Entenmuschel

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Entenmuschel

Systematik
Klasse: Kieferfüßer (Maxillopoda)
Unterklasse: Thecostraca
Teilklasse: Rankenfußkrebse (Cirripedia)
Überordnung: Thoraziken (Thoracica)
Ordnung: Pedunculata
Unterordnung: Scalpellomorpha
Familie: Pollicipedidae
Gattung: Pollicipes
Art: Entenmuschel
Wissenschaftlicher Name
Pollicipes pollicipes
(Gmelin, 1789)

Die Entenmuschel (Pollicipes pollicipes), auch unter den Synonymen Lepas gallorum, Lepas pollicipes, Mitella pollicipes und Pollicipes cornucopia bekannt, zählt innerhalb der Familie Pollicipedidae zur Gattung Pollicipes. Im Englischen wird die Entenmuschel goose neck barnacle, goose barnacle oder leaf barnacle genannt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Rankenfußkrebse mit Kalkplatten faßt man in der Überordnung der Thoraziken (Thoracica) zusammen. Von ihren über sechshundert Arten gehört reichlich die Hälfte in die Unterordnung Pedunculata. Ihr Vorderkopf bildet den an der Unterlage festgehefteten Stiel. Ihm sitzt das Capitulum (Köpfchen) auf, das aus dem übrigen Kopf, dem Brustabschnitt mit den sechs Rankenfußpaaren, dem Rest des Hinterleibes und den Schalenfalten mit den eingelagerten Kalkplatten besteht. Ihre Zahl ist von Familie zu Familie verschieden und beträgt bei der Entenmuschel fünf. Das Köpfchen erreicht eine Länge bis 5 Zentimeter und der Stiel kann eine Länge bis 10 Zentimeter erreichen. Im englischen Sprachbereich werden die Entenmuscheln wie die Bernikelgänse (Beniicla hrenta) Barnacles genannt. Die Tiere sehen tatsächlich kleinen Gänsen ähnlich und uralte Sagen behaupten, dass aus diesen Lebewesen, die wie Pflanzen an Treibholz wachsen, die Bernikelgänse entstehen. In der Topographia hibernia des Giraldus Cambrensis aus der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts wird berichtet, dass einige Bischöfe und Geistliche in einigen Teilen Irlands sich nicht scheuen, diese Vögel zur Fastenzeit zu verspeisen, da sie ja weder Fleisch noch von fleischlicher Herkunft seien - eine Auslegung, die Papst Innozenz III. im Jahre 1215 verbot.

Der Körper wirkt zusammengedrückt und trägt fünf grosse aufgerichtete, zart gestreifte Schalenklappen, und zwar auf jeder Seite zwei, ziemlich dreieckige, ungleiche Seitenklappen und eine schmale gebogene Rückenklappe. Der Stiel oder Fuß ist beschuppt.
Anatomie der Entenmuschel
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Anatomie der Entenmuschel
Außer diesen Schalenklappen finden sich an dem vorderen Teil der unteren Körperhälfte auf jeder Seite von vorn nach hinten sechs dicht aufeinanderfolgende bewegliche Ranken. Die beiden Ranken eines jeden Paares stehen dicht nebeneinander von innen nach außen auf einem langen, fleischigen Stiel. Sie selbst sind hornartig, hohl, deutlich gegliedert und sehr länglich zugespitzt. An beiden Rändern, dem vorderen und hinteren, tragen sie ungegliederte, zarte Borsten, von denen die an dem hinteren gewöblten Rand befindlichen weit kleiner, in geringerer Zahl und nur an dem vorderen Ende jedes Gliedes vorhanden, die vorderen viel länger sind und den ganzen vorderen Teil des Umfangs einnehmen, wenngleich auch sie für jedes Glied einen, aus ungefähr zwölf Haaren von verschiedener Größe bestehenden Büschel bilden. Die Ranken werden von hinten nach vorn kleiner, so dass das erste Paar kaum den vierten Teil der Größe des ersteren hat. Zugleich ist es viel weniger deutlich gegliedert, weicher und heller gefärbt als die übrigen, bei denen auch die Zahl der Glieder allmählich abnimmt.

