Gangesgavial

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Gangesgavial

Systematik
Klasse: Reptilien (Reptilia)
Ordnung: Krokodile (Crocodylia)
Unterordnung: Vollkrokodile (Eusuchia)
Familie: Gaviale (Gavialidae)
Gattung: Gangesgaviale (Gavialis)
Art: Gangesgavial
Wissenschaftlicher Name
Gavialis gangeticus
Gmelin, 1789

IUCN-Status
Endangered (EN) - IUCN

Der Gangesgavial (Gavialis gangeticus) zählt innerhalb der Familie der Gaviale (Gavialidae) zur Gattung der Gangesgaviale (Gavialis).

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Gangesgavial gehört zu den längsten Krokodilen überhaupt. Er erreicht eine durchschnittliche Länge von 350 bis 450 Zentimeter, in seltenen Fällen aber auch deutlich über 500 Zentimeter. Das Gewicht liegt bei 160 bis 190 Kilogramm. Weibchen bleiben im allgemeinen etwas kleiner und schmächtiger als Männchen. Die kräftige und glatte Beschuppung und die Hornplatten auf der dorsalen Seite weisen eine gräuliche bis olivgraue Färbung auf. Dunkle Bänder können sich über den gesamten Panzer hinziehen. Die einzelnen Schuppen weisen dabei keine Überlagerung auf. Lateral weisen die Schuppen eine geringere Größe und eine eher rundliche Form auf. Die Schuppen auf dem Rücken sind überwiegend von rechteckiger Form. Die Bauchseite ist nicht beschuppt. Bezogen auf die Kopflänge verfügt der Gangesgavial über die längste Schnauze innerhalb der Ordnung der Krokodile. Sie ist auf der gesamten Länge ausgesprochen schmal. Sowohl die Zähne im Ober- als auch im Unterkiefer sind auch bei geschlossenem Maul gut sichtbar. Die Zähne sind spitz zulaufend und weisen leicht nach hinten.

Der sehr lange Schwanz ist seitlich deutlich abgeflacht, auf dem Schwanzrücken stehen Hornplatten seitlich ab. Die Hornplatten können allerdings auch aufrechtstehend sein. Die rundlichen Augen liegen auf der Kopfoberseite und weisen in seitlicher Richtung. Die Pupille ist senkrecht geschlitzt und verengt sich bei Lichteinfall. Hinter der Netzhaut des Auges befindet sich eine reflektierende Schicht, das sogenannte Tapetum lucidum, die es dem Gangesgavial ermöglicht auch in der Nacht zu sehen. Unter Wasser wird das Auge durch eine Nickhaut geschützt. Auch die Hörfähigkeit ist hoch entwickelt. Insbesondere niederfrequente Töne werden besonders gut wahrgenommen. Gleiches gilt für Töne im Ultraschallbereich. Unter Wasser sind die Ohren geschlossen. Ein spezieller Muskel verschließt dabei den Gehörkanal.

Markantes Merkmal der Männchen ist der knopfartige Fortsatz auf der Spitze des Maules (siehe Bild unten im Kapitel Fortpflanzung). Welchen genauen Sinn dieser Fortsatz erfüllt, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Man glaubt jedoch, der Fortsatz dient während der Balz als Imponiergehabe.

Verhalten

Allgemeines
Wie alle Reptilien, so gehört auch der Gangesgavial zu den wechselwarmen Tieren, die durch Sonnenbaden erst auf Betriebstemperatur kommen müssen. Zum Sonnenbaden gehen sie an Land und bleiben hier teilweise stundenlang in der Sonne liegen. Die Dauer ist natürlich abhängig von den klimatischen Verhältnissen. Die Mittagszeit verbringen Gangesgaviale allerdings im Wasser.
Gangesgarvial beim Sonnenbaden
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Gangesgarvial beim Sonnenbaden
In den frühen Morgenstunden sind sie recht träge. Mit steigender Körpertemperatur steigt die Beweglichkeit und setzt auch die Verdauung in Gang. Drohen Gangesgaviale zu überhitzen, so sperren sie charakteristisch ihr Maul auf. So gelangt kühlere Luft vor allem in den Kopfbereich und kühlt ihn leicht herab. Ansonsten begeben sich die Tiere bei zu hoher Körpertemperatur ins Wasser zurück.

Gangesgaviale verfügen über relativ schwach entwickelte Extremitäten, die den Körper an Land nicht tragen können. Sie schieben sich an Land mehr oder weniger auf dem Bauch liegend voran. Im Wasser sind sie allerdings gewandte Schwimmer. Zwischen den Zehen zeigen sich sichtbare Schwimmhäute. Der kräftige Schwanz dient als Antriebs- und Steuerorgan. An Land kommen Gangesgaviale in der Regel nur zum Sonnenbaden und die Weibchen zur Eiablage.

