Gabelschwanzseekühe

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Gabelschwanzseekühe
Dugong (Dugong dugon)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Seekühe (Sirenia)
Familie: Gabelschwanzseekühe
Wissenschaftlicher Name
Dugongidae
Gray, 1821

Gabelschwanzseekühe (Dugongidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Seekühe (Sirenia). In der Familie werden in 2 Gattungen eine rezente Art geführt. Eine weitere Art, die Stellers Seekuh (Hydrodamalis gigas), ist in der Neuzeit ausgestorben.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte der Entdeckung

Dugongs wurden von den ersten europäischen Kolonisten an der westlichen und östlichen Küste von Australien entdeckt. Wissenschaftlich beschrieben wurde die Art im Jahre 1776 von Philipp Ludwig Statius Müller. Erste Exemplate gelangten in den 1870ern in europäische Museen.

Verwandtschaft mit anderen Gruppen

Die nächsten rezenten Verwandten der Gabelschwanzseekühe sind nach einhelliger Meinung die Elefanten (Elephantidae). Seekühe bilden zusammen mit den Elefanten, den Schliefern (Hyracoidea) und den Röhrenzähner (Tubulidentata) eine monophyletische Gruppe. Die Ordnung der Seekühe (Sirenia) hat sich wahrscheinlich im mittleren Miozän in 2 Familien aufgespalten. Dies sind die Gabelschwanzseekühe und die Rundschwanzseekühe (Trichechidae). Ein gemeinsamer Vorfahre läßt sich bis ins Miozän und Oligozän rückverfolgen. Dugong und die Stellers Seekuh trennten sich innerhalb der Gattung vor etwa 4 bis 8 Millionen Jahren.

Fossile Funde

Die ersten fossilen Funde von Seekühen reichen bis in eozäne Ablagerungen. Funde stammen beispielsweise aus der Karibik und von der Insel Java. Seekühe erreichten ihren Zenit im Miozän. Zu dieser Zeit gab es mehr als 10 Arten, meist in monotypischen Gattungen. In Australien ist nur ein fossiler Fund dokumentiert. Dieser stammt aus dem Pliozän und wurde in einer Flussmündung gefunden.

Beschreibung

Externe Merkmale, Habitus

Beobachten aus der Ferne ist schwierig, da Dugongs einem Delfin ähneln. Dem Dugong fehlt jedoch eine Rückflosse. Dugongs wurden von den ersten europäischen Kolonisten an der westlichen und östlichen Küste von Australien entdeckt. Wissenschaftlich beschrieben wurde die Art im Jahre 1776 von Philipp Ludwig Statius Müller. Erste Exemplate gelangten in den 1870ern in europäische Museen. Auch der Kopf ist unverwechselbar, da das Maul ventral liegt. Das Maul ist zudem mit kräftigen Borsten besetzt. Die Haut ist gräulich, ventral zeigt sich eine graubraune Färbung. Die Augen sind klein und sitzen seitlich am Kopf. Die Ohren weisen keine Ohrmuscheln auf, es ist nur eine kleine Öffnung zu erkennen. Die Nasenlöcher stehen eng beieinander und liegen anterodorsal. Während des Tauchens sind die Nasenlöcher durch Klappen geschlossen. Die Flossen sind mit etwa 15% der Körperlänge recht kurz. Nägel sind an den Flossen keine vorhanden. Weibchen verfügen über 2 Paar Zitzen und sitzen im Bereich der Achsel (lat.: Axilla) direkt hinter den Flossen. Die Testikel (Hoden) der Männchen liegen abdominal. Dugongs erreichen bei einer Körperlänge von gut 4 m ein Gewicht von etwas mehr als einer Tonne. Die ausgestorbene Stellers Seekuh (Hydrodamalis gigas) erreichte sogar eine Länge von 788 cm und ein Gewicht von bis zu 9,5 to. Jungtiere des Dugongs kommen mit einer Länge von 110 bis 125 cm und einem Gewicht von bis zu 35 kg zur Welt.

Maße und Gewicht

Werte in Klammern beziehen sich auf Durchschnittswerte.

Deutscher Name Wissenschaftliche Bezeichnung Körperlänge Gewicht
Dugong Dugong dugon 240 bis 406 cm 203 bis 1.016 kg
Stellers Seekuh Hydrodamalis gigas bis 788 cm 4.000 - 9.500 kg

Skelett

Zwischen den Geschlechtern zeigt sich nur ein geringer Dimorphismus. Unterschieden werden können die Geschlechter insbesondere aufgrund des Zwischenkieferbeins (Praemaxillae), das beim Männchen kräftiger und robuster ausgebildet ist. Das Skelett besteht aus äußerst dichten Knochen. Durch diese Eigenschaft überwinden Gabelschwanzseekühe die Auftriebsprobleme. Selbst im Salzwasser können die Tiere problemlos am Boden grasen. Gabelschwanzseekühe verfügen über 60 Wirbel, die sich in 7 Halswirbel (Cervical vertebrae), 17 bis 19 Brustwirbel (Thoracic vertebrae), 4 Lendenwirbel (Lumbar vertebrae), 1 Kreuzbeinwirbel (Sacral vertebrae) und 28 bis 29 Steißbeinwirbel (Coccygeal vertebrae) gliedern. Das Brustbein ist reduziert, der Beckengürtel ist rudimentär vorhanden.

