Fresno-Kängururatte

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Fresno-Kängururatte

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha)
Familie: Taschenratten (Geomyidae)
Unterfamilie: Heteromyinae
Tribus: Dipodomyini
Gattung: Dipodomys
Art: Fresno-Kängururatte
Wissenschaftlicher Name
Dipodomys nitratoides
Merriam, 1894

IUCN-Status
Near Threatened (VU)

Die Fresno-Kängururatte (Dipodomys nitratoides) zählt innerhalb der Familie der Taschenratten (Geomyidae) zur Gattung Dipodomys. Im Englischen wird die Art Fresno kangaroo rat oder San Joaquin kangaroo rat genannt.

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Die ältesten fossilen Funde von rezenten oder ausgestorbenen Vertretern der Gattung Dipodomys und Prodipodomys reichen bis ins Pliozän (5,33 - 1,8 Mio. Jahren) zurück. Sie stammen im Wesentlichen aus dem westlichen Nordamerika. Von der hier beschriebenen Art, der Fresno-Kängururatte, sind keine fossilen Funde bekannt. Durch die Bildung der Bergkette im Laufe des frühen Quartär bzw. im frühen Pleistozän im zentralen Kalifornien wurden Populationen von Kängururatten von den nördlichen Vertretern (Dipodomys merriami) abgetrennt und es entstand im Laufe der Zeit eine eigene Art, die Fresno-Kängururatte. <1>

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Fresno-Kängururatte erreicht in der Nominatform eine Gesamtlänge von 23,5 bis 24 Zentimeter, eine Körperlänge von 9,7 bis 9,8 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 13,7 bis 14,7 Zentimeter, eine Hinterfußlänge von 3,49 bis 3,53 Zentimeter, eine Ohrlänge von 1,19 bis 1,21 Zentimeter sowie ein Gewicht von 39,6 bis 52,6 (43,9) Gramm. Die Hinterfußlänge entspricht 37% der Körperlänge, die Schwanzlänge rund 148% der Körperlänge. Weibchen bleiben ein wenig kleiner und leichter als Männchen. Die dorsalen Schutzhaare weisen eine Länge von 15 Millimeter und eine Dicke von bis zu 56 µ auf. Der Fellwechsel erfolgt jährlich, in der Regel zwischen Juli und Oktober. Das Fell weist dorsal eine dunkle, gelblichbraune Färbung auf. Ventral zeigt sich eine weißliche Färbung. Im Hüftbereich ist ein weißlicher Streifen erkennbar. Die Basis des Schwanzes ist ebenfalls weißlich gefärbt. Dorsal und ventral ist der Schwanz ansonsten schwärzlich gefärbt. In Aussehen und in der Morphologie unterscheidet sich die Fresno-Kängururatte kaum von den anderen Vertretern der Dipodomys. Im Zuge der Entwicklung der bipedalen Fortbewegung waren zahlreiche Anpassungen notwendig. Hier sind insbesondere der lange Schwanz, die langen Hinterbeine, der verkürzte Hals und der große Kopf zu nennen. Der große Kopf ist dorsal deutlich abgeflacht. Die Bullae, also die blasenartige Strukturen im Bereich des Schädels, sind deutlich erweitert. Die großen Augen sitzen weit oben, seitlich am Schädel. Deutlich hinter den Augen liegen die kleinen, rundlich geformten Ohren. Die vorderen Extremitäten sind im Vergleich zu den hinteren Extremitäten sehr kurz. Sie sind mit kräftigen Klauen versehen, die zum Graben dienen. Die hinteren Füße sind mit je 4 Zehen versehen. <2>

Lebensweise

Wie alle Kängururatten bewegen sich auch einzelgängerisch lebenden Fresno-Kängururatten auf zwei Beinen, also bipedal fort. In den Ruhephasen halten sich die Tiere in Erdbauten auf, die entweder selbst gegraben oder von anderen Tieren übernommen wurden. Die Erdbauten entstehen in der Regel in lockeren Bodenschichten. Sie verfügen über 2 bis 5 Ein- und Ausgänge. Die Gänge weisen einen Durchmesser von rund 5 Zentimeter auf und reichen bis in Tiefen von bis zu 40 Zentimeter. Zentraler Punkt eines Erdbaues ist die Wohnkammer, die mit weichen Pflanzenteilen ausgepolstert wird. Die Tiere leben in den Erdbauten einzelgängerisch. Eine Ausnahme ist ein Weibchen mit ihrem Nachwuchs. Eine soziale Interaktion findet darüber hinaus nicht statt. Fresno-Kängururatten sind demnach ausgesprochen territorial und verteidigen ihr Revier gegenüber Artgenossen energisch. Fresno-Kängururatten sind überwiegend nachtaktiv. Ein Indiz hierfür sind die recht großen Augen. Ein Winterschlaf wird nicht gehalten, die Aktivität erstreckt sich über das ganze Jahr. In der kalten Jahreszeit verlassen die Tiere ihre Bauten nur an wärmeren Tagen, um Hypothermie (Unterkühlung) zu vermeiden. <3>