Sozialverhalten
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Gangesgaviale sind gesellige Reptilien. Sie leben in der Regel in kleinen Haremsgruppen, die aus einem dominanten Männchen und einigen Weibchen bestehen. An Land, beim Sonnenbaden, werden aber Artgenossen geduldet. Männchen ohne eignen Harem leben eher einzelgängerisch. Vor allem während der Paarungszeit, die sich über die Trockenzeit erstreckt, sind die Männchen ausgesprochen territorial und dulden keine männlichen und geschlechtsreifen Rivalen in ihrem Revier. Jungtiere werden allerdings geduldet. Weibchen sind nur territorial wenn es um ihr Gelege geht. Dieses wird erbittert verteidigt. Ansonsten leben Weibchen friedlich nebeneinander.

Verbreitung

Der Gangesgavial kommt heute nur noch in kleinen Gebieten in Pakistan, dem nördlichen Indien und in Nepal vor. Ursprünglich kam die Art auch in Bangladesh, Bhutan und Myanmar vor. Dort wurde der Gangesgavial mittlerweile ausgerottet. Die letzten Rückzugspunkte sind heute der Ganges sowie dessen Zuflüsse Chambal und Brahmaputra. In Nepal lebt der Gangesgavial noch am Fluss Rapti-Narayani. Langsam und schnell fließende Gewässer mit nicht zu geringer Tiefe und ausgedehnten, sandigen Ufern werden bevorzugt bewohnt. Jungtiere halten sich im ersten Lebensjahr hauptsächlich in dichter Ufervegetation auf.

Ernährung

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Gangesgaviale ernähren sich im wesentlichen von Fischen, jedoch werden hin und wieder auch im Wasser schwimmende Vögel und Kleinsäuger erbeutet. Selbst Amphibien und kleinere Reptilien wie Weichschildkröten werden nicht verschmäht. Jungtiere ernähren sich von kleinen Fischchen und wirbellosen Tieren. Gangesgaviale sind hauptsächlich Lauerjäger, die oft stundenlang warten können bis sich ein Beutetier in erreichbarer Nähe befindet. Mit einer schnellen Kopfbewegung schnappen sie dann beispielsweise nach einem Fisch. Hin und wieder werden kleine Steine geschluckt, die der Verdauung im Magen dienen. Dies ist notwendig, da die Tiere ihre Beute im Ganzen verschlingen und durch die Steine im Magen die Nahrung zermalen wird. Eher selten gehen Gangesgaviale aktiv auf Nahrungssuche.

Fortpflanzung

Balz und Paarung

Die Paarungszeit beginnt während der Trockenzeit, dies kann in der Regel ab Dezember der Fall sein, jedoch kommt es in der Regel nicht vor Ende Januar, meist erst im Februar zur Paarung. Forscher haben festgestellt, dass die Balz zum einen durch die hormonelle Steuerung sowie durch kürzer werdende Tageslänge eingeläutet wird. Während der Balz präsentieren die Geschlechter ihre Schnauzen,
typische Haltung während der Balz
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typische Haltung während der Balz
die sie demonstrativ in die Höhe halten. Weitere Merkmale der Balz sind sehr tiefe Töne, die vom Männchen ausgehen und Vibrationen im Wasser auslösen. Die eigentliche Paarung erfolgt unter Wasser und kann sich über 20 bis 30 Minuten erstrecken. Die Geschlechter führen eine polygame Ehe, dass heißt, ein Männchen begattet alle Weibchen seines Harems. Mit der Aufzucht und dem Schutz der Gelege hat er im folgenden nichts zu tun.

Eiablage und Gelege

Zur Eiablage kommt es zumeist Anfang April. Das Weibchen sucht sich am Ufer einen geeigneten Eiablageplatz, der in der Regel von ihr jährlich erneut aufgesucht wird. Mit den hinteren Beinen gräbt sie im lockeren und sandigen Erdreich eine Mulde, die eine Tiefe von 40 bis 50 Zentimeter aufweisen kann. In diese Mulde legt das Weibchen nun ihre Eier hinein. Die Anzahl der Eier richtet sich nach dem Alter und dem Ernährungszustand eines Weibchens. Unterm Strich gilt; je älter, desto größer kann ein Gelege sein. Junge Weibchen legen meist zwischen 15 und 30 Eier, altere Weibchen meist zwischen 40 und 70 Eier. Es kann aber auch gelegentlich zu größeren Gelegen kommen, die dann bis zu 100 Eier enthalten können. Ein Ei hat in etwa ein Gewicht von rund 120 bis 150 Gramm. Nach erfolgter Eiablage bedeckt das Weibchen die Eier mit Sand. Sie schützt in der nun folgenden Brutphase das Gelege gegen Eindringlinge und Fressfeinde. Das Männchen ist am Schutz des Geleges nicht beteiligt. Die Brutdauer richtet sich nach der Umgebungstemperatur und der Witterung. Je höher die Temperatur, desto kürzer die Brutdauer. In der Regel schlüpfen die Jungtiere nach 60 bis 100 Tagen. Während der gesamten Zeit wacht das Weibchen über das Gelege.