Exkretion

Der Urin der Gabelschwanzseekühe enthält 15-mal mehr Chlorid (Cl, 17) und 30-mal mehr Natrium (Na, 11) als Pflanzenfresser, die terrestrische Pflanzen fressen. Im Gegensatz zu Rundschwanzseekühen scheinen Gabelschwanzseekühe physiologisch von Süßwasser unabhängig zu sein. Die Nieren der Dugongs haben eine längliche Form. Die Nieren der Wale weisen beispielsweise eine gelappte Form auf. Untersuchungen zeigen, dass die Nieren der Dugongs interessanterweise jenen der Kamelartigen (Camelidae) und Pferde (Equidae) ähneln.

Sinne und zentrales Nervensystem

Das Gehirn der Gabelschwanzseekühe ist mit 250 bis 300 g relativ klein. Dies entspricht etwa 0,1% des Körpergewichtes. Die Corpora quadrigemina ist gut entwickelt und lässt auf eine hohe Gehörempfindlichkeit schließen. Ebenfalls gut entwickelt ist das Kleinhirn. Der Sehsinn ist nur mäßig entwickelt.

Fortbewegung

Die Flossen sind das Hauptorgan der Fortbewegung. Sie arbeiten senkrecht mit langsamen aber mächtigen Schlägen. Richtungsänderungen erfolgen durch Drehen der Flossen. Ohne Pause kann eine Seekuh leicht einen Kilometer schwimmen. Dabei können Geschwindigkeiten von 10 - 12 Knoten erreicht werden. Für gewöhnlich sind Seekühe jedoch äußerst gemächliche Schwimmer. Jungtiere schwimmen stets in unmittelbarer Nähe zur Mutter.

Lebensweise und Verhalten

Gabelschanzseekühe gelten als soziale Tiere. Dugongs leben nicht selten in Herden von mehreren Hundert Individuen. Eine lang anhaltende soziale Bindung zeigt sich jedoch nur zwischen einer Mutter und ihrem Jungtier. Da es sich bei den Dugongs um Herdentiere handelt, geht man von einem gewissen Grad an Kommunikation untereinander aus. Die Töne liegen im Frequenzbereich von 1 bis 8 kHz. Die Geburt findet grundsätzlich in seichtem Wasser statt. Meist liegt das Muttertier dabei auf dem Grund. Die soziale Bindung zwischen Mutter und Jungtier ist äußerst eng. Ein Jungtier befindet sich beim Säugen horizontal zur Mutter. Die Jungtiere säugen an den Zitzen in der axillaren Region. Gabelschwanzseekühe sind Säugetiere und sind auf Atemluft angewiesen. Ihre Tauchgänge dauern Untersuchungen zufolge zwischen 73 und 400 sec.

Verbreitung

Dugongs sind in weiten Teilen des Indischen Ozeans und des südwestlichen Pazifiks verbreitet. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Madagaskar über die afrikanische Ostküste, dem Roten Meer, der Ostküste Indiens bis nach Südostasien, Australien und Ozeanien. Die Tiere leben grundsätzlich in den tropischen Gezeitenzonen flacher Küstengewässer. Stellers Seekühe lebten in den polaren Gewässern des Nordpazifik, insbesondere in der Beringsee. Damit waren Stellers Seekühe die einzigen Seekühe, die in kalten Gewässern lebten. Dugongs halten sich üblicherweise in seichten Buchten, Riffen und Untiefen auf. Hier liegen auch die Nahrungsgründe, die Seegraswiesen, der Tiere. Nur selten bewegen sich Dugongs auf die offene See. Satelittenmessungen haben ergeben, dass sich einzelne Tiere bis zu 58 km von der Küste entfernen. Wanderungen sind bei den Dugongs nicht bekannt.

Biozönose

Prädatoren

Über natürliche Feinde der Gabelschwanzseekühe liegen nur wenige und unzureichende Daten vor. Dugongs werden gelegentlich von Haien (Galeomorphii) und anderen küstennahen Räubern wie dem Großen Schwertwal (Orcinus orca) gerissen. Dies belegen insbesondere Narben auf der Haut der Seekühe.

Parasiten und Krankheiten

Untersuchungen zufolge sind eine Art der Fadenwürmer (Nematoda) und 19 Arten der Saugwürmer (Trematoda) identifiziert worden. An in Gefangenschaft lebenden Dugongs wurden bislang Krankheiten der Haut, Darmkrankheiten, und Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse diagnostiziert. Eine Darmsalmonellose führte bei einem Tier im Aquarium zum Tode. Eine Salmonellose ist eine von Salmonellen verursachte infektiöse Gastroenteritis.

