Gabelhornträger

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Gabelhornträger
Gabelbock-Männchen (Antilocapra americana)

Systematik
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Gabelhornträger
Wissenschaftlicher Name
Antilocapridae
Gray, 1866

Gabelhornträger (Antilocapridae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) und zur Unterordnung der Wiederkäuer (Ruminantia). In der Familie wird in einer Gattung nur eine rezente Art geführt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution und Entwicklung

Die Wurzeln der Gabelhornträger gehen zurück bis ins Miozän. Im Laufe der Evolution haben sich vom Miozän bis ins Pleistozän zahlreiche Gattungen entwickelt. Die höchste Diversität wurde dabei zwischen dem Pliozän und den Pleistozän erreicht. Einige fossile Funde ließen auf ein zum Teil bizarres Aussehen mit mehreren Hörner schließen. Die älteste bekannte Gattung ist Paracosoryx aus der Unterfamilie Cosorycinae. Paracosoryx entwickelte sich bereits im frühen Miozän. Gegen Ende der letzten Eiszeit starben bis auf die rezente Art alle anderen Vertreter der Gabelhornträger aus.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Gabelbock, der einzige rezente Vertreter der Gabelhornträger, erreicht je nach Unterart und Geschlecht eine Körperlänge von 100 bis 150 Zentimeter, eine Schulterhöhe von 81 bis 104 Zentimeter, eine Ohrlänge von 14,2 bis 14,3 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 7 bis 17,8 Zentimeter sowie ein Gewicht von 36 bis 70 (50) Kilogramm. Weibchen bleiben je nach Unterart und Population zwischen 10 und 25 Prozent kleiner und leichter als Männchen. Die mexikanischen Unterart, Antilocapra americana mexicana, ist die kleinste Unterart. Der Körperbau ist durchaus stämmig, die Gliedmaßen sind recht lang und schlank. Die langen und spitzen Hufe sind paarig und weisen Sohlenpolster auf und die Afterklauen fehlen vollständig. Das grobe Fell ist ausgesprochen dicht und verfügt über eine wärmende Unterwolle und deutlich gröberes Oberhaar bzw. Deckhaar. Es ist dorsal gelblichbraun bis rotbraun gefärbt. Ventral und lateral ist das Fell deutlich heller, fast weiß gefärbt. Der Hals ist vorne mit weißen Bändern gekennzeichnet. Auch das Gesicht weist bis auf den Nasenrücken eine weiße Färbung auf. Männchen lassen sich leicht an einer schwarzen Zeichnung in der Halsgegend erkennen. Beide Geschlechter tragen Hörner, die im Kern nicht abgeworfen werden. Lediglich die Hornscheiden werden jährlich erneuert. Die schwarz gefärbten Hörner stehen ungewöhnlich gerade und im rechten Winkel zum Nasenrücken auf dem Oberkopf. Beim Männchen erreichen die Hörner in etwa eine Länge von durchschnittlich 25 Zentimeter, beim Weibchen lediglich 12 Zentimeter. Bei den Männchen sind die vorderen Sprossen spitz nach vorne gerichtet, die hinteren Sprossen wachsen hakenförmig rückwärts. Die Hörner der Weibchen sind nicht gegabelt.

Junger Gabelbock
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Junger Gabelbock
Der Schädel weist eine Besonderheit auf: ihm fehlt der sagittale Kamm. Die Ohren liegen im hinteren Kopfbereich deutlich hinter den Hörnern und sind recht groß und von stehender Form. Das Gebiss der Gabelhornträger weist 32 Zähne auf, die zahnmedizinische Formel lautet i0/3, c0/1, p3/3, m3/3. Die ausgesprochen großen Augen, die eine schwarze Färbung und einen Durchmesser von etwa 5 Zentimeter aufweisen, liegen weit außen seitlich am Schädel. Damit haben Gabelhornträger ein Gesichtsfeld von nahezu 360 Grad. Die Augen sind durch lange Wimpern geschützt, die auch die Funktion einer Sonnenblende haben. Die Sinn sind gut entwickelt. Dies trifft vor allem auf den Sehsinn und den olfaktorischen Sinn zu. Gabelhornträger verfügen über zahlreiche Hautdrüsen. Männchen weisen 9 Hautdrüsen auf, beim Weibchen zeigen sich 6 Drüsen. Über die Drüse auf der Kruppe, also im Bereich zwischen Kreuz und Schwanzansatz, wird ein Warnsekret abgesondert. Das Sekret aus der Wangendrüsen dient der Reviermarkierung und spielt auch während der Brunft eine Rolle. Wie bei allen Wiederkäuern ist der Magen in 4 Kammern unterteilt.

