Edmigazelle

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Edmigazelle
Männchen, zu Erkennen an der Furchung der Hörner

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Hornträger (Bovidae)
Unterfamilie: Gazellenartige (Antilopinae)
Gattung: Gazellen (Gazella)
Art: Edmigazelle
Wissenschaftlicher Name
Gazella gazella
Pallas, 1766

IUCN-Status
Vulnerable (VU)

Die Edmigazelle (Gazella gazella) zählt innerhalb der Familie der Hornträger (Bovidae) zur Gattung der Gazellen (Gazella). Im Englischen wird die Edmigazelle Mountain Gazelle oder Arabian Gazelle genannt.

Die Edmigazelle ist eng mit der Dorkasgazelle (Gazella dorcas), der Jemen-Gazelle (Gazella bilkis) und der Saudi-Gazelle (Gazella saudiya) verwandt. Zusammen mit einigen anderen Arten werden diese vier Arten in der Untergattunbg Gazella geführt.

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Die ältesten fossilen Funde einer Edmigazelle stammen aus dem Oberen Pleistozän. Ältere Fossilien, die aus dem mittleren Miozän stammen, konnten Gazella sensu lato zugeordnet werden. Aus dem frühen Holozän sind Funde der nah verwandten Arten Gazella decora, Gazella estraelonia und Gazella arista bekannt. Sie stammen hauptsächlich aus Kebara (Israel), der südlichen Türkei und aus dem Libanon. In der letzten Eiszeit reichte das Verbreitungsgebiet bis weit in den Süden der arabischen Halbinsel, im Norden reichte es bis zu Halbinsel von Sinai. Seit dem Neolithikum (Jungsteinzeit) ist die Edmigazelle die einzige Gazellenart, die auch in Israel nachgewiesen werden konnte. <2>

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die schlank gebauten Edmigazelle weist je nach Geschlecht unterschiedliche Maße auf. Männchen erreichen eine Körperlänge von 101 bis 115 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 8 bis 13 Zentimeter, eine Hinterfußlänge von 32 bis 35,4 Zentimeter, eine Ohrlänge von 11,2 bis 12,3 Zentimeter, eine Schädellänge von 18,6 bis 19,6 Zentimeter, eine Hornlänge von 22 bis 29,1 Zentimeter sowie ein Gewicht von 17,1 bis 29,5 Kilogramm. Weibchen erreichen eine Körperlänge von 91 bis 101 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 9 bis 13 Zentimeter, eine Hinterfußlänge von 32 bis 34 Zentimeter, eine Ohrlänge von 11 bis 12,5 Zentimeter, eine Schädellänge von 17,2 bis 18,6 Zentimeter, Hornlänge von 5,8 bis 11,5 Zentimeter sowie ein Gewicht von 16,25 bis 25. An den Maßen ist zu erkennen, dass Weibchen ein wenig kleiner und leichter bleiben. Unterarten, die in Wüsten leben, bleiben kleiner als ihre Artgenossen in Wäldern und auf Hochebenen. Edmigazellen zeichnen sich durch einen langen Hals und lange Beine aus, wobei die Hinterbeine deutlich länger sind als die vorderen Beine. <1>

