Zweifarbfledermaus

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Zweifarbfledermaus

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Fledertiere (Chiroptera)
Unterordnung: Fledermäuse (Microchiroptera)
Überfamilie: Glattnasenartige (Vespertilionoidea)
Familie: Glattnasen (Vespertilionidae)
Unterfamilie: Eigentliche Glattnasen (Vespertilioninae)
Gattung: Zweifarbfledermäuse (Vespertilio)
Art: Zweifarbfledermaus
Wissenschaftlicher Name
Vespertilio murinus
Linnaeus, 1758

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Die Zweifarbfledermaus (Vespertilio murinus), die auch Europäische Zweifarbfledermaus genannt wird, zählt innerhalb der Familie der Glattnasen (Vespertilionidae) zur Gattung der Zweifarbfledermäuse (Vespertilio). Im Englischen wird diese Fledermaus Parti-coloured Bat oder Rearmouse genannt.

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Die ältesten fossilen Funde Zweifarbfledermäuse (Vespertilio) wurden auf das frühe Pleistozän datiert. Zwei von den drei gefundenen Arten sind heute nicht mehr rezent. Die ältesten Funde von Vespertilio murinus stammen im Wesentlichen aus Frankreich und Italien sowie einige stellen im erweiterten Zentraleuropa. Diese Funde stammen aus dem mittleren bis späten Pleistozän, weisen also ein Alter von 1,3 Millionen bis 100.000 Jahren auf. Zahlreiche Funde konnten auch auf das frühe Holozän datiert werden. Das Alter der Funde liegt dabei unterhalb von 10.000 Jahren.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die kleine aber robust gebaute Zweifarbfledermaus erreicht eine Körperlänge von 48 bis 64 Millimeter, eine Flügelspannweite von 270 bis 310 Millimeter, eine Schwanzlänge von 37 bis 44,5 Millimeter, eine Forderarmlänge von 41 bis 48,5 Millimeter sowie eine Ohrlänge von 12 bis 16,5 Millimeter. Das Gewicht schwankt je nach Jahreszeit zum Teil sehr stark. Es liegt bei den Männchen zwischen 9,8 und 21,2 Gramm, bei Weibchen zwischen 10,2 bis 23 Gramm. Männchen bleiben demnach ein wenig leichter als Weibchen. Das Patagium (Flughaut), die Ohren und das Gesicht sind schwarzbraun bis fast schwarz gefärbt. Dorsal weist das dichte Fell eine Länge von etwa 7 Millimeter auf. Es ist hellbraun bis bräunlich gefärbt. Ventral zeigt sich eine weißliche bis leicht cremefarbene Färbung. Die Ohren sind kurz, breit und von stehender Form, der Tragus (Knorpelmasse an der Ohrmuschel) ist kurz und schmal. Weibchen verfügen über 2 Paar Zitzen zum Säugen des Nachwuchses. Der lange und schlanke Penis der Männchen weist eine Länge von 7 bis 8 Millimeter auf. Der proximal gelegene Penisknochen (Baculum) ist relativ klein.

Der kurze, jedoch breite Schädel mit dem massiven Rostrum erreicht eine condylobasale Schädellänge von 14 bis 16 Millimeter und eine Jochbeinlänge von 9,5 bis 10,2 Millimeter. Das Gebiss besteht aus 32 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i2/3, c1/1, p1/2, m3/3. Zweifarbfledermäuse sind durchaus gute und gewandte Flieger. Ihr Flug wirkt schnell und geradlinig. Die Fliggeschwindigkeit liegt bei durchschnittlich 6 m/s. Sie fliegen üblicherweise in Höhen zwischen 20 und 40 Metern über dem Boden.

Lebensweise

Zweifarbfledermäuse, vor allem die Weibchen, sind gesellige und ausschließlich nachtaktive Tiere. Sie leben in kleinen bis mittelgroßen Kolonien mit 10 bis 100 adulten Tieren zuzüglich dem Nachwuchs. Bei den Kolonien handelt es sich meist um Weibchen und deren Nachwuchs. Männchen halten sich an ihren Schlafplätzen einzelgängerisch auf oder leben in kleinen Junggesellentrupps. Nur selten sind Gruppen mit Männchen in einer Stärke von bis zu 200 Individuen anzutreffen. Im zentralen und nördlichen Eurasien kehren die Weibchen von ihren Winterschlafplätzen zu den Sommerschlafplätzen zurück und gründen zusammen mit anderen Weibchen eine Fortpflanzungskolonie. Die Schlafplätze befinden sich in Häuser, Ruinen, Stallungen, unter Brücken oder an ähnlich geschützten Stellen. Aber auch natürliche Höhlen in Felsen und Baumhöhlen werden angenommen, wenn diese vorhanden sind. Außerhalb der Fortpflanzungszeit leben Zweifarbfledermäuse überwiegend einzelgängerisch oder in Kleinstgruppen. Ähnliches gilt für die Winterruhe, die an frostsicheren Plätzen abgehalten wird. Zur Orientierung nutzen Zweifarbfledermäuse die Echolokation. Die ausgesendeten Töne weisen eine Frequenz von 23 bis 25 kHz auf und erreichen eine Länge von rund 20 ms. Die Empfangenen Signale liegen meist um die 5 kHz. Mit sinkender Flughöhe sinken auch die Frequenzen auf etwa 20 kHz bei einer Signallänge von bis zu 10 ms.