Lebensweise

Auf der Suche nach Nahrung ziehen Gabelhornträger zum Teil weite Strecken umher. Im Winter deutlich mehr als in den warmen Monaten, in denen reichlich Nahrung vorhanden ist. Gabelhornträger leben im Winter in riesigen Herden von mehreren Dutzend bis weit über 100 Tieren. Es sind auch Herdengrößen von bis zu 1.000 Tieren bekannt. Die Herden sind gemischt geschlechtlich und umfassen alle Altersklassen. Im Frühjahr teilen sich die Herden in deutlich kleinere Gruppen, die auch getrennt geschlechtlich sind. Männchen sind zu dieser Zeit territorial und verteidigen ihr Revier gegen Artgenossen erbittert. Die Reviere können eine Größe von bis zu vier Quadratkilometer aufweisen und werden mit Urin markiert. Männliche Junggesellen bilden meist so genannte Junggesellengruppen. Während der Paarungszeit verteidigen Männchen Reviere, die eine Größe von 2,6 bis 5,2 km² aufweisen. Die Streifreviere der Mutter-Kind-Herden erreichen eine Größe von 6,3 bis 10,5 km² und überschneiden sich mit denen mehrerer Männchen.

Auf der Flucht können sie Geschwindigkeiten von bis zu 95 km/h erreichen, andere Autoren gehen von bis zu 86 km/h aus. Über längere Strecken erreichen die Tieren durchschnittlich eine Geschwindigkeit von rund 50 km/h. Bei den hohen Geschwindigkeiten werden zudem weite Sprünge erreicht, die Distanzen von 3,5 bis 6,0 Metern überbrücken können. Die weichen Sohlen der Füße federn beim Aufsetzen die Sprünge ab. Sie gelten damit als die schnellsten Säugetiere in Nordamerika. Die hohe Geschwindigkeit ist wahrscheinlich auf das Wettrüsten zwischen Räuber und Beute zurückzuführen. Im Pleistozän lebten in Nordamerika schnelle Räuber, die Amerikanischen Geparden (Miracinonyx). In Anpassung an deren hohen Laufgeschwindigkeiten passten sich die Gabelhornträger und erreichten ähnliche Geschwindigkeiten. Der Amerikanische Gepard ähnelt zwar dem rezenten Geparden (Acinonyx jubatus), jedoch wird er eher als Schwestertaxon des Puma (Puma concolor) angesehen.

Verbreitung

Das natürliche Verbreitungsgebiet der Gabelhornträger erstreckt sich über das nördliche Mexiko sowie über die westlichen Teile der USA und das südwestliche Kanadas. In Kanada werden die südlichen Teile der Provinzen Saskatchewan und Alberta besiedelt. Die Tiere leben hauptsächlich in den offenen Grassteppen, Buschland und Strauchsavannen, aber auch in Halbwüszen und den Randbereich arider Wüsten. Nur selten sind sie auch in lichten Nadelwäldern anzutreffen. In Höhenlagen kann man sie aber auch in Höhen von 3.353 Meter über NN. beobachten.

Prädatoren

Prädator: der Wolf (Canis lupus)
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Prädator: der Wolf (Canis lupus)

Gabelhornträger haben in ihren natürlichen Lebensräumen nur wenige Fleischfresser. Dazu gehören beispielsweise Wölfe (Canis lupus), der Kojote (Canis latrans) und gelegentlich der Puma (Puma concolor). Erwachsene Tiere fallen aufgrund der hohen Laufgeschwindigkeiten und ihrer Wehrhaftigkeit jedoch nur selten einem Fleischfresser zum Opfer. Potentielle Fleischfresser haben es eher auf Jungtiere oder alte und schwache Tiere abgesehen.

Ernährung

Gabelbockträger ernähren sich wie alle Wiederkäuer (Ruminantia) rein pflanzlich. Sie fressen fast ausschließlich Gräser, Kräuter, Blätter, junge Triebe und Knospen sowie Kakteen. Bei Nahrungsknappheit im Winter unternehmen sie bei ihrer Nahrungssuche meist weite Wanderungen. Gabelbockträger gehen sowohl am Tage als auch in der Dämmerung und in der Nacht auf Nahrungssuche. Sie sind hier sehr anpassungsfähig. Sie brauchen nur selten oder wenn das Nahrungsangebot ausreicht gar nicht zu trinken. Sie sind also nicht unbedingt auf Wasser angewiesen. In der Nähe des Menschen werden zum Leidwesen der Farmer auch Feldfrüchte gefressen.