Unterarten

Unterarten nach Wilson & Reeder, 2003 <11>

Verbreitung

Fresno-Kängururatten sind im zentralen Kalifornien, USA, endemisch. Die Tiere kommen ausschließlich im San Joaquin Valley in Kalifornien und einigen angrenzenden Tälern vor. Fresno-Kängururatten leben hauptsächlich im Grünland mit sandigen Böden. Für gewöhnlich halten sich die Tiere in Tallagen auf, selten auch bis in Höhen von rund 800 Meer über NN. Die Vegetation im Lebensraum ist durch Pfefferkraut (Lepidium latifolium) und Reiherschnäbel (Erodium) und ähnliche Pflanzen gekennzeichnet. <4>

Prädatoren und Parasiten

Prädator: Silberdachs (Taxidea taxus)
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Prädator: Silberdachs (Taxidea taxus)
Prädator: Langschwanzwiesel (Mustela frenata)
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Prädator: Langschwanzwiesel (Mustela frenata)

Prädatoren

Als Nagetier steht die Fresno-Kängururatte auf der Speisekarte zahlreicher Fressfeinde. Unter den Vögeln (Aves) ist dies vor allem die Schleiereulen (Tyto alba). Unter den räuberisch lebenden Säugetieren (Mammalia) stellen den Fresno-Kängururatten Silberdachse (Taxidea taxus), Kojoten (Canis latrans), Rotluchse (Lynx rufus), Langschwanzwiesel (Mustela frenata) und Großohr-Kitfüchse (Vulpes macrotis) nach. Auch unter den Kriechtieren (Reptilia) gibt es einige Feinde wie Wüstenkrötenechsen (Phrynosoma platyrhinos), Halsbandleguane (Crotaphytus), Gemeine Seitenfleckleguane (Uta stansburiana), Westliche Stachelleguane (Sceloporus occidentalis), Rennechsen (Cnemidophorus) sowie Schwarznattern (Coluber constrictor), Kiefernattern (Pituophis melanoleucus), Prärieklapperschlangen (Crotalus viridis), Langnasennattern (Rhinocheilus) und Gewöhnliche Königsnattern (Lampropeltis getula). <5>

Endo- und Ektoparasiten

Im Rahmen umfangreicher Feldforschungen konnten zahlreiche Ekto- und Endoparasiten nachgewiesen werden. Nachstehend eine grobe Übersicht: <6>

Flöhe (Siphonaptera)
Meringis parkeri, Monopsyllus wagneri, Thrassis aridis und Meringis californicus
Zecken (Ixodida)
Buntzecken (Dermacentor) wie Dermacentor parumapertus, Ixodes jellisoni
Weitere Milben (Acari)
Geomylichus multistriatus, Dermadelema mojavense,
Protozoen
Tritrichomonas muris
Bandwürmer (Cestoda)
Hymenolepis citelli

Ernährung

Nahrungsspektrum

Fresno-Kängururatten ernähren sich hauptsächlich als Körnerfresser (graniphag, von griechisch granum = Korn). Körner und Sämereien bilden demnach fast das gesamte Nahrungsspektrum. Zu einem kleinen Teil werden auch Stängel und andere grüne Pflanzenteile sowie Insekten (Insecta) und deren Larven gefressen. Je nach Jahreszeit liegt der Anteil tierischer Kost an der Gesamtnahrung bei 2 bis 10%. Weit oben auf der Speisekarte stehen die Sämereien und Körner der nachstehenden Pflanzen: Je nach Jahreszeit sind dies Reiherschnäbel (Erodium), Gewöhnliches Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris), Melden (Atriplex), Trespen (Bromus), Schwingel (Festuca), Hafer (Avena), Gerste (Hordeum), Meerträubel (Ephedra), Kressen (Lepidium) und Rispengräser (Poa). Fresno-Kängururatten gehen üblicherweise in der Nacht auf Nahrungssuche. Für die kalte Jahreszeit werden in den Erdbauten kleinere Vorratslager angelegt. Von den Vorräten zehren die Tiere im Winter. Im eigenen Revier werden jedoch auch mehrere oberirdische Vorratslager angelegt. Transportiert werden Sämereien in den Backenbeuteln. <7>

