Chileflamingo

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Chileflamingo

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
Unterklasse: Neukiefervögel (Neognathae)
Ordnung: Flamingos (Phoenicopteriformes)
Familie: Flamingos (Phoenicopteridae)
Gattung: Flamingos (Phoenicopterus)
Art: Chileflamingo
Wissenschaftlicher Name
Phoenicopterus chilensis
Molina, 1782

IUCN-Status
Near Threatened (NT) - IUCN

Der Chileflamingo (Phoenicopterus chilensis) zählt innerhalb der Familie der Flamingos (Phoenicopteridae) zur Gattung der Flamingos (Phoenicopterus).

Inhaltsverzeichnis

Evolution und Systematik

Die ältesten fossilen Funde eines Chileflamingo stammen aus dem späten Miozän und weisen ein Alter von gut sieben Millionen Jahren auf. Das Klima war in den Anden zu dieser Zeit relativ warm, fast subtropisch. Die ersten Vertreter der Flamingos der Gattung Palaelodus traten erstmals im mittleren Oligozän, also vor rund 30 Millionen Jahren auf. Die ersten Arten der modernen und heute noch rezenten Gattung der Flamingos (Phoenicopterus) traten erstmals im späten Oligozän in Erscheinung. Es handelte sich hierbei um die Art Phoenicopterus croizeti (Gervais, 1852). <1> Zu dieser Zeit erstreckte sich das Verbreitungsgebiet auch über Europa. Dies belegen fossile Funde aus Frankreich.

Bis heute ist die systematische Einordnung nicht restlos geklärt. Flamingos haben in der Systematik der Vögel eine wahre Odyssee hinter sich. Ursprünglich sah man eine Verbindung der Flamingos zu den Stelz- und Schreitvögel (Ciconiiformes). Morphologische Parallelen ließen diese Sichtweise durchaus zu. Vor etwa 50 Jahren tauchen Theorien auf, die die Flamingos neben die Gänsevögel (Anseriformes) stellten. Andere, recht neue Theorien, schlossen eine Verwandtschaft mit den Regenpfeiferartigen (Charadriiformes) nicht aus. Moderne DNA-Untersuchungen, die von Sibley und Ahlquist durchgeführt wurden, kamen auch zu keinem stichhaltigen Ergebnis. Jedoch sahen Sibley und Ahlquist die Flamingos noch am ehesten in die Nähe der Stelz- und Schreitvögel (Ciconiiformes). Ursprünglich wurde der Chileflamingo als Unterart des Rosaflamingo (Phoenicopterus ruber) geführt. Neueren Untersuchungen hat die Zuordnung jedoch nicht standgehalten. Es zeigt sich insbesondere eine etwas andere Schnabelform.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Chileflamingo ist deutlich kleiner als der Rosaflamingo (Phoenicopterus ruber), er erreicht je nach Geschlecht eine Standhöhe von 110 bis 140 Zentimeter, eine Beinlänge von 45 bis 50 Zentimeter,
Juveniler Chileflamingo
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Juveniler Chileflamingo
eine Flügelspannweite von 120 bis 145 sowie ein Gewicht von 2.500 bis 3.500 Gramm. Weibchen bleiben kleiner und leichter als Männchen. Markantes Merkmal aller Flamingos sind die dürren, langen Beine, der lange Hals, der kleine Kopf sowie der überdimensionierte, mittig stark gebogene Schnabel. Diese Merkmale weist auch der Chileflamingo auf. Die Zehen sind charakteristisch mit Schwimmhäuten versehen. Diese Eigenschaft lässt den Chileflamingo auf schlammigen Untergrund nicht einsinken. Der Schnabel ist eine Anpassung an die Ernährungsmethode. Der in der Mitte stark gebogene Schnabel dient zum filtrieren von Mikroorganismen und Algen aus dem stark alkalihaltigem Wasser. Im Innern des Schnabels befinden sich Lamellen, mit Hilfe deren Nahrung gefiltert wird, über eine Abflussrinne auf dem Unterschnabel fließt das Wasser beim Filtern ab. Aufgenommenes Wasser wird mit der fleischigen Zunge gegen die Lamellen gedrückt. Der vordere Teil des Schnabel weist eine rosafarbene Färbung auf, ab dem Knick ist der Schnabel schwarz gefärbt. Das Gefieder ist überwiegend weißlich bis rosafarben gefärbt. Die Färbung richtet sich nach der aufgenommenen Nahrung. Im Bereich der Flügel sind vor allem die Primärfedern rot gefärbt. Die Extremitäten zeigen eine gelbliche bis fleischfarbene Färbung, die Füße sind kaminrot gefärbt. Juvenile Vögel weisen eine gräuliches Gefieder auf. Ihr Schnabel ist gräulich, im Bereich der Schnabelspitze zeigt sich eine schwarze Färbung. Die Beine weisen eine gräuliche Färbung auf. Die adulte Befiederung stellt sich spätestens nach drei Jahren ein.

