Region ihrer Verbreitungsgebiete unter Schutz und dürfen daher hemmungslos gejagt werden. Die Bejagung durch den Menschen hat in der Gesamtpopulation bis heute schon deutliche Auswirkungen gezeigt. Aufgrund des langsamen Wachstums erreichen nur wenige Bullenhaie die adulte Endgröße.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

Links

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