Wildkamel

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

(Weitergeleitet von Chabtagai)
Wildkamel

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Schwielensohler (Tylopoda)
Überfamilie: Cameloidea
Familie: Kamelartige (Camelidae)
Unterfamilie: Camelinae
Tribus: Camelini
Gattung: Altweltkamele (Camelus)
Art: Wildkamel
Wissenschaftlicher Name
Camelus bactrianus
Linnaeus, 1758

Verbreitungsgebiet
Mongolei - Wüste Gobi

IUCN-Status
Critically Endangered (CR) - IUCN

Das Wildkamel (Camelus bactrianus), auch Chabtagai genannt, zählt innerhalb der Familie der Kamelartigen (Camelidae) zur Gattung Altweltkamele (Camelus).

Mit diesem Artikel soll der Unterschied zwischen dem zweihöckrigen Wildkamel und den beiden Haustieren Dromedar und Trampeltier verdeutlicht werden. Insbesondere sei hier auch noch einmal betont, dass das Dromedar und das Trampeltier keine Wildtiere, sondern ausgesprochene Haustiere sind.

Das Wildkamel galt lange Zeit als ausgestorben, bis der russische Offizier und Forschungsreisende Przewalski am zentralasiatischen Salzsee Lop Nor das Wildkamel im Jahre 1877 wieder entdeckte. Lop Nor war ein riesiger Salzsee, der sich inmitten der Wüste Gobi westlich von China befindet und mittlerweile ausgetrocknet ist. Dieses Gebiet war 40 Jahre lang ein Atomtestgelände Chinas und wurde am 18. August 1997 von der Nationalen Umweltschutzagentur Chinas (NEPA) und dem Institut für Umweltschutz der Provinz Xinjiang zum Naturschutzgebiet erklärt.

Es leben im Gobi-Nationalpark, der sich im Südwesten der Mongolei befindet und eine Fläche von 50.000 Quadratkilometer umfaßt, nur noch 300 Exemplare. Erst in den letzten zehn Jahren ist das Gebiet für Wissenschaftler und Biologen zugänglich. Somit können sie nun auch die letzte unerforschte Großtierart beobachten. Wildkamele existieren momentan in keinem Zoo der Welt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Bis heute ist noch nicht geklärt, ob das zweihöckrige Wildkamel, das in der Wüste Gobi vorkommt, die Stammform des Trampeltieres (Camelus ferus) und auch des Dromedars (Camelus dromedarius) ist. Letztere genannte Art könnte eher zutreffen, da das Wildkamel in der Gestalt mehr dem Dromedar als dem Trampeltier ähnelt. Das Wildkamel hat einen niedrigeren Gesamtschädel bei einem längeren und schmaleren Gesichtsschädel. Des weiteren besitzt das Wildkamel kürzere Ohren, längere Extremitäten sowie eine geringere Behaarung und der gesamte Körperbau wirkt etwas schlanker als beim Trampeltier. Verglichen mit dem Hauskamel ist das Fell des Wildkamels einheitlich gefärbt und ist hauptsächlich mehr von fahlgrauer bis ockerfarbener Färbung und wirkt äußerst geschmeidig. Unübertroffen ist seine Fähigkeit, in Gebieten, wo kein anderes Säugetier existieren kann, von Salzwasser oder Salzschlamm zu leben. Hinzu kommen die extremen Temperaturschwankungen, die das Wildkamel ohne Schaden zu nehmen, wegstecken kann. So werden in einem Gebiet in der Wüste Gobi 65 Grad Celsius gemessen und zur gleichen Zeit in einem anderen Gebiet der Wüste Gobi herrschen dann Temperaturen von 41 Grad Celsius unter Null.

Erwähnenswert sind die zwei kleinen festen spitzen aufrechtstehenden Höcker, die durch einen relativ langen Raum voneinander getrennt sind, während beim Trampeltier die beiden Höcker an der Basis ineinander übergehen. Im Gegensatz zu den Haustieren Dromedar und Trampeltier fehlen dem Wildkamel die Handgelenkhornschwielen. Außerdem weist das Wildkamel kleinere und härtere Sohlen auf, ein Umstand, der diese Wildform als guten Kletterer in unwegsamem Gelände ausweist. Das Wildkamel besitzt einen außergewöhnlich gut entwickelten Gesichtssinn sowie große Augen, mit denen das Wildkamel sehr weit sehen und feinste Bewegungsunterschiede wahrnehmen und somit rechtzeitig vor Gefahren flüchten kann. Die Geschwindigkeit des Wildkamels beträgt ungefähr fünfzehn Kilometer pro Stunde und bewegt sich im Passgang fort. Das Wildkamel lebt in kleinen Herden von nicht mehr als zwölf Tieren und wird von einem Leithengst angeführt. Ansonsten leben die Wildkamele sehr zurückgezogen. Selten, dass Besucher die Wildkamele zu Gesicht bekommen. Nur die in der Wüste Gobi lebenden Nomaden, von denen sogar einige Wildhüter sind, kennen die Wanderrouten, die zu den Fressplätzen der Wildkamele führen.