Lebensweise

Ruhepase
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Ruhepase

Die tagaktiven Chileflamingos treten grundsätzlich nicht einzelgängerisch auf. Sie leben in zum Teil riesigen geselligen Kolonien. Dies gilt sowohl während der Paarungszeit als auch außerhalb dieser. Einige Tausend Individuen sind dabei keine Seltenheit. Trotz ihrer Größe gelten Chileflamingos als sehr gute und elegante Flieger, Beine und Hals werden im Flug gestreckt gehalten. In den Kolonien herrscht selten Ruhe, unabläßlich scheinen sich die Vögel zu unterhalten. Ihr Ausrufe ähneln denen der Gänse (Anserinae). Über die Ausrufe finden adulte Flamingos in den riesigen Kolonien auch ihren Nachwuchs wieder. Da verwundert es nicht, dass vor allem das Gehör der Chileflamingos hoch entwickelt ist. Ihr Sehsinn ist hingegen nur mäßig, der Geruchssinn ist eher schlecht entwickelt. Der Großteil ihrer aktiven Zeit entfällt zum einen auf die Nahrungssuche und zum anderen auf das Putzen des Gefieders. Nicht selten sieht man Chileflamingos im Ruhezustand scheinbar mühelos auf einem Bein stehen.

Verbreitung

Chileflamingos leben in den Anden im subtropischen Südamerika, insbesondere in Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Paraguay, Peru und Uruguay anzutreffen. Die Vögel sind in aller Regel an salzigen und schlammigen Flachwasserseen anzutreffen. An derartige Seen fühlen sich Chileflamingos sowohl in der Ebene als auch in Höhenlagen in Höhen von bis zu 4.500 Meter zu Hause.
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Nicht selten sind sie auch an Flüssen nahe von Mündungsdelta mit Brackwasser anzutreffen. Süßgewässer werden strikt gemieden, da diese den Vögeln keine Nahrung bieten.

Ernährung

Chileflamingos ernähren sich überwiegend von Zooplankton und Polychaeten. Dazu gehören beispielsweise Kleinstinsekten und deren Larven, kleine Weichtiere (Mollusca), kleine Krebstiere (Crustacea) und Würmer. An pflanzlicher Nahrung nehmen sie ausschließlich Phytoplankton und Algen zu sich. Die Nahrungspartikel werden durch filtrieren gewonnen. Dazu wird der Schnabel in schlammiges Flachwasser getaucht. In den Schnabel eindringendes Wasser wird mit der Zunge gegen im Schnabel befindliche Labellen gedrückt. Danach gelangt die verbleibende Nahrung in den Schlund. Dieser Vorgang wiederholt sich alle paar Sekunden. So können Chileflamingos pro Tag zwischen 200 und 300 Gramm an Nahrung zu sich nehmen.

Fortpflanzung

Chileflamingos erreichen die Geschlechtsreife erst sehr spät im Alter von rund sechs Jahren. Die Paarungszeit erstreckt sich in den meisten Verbreitungsgebieten über das ganze Jahr. Während einer Saison kommt es zu einem bis zwei Gelegen. Die Anzahl der Gelege richtet sich nach dem Ernährungszustand und der im allgemeinen zur Verfügung stehenden Nahrung. Die Regel ist ein Gelege pro Jahr. Chileflamingos brüten wie alle Flamingos in großen Kolonien. Nicht selten brüten in einer Kolonie mehrere Tausend Vögel. In den Hochländern der Anden weisen die Kolonien in der Regel eine deutlich kleinere Größe aus. Hier finden sich meist nur einige Dutzend bis einige Hundert Tiere zusammen. Chileflamingos leben in einer monogamen Einehe. Die Balz geht vom Männchen aus und ist vor allem durch filigrane Tänze sowie koordiniert wirkendes Recken und Strecken gekennzeichnet. Weibchen verhalten sich während der Balz mehr oder
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weniger passiv. Sie nehmen ein balzendes Männchen deutlich stärker wahr, wenn sein Gefieder deutliche Rotanteile aufweist. Dieses wird erreicht, indem viele karotinhaltige Krebstiere gefressen werden.

