Fingertier

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Fingertier

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Feuchtnasenaffen (Strepsirhini)
Familie: Fingertiere (Daubentoniidae)
Gattung: Daubentonia
Art: Fingertier
Wissenschaftlicher Name
Daubentonia madagascariensis
Gmelin, 1788

IUCN-Status
Endangered (EN) - IUCN

Das Fingertier (Daubentonia madagascariensis), das auch Aye-Aye genannt wird, zählt innerhalb der Familie der Fingertiere (Daubentoniidae) zur Gattung Daubentonia. Es ist in der Familie der Fingertiere die einzige noch lebende Art. Das Riesenfingertier (Daubentonia robusta), Charles Lamberton, 1935, starb vor etwa 1.500 Jahren (1) aus. Fossile Funde stammen aus dem südlichen Madagaskar. Unklar ist, ob die Art aufgrund natürlicher Gründe oder durch Einwirkung des Menschen ausgestorben ist.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Das Fingertier erreicht eine Körperlänge von 30 bis 40 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 45 bis 55 Zentimeter sowie ein Gewicht von 2.400 bis 2.800 Gramm. Die Geschlechter weisen keinen nennenswerten Dimorphismus auf. Sowohl in ihrer Morphologie als in ihrem Verhalten gehören Fingertiere zu den seltsamsten Primaten, die nicht zu verwechseln sind. Ursprünglich hatte man sie sogar den Nagetieren zugeordnet. Das lange und struppig wirkende Fell ist überwiegend dunkelgraubraun bis fast schwarzbraun gefärbt. Die oben aufliegenden Grannenhaare sind gräulich gefärbt. Bemerkenswert ist auch der lange und überaus buschige Schwanz, der beim Klettern der Stabilisierung dient. Der kleine Kopf ist geprägt durch sehr große, stehende Ohren und durch eine leicht langgezogene Schnauze. Das Gesicht ist insgesamt deutlich heller gefärbt als das restliche Fell. Die ledrigen Ohren sind nackt und schwarz gefärbt. Die myteriös wirkenden Augen weisen einen schwärzlichen Augenring auf.

Das markanteste Merkmal der Fingertiere sind ihre in langen Fingern endenden Extremitäten. Der Mittelfinger an den Vorderbeinen ist dabei stark verlängert und erweckt einen knöchernen Eindruck. In der Fortbewegung scheinen diese langen Finger nicht hinderlich zu sein. Die einzelnen Zehen sind mit kräftigen Krallen versehen. Die langen Mittelfinger dienen zum Abklopfen von Rinde und Kokusnüssen. Anhand der abgegebenen Geräusche prüfen Fingertiere so eine lohnenswerte Futterquelle.
Präparat
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Präparat
Die Finger dienen auch dem Angeln von Nahrung durch kleine Löcher, die mit dem kräftigen Gebiss produziert wurden. Beim Klopfen erreicht ein Fingertier etwa drei Schläge pro Sekunde. Bei Kokusnüssen kann ein Fingertier am Klang erkennen, ob die Nuss Milch enthält oder nicht. Zu Einsatz kommt meist nur ein Finger, da Fingertiere sich mit der anderen Hand im Geäst der Bäume festhalten.

Weibchen verfügen über zwei Zitzen, die jedoch an einer ungewohnten Stelle sitzen. Sie sitzen nicht im Brustbereich, sondern in der Leistengegend. Eine weitere Besonderheit der Fingertiere ist die Nickhaut der Augen, die die Augen permanent feucht hält und schützt. Die Nickhaut schützt die Augen auch beim Aufbeissen von Rinde oder Kokusnüssen vor umherfliegenden Fasern. Der Sehsinn ist sehr gut entwickelt. Aber noch besser ist der Gehörsinn ausgeprägt. Mit dem Gehör kann er beim Klopfen nach Beutetiere selbst kleinste Nuancen der Töne unterscheiden. Das Gebiss ist sehr kräftig ausgebildet. Dies gilt vor allem für die Schneidezähne, die ein Leben lang nachwachsen. Mit ihnen kann ein Fingertier problemlos ein Loch in eine hartschalige Kokusnuss oder in Rinde nagen. Fingertiere gelten als gute Kletterer. Sie halten sich fast ausschließlich in den Bäumen auf. Mit den kleinen Krallen an den Zehen können sie sich sicher im Geäst der Bäume bewegen. Kleinere Distanzen von Baum zu Baum werden über Sprünge bewältigt. Durch die verlängerten Zehen ist ein Fingertier in der Lage, selbst kopfüber einen Baumstamm hinunter zu klettern.