Unterarten

Verbreitung

Zweifarbfledermäuse kommen in weiten Teilen Eurasiens vor. Im Nordden reicht das Verbreitungsgebiet vom südlichen Skandinavien, südlich bis nach Griechenland, östlich bis ins östlichen Asien. Sie sind insbesondere in Afghanistan, Bulgarien, China, Tschechische Republik, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Iran, Irak, Italien, Nord- und Südkorea, Lettland, Mongolei, Niederlande, Norwegen, Polen, Russland, Slowakei, Slowenien , Schweden, Türkei und England anzutreffen. Augrund des großen Verbreitungsgebietes werden zahlreiche, unterschiedliche Lebensräume besiedelt. Dies können landwirtschaftliche Flächen, lichte Wälder oder baumlose Steppengebiete sein. Geschlossene Habitate wie dichte Wälder werden nicht besiedelt.

Biozönose

Prädator: die Schleiereule (Tyto alba)
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Prädator: die Schleiereule (Tyto alba)

Prädatoren

Zu den natürlichen Fleischfressern zählen insbesondere nachtaktive Eulen (Strigiformes) wie der Uhu (Bubo bubo), die Schleiereule (Tyto alba) oder der Waldkauz (Strix aluco). Da Zweifarbfledermäuse auch in der Nähe des Menschen vorkommen, kann davon ausgegangen werden, dass auch Hauskatzen (Felis catus) und Haushunde zu den potentiellen Fleischfressern der Fledermäuse gehören.

Parasiten

Zu den nachgewiesenen Ekto- und Endoparasiten gehören Fledermausfliegen (Nycteribiidae) wie Nycteribia kolenatii sowie Flöhe (Siphonaptera) wie Ischnopsyllus obscurus und Ischnopsyllus dictaena, zahlreiche Zecken (Ixodida) und Milben (Acari).

Ernährung

Zweifarbfledermäuse sind eifrige Insektenfresser. Weit oben auf der Speisekarte stehen nachtaktive Schmetterlinge (Lepidoptera) und Käfer (Coleoptera). Die Beutetiere weisen üblicherweise eine Körperlänge von weniger als 10 Millimeter auf. Durch Magenanalysen konnte auch nachgewiesen werden, dass auch Blattläuse (Aphidoidea) gefressen werden. Die Jagd erfolgt ausschließlich in der Nacht.

Fortpflanzung

Die Zweifarbfledermaus erreicht die Geschlechtsreife mit gut einem Jahr. Die Paarungszeit beginnt in den natürlichen Verbreitungsgebieten im Herbst, also kurz vor der Winterruhe. Die embryonale Entwicklung beginnt aber nicht unmittelbar nach der Befruchtung, da zunächst eine mehrmonatige Keimruhe einsetzt. Die embryonale Entwicklung beginnt im Frühjahr, kurz nach der Winterruhe. Dies ist bei allen Fledermausarten zu beobachten, die einen Winterschlaf halten. Zu den Geburten kommt es zwischen dem späten Juni und dem frühen Juli.

Die eigentliche Tragezeit erstreckt sich über 60 bis 62 Tage. Das Weibchen bringt 1 bis 3 (2) Jungtiere zur Welt. In nördlichen Regionen wie Skandinavien weisen die Würfe meist 1 oder 2 Jungtiere auf. Das Gewicht der Neugeborenen beträgt dabei nur wenige Gramm. Das dichte und weiche Fell fehlt den Säuglingen noch und ihre Augen sind bei der Geburt noch geschlossen. Jedoch wachsen sie aufgrund der nährstoffreichen Milch sehr schnell heran.

Die Säugezeit erstreckt sich meist über 30 bis 35 Tage. Danach sind die Jungtiere flugfähig und selbständig. Während der Säugezeit hat ein Muttertier einen hohen Bedarf an Nährstoffen. So nimmt ein Weibchen Nacht für Nacht nahezu ihr eigenes Körpergewicht an Nahrung zu sich. Dies ist notwendig, um ausreichend Milch zu produzieren. Männchen haben mit der Aufzucht des Nachwuchses nichts zu tun. Bis zum Herbst müssen sich die Jungtiere eine dicke Fettschicht anfressen, um den ersten Winter zu überstehen. Dieses gelingt nur einem kleinen Teil der Jungtiere. Ein Großteil der Jungtiere verhungert im Winter oder fällt Raubtieren zum Opfer. Die Lebenserwartung der Zweifarbfledermäuse ist nicht bekannt.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Auch wenn die Zweifarbfledermaus insgesamt noch nicht zu den gefährdeten Arten gehört, so ist sie im westlichen Europa heute nur noch selten zu beobachten. In Deutschland steht die Art daher unter strengem Schutz. In der Roten Liste der IUCN wird die Zweifarbfledermaus als nicht gefährdet (LC, Least Concern) geführt. Zu den Gefährdungsfaktoren zählen vor allem die fehlenden Schlafplätze in den vom Menschen dicht besiedelten Regionen, die Habitatsfragmentierung sowie der übermäßige Pestizideinsatz in der modernen Landwirtschaft. Die Zweifarbfledermäuse nehmen die Pflanzenschutzmittel und Insektizide über die Nahrung auf und schädigen mitunter das Erbgut.

Anhang

Siehe auch

  • Hauptartikel: die Ordnung der Fledertiere (Chiroptera)

Literatur und Quellen

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