Der Körper ist in dem Stiel gelegen. Die äußere Haut des Stiels wird bei jeder Periode von Häutung und Wachstum des Tieres mit ihren Kalkschalen abgeworfen. Der ganze Stiel ist mit Wirteln (Anordnung in mehreren Kreisen) von gezackten Kalkstücken besetzt, welche nach dem Ende desselben an Größe abnehmend, am äußersten Ende ganz fehlen und hier durch kleine harte gelbe chitinartige Vorsprünge mit sternförmigen Köpfchen ersetzt werden. Man vermutet, dass diese letzteren von kleinen Röhrchen gebildet werden, welche sich von dem Corium (Lederhaut) aus an die Kalkstücke begeben, dass daher unmittelbar unter den Kalkstücken diese sternförmigen Chitinfortsätze sich entwickeln. Wenn das Tier ausgewachsen ist, so bilden die am Ende des Stiels abgesonderten Schalen eine becherförmige Höhle. Die einzelnen Kalkschichten dieses Bechers haben häutige Lamellen zur Grundlage, welche stellenweise Anhäufungen von Chitin zeigen, von denen ein Röhrchen nach dem Corium hinführt. Diese Chitinmassen sind an ihrer Spitze oft sternförmig ganz wie die Vorsprünge an dem unteren Teil des Stiels.

Während die meisten Rankenfußkrebse sehr unscheinbare Farben des Schalengerüstes wie weiß, knochenfarbig oder bräunlich erkennen lassen, so sind doch besonders intensive Färbungen wie orangegelbe, scharlach- und karminrote, indigoblaue und tief violette Töne häufig vertreten. Je nach Verbreitungsgebiet und je nach Art variiert die Färbung der Tiere. Der Mantel, der durchweg häutig oder lederartig ist, zeichnet sich durch tief purpurbraune Längsbinden aus, welche sich über das sonst weißliche oder gelbliche Capitulum (Köpfchen) bis auf den Pedunculus (Stiel) hinab erstrecken. Das Köpfchen kann auch ein sattes Violettbraun, fast einen pflaumenfarbigen Ton aufweisen, das sich dann besonders gegen den hellen gelblich weißlich gefärbten Pedunculus abhebt. Die zwischen den Schalen des Köpfchens ausgespannten Membranen von der Entenmuschel sind gleich der Oberhaut des Pedunculus lebhaft scharlachrot und purpurfarben und die Schalen selbst sind blendend weiß oder bläulich schiefergrau gefärbt.

Lebensweise

Entenmuschel
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Entenmuschel

Eine den meisten Rankenfußkrebsen gemeinsame Eigentümlichkeit ist es, das sie sich auf den ihnen als Unterlage dienenden Gegenständen, mögen sie nun leblos oder lebendig sein, gesellschaftlich vorfinden. Ausgenommen sind fast allein die sich auf Kosten anderer Tiere ernährenden Peltogastriden (Peltogastridae), welche gewöhnlich in einzelnen Individuen angetroffen werden. An den Nordseeküsten Frankreichs, Englands und Norwegens überziehen diese Tiere die Felsen weit und breit mit einer dichten Kruste. Der Grund dieses gesellschaftlichen und oft sogar massenhaften Aneinandersitzens ist zunächst in der außerordentlichen Fruchtbarkeit, in der gleichzeitigen Entwicklung mehrerer Hunderte und selbst Tausende von Embryonen zu suchen. Letztere werden sich bei Arten auf Felsen von ähnlichen fixen Gegenständen angeheftet finden, von dem Ort ihrer Geburt aller Wahrscheinlichkeit nach nicht weit entfernen und daher, so weit sie nicht anderen Individuen ihrer eigenen Art oder sonstigen Meerestieren zur Beute werden, in der Nähe ihrer Erzeuger nebeneinander Platz finden. Was zunächst die leblosen Gegenstände betrifft, auf welchen die Rankenfußkrebse angeheftet sind, so erstrecken sich dieselben fast auf alles, was eben davon im Meer konstant oder gelegentlich angetroffen wird.