Fressfeind: Fossa (Cryptoprocta ferox)
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Fressfeind: Fossa (Cryptoprocta ferox)

Lebensweise

Fingertiere gehören zu den nachtaktiven Feuchtnasenaffen (Strepsirhini). Am Tage schlafen sie in selbst gebauten Nestern im Kronendach der Bäume. Sie leben fast ausschließlich in den Bäumen, den Boden betreten sie allenfalls um einen Baum zu wechseln. Mit Einbruch der Dämmerung beginnt die Aktivitätsphase, die sich bis zum Morgengrauen hinzieht. Ihre Aktivität erstreckt sich über Fortbewegung, Fellpflege sowie Nahrungssuche und -aufnahme. Ein Teil ihrer Aktivität entfällt auch auf das Bauen und Reparieren von Nestern. Innerhalb ihres Reviers unterhalten Fingertiere zumeist mehrere Nester, die wechselnd genutzt werden. Ein Nest wird nur von einem Tier genutzt. Allenfalls bei Weibchen mit ihrem Nachwuchs sind zwei Tiere in einem Nest anzutreffen. Abgesehen von der Mutter-Kind-Bindung leben Fingertiere einzelgängerisch. Die Geschlechter treffen sich nur zur Paarung. Die Markierung des eigenen Reviers erfolgt über ein Sekret aus Drüsen, die sich im Kopf- und Halsbereich befinden. Ein Revier weist in der Regel eine Größe von 30 bis 40 Hektar auf. Bei Nahrungsmangel kann ein Revier aber auch deutlich größer sein. Zu den natürlichen Fressfeinden zählt nur die Fossa (Cryptoprocta ferox).

Verbreitung

Vorkommen

Illustration aus dem Kleinen Brehm (1892)
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Illustration aus dem Kleinen Brehm (1892)
Fingertier bei Nahrungsaufnahme
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Fingertier bei Nahrungsaufnahme
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Das Fingertier ist auf Madagaskar endemisch. Ursprünglich über weite Teile der Insel verbreitet, kommt es heute nur noch an wenigen Stellen vor. Das heutige Verbreitungsgebiet ist völlig zersplittert, da von dem ursprünglichen tropischen Regenwald auf Madagaskar heute kaum vier Prozent übriggeblieben sind. Die Brandrodung ging zu Gunsten von Lebensraum und Monokulturen. Im Süden der Insel ist das Fingertier bereits seit Jahrzehnten völlig verschwunden. Im Westen Madagaskars kommen die Tiere nur noch in einem sehr kleinen Gebiet vor. Eines der letzten noch halbwegs intakten Lebensräume ist der Nationalpark Nosy Mangabe im Nordosten Madagaskars in unmittelbarer Nähe zur Küste. Nosy Mangabe ist eine kleine Insel, der Nationalpark weist eine Größe von etwa 520 Hektar auf. Hier leben heute die letzten größeren Populationen.

Lebensraum

Fingertiere bewohnen ein Reihe von Lebensräumen, sie gelten als ausgesprochen anpassungsfähig. Sie leben sowohl in tropischen Regenwäldern, in Laubwäldern, an deren Ränder und in der Nähe zu landwirtschaftlichen Flachen wie Plantagen. Auch küstennahe Wälder und Mangrovensümpfe werden häufig bewohnt. Offene Lebensräume werden hingegen weitestgehend gemieden, nur selten sind sie auch in der offenen Savanne anzutreffen. Fingertiere bewohnen sowohl feuchte Gebiete als auch ausgesprochen trockene Habitate wie Trockenwälder im Nordosten Madagaskars. Auch Höhenlagen werden nicht gemieden. So kommen Fingertiere nicht nur in der Ebene vor, sondern auch in Höhenlagen bis in Höhen von über 1.800 Metern über NN. Ihre Nester entstehen an geschützter Stelle in den Kronen hoher Bäume. Höhen von 15 bis 20 Metern sind dabei keine Seltenheit.