Die Nester entstehen auf dem Boden, meist im Flachwasser oder in unmittelbarer Nähe zu einem Gewässer. Die Nester weisen eine kegelförmige Bauweise auf. Die Spitze des Kegels beinhaltet die eigentliche Nistmulde. Als Baumaterial dient hauptsächlich Schlamm, der von beiden Geschlechtern verarbeitet und verbaut wird. Als Untergrund dient dabei meist eine Schicht Steine. Ein Nest weist eine Höhe von 35 bis 45 Zentimeter sowie im unteren Teil einen Durchmesser von 50 bis 75 Zentimeter auf. Die Nistmulde hat einen Durchmesser von gut 28 bis 30 Zentimeter. In das fertige Nest legt das Weibchen lediglich ein Ei, dass eine weißliche Färbung aufweist. In sehr seltenen Fällen werden auch zwei Eier gelegt. Es wird von beiden Geschlechtern über einen Zeitraum von 29 bis 31 Tagen gewärmt. Das geschlüpfte Küken ernährt sich in den ersten Tagen vom Dottervorrat, ehe es von den Eltern gefüttert wird.

Gefüttert wird das Junge mit einer Art Milch, die von beiden Geschlechtern produziert wird. Die Produktion wird bei den adulten Vögeln durch ein laktrotropes Hormon (Prolaktin) ausgelöst. Die Milch wird in der oberen Region des Verdauungstraktes produziert und tritt über den Schnabel aus. Sie wird von Schnabel zu Schnabel an das Jungtier abgegeben. Die Milch ist reich an Fetten und Proteinen. Kohlenhydrate fehlen hingegen fast vollständig. Eine ähnliche Ernährungsweise ist bei den Tauben (Columbidae) zu beobachten. Mit Beginn der zweiten Lebenswoche verlassen die Jungvögel erstmals ihr Nest und schließen sich zu großen Gruppen zusammen. Die Eltern erkennen ihr Junges anhand der Laute und finden es so leicht wieder. Bis zu einem Alter von gut 70 Tagen wird das Junge von beiden Elternteilen mit Nahrung versorgt. Danach geht es selbständig auf Nahrungssuche. Ab diesem Alter sind Jungvögel auch flugfähig und selbständig. Das gräuliche Gefieder wird frühestens nach drei Jahren durch das adulte Gefieder ersetzt. Die vollständige Ausfärbung wird meist erst kurz vor der Geschlechtsreife erreicht. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Chileflamingos liegt bei 40 bis 45 Jahre. Nicht selten wird jedoch auch ein Alter von rund 50 Jahren erreicht.

Gefährdung und Schutz

Mittlerweile gehören Chileflamingos zu den gefährdeten Arten. Die Gründe liegen auf der Hand. Selbst in den unzugänglichen Regionen der Anden schreitet die Vernichtung der natürlichen Lebensräume in großen Schritten voran. Aber auch das Absammeln der Eier und die starke Bejagung haben die Populationen deutlich schrumpfen lassen. Auch der verstärkt einsetzende Tourismus, egal mit oder ohne Ökotouch, hat eine nachteilige Auswirkung, da Chileflamingos durch den Tourismus vor allem an den Brutplätzen massiv gestört werden. Aktuell (Stand 2006) wird die Art in der Roten Liste der IUCN als "near threatened" (gering gefährdet) geführt.

Die Bejagung stellt wahrscheinlich das Hauptproblem dar. Teile der Flamingos, insbesondere die Zunge, finden in der traditionallen Medizin in den Anden großen Anklang. Es wird aus der Zunge eine "Medizin" gewonnen, die gegen allerlei Wehwechen und Krankheiten helfen soll. Ebenso begehrt sind die Federn der Chileflamingos.

Anhang

Literatur und Quellen

Links

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