Nahrungskonkurrenten

Nahrungskonkurrent: Audubon-Baumwollschwanzkaninchen (Sylvilagus audubonii)
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Nahrungskonkurrent: Audubon-Baumwollschwanzkaninchen (Sylvilagus audubonii)

In ihren natürlichen Lebensräumen leben Fresno-Kängururatte in Lebensraum- und Nahrungskonkurrenz mit zahlreichen anderen Tieren. Hier sind insbesondere Seiden-Taschenmäuse (Perognathus), Kalifornische Ziesel (Spermophilus beecheyi), Gebirgs-Taschenratte (Thomomys bottae), Hirschmäuse (Peromyscus maniculatus), Audubon-Baumwollschwanzkaninchen (Sylvilagus audubonii), Eselhasen (Lepus californicus), Amerikanische Erntemäuse (Reithrodontomys) wie Reithrodontomys megalotis, Grashüpfermäuse (Onychomys) wie Onychomys torridus sowie Nelson-Antilopenziesel (Ammospermophilus nelsoni) zu nennen. <8>

Fortpflanzung

Fresno-Kängururatten erreichen die Geschlechtsreife im Alter von 82 Tagen. Die Paarungszeit in den natürlichen Verbreitungsgebieten beginnt im Dezember und erstreckt sich bis in den August hinein. In einer Saison kommt es meist zu 2, seltener auch zu 3 Würfen. Die Paarung erfolgt im Revier der Weibchen. Augrund von Beobachtungen hat man festgestellt, dass die Kopulation außerhalb der Erdbauten stattfindet. Die Kopulation erstreckt sich über 60 bis 150 Sekunden. Die Weibchen bringen nach einer Tragezeit von 32 Tagen 2 bis 3 (2,3) Jungtiere zur Welt. Die Geburt erfolgt in der Wohnhöhle des Weibchens. Das Nestinnere ist mit weichen Pflanzenteilen ausgepolstert. Der Nachwuchs weist ein durchschnittliches Geburtsgewicht von 4 Gramm auf. Die Jungen sind bei der Geburt bereits weit entwickelt. Die unteren Schneidezähne brechen am vierten Tag durch, die oberen am siebten Tag. Die Augen öffnen sich im Alter von 10 bis 11 Tagen, das erste Fell stellt sich im Alter von 6 bis 7 Tagen ein. Die Säugezeit erstreckt sich über 18 bis 21 Tage. Die adulte Größe und das Gewicht werden im Alter von 2,5 bis 3,0 Monaten erreicht. <9>

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Die Nominatform Dipodomys nitratoides nitratoides und eine zweite Unterart, Dipodomys nitratoides exilis, gelten heute als kritisch gefährdet und stehen kurz vor der Ausrottung. Die dritte Unterart, Dipodomys nitratoides brevinasus, gilt als gering gefährdet und wird in dieser Vorwarnstufe in der Roten Liste der IUCN geführt. Die Hauptgründe für die starke Gefährdung sind in der Zerstörung der natürlichen Lebensräume zu suchen. Vor allem die Viehwirtschaft und andere Aktivitäten der Farmer haben zu diesem Zustand beigetragen. Bereits vor 100 Jahren wurde die Art durch die Landwirtschaft bedroht. Anfang der 1900er Jahre galt die Art als ausgestorben. Erst im Jahre 1933 wurde die Fresno-Kängururatte wiederentdeckt. Heute umfasst das Hauptverbreitungsgebiet kaum 6.000 Hektar, das sich in 3 Große Bereiche unterteilt. Zu den weiteren Gefährdungsfaktoren gehören insbesondere Überschwemmungen, die entweder natürlich auftreten oder durch den Menschen ausgelöst werden. So brach beispielsweise im Jahre 1986 ein Damm auf der Südseite des San Joaquin River. Die nachfolgende Überschwemmung vernichtete weite Teile der Erdbauten und der Population der Tiere. Ein weiteres Problem stellt das Ausbringen von Rodentiziden dar. Rodentiziden sind chemische Mittel zur Bekämpfung von Nagetieren. <10>

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

Qualifizierte Weblinks

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