Ernährung

Gabelschwanzseekühe sind reine Pflanzenfresser. Analysen des Magen- und Darmtraktes haben ergeben, dass ein breites Spektrum an tropischen und subtropischen Seegräsern die Nahrungsgrundlage bildet. Die Pflanzen stammen hauptsächlich aus den Familien der Laichkrautgewächse (Potamogetonaceae) und der Froschbissgewächse (Hydrocharitaceae). Es handelt sich hauptsächlich um die Gattungen Amphibolis, Enhalus, Cymodocea, Halophila, Halodule, Syringodium, Thalassia, Thalassodendron und Zostera. Die Pflanzen der Seegras-Gattungen Halophila und Halodule zählen offensichtlich zur Hauptnahrung. Zu einem kleinen Teil werden auch Algen gefressen.

Die Organe der Nahrungsaufnahme und des Magen- und Darmtraktes sind auf die Ernärung als Pflanzenfresser ausgelegt. Nahrungsgraundlage sind benthische Seegraswiesen. Das Maul steht nach ventral und ermöglicht so ein optimales Abweiden von Seegräsern. Die Oberlippe ist ausgesprochen groß, wulstig und ist hufeisenartig geformt. Dicke, sensorische Tasthaare führen die Tiere an die Nahrung heran. Bei juvenilen Tieren sind 2 Paar Schneidezähne vorhanden. Diese sind bei adulten Tiere nicht mehr vorhanden. Als funktionelle Zähne können nur die Molaren angesehen werden. Die mit den Lippen abgezupfte Nahrung wird zwischen den Molaren zermahlen. Der Magen der Dugongs ist einfach aufgebaut. Ein kleiner Blinddarm tritt an der Kreuzung des Dünn- und Dickdarms auf. Der Dickdarm kann eine Länge von bis zu 25 m aufweisen. Damit hat der Dickdarm die 2,5-fache Länge wie der Dünndarm. Im Blinddarm und im Dickdarm erfolgt die Hauptzersetzung der Nahrung.

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife erreichen beide Geschlechter frühestens im Alter von 9 bis 10 Jahren, spätestens nach 15 Jahren. Das Lebensalter wird auf bis zu 73 Jahre geschätzt. Dies belegen Untersuchungen der Zähne von verendeten Tieren. Der Intervall zwischen 2 Geburten liegt bei 3 bis 7 Jahren. Die Tragezeit wird auf etwa 12 - 14 Monate geschätzt. In den tropischen Gewässern erstreckt sich die Paarungszeit über das ganze Jahr. Viele Geburten fallen jedoch in den Zeitraum von Juli bis September. Das Kalb weist eine Länge von 100 bis 120 Zentimeter sowie ein Gewicht von bis zu 35 Kilogramm auf. Unmittelbar nach der Geburt drückt die Mutter ihr Junges an die Wasseroberfläche, damit es atmen kann. Das Jungtier reitet meist auf dem Rücken der Mutter. Ab dem dritten oder vierten Lebensmonat nehmen die Jungtiere zusätzlich zur Muttermilch auch schon feste Nahrung zu sich. Die Säugezeit erstreckt sich in der Regel über maximal 18 Monate. Der Säugevorgang erfolgt unter Wasser.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Der Mensch hat den Gabelschwanzseekühen seit je her nachgestellt. In einigen Regionen werden die Tiere auch heute noch gejagt und haben bei Zeremonien, in der lokalen Religion und Kutur eine entscheidende Bedeutung. Gejagt werden die Tiere wegen Fleisch und Öl. Dem Öl wird heilende Fähigkeiten nachgesagt. Wissenschaftlich belegt ist dies jedoch nicht. Der Dugong ist heute in seiner Art bedroht. Die Knochen und die Zähne finden im Kunsthandwerk Verwendung. Teile des Dugongs gelangen über den Handel auch in die traditionelle chinesische Medizin. Im Washingtoner Artenschutzabkommen wird die Art in Anhang I geführt. Die Rote Liste der IUCN weist den Dugong als gefährdet aus (VU, vulnerable). In Australien dürfen heute nur die Einheimischen einige Tiere jagen. Ansonsten ist die Bejagung verboten.

Systematik der Gabelschwanzseekühe

Ausgestorben: die Stellers Seekuh (Hydrodamalis gigas)
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Ausgestorben: die Stellers Seekuh (Hydrodamalis gigas)

Familie: Gabelschwanzseekühe (Dugongidae)

Gattung: Dugong
Art: Dugong (Dugong dugon)
Gattung: Hydrodamalis
Art: Stellers Seekuh (Hydrodamalis gigas)

Anhang

Literatur und Quellen

  • HELENE MARSH: Fauna of Australia: Mammals, Vol Ib: 001, Australian Govt Pub Service, 1989 (engl.) ISBN 978-0644077095
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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