Eigentlicher Gangesdelfin

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Eigentlicher Gangesdelfin
Abbildung: 95

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Wale (Cetacea)
Unterordnung: Zahnwale (Odontoceti)
Familie: Gangesdelfine (Platanistidae)
Gattung: Platanista
Art: Eigentlicher Gangesdelfin
Wissenschaftlicher Name
Platanista gangetica
(Roxburgh, 1801)

IUCN-Status
Endangered (EN)

Der Eigentliche Gangesdelfin (Platanista gangetica) zählt innerhalb der Familie der Familie der Gangesdelfine (Platanistidae) zur Gattung Platanista. Im Englischen wird die Art Ganges River Dolphin, Ganges Susu oder Ganges Dolphi genannt. Die Art ist monotypisch, Unterarten sind demnach keine bekannt (Wilson & Reeder, 2005).

Inhaltsverzeichnis

Evolution

Ursprünglich wurden Gangesdelfine (Platanistidae), Flussdelfine (Iniidae) und Chinesische Flussdelfine (Lipotidae) in einer Familie geführt. Allerdings haben genetische Studien gezeigt, dass sie eine konvergente Gruppe von nur entfernt verwandten Arten bilden, die nur oberflächlich einander ähnlich sind. Gemeinsame Merkmale sind beispielsweise die rudimentären Augen. Dieses Merkmal hat sich jedoch unabhängig voneinander entwickelt. Grund hierfür dürften die ähnlichen Lebensräume sein. Heute geht man davon aus, dass Gangesdelfine (Platanistidae) aus den frühen Zahnwalen während des Oligozän entwickelt haben. Dies war vor rund 30 bis 35 Millionen Jahren der Fall. Nach einhelliger Meinung haben sich Gangesdelfine von den Pottwalen (Physeteridae) abgespalten, die Chinesischen Flussdelfine sowie die Flussdelfine (Iniidae) von den Schnabelwalen (Ziphiidae) und Schweinswalen (Phocoenidae).

Beschreibung

Aussehen und Maße

Wirbelsäule und Brustbein
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Wirbelsäule und Brustbein

Der Eigentliche Gangesdelfin erreicht eine durchschnittliche Länge von 220 bis 260 cm und ein Gewicht von bis zu 108 kg. Neugeborene erreichen eine Länge von bis zu 90 cm. Der Schnabel ist relativ flach und verbreitert sich leicht zur Spitze hin. Die Stirn ist steil abfallend und endet am Schnabelansatz. Die Haut ist dorsal dunkelgrau bis graubraun gefärbt, ventral zeigt sich eine deutlich hellere Färbung. Die Rückenfinne ist klein und liegt kurz vor dem Schwanzansatz. Sowohl die Brustflossen als auch die Schwanzflosse sind groß und breit. Die Schwanzflosse weist eine Breite von 46 cm auf. Der Oberkiefer verfügt je Seite über 26 bis 39 Zähne, der Unterkiefer über 26 bis 35 Zähne. Die Zähne im Unterkiefer sind in der Regel länger als die Zähne im Oberkiefer. Die Melone ist rundlich geformt, die seitlich am Kopf liegenden Augen sind klein und haben nur rudimentären Charakter. Da die Linsen in den Augen fehlen, ist der Sehsinn sehr schwach entwickelt (Novak, 1999).

Lebensweise

Eigentliche Gangesdelfine leben einzelgängerisch oder in Kleingruppen von bis zu 10 Tieren. Die Orientierung, die Nahrungssuche und die Kommunikation untereinander erfolgen ausschließlich per Echoortung. Farben können die Tiere mit ihrem Sehsinn nicht unterscheiden. Sie sehen letztlich alles in Graustufen. Eigentliche Gangesdelfine sind relativ langsame und behäbige Schwimmer. Sie erreichen Schwimmgeschwindigkeiten von bis zu 27 km/h. Ein Tauchvorgang erstreckt sich über 10 bis 100 Sekunden, selten bis zu 180 Sekunden. Zu Sprüngen kommt es nur selten (Novak, 1999).