Fortpflanzung

Gabelbock: Weibchen mit Jungtier
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Gabelbock: Weibchen mit Jungtier

Gabelhornträger erreichen die Geschlechtsreife im Alter von durchschnittlich 16 Monaten. Weibchen sind meist schon einige Monate vorher geschlechtsreife. Männchen erreichen die soziale Geschlechtsreife meist erst deutlich später, in der Regel mit 3 bis 5 Jahren. Erst dann sind sie ausgewachsen und können in den Rivalenkämpfen bestehen. Nur dominante und in Rivalenkämpfen erfolgreiche Männchen haben Zugang zu paarungsbereiten Weibchen. Die Paarungszeit liegt je nach Verbreitungsgebiet zwischen Juli und Oktober. Dabei kommt es in südlichen Verbreitungsgebieten meist ab Juli zu den ersten Paarungen. Während der Paarungszeit versuchen einzelne Männchen ein Harem aus Weibchen um sich zu scharen. Dabei kommt es zwischen rivalisierenden Männchen teils zu heftigen Gefechten. Ein Männchen paart sich mit allen Weibchen einer Gruppe, hat im folgenden aber nicht mit der Aufzucht der Jungen zu tun.

Nach einer Tragezeit von rund 252 Tagen bringt ein Weibchen 1 bis 2 Jungtiere zur Welt, wobei Zwillingsgeburten recht häufig auftreten,in einigen Populatiopnen sogar häufiger als einzelne Jungtiere. Ein Jungtier weist ein Geburtsgewicht von bis zu 2.000 bis 4.000 (3.500) Gramm auf. Das Fell weist eine gräuliche Färbung auf. Bereits am zweiten Lebenstag können Jungtiere ausgesprochen schnell rennen, jedoch fehlt ihnen noch die nötige Ausdauer. Dennoch verbringen die Jungtiere die ersten 3 Wochen verborgen im Dickicht. Die Mutter kommt während dieser Zeit mehrfach zum Säugen vorbei. Mit dem dritten Lebensmonat wandelt sich das Fell in die typische adulte Fellfärbung. Die Säugezeit beträgt etwa 4 bis 5 Monate, die Jungtiere nehmen aber auch ab und an schon feste Nahrung zu sich. Die Lebenserwartung liegt bei etwa 9 bis 11 Jahren, in Gefangenschaft bei bis zu 12 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Aufgrund des hohen Jagddrucks und der schleichenden Vernichtung der natürlichen Lebensräume ist der Gabelbock heute in seiner Art gefährdet. In der Roten Liste der IUCN wird die Art jedoch als nicht gefährdet (LC, Least concern) geführt. Insbesondere um die Unterarten Antilocapra americana peninsularis und Antilocapra americana sonoriensis steht es schlecht. A. a. sonoriensis gilt als stark (EN, Endangered) gefährdet, A. a. peninsularis gilt sogar als kritisch gefährdet (CR, Critically endangerd). Die Nominalform ist noch relativ häufig, aber auch deren Bestände sind stetig am sinken. In ihrem Lebensraum haben sie eine wichtige Rolle. Sie fressen Unkräuter und halten deren Ausbreitung klein. Alle drei Unterarten stehen aufgrund des Washingtoner Artenschutzabkommens, Anhang I, unter Schutz. Ursprünglich waren die Tiere über ganz Nordamerika verbreitet und im 19. Jahrhundert bevölkerten rund 35 Millionen Gabelböcke Nordamerika. Nachdem die Art bereits Anfang um 1924 kurz vor der Ausrottung standen, hatte man die Art unter Schutz gestellt. Die Bestände waren 1924 auf weniger als 20.000 Tiere geschrumpft. Aufgrund der Schutzmaßnahmen verzehnfachte sich der Bestand bis zum Jahre 1964. Heute gibt es insgesamt etwa 750.000 bis 1 Millionen Exemplare.

Systematik der Gabelhornträger

Ursprünglich rechnete man die Gabelhornträger wegen der Ähnlichkeit zu den Hornträger (Bovidae). Aufgrund neuerer morphologischer und molekularer Untersuchungen wurden sie jedoch in eine eigene Familie gestellt. Gabelhornträger werden heute als Schwestergruppe der Hirsche (Cervidae) angesehen.

Präparat eines männlichen Gabelbocks (Antilocapra americana)
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Präparat eines männlichen Gabelbocks (Antilocapra americana)

Anhang

Literatur und Quellen

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