Ernährung

Fingertiere gehören zu den Allesfressern. Neben Sämereien, Früchten, Pilzen und Nektar werden vor allem Insektenlarven gefressen. Die Zusammensetzung der Nahrung unterliegt dabei saisonalen Schwankungen. In der Nähe des Menschen suchen sie ihre Nahrung zum Ärgernis der Farmer auch auf Felder wie Kokusnussplantagen. Hier stehen vor allem die Kokusnüsse auf der Speisekarte. Auf Nahrungssuche gehen Fingertiere ausschließlich in der Nacht. Zu ihrer Leibspeise gehören Insekten und deren Larven. Im Laufe der Evolution hat das Fingertier körperliche Eigenschaften entwickelt, um an unter der Rinde verborgenen Larven zu kommen. Mit ihrem stark verlängerten Mittelfinger klopfen Fingertiere auf die Rinde. Anhand der Geräusche unterhalb der Rinde lokalisieren sie potentielle Beutetiere. Dazu nutzen sie ihr hochentwickeltes Gehör. Ist eine Larve geortet, so nutzt das Fingertier sein kräftiges Gebiss, um ein Loch in die Rinde zu beißen. Der lange Mittelfinger wird dann genutzt, um beispielsweise eine Larve durch dieses Loch zu angeln.

Fortpflanzung

Das Fingertier erreicht die Geschlechtsreife mit gut zwei bis drei Jahren. Die Paarungszeit der Fingertiere scheint in den tropischen Lebensräumen an keine bestimmte Jahreszeit gebunden. Jedoch treten die meisten Geburten in den Monaten Oktober bis November auf. Es kommt jedoch nur alle zwei bis drei Jahre zu einer Geburt. Dies stellt eine sehr geringe Reproduktionsrate dar. Nach einer Tragezeit von 160 bis 170 Tagen bringt ein Weibchen ein einzelnes Jungtier zur Welt. Die Geburt erfolgt in einem Baumnest, das in einer Astgabel hoch oben in den Baumkronen errichtet wird. Innerhalb eines Reviers werden in der Regel mehrere Nester unterhalten. Bei Gefahr wird ein Jungtier in ein anderes Nest getragen. Die Jungtiere sind bei der Geburt nur wenig entwickelt. Ihre Augen öffnen sie erst Anfang des dritten Lebensmonates. Die Säugezeit beträgt sieben bis acht Monate. Erst im Alter von etwa zwei Jahren ist es selbständig. Bis zu diesem Zeitpunkt hält sich ein Jungtier überwiegend im Nest auf und wird von der Mutter betreut. Die Lebenserwartung in Freiheit ist nicht bekannt. In Gefangenschaft kann ein Fingertier durchaus ein Alter von über 20 Jahren erreichen.

Madagaskar heute: endlose Monokulturen
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Madagaskar heute: endlose Monokulturen

Gefährdung und Schutz

Das Fingertier steht heute kurz vor der Ausrottung. Der Hauptgrund für die extrem starken Rückgänge der Populationen liegt insbesondere an der Zerstörung der natürlichen Lebensräume. Schneller als irgendwo anders in der Welt, verschwindet auf Madagaskar der Regenwald in einem rasanten Tempo. Grund ist mit Sicherheit die explosive Wachstumsrate der Bevölkerung. Vom ursprünglichen Regenwald sind auf Madagaskar heute nur noch vier Prozent vorhanden. Auch die massive Bejagung der Fingertiere hat zum Rückgang beigetragen. Bejagt werden die Tiere vor allem, weil sie gelegentlich in Plantagen nach Nahrung suchen und dabei Schaden anrichten können, der allerdings unerheblich ist. Bei den Eingeborenen gilt die Sichtung eines Fingertieres als schlechtes Omen und Unglücksbringer. Das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) stellt die Tiere in Anhang I unter weltweitem Schutz. In der Roten Liste der IUCN wird das Fingertier als stark gefährdet (Endangered, EN) geführt.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Thomas Geissmann: Vergleichende Primatologie. Springer Verlag, 2003, ISBN 3540436456
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
  • (1) Jeffrey P. Cohn: Madagascar's Mysterious Aye-Ayes. BioScience, Vol. 43, No. 10 (Nov., 1993), pp. 668-671

Links

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