Das Fell kann eine variable Färbung aufweisen. Es ist überwiegend dunkelbraun gefärbt, ventral zeigt sich eine weißliche Färbung. Die Flanken sind insgesamt etwas heller gefärbt als das dorsale Fell. Eine ähnliche hellbraune Färbung weisen die Außenseiten der Extremitäten auf. Die Innenseite der Extremitäten sind im Bereich der Oberschenkel ebenfalls weiß gefärbt. Der Kehlbereich und die Vorderseite des Halses ist weißlich. Seitlich des Rostrum zeigt sich auf jeder Seite ein breiter weißer Streifen. Ein dunkler Streifen zeigt sich ventrolateral. Er trennt die weiße Bauchseite optisch vom bräunlichen Fell. Der relativ kurze und buschige Schwanz ist schwarz gefärbt. Die mäßig langen und trichterartig geformten Ohren liegen sehr weit hinten, leicht seitlich am Schädel. Sie liegen deutlich hinter den Ansätzen der Hörner. Beide Geschlechter verfügen über Hörner. Sie fallen bei den Weibchen etwas kürzer und zuweilen auch dünner aus. Die Hörner der Männchen weisen zudem eine deutlich sichtbare Furchung auf (14 bis 20 Ringe). Bei den Weibchen ist diese Furchung nicht zu erkennen. Dir Hörner zeigen jedoch bei beiden Geschlechtern einen elyptischen Querschnitt. Insgesamt sind die Hörner relativ gerade geformt, sie weisen nur eine schwach wahrnehmbare S-Krümmung auf. Die Form der Hörner kann je nach Unterart, Vorkommen und Lebensraum leicht variieren. <1>

Lebensweise

Edmigazellen sind tagaktiv und weisen ein territoriales Verhalten auf. Die Geschlechter treffen nur während der Paarungszeit aufeinander. Außerhalb der Fortpflanzungsperiode leben Männchen einzelgängerisch oder in Junggesellengruppen. Weibchen und noch nicht geschlechtsreifer Nachwuchs lebt in kleinen Herden. Diese Herden können durchaus bis zu 40 Individuen umfassen. Mit Beginn der Geschlechtsreife kommt es unter den Männchen zu erbitterten Gefechten um das Paarungsrecht mit den Weibchen einer Herde. Die Kämpfe sind stark ritualisiert und enden meist ohne schwere Verletzungen. Einzelgängerisch lebende Männchen beanspruchen ein Revier mit einem Radius von etwa 0,6 Kilometern. Edmigazellen gelten als schnelle Läufer. Über kürzere Strecken können sie leicht eine Geschwindigkeit von bis zu 80 km/h erreichen. Sprünge in einer Höhe von bis zu 240 Zentimeter sind dabei keine Seltenheit. Auch wenn Edmigazellen auch am Tage aktiv sind, ruhen sie bei hohen Temperaturen im Schatten und gehen erst in der Dämmerung oder in der Nacht auf Nahrungssuche. Ihr hoch entwickelter olfaktorische Sinn (Geruchssinn) führt die Tiere zielsicher zu schmackhafter Nahrung. Ansonsten dienen auch das Gehör und der Sehsinn der Orientierung. Der Sehsinn dient vor allem der Erkennung von Entfernungen und Fleischfressern. Diese werden in der Regel frühzeitig, meist schon in einer Entfernung von einem Kilometer, erkannt. Edmigazellen verfügen über ein breites Repertoire an Lauten. Es handelt sich überwiegend um nasale Laute wie Niessen und schnarchende Geräusche. Letzteres dient vor allem der Kommunikation zwischen einer Mutter und ihrem Nachwuchs. <3>

Unterarten

Wissenschaftlicher Name Erstbeschreiber IUCN-Status Vorkommen
Gazella gazella gazella Pallas, 1766 EN <5> Israel und Libanon
Gazella gazella muscatensis Brooke, 1874 CR <5> Oman
Gazella gazella cora Meyer, 1826 VU <5> Oman, Saudi Arabien, Jemen
Vereinigte Arabische Emirate
Gazella gazella acaciae Mendelssohn, Groves & Shalmon, 1997 CR <5> Israel
Gazella gazella farasani Thouless & Al-Bassri, 1991 VU <5> Saudi Arabien

