Geißelspinnen

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Geißelspinnen
Geißelspinne (Damon variegatus)

Taxonomie
Reich: Tiere (Animalia)
Unterreich: Vielzeller (Metazoa)
Abteilung: Gewebetiere (Eumetazoa)
Unterabteilung: Bilateria
Stammgruppe: Urmünder (Protostomia)
Überstamm: Häutungstiere (Ecdysozoa)
Stamm: Gliederfüßer (Arthropoda)
Unterstamm: Kieferklauenträger (Chelicerata)
Klasse: Spinnentiere (Arachnida)
Ordnung: Geißelspinnen
Wissenschaftlicher Name
Amblypygi
Thorell, 1883

Geißelspinnen (Amblypygi) zählen innerhalb des Stammes der Gliederfüßer (Arthropoda) zur Klasse der Spinnentiere (Arachnida). In der Ordnung werden in 2 Unterordnungen, 5 Familien und 17 Gattungen rund 136 rezente Arten geführt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Geißelspinnen erreichen je nach Art eine Körperlänge von 0,7 bis 4,5 Zentimeter. Markante Merkmale der Geißelspinnen sind der breitovale Hinterleib und die zweigliedrigen Cheliceren. Ein Stiel (Petiolus) verbindet das Prosoma und das Opisthosoma. Mit ihren langen Fangarmen und Tastbeinen erinnern Geißelspinnen an die Geißelskorpione (Uropygi). Im Gegensatz zu den Geißelskorpionen fehlt den Geißelspinnen jedoch der schwanzartige Nachleib sowie der Schwanzfaden. Weitere Unterschiede zeigen sich beim Bau der Tastbeine. Bei den Geißelskorpionen sind nur die Fußteile der Tastbeine in neun Abschnitte gegliedert. Anders als beispielsweise die Webspinnen (Araneae) verfügen Geißelspinnen über keine Spinndrüsen und Spinnwarzen. Die Pedipalpen sind zu mächtigen Fangarmen umgestaltet. Das erste Beinpaar dient den Geißelspinnen als Tastorgan. Große Übereinstimmungen mit den Webspinnen zeigen sich in der inneren Anatomie. Stammesgeschichtlich geht man heute bei beiden Ordnungen von gemeinsamen Vorfahren aus. Die Körperfärbung ist überwiegend einfarbig und dunkel. Sie reicht im Wesentlichen von rötlichbraun bis schwarzbraun.

Die Tastbeine der Geißelspinnen sind extrem lang. Die Beinspannweite beträgt beispielsweise bei Heterophrynus longicornis bis zu 50 Zentimeter. Die Tibia (Schiene) besteht artabhängig aus mehr als 20 Segmenten. Der Tibia schließt sich ein feingliedriger Fußabschnitt an. Der Fußabschnitt besteht aus bis zu 80 Gliedern. Die Tastbeine dienen überwiegend als Tastorgan, wobei Geißelspinnen mehr seitlich tasten, nicht jedoch nach vorne. Der Grund liegt auf der Hand: bei Gefahr laufen Geißelspinnen seitlich davon. Geißelspinnen können daher als Tasttiere bezeichnet werden. Die Fühlerbeine, die eine enorme Länge erreichen können, dienen sowohl der Beutewahrnehmung als auch der Kontaktaufnahme zwischen den Geschlechtern. Spezielle Becherhaare (Trichobothrien), die sich vor allem im Bereich der Tibien befinden, liefern den Tieren Informationen über Beutetiere. Diese Trichobothrien sprechen besonders auf Luftströmungen und niederfrequenten Luftschwingungen an.
Geißelspinne (Damon variegatus)
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Geißelspinne (Damon variegatus)
Mit den langen Fangarmen werden Beutetiere gegriffen. Die Augen spielen im Leben der Geißelspinnen keine große Rolle und sind daher nur wenig entwickelt und leistungsfähig. Paracharon ist sogar völlig blind. Von der Funktion her lassen sich die Fangbeine der Geißelspinnen in zwei unterschiedliche Typen gliedern. Bei den kurzarmigen Formen nutzen Geißelspinnen ihre Pedipalpen ähnlich wie die Geißelskorpione. Die langarmigen Arten nutzen ihre Pedipalpen eher als Schere wie es bei den Skorpionen üblich ist. Geißelspinnen sind überwiegend nachtaktiv. Sie verlassen ihr Versteck erst mit Einbruch der Dunkelheit und gehen dann auf Nahrungssuche.

Verbreitung

Von den rund 136 Arten der Geißelspinnen kommen fast alle Arten in den tropischen und subtropischen Regionen Afrikas, Amerikas und Asiens vor. Besiedelt werden auch zahlreiche Inseln wie Madagaskar oder die Seychellen. Nur zwei Arten leben im Mittelmeerraum, von der nur eine Art auch in Europa anzutreffen ist. Geißelspinnen gehören zu den Feuchtlufttieren, die sich in unterschiedlichem Maße an bestimmte Aufenthaltsorte angepasst haben. Man findet Geißelspinnen meist unter Laub, Steinen, morschem Holz oder auch unter loser Rinde. Hier unterscheiden sie sich nur wenig von den Geißelskorpionen. Einige Arten, vor allem Arten im östlichen Afrika, leben auch in Erdhöhlen, wobei es sich um verlassene Höhlen anderer Tiere handelt. Am Tage halten sich die Tiere in der Regel verborgen oder sitzen regungslos auf dem Substrat.