In erster Linie kommen hier natürlich als Unterlage die Felsen der Meeresküsten in Betracht, welche zwischen der Grenze der höchsten Flut und der tiefsten Ebbe ganz allgemein vorwiegend und dicht gedrängt mit den Tieren besetzt sind. Im Grunde genommen wird jeder beliebige Gegenstand, welcher an den Küsten entweder schon unter Wasser liegt und durch sein Gewicht niedergehalten wird, wie Steine, leere Muschelschalen oder ins Wasser hineingeworfen und durch seine Schwere niedersinkt, wie Glas- und Tonscherben, Blechdosen, Ketten, Nägel, sehr bald durch die sich anheftenden Rankenfußkrebse in Beschlag genommen und häufig wie mit einer dichten Kruste von ihnen überzogen. Die in der Nähe des Ufers ankernden Schiffe, gestrandete Schiffe, Baumstämme oder Balken, welche vom Meer den Küsten zugetrieben werden und längere Zeit verbleiben, werden von ihnen besetzt, ebenso sind selbst dünne, noch mit Blättern versehene Baumzweige, Fragmente von Rohrschaften u. dergl. nicht selten mit Rankenfußkrebsen dicht besetzt.

Aufsitzende Entenmuscheln an Steinen
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Aufsitzende Entenmuscheln an Steinen

Manchmal sind es die Rankenfußkrebse selbst, welche anderen Arten ihrer Ordnung und anderen Individuen ihrer eigenen Art häufig als Ansatzfläche dienen. Bei den oft zu dichten Büscheln vereinigten Entenmuscheln sitzen die jüngeren Individuen in der Regel dem Pedunculus (Stiel) der älteren auf. Doch kommt es zuweilen auch vor, dass sich ein Exemplar an die Schalen des Capitulum eines anderen anheftet. Man findet ganz allgemein jüngere Individuen auf dem beschuppten Pedunculus (Stiel) älterer und ganz kleine auf dem entsprechenden Teil jener jüngeren angeheftet. Manchmal sind sie so gruppiert, dass sich ein zweites Indivdiuum in schräger Richtung an den Schalen des ersten und ein drittes auf die entgegengesetzte Seite des zweiten festsetzt. Es kommt auch vor, dass sogar durch enges Neben- und Aufeinandersitzen zahlreicher Individuen verschiedenster Form und Größe sich nicht selten hoch aufgetürmte Klumpen bilden. Bei der Vereinigung verschiedener Arten sitzt am häufigsten die eine Form der anderen, und zwar die kleinere und zartere der größeren und schwereren auf.

Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet der Entenmuschel befindet sich hauptsächlich entlang der Küste von Frankreich, Spanien (einschließlich Kanarische Inseln), Portugal, Marokko und im Süden bis Senegal. Des Weiteren befindet sich eine Population rund um die tropischen Kapverdischen Inseln bei etwa 16° N. Ferner erstreckt sich das Verbreitungsgebiet auch im Norden bis zu den Britischen Inseln mit umliegender Population an der Südküste von England und möglicherweise im Südwesten von Irland, obwohl es keine bisherigen Aufzeichnungen gibt. Die Art ist auch im Mittelmeer vorhanden, aber selten.

Ernährung

Die Entenmuschel ist ein Filtrierer, die mit ihrem komplexen Sortiment von Wimpern oder Härchen ihre Nahrung aus vorbeiströmendem Wasser herausfiltert und dadurch ein abwechslungsreiches Nahrungsspektrum aufweisen kann. Dazu zählen unter anderem Kieselalgen (Bacillariophyta), größere Krebstiere (Crustacea), Ruderfußkrebse (Copepoda), Caridea sowie Weichtiere (Mollusca).

Fortpflanzung

Cyprislarve
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Cyprislarve

Fast alle Thoraziken sind Zwitter - eine Anpassung an ihre seßhafte Lebensweise. Ihre Hoden umgeben im Brustabschnitt den Darmkanal, ihre Eierstöcke dagegen sind merkwürdigerweise in den Vorderkopf verlagert. Bei der Entenmuschel befinden sie sich daher im Stiel. Die reifen Eier gelangen in die Mantelhöhle, werden hier besamt und entwickeln sich hier zunächst zu einer frühen Larvenform, und zwar zu einer Naupliuslarve, die sich dann später zu einer Cyprislarve entwickelt und ins freie Wasser ausschwärmt. Sie kann nun im Geschwebe in ungeheuren Mengen auftreten. Die sich festsetzenden Cyprislarven besiedeln den Untergrund dann allzu dicht und die meisten erliegen der Raumnot. Die Larven sorgen dank ihrer freien Beweglichkeit für die Ausbreitung dieser Art. Doch hierzu tragen auch die an Treibholz und Schiffen sitzenden erwachsenen Tiere bei.