Verbreitung

Edmigazellen sind im Nahen Osten endemisch. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Israel und dem Libanon bis zur Arabischen Halbinsel. Bevorzugter Lebensraum sind steiniges und felsiges Hügelland und die Hochebenen Mittelgebirge. Felsige Habitate mit Steigungen von bis zu 45 Grad stellen für die Tiere kein Problem dar. Lichte Wälder und die Ränder von Wüsten. Es handelt sich meist um aride Regionen, in denen kaum 400 Millimeter Niederschlag im Jahr fallen. Es kommt zu täglichen Wanderungen. Am Tage verbringen die Tiere in Höhenlagen und steigen zur Nahrungssuche am Abend in tiefere Lagen. Dichte Wälder werden als Lebensraum strikt gemieden. <4>

Prädatoren

Edmigazellen stehen in ihrem Lebensraum bei zahlreichen Fleischfressern auf der Speisekarte. Adulte Gazellen werden meist von Persischen Leoparden (Panthera pardus saxicolor), Wölfen (Canis lupus) oder dem Karakal (Caracal caracal). Ursprünglich wurden die Tiere auch vom Geparden (Acinonyx jubatus) gejagt, die Art ist jedoch im Verbreitungsgebiet ausgestorben. Jungtiere werden oftmals von kleineren Raubtieren (Carnicora) erbeutet. Dazu gehört beispielsweise der Rotfuchs (Vulpes vulpes), der Goldschakal (Canis aureus) oder die Streifenhyäne (Hyaena hyaena). Auch verwilderte Haushunde (Canis lupus familiaris) stellen den Jungtieren gelegentlich nach. Edmigazellen sind keine hilflosen Tiere. Ihre Hörner werden als Waffe zur Verteidigung eingesetzt. Sie können mit den Hörnern kleinere oder mittelgroße Fleischfresser schwer verletzen oder gar töten. In der Regel sind Edmigazellen jedoch einem Angreifer unterlegen. Edmigazellen verlassen sich meist auf ihre hohe Fluchtgeschwindigkeit. Nur wenige Räuber können einem Tempo von bis zu 80 km/h mithalten. Der gefährlichste Feind der Edmigazellen ist und bleibt jedoch der Mensch. Er hat die Populationen an den Rand der Ausrottung gebracht. <6>

Ernährung

Edmigazellen ernähren sich als reine Pflanzenfresser von Gräsern, Kräutern und Blättern. Auf der Speisekarte stehen beispielsweise verschiedene Kreuzdorngewächse (Rhamnaceae), Hundsgiftgewächse (Apocynaceae), Bocksdorne (Lycium), Fuchsschwanzgewächse (Amaranthaceae), Süßgräser (Poaceae), Resedagewächse (Resedaceae), Riemenblumengewächse (Loranthaceae) sowie das Laub von Eichen (Quercus), Feigen (Ficus) und anderen Bäumen. Auf Nahrungssuche gehen Edmigazellen vorzugsweise in den frühen Morgen- und Abendstunden, nicht selten auch im Schein des Mondlichtes. Die Orientierung erfolgt bei der Nahrungssuche über den olfaktorischen Sinn. Auf Trinkwasser sind die Tiere nicht ständig angewiesen. Ihren Wasserbedarf können sie über längere Zeit über die Nahrung stillen. Ist Trinkwasser vorhanden, so trinken sie durchaus täglich. Sie können binnen weniger Minuten bis zu 2,5 Liter an Flüssigkeit zu sich nehmen. <7>