Ernährung

Über die Ernährungsgewohnheiten ist bei den meist nachtaktiven Geißelspinnen nur wenig bekannt. Die wenigen Freilandbeobachtungen lassen darauf schließen, dass die Tiere es überwiegend auf Insekten (Insecta) und andere Spinnentiere (Arachnida) abgesehen haben. Je nach Art werden beispielsweise Wolfspinnen (Lycosidae), Grillen (Gryllidae), Termiten (Isoptera), Schaben (Blattodea) oder auch Schmetterlinge (Lepidoptera), insbesondere Nachtfalter und Motten gefressen. Ist ein Beutetier mit den Fangbeinen gefangen, wird es umgehend zu den Cheliceren geführt. Beutetiere werden gleich an Ort und Stelle verzehrt. Beim Verzehrvorgang arbeiten die Cheliceren abwechselnd und befinden sich dabei in einer ständigen Auf- und Ab- sowie einer Hin- und Herbewegung. Mit den Endklauen werden kleine Nahrungsbrocken aus dem Beutetier gerissen. Nachdem die Brocken zerquetscht und zerrieben sind, erfolgt eine Außenverdauung im Mundvorraum.

Fortpflanzung

Die Geschlechter sind aufgrund eines fehlenden Dimorphismus äußerlich kaum zu unterscheiden. Die Paarung wird bei allen Arten der Geißelspinnen durch eine Balz eingeleitet. Männchen und Weibchen stehen sich dabei gegenüber und berühren sich mit den Tastbeinen.
Häutung einer: Geißelspinne (Damon variegatus)
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Häutung einer: Geißelspinne (Damon variegatus)
Es folgt eine Art Betrillern, das von beiden Geschlechtern ausgeht und sich über mehrere Stunden erstrecken kann. Die Körper bewegen sich dabei nur wenig. Das Männchen setzt eine sogenannte Spermatophore ab und schreitet dann über diese hinweg. Das Weibchen folgt dem Männchen, ertastet die Spermatophore und führt sie in ihre Geschlechtsöffnung ein. Im Folgenden trennen sich die beiden Geschlechter wieder. Nach einiger Zeit legt das Weibchen ihre Eier in einen Brutbeutel, der im Bereich der Genitalspalte haftet und herumgetragen wird. Im Zuge der Eiablage erfolgt zeitgleich die Abgabe des Brutbeutels. Die Randpartien der stark eingefallenen Hinterleibsbauchplatten wölben sich schlüsselartig seitlich um das Eipaket. Die Anzahl der ausgesprochen großen Eier variiert je nach Art zum Teil erheblich. Bei der Geißelspinne (Damon variegatus) liegt die Anzahl der Eier zwischen 17 und 62. Die Eier weisen bei dieser Art eine Größe von 2,6 mal 3,0 Millimeter auf. Vertreter der Charinides bringen es auf gerade einmal 5 bis 6 Eier. Die embryonale Entwicklung erstreckt sich über einen erstaunlich langen Zeitraum. Bei Charinides kann sich die Embryonalentwicklung über annähernd ein Jahr erstrecken. Bei Arten der Gattung Phrynus aus der Familie der Phrynidae dauert die Embryonalentwicklung hingegen kaum 100 Tage.

Die geschlüpften Jungspinnen weisen eine meist helle Färbung auf. Die erste Häutung erfolgt in der Regel zu Beginn der zweiten Lebenswoche, meist zwischen dem 8. und 10. Lebenstag. Mit der ersten Häutung stellt sich die adulte Ausfärbung ein. In den ersten Tagen weichen die Spiderlinge kaum von der Seite der Mutter und halten sich meist auf deren Rücken auf. Mit der ersten Häutung sind die Spiderlinge deutlich beweglicher und auch die Taster und Fühlerbeine sind nun voll entwickelt. Im ersten Lebensjahr häuten sich die Jungspinnen bis zu 8 mal. Gegen Ende des ersten Lebensjahres erreichen Geißelspinnen die Geschlechtsreife, sind jedoch noch nicht voll ausgewachsen. In den folgenden Jahren kommt es jährlich zu 1 bis 2 Häutungen. Die Vertreter der Gattung Charinides erreichen die Geschlechtsreife abweichend von den meisten Arten erst mit gut 3 Jahren.

Systematik der Geißelspinnen

Die Systematik ist noch unvollständig!
Ordnung: Geißelspinnen (Amblypygi)

Unterordnung Paleoamblypygi
Familie: Paracharontidae
Gattung: Paracharon
Unterordnung: Euamblypygi
Familie Phrynichidae
Gattung Damon
Gattung Phrynichus
Gattung Trichodamon
Familie Charontidae
Gattung Catagaeus
Gattung Charinus
Gattung Charon
Familie Phrynidae
Gattung Acanthophrynus
Gattung Heterophrynus
Gattung Paraphrynus
Gattung Phrynus

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Rainer F. Foelix, Biologie der Spinnen, Thieme, 1979 ISBN 313575801X
  • Prof. Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Prof. Dr. Bernhard Grzimek, Prof. Dr. Otto Koehler, Prof. Dr. Otto Kraus, Prof. Dr. Bernhard Rensch, Prof. Dr. Peter Rietschel und Prof. Dr. Erich Thenius: Grzimeks Tierleben. Niedere Tiere. Erster Band. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München Oktober 1993. ISBN 3-423-05970-2
  • Hans-Eckhard Gruner, Hans-Joachim Hannemann und Gerhard Hartwich, Urania Tierreich, 7 Bde., Wirbellose Tiere, Urania, Freiburg, 1994 ISBN 3332005022
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