Im Laufe von mindestens einem Monat durchläuft die Larve sieben freischwimmende Stadien (sechs Nauplii und ein Cypris). Im Larvenstadium ähnelt die Larve durch seine Schalen einem Muschelkrebs und trägt nach der Muschelkrebsgattung Cypris daher den Namen Cyprislarve. Bei näherer Betrachtung ist diese Ähnlichkeit aber rein äußerlich. Die Schale der Cyprislarve ist nämlich nicht zweiklapprig und zieht ohne ein Schloß über den Rücken. Auch die Beine sind hier völlig anders ausgebildet. Es sind sechs Paar untereinander gleiche Spaltfüße. Der Hinterleib und das zweite Antennenpaar am Kopf sind rückgebildet. Das erste Antennenpaar der künftig festsitzenden Rankenfußkrebse hat je einen kräftigen Saugnapf. Mit diesen Saugnäpfen heftet sich die Cyprislarve fest, sobald sie eine dafür günstige Unterlage gefunden hat. Nachdem sie so seßhaft wurde, stellt sie auch die Nahrungsaufnahme ein und verfällt in einen Zustand der Ruhe, in dem sie sich innerlich tiefgreifend umwandelt. Man kann diesen Vorgang mit der Puppenruhe höherer Insekten (Insecta) vergleichen und man spricht daher von einer Cyprispuppe. Anfänglich ist die Schale noch weich. Sie lagert nun Kalk ein und bildet auf diese Weise gesetzmäßig angeordnete und recht verwickelt gebaute Platten. Díe sechs Brustbeinpaare wachsen zu vielgliedrigen, befiederten Rankenfüßen aus, die für die ständige Erneuerung des Atemwassers und damit für die Nahrungszufuhr sorgen. Bei der Anheftung hatte die Cyprislarve den freien bauchseitigen Schalenrand und die Beine dem Untergrund zugewandt. Während der Verwandlung dreht sich nun die Schale um einen rechten Winkel und der Körper des Tieres in ihr im Halbkreis, so dass sich am Ende der Rücken des Tieres dem Untergrund zukehrt und seine Bauchseite mit den Rankenfüßen von ihm abgewandt ist. Solche Umwälzungen im Verlauf des Seßhaftwerdens kennt man auch von anderen Tiergruppen, so zum Beispiel von den Kelchwürmern (Entoprocta) und den Seelilien und Haarsternen (Crinoidea).

Anhang

Literatur und Quellen

  • Prof. Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Prof. Dr. Bernhard Grzimek, Prof. Dr. Otto Koehler, Prof. Dr. Otto Kraus, Prof. Dr. Bernhard Rensch, Prof. Dr. Peter Rietschel und Prof. Dr. Erich Thenius: Grzimeks Tierleben. Niedere Tiere. Erster Band. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München Oktober 1993. ISBN 3-423-05970-2
  • Klassen und Ordnungen des Tierreichs: Gliederfüßler: Arthropoda. Fünfter Band. Von Dr. Heinrich G. Bronn und Dr. Karl Eduard Adolph Gerstäcker. Leipzig und Heidelberg. Winter'sche Verlagshandlung. 1866.
  • Archiv für Naturgeschichte, Band 2; Band 17. Gegründet von A. F. A. Wiegmann. Fortgesetzt von W. F. Erichson. In Verbindung mit Prof. Dr. Grisebach in Göttingen, Prof. Dr. von Siebold in Breslau, Prof. Dr. A. Wagner in München und Prof. Dr. Leuckart in Giessen. Herausgegeben von Dr. F. H. Troschel, Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn. Siebzehnter Jahrgang. Zweiter Band. Berlin 1851. Verlag der Nicolai'schen Buchhandlung.
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