Domestiziertes Kamel - Erkennbar am Holzpflock, der durch die Nasenscheidewand gezogen wurde
vergrößern
Domestiziertes Kamel - Erkennbar am Holzpflock, der durch die Nasenscheidewand gezogen wurde

Gegen eine gemeinsame Abstammung sprechen allerdings zwei Punkte. Erstens ist das Trampeltier vor 5000 bis 6000 Jahren erstmalig in Mittelasien domestiziert worden, zu einer Zeit, in der das Dromedar in Arabien, Palästina sowie in Nordafrika schon als Haustier bekannt war. Es hat ferner den Anschein, als sei es dort aus einem seit etwa 2000 Jahren ausgerotteten einhöckrigen Wildkamel der Arabischen Wüste domestiziert worden. Für die Annahme, dass das Dromedar und das Trampeltier nicht aus einer Wildtierart, sondern aus zwei nah verwandten Arten dometiziert wurden, sprechen u.A. auch züchterische Befunde. Es ist zwar möglich, Hybride aus Trampeltier und Dromedar zu erzielen, jedoch sind diese nur bedingt fortpflanzungsfähig. Handelt es sich um Bastardstuten, so sind diese zwar sowohl mit Trampeltierhengsten als auch mit Dromedarhengsten fruchtbar, nicht aber mit Bastardhengsten. Bastardhengste erweisen sich auch weiblichen Dromedaren und Trampeltieren gegenüber gewöhnlich als steril. Nach diesen Befunden stammen die beiden Kamelformen von zwei nahe verwandten Arten ab, dem Wildkamel aus der Wüste Gobi und dem ausgestorbenen wilden Dromedar. Wo das wilde Dromedar lebte und wann es ausstarb, ist auch bis heute noch nicht geklärt.

Unterarten

Verbreitung

Felszeichnung - Wildkamel
vergrößern
Felszeichnung - Wildkamel
Lange Zeit setzte sich die Ansicht durch, dass das Wildkamel in der Wüste Gobi domestiziert sei. Bis Forschungsergebnisse und auch die prähistorischen Felszeichnungen im heutigen Verbreitungsgebiet, die das Wildkamel bereits als Haustier darstellen, die Ansichten widerlegten.
Mongolei - Nationalpark
vergrößern
Mongolei - Nationalpark
Bis 1920 fand das Wildkamel vom Kaspischen Meer bis nach China seine Verbreitung.

Heute existieren nur noch ganz wenige kleine Herden des Wildkamels in der Trans-Altai-Gobi und im mongolisch-chinesischen Grenzgebiet. Die Halbsteppen und Wüsten, in denen das Wildkamel lebt, sind sehr spärlich und kaum bewachsen. Gashun Gobi ist das einzige Gebiet auf der ganzen Welt, wo das Wildkamel nicht mit dem Hauskamel in Kontakt kommt und somit ist diese Population noch genetisch unverfälscht. Dieser Mangel an Möglichkeit der Hybridisierung macht das Überleben des Wildkamels so wichtig. Während des Sommers wandert das Wildkamel in höher gelegene Bergregionen bis zu 3000 Metern und im Winter kehrt das Wildkamel in die Wüste zurück.

Ernährung

Gobi Desert - Saxaulbaum
vergrößern
Gobi Desert - Saxaulbaum

Das Wildkamel ist ein reiner Pflanzenfresser. Es ernährt sich hauptsächlich von dornigem Gestrüpp, trockenen Gräsern und von verschiedenen strauchartigen Salzpflanzen unter anderem von der Salzpflanze Saxaul (Haloxylon ammondendron), die nur in Wüsten und schütteren Halbwüsten wächst. Die Salzpflanzen führen dem Wildkamel die nötige Menge an Salz zu. Es braucht deutlich mehr Salz als alle anderen Säugetiere. Salzpflanzen stellen in etwa ein Drittel der gesamten Nahrungsmenge. Aber auch Laub von Sträuchern und Büschen wird gefressen. Aufgrund des langen Halses kann das Laub kleinerer Bäume bis in Höhen von gut vier Metern gefressen werden.

Wildkamel
vergrößern
Wildkamel

Das Wildkamel wendet am Tag bis zu zwölf Stunden für die Nahrungssuche auf. Es kann dabei 50 bis 100 Kilometer am Tag zurücklegen. Zweige und Gräser werden mit der Unterlippe aufgenommen. Die Nahrung wird sehr lange gekaut bis sie verschlungen wird, das heißt, dass die Nahrung wiedergekäut wird. So wird sichergestellt, dass ein hoher Prozentsatz der Nahrung in Energie umgewandelt wird. Obwohl das Wildkamel nicht zur Unterordnung der Wiederkäuer gerechnet wird, so besitzt es doch einen mehrkammerigen Magen. Des weiteren kann das Wildkamel ohne Probleme einige Liter Salzwasser trinken und auch Salzschlamm zu sich nehmen, was für ein Landsäugetier sehr außergewöhnlich ist, denn jedes andere Landsäugetier würde daran sterben.