Schlüpflinge

Die geschlüpften Jungtiere kämpfen sich durch den Sand an die Erdoberfläche. Sie weisen eine Länge von 35 bis 38 Zentimeter sowie ein Gewicht von 80 bis 130 Gramm auf. Je nach Bruttemperatur schlüpfen überwiegend Weibchen oder Männchen. Bei Temperaturen von über 30 Grad schlüpfen überwiegend Männchen, darunter eher Weibchen. Die Mutter wacht während dieser Phase über die Schlupfaktivitäten der Kleinen und begleitet sie ins sichere Wasser. Sie trägt die Jungtiere nicht mit ihrem Maul ins Wasser, wie es beispielsweise bei anderen Krokodilarten wie dem Leistenkrokodil üblich ist. In den ersten Wochen bleiben die Jungtiere in der Nähe der Mutter und genießen noch ihren Schutz. Ab der vierten oder fünften Woche sind sie dann selbständig und suchen in der Ufervegetation nach Schutz. Sie ernähren sich von kleinen Fischchen und wirbellosen Tieren, die sie im Wasser erbeuten.

Weitere Entwicklung

Die Jungtiere wachsen nur langsam heran, aber im zweiten Lebensjahr haben sie eine Länge erreicht, mit der sie keine Fressfeinde mehr zu befürchten haben. Die Geschlechtsreife wird erst sehr spät erreicht. Weibchen erreichen die Geschlechtsreife mit durchschnittlich acht bis zehn Jahren, Männchen hingegen erst mit frühestens 15 Jahren. Dies entspricht in etwa einer Körperlänge von 300 bis 380 Zentimeter. Beim Männchen bildet sich der knopfartige Fortsatz auf der Spitze des Maules mit beginnender Geschlechtsreife aus. Gangesgaviale wachsen wie alle Reptilien ein Leben lang. Die genaue Lebenserwartung ist nicht bekannt, aber aufgrund der späten Geschlechtsreife geht man von einer Lebenserwartung von deutlich über 50 Jahren aus.

Gefährdung und Schutz

Gangesgaviale gehören heute zu den stark gefährdeten Reptilienarten. In der Roten Liste der IUCN werden sie als stark gefährdet geführt (EN, Endangered). Das Washingtoner Artenschutzabkommen stellt die Gangesgaviale in Anhang I unter weltweitem Schutz. Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts wurden die Tiere stark bejagt und standen kurz vor der totalen Ausrottung. In einigen Verbreitungsgebieten wie Myanmar und Bangladesh hat die Art nicht überlebt. Die Art wurde dann unter Schutz gestellt. Und das keine Sekunde zu spät, denn es existierten nur noch wenige Dutzend Tiere. Heute leben im nördlichen Teil von Indien nach aktuellen Schätzungen 1.400 bis 1.500 Tier, in Pakistan und Nepal zusätzlich noch um die 200 Individuen. Aufgrund dieser niedrigen Bestandszahlen ist eine Arterhaltung nur möglich, wenn sie strengstens geschützt wird. Dies ist allerdings in weiten Teilen der Verbreitungsgebiete nicht der Fall. Auch heute noch wird den Tieren wegen der Haut und des Fleisches nachgestellt. Auch die Vernichtung der natürlichen Lebensräume, die Aufstauung von Flüssen, die Überfischung der Gewässer und die anhaltende Wasserverschmutzung setzen dem Gangesgavial zu. Auch nicht durch den Menschen beeinflussbare Faktoren wie Überschwemmungen durch Monsunregen oder die Gelegeverluste durch Fressfeinde setzen die Art unter Druck.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Reinhard Radke, Krokodile. Expeditionen zu den Erben der Dinosaurier, Taschenbuch, Lübbe; Auflage: 1 (Oktober 2002) - ISBN 3785721056
  • Gunther Köhler, Krokodile Schildkröten Echsen, Herpeton; Auflage: 1. Aufl. (2000) - ISBN 3980621405
  • Günther Nietzke, Die Terrarientiere, Bd.3, Krokodile und Schlangen, Ulmer (Eugen); Auflage: 4., (Januar 2002) - ISBN 3800174596
  • Barbara Taylor, Krokodile, Franckh-Kosmos Verlag (2001) - ISBN 3440085481
  • Ludwig Trutnau, Krokodile, Taschenbuch, Westarp Wissenschaften, 2005 - ISBN 3894324201
  • Charles A. Ross, Krokodile und Alligatoren. Entwicklung, Biologie und Verbreitung,
    Bassermann; Auflage: 1 (Januar 2002) - ISBN 3572013194

Links

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