Verbreitung und Lebensraum

Die Art ist in Fluss-Systemen in Bangladesh, Indien und Nepal endemisch. Die Vorkommen erstrecken sich über die Flüsse des Ganges, Brahmaputra, Sangu, Meghna, Karnaphuli und des Hugli. Bevorzugt werden schnell fliessende Flüsse. Hauptsächlich trifft man auf die Tiere in den tiefen Hauptgewässern, während der Regenzeit auch in flacheren Nebenflüssen. Die Gesamtpopulation wird auf wenige Hundert Tiere geschätzt (IUCN, 2014).

Ernährung

Verdauungskanal
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Verdauungskanal

Eigentliche Gangesdelfine ernähren sich hauptsächlich von Fischen (Osteichthyes), Muscheln (Bivalvia), andere Weichtiere (Mollusca) und Krebstiere (Crustacea). Zu einem kleinen Teil werden nach einhelliger Meinung auch Schildkröten (Testudinata) und Vögel (Aves) gefressen. Die Nahrung wird in der Regel am Gewässergrund ergründelt und erfolgt per Echoortung (Novak, 1999).

Zu den nachgewiesenen Beutetieren zählen Stachelwelse (Bagridae) der Gattung Sperata, der Gemeine Hubschrauberwels (Wallago attu), die Catlabarbe (Catla catla), Kiemenschlauchwelse (Heteropneustes), Sardellen (Engraulidae) wie Setipinna phasa, Grundeln (Gobiidae) wie Glossogobius giuris sowie Krebstiere wie Felsengarnelen (Palaemon) und Vertreter der Gattung Penaeus.

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife erreichen die Tiere im Alter von gut 10 Jahren. Die Paarungszeit erstreckt sich in den natürlichen Lebensräumen über das ganze Jahr. Zu den meisten Geburten kommt es zwischen Oktober und März. Nach einer Tragezeit von etwa 10 Monaten bringt ein Weibchen ein Jungtier zur Welt. Die Jungen weisen eine Geburtslänge von bis zu 90 cm auf und bleiben für rund 1 Jahr bei der Mutter und werden während dieser Zeit gesäugt. Die Lebenserwartung liegt bei bis zu 22 Jahren (Novak, 1999).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Der Eigentliche Gangesdelfin gehört heute zu den gefährdeten Arten. In der Roten Liste der IUCN wird die Art in der Kategorie EN, Endangered, geführt. Das Washingtoner Artenschutzabkommen listet den Eigentlichen Gangesdelfin in Anhang I des Abkommens. Zu den größten Gefahren gehören die Vernichtung der natürlichen Lebensräume, insbesondere die Fragmentierung durch Staustufen, der Fang, der nicht gewollte Beifang, die weitreichende Wasserverschmutzung und die vorsätzliche Tötung (IUCN, 2014).

Die Tiere wurden in der Vergangenheit stark bejagt. Verarbeitet wurde der Speck, aus dem Öl gewonnen wurde. Das Fleisch der Tiere landete auf den traditionellen Fleischmärkten. Auch wenn die Bejagung heute verboten ist, die Wilderei geht mangels Kontrollen weiter. Ein Problem ist auch der Beifang in den Netzen der traditionellen Fischer. Die Zahl der Verluste durch den Beifang ist jedoch nicht klar belegt. Für Fischer gilt der Eigentliche Gangesdelfin als Nahrungskonkurrent. Daher wird er in weiten Teilen des Verbreitungsgebietes vorsätzlich getötet. Nicht zu vernachlässigen ist auch die Wasserverschmutzung durch Industrie, Landwirtschaft und Siedlungen. Nachgewiesen sind insbesondere Quecksilber und Arsen. Über die landwirtschaftliche Düngung gelangen Pestizide ins Wasser. Ebenfalls ein großes Problem ist die Fragmentierung durch Staustufen. An den Staustufen wird insbesondere Strom erzeugt. Durch die Staustufen werden Populationen isoliert, ein genetischer Austausch zwischen den Populationen kann nicht mehr stattfinden. Kleine Subpopulationen sind zudem anfällig für äußerliche Einwirkungen. Die Migration ist durch die vorhandenen Stauseen, Dämme und Staustufen blockiert (IUCN, 2014; Chaudhary, 2007).

Anhang

Siehe auch

  • Hauptartikel: Wale (Cetacea)

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
  • Hadoram Shirihai, Brett Jarrett: Meeressäuger - Alle 129 Arten weltweit. Kosmos, Stuttgart, 2008

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