Fortpflanzung

Domestiziertes Kamel - Erkennbar am Holzpflock, der durch die Nasenscheidewand gezogen wurde
vergrößern
Domestiziertes Kamel - Erkennbar am Holzpflock, der durch die Nasenscheidewand gezogen wurde

Das Weibchen des Wildkamels erreicht die Geschlechtsreife erst mit vier oder fünf Jahren, während das Männchen hingegen mit etwa sechs Jahren deutlich länger braucht. Das Wildkamel lebt in kleinen Haremsgruppen, die aus zwölf Tieren bestehen können. Die Lebensweise ist daher als polygam zu bezeichnen. Ein Teil der Männchen lebt einzeln. Die Paarungszeit liegt im zeitigen Frühling. In der Brunstzeit quillt bei den Hengsten ein vom Gaumensegel gebildeter Brüllsack aus dem weißschäumenden Maul. Des weiteren sondern dann bei beiden Geschlechtern paarig angelegte Brunst-Hautdrüsen am Hinterkopf ein dunkles schmieriges Sekret ab. Während der Paarungszeit kommt es nicht selten zu Kämpfen zwischen rivalisierenden Hengsten, einhergehend mit einem kreischenden Gebrüll. Die Rivalen bespeien sich gegenseitig mit Magenihalt und die Stuten zuweilen die andrängenden Hengste. Selten enden die Kommentkämpfe mit schweren Verletzungen, auch wenn die Hengste wild um sich beißen. Dabei sind die großen Schneidezähne und Eckzähne des Oberkiefers furchtbare Waffen. Zur Begattung lassen sich Stute und Hengst, im Gegensatz zu anderen Paarhufern, auf dem Erdboden nieder. Auch die Geburt des Fohlens geschieht meist am Boden. Die Tragezeit ist mit 380 bis 440 Tagen ausgesprochen lang. In der Regel bringt das Weibchen ein Jungtier zur Welt. Aufgrund der langen Tragezeit und Säugezeit kommt es beim Weibchen nur alle zwei bis drei Jahre zu einer Geburt. Das Fohlen kann bereits kurz nach der Geburt stehen und der Mutter folgen. Das Fohlen wächst im Schutze der Herde auf. Jedoch kümmert sich nur das Weibchen um das Wohl des Jungtieres. Die Säugezeit erstreckt sich zumeist über acht bis zwölf Monate. Das Fohlen erreicht die Selbständigkeit spätestens nach zwei Jahren. Über die Lebenserwartung des Wildkamels liegen keine Angaben vor und ist somit nicht bekannt.

Mongolei - Nationalpark
vergrößern
Mongolei - Nationalpark

Gefährdung und Schutz

Da die Geschlechtsreife erst mit vier oder fünf Jahren einsetzt und die Geburtenrate gering ist, ist es sehr zeitaufwendig, eine im Rückgang befindliche Kamelpopulation zu stabilisieren und zu vergrößern. Auch die stark aufkommenden Wolfspopulationen tragen zum Rückgang der noch lebenden Population des Wildkamels bei, indem der Nachwuchs häufiger von den Wölfen gerissen wird. Das Wildkamel kämpft buchstäblich ums Überleben. Der Lebensraum ist in den letzten zweihundert Jahren drastisch eingeschränkt worden. Obwohl das Vorkommen des Wildkamels auf die Wüsten Zentralasiens beschränkt zu sein scheint, erstreckte sich sein Verbreitungsgebiet im 18. Jahrhundert möglicherweise bis in den Osten Kasachstans hinein. Es ist unübersehbar, dass das Wildkamel immer mehr durch die Jagd, durch illegales Schürfen und in der Trans-Altai-Gobi der Mongolei durch die Verfolgung der Wölfe stark bedroht wird. Selbst das Einstellen aller weiteren Nukleartests könnte sich als zwiespältig erweisen, denn für die Wildkamele wird es in nächster Zukunft bedeuten, dass sie um so mehr den Einflüssen ungebetener Besucher sprich vermehrter Tourismus ausgesetzt sein werden. Auch das Vorhaben der Japaner, große Autorallyes durch die Wüste Gobi zu veranstalten, wäre für die Wildkamele ein zusätzlicher Stress. Nur die in der Gashun Gobi vorkommenden Wildkamele könnten vielleicht noch überleben. Sollte das Schutzgebiet nicht übergreifend und effektiv arbeiten, dann kann es auch für die letzten Wildkamele in der Gashun Gobi zu spät sein.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania-Tierreich - Säugetiere. Urania-Verlag Leipzig - Jena - Berlin 1992. ISBN 3-332-00499-9
  • Gerd Diesselhorst/Hubert Fechter: Knaurs Großes Lexikon der Tiere von A-Z. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München/Zürich 1982. ISBN 3-426-26049-2
  • John Hare: Auf den Spuren der letzten wilden Kamele. Scherz Verlag Bern, München, Wien 1998. ISBN 3-502-15289-6

Links

'Persönliche Werkzeuge