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife erreichen Edmigazellen mit 1,5 bis 3 Jahren. Männchen kommen aufgrund der Rivalenkämpfe meist nicht vor drei bis vier Jahren zu ihrer ersten Paarung. Die Paarungszeit der meisten Populationen beginnt im späten Herbst. Dies ist in der Regel zwischen Oktober und November der Fall. In südlichen Regionen wie beispielsweise dem Oman erfolgt die Paarung auch ganzjährig. In südlichen Regionen kann es zudem auch zu zwei Würfen kommen. Während der Paarungszeit legen Männchen ein besonderes territoriales Verhalten an den Tag und kämpfen mit Artgenossen um das Paarungsrecht mit den Weibchen einer Herde. Die Reviere werden mit Urin markiert und gegenüber Artgenossen verteidigt. Uneingeschränkten Zugang zum Revier eines Männchens haben nur empfängnisbereite Weibchen. Ein siegreiches Männchen beansprucht das Paarungsrecht mit allen paarungsbereiten Weibchen einer Herde. Die Lebensweise kann daher als polygam bezeichnet werden. Nach einer Trächtigkeit von rund 175 bis 185 Tagen bringt das Weibchen ein oder zwei, selten bis drei Jungtiere zur Welt. Zwillings- oder Drillingsgeburten sind relativ selten zu beobachten. Das Geburtsgewicht liegt zwischen 1.750 und 2.500 Gramm. Dies entspricht etwa 11 bis 12 Prozent des Muttergewichtes. Hochtragende Weibchen sondern sich von ihrer Herde zum Werfen ab. Die ersten Tage bleibt das Jungtier im hohen Gras verborgen und wird von der Mutter aus einiger Entfernung bewacht. Ist ein Feind in der Nähe, so lenkt die Mutter die Aufmerksamkeit auf sich und leitet den Räuber vom Jungtier weg. Nach einigen Tagen ist das Jungtier kräftig genug, um der Mutter und der Herde zu folgen. Nach ein bis zwei Wochen ist das Junge so schnell unterwegs wie die erwachsenen Tiere. Bereits im zweiten oder dritten Lebensmonat nehmen Jungtiere neben der Muttermilch schon die erste feste Nahrung zu sich. Nach rund 3 bis 4 Monaten erfolgt die Entwöhnung. Zum Säugen verfügt ein Muttertier im Genitalbereich über Zitzen. Junge Männchen bleiben bis zum siebten Lebensmonat in der Herde der Mutter und schließen sich dann Junggesellengruppen an, Weibchen verbleiben ein Leben lang in ihrer Geburtsherde. Weibchen sind im Alter von 18 Monaten ausgewachsen, Männchen mit 36 Monaten. Edmigazellen können in Freiheit ein Alter von 8 bis 10 Jahren erreichen, in Gefangenschaft auch bis zu 13 Jahren. <8>

Ökologie, Gefährdung und Schutz

In ihrem Lebensraum bilden Edmigazellen die Nahrungsgrundlage für zahlreiche Fleischfresser. Aber auch der Mensch stellt den Gazellen nach, da sie gelegentlich auch auf landwirtschaftlichen Flächen Getreide und andere Gewächse fressen. Getötet werden die Edmigazellen auch wegen des Fleisches und der Haut. Auch Jäger und Trophäenjäger haben es auf die Tiere abgesehen. Schon alleine wegen ihrer Seltenheit sind sie bei Trophäenjägern ein begehrtes Ziel. Der Lebensraum der Edmigazellen schwindet von Jahr zu Jahr. Schon heute gibt es keine zusammenhängenden Verbreitungsgebiete mehr. Es handelt sich bei den aktuellen Populationen nur um Reliktpopulationen. Das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) stellt die Tiere in Anhang II des Abkommens unter Schutz. In der Roten Liste der IUCN wird die Art als gefährdet geführt. Dabei zeigt sich bei den Unterarten ein unterschiedlicher Gefährdungsgrad (siehe obige Tabelle). Neben den bereits angesprochenen Bedrohungen kommt es immer wieder zum Ausbruch von Krankheiten, bei denen viele Tiere oder gar ganze Populationen zu Tode kommen. Im Jahre 1985 wütete die Maul- und Klauenseuche in einem Naturreservat in Israel, bei der die Hälfte der 3.000 Tiere umkamen. Insgesamt wird der Gesamtbestand auf etwa 15.000 bis 15.500 Tiere geschätzt. Davon leben in Israel rund 13.000 Tiere, in Saudi Arabien etwa 1.500 und etwa 500 bis 1.000 in den übrigen Regionen. <9>

Anhang

Literatur und Quellen

Links

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