Gemeine Flussmuschel

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Gemeine Flussmuschel

Systematik
Klasse: Muscheln (Bivalvia)
Unterklasse: Metabranchia
Überordnung: Eulamellibranchia
Ordnung: Unionida
Familie: Flussmuscheln (Unionidae)
Unterfamilie: Unioninae
Gattung: Unio
Art: Gemeine Flussmuschel
Wissenschaftlicher Name
Unio crassus
(Philipsson, 1788)

IUCN-Status
Near Threatened (NT)

Die Gemeine Flussmuschel (Unio crassus), auch als Bachmuschel und unter dem Synonym Concha crassa bekannt, zählt innerhalb der Familie der Flussmuscheln (Unionidae) zur Gattung Unio. Im Englischen wird die Gemeine Flussmuschel Thick shelled river mussel genannt.

Der Arbeitskreis Mollusken NRW wählte in Kooperation mit dem NABU die Gemeine Flussmuschel (Unio crassus) zum Weichtier des Jahres 2006. In ganz Mitteleuropa sind die Bestände auf kaum mehr ein Zehntel früherer Zeiten zusammengebrochen, in vielen Regionen ist die Gemeine Flussmuschel bereits ausgestorben. Daher hat die Europäische Union die Gemeine Flussmuschel zu den besonders zu schützenden Arten erklärt (Flora-Fauna-Habitatrichtlinie nach Anhang II und IV).

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Schale der Flussmuschel kann bis zu 10,0 Zentimeter lang werden. Die Schale ist vorn breit, eirund, und hinten gestreckt (zuweilen eiförmig, zuweilen mehr nierenförmig), bauchig, gelbgrün oder schmutzig braungrün, fast stets mit dunkelgrünen Strahlen und dunklen, konzentrischen, in ungleichen Entfernungen voneinander stehenden Streifen, oben gebogen, vorn gerundet, hinten verlängert (bisweilen verbreitert) und meist schräg abgestutzt, dann am Ende gerundet. Der Unterrand ist leicht gerundet oder gerade oder etwas eingedrückt und hinten mehr verschmälert, wodurch im letzteren Fall die Muschel eine nierenförmige Gestalt erhält. Die Wirbel sind klein, ziemlich aufgetrieben, einander sehr genähert, wellig runzelig, teils unverletzt, teils mehr oder weniger abgerieben und dem Vorderrand mehr oder weniger nahe gerückt. Die Schloßzähne sind klein und kurz, zusammengedrückt, beträchtlich verdickt und an der abgestumpften Spitze stark gekerbt. Die Ligamentalbucht ist schmal. Das Perlmutt (Perlmutter) der inneren Seite ist entweder glänzend weiß oder mehr oder weniger bläulich, gelblich und rötlich, bisweilen leicht fleischfarben.
Anatomie einer essbaren Miesmuschel
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Anatomie einer essbaren Miesmuschel
Das Tier selbst weist eine weiße Färbung mit weißem an der vorderen Hälfte aschgrauem Fuß, der jedoch auch eine gelbliche oder rötliche Tönung aufweisen kann. Der Mantel dieser Art ist ganz gespalten und ziemlich dick. Des Weiteren zeigt sich eine einfache Öffnung für den Auswurf der Exkremente. Davor bildet ein mit Fransen besetzter Vorsprung beider Mantellappen eine scheinbare kurze Atemröhre. Der Fuß ist zungenförmig, länger als hoch und ist relativ kräftig. Er dient zur Fortbewegung und zum Eingraben. Die Kiemen (jederseits ein Paar) sind fest und blattartig. Die inneren Kiemenblätter liegen frei und sind nicht am Bauchsack angeheftet. Die äußeren Kiemenblätter sind oben der ganzen Länge nach an den Mantel angewachsen. Die Lippentaster sind eiförmig gestaltet. Die Art variiert beträchtlich in Größe, Gestalt, Stellung, im Abrieb der Wirbel sowie in der Dicke der Schloßzähne. <1>

Lebensweise

In kleinen, durch Wiesen fliessenden Bächen mit sandigem oder tonigem Bodengrund findet sich die Gemeine Flussmuschel an den Seiten gegen die hohen Ufer oder im weichen Bachbett größerer Flüsse neben großen Steinen eingegraben, dabei ragt die Atemöffnung jedoch immer aus dem Boden. Des Weiteren kommt die Gemeine Flussmuschel in Bächen vor, die sich in Schluchten befinden, auch in toten Altarmen ist die Gemeine Flussmuschel zu finden sowie unter Weingärten. <1>

Unterarten

Verbreitung

Polnische Tatra, Dolina Pieciu Stawow Polskich, Polen
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Polnische Tatra, Dolina Pieciu Stawow Polskich, Polen

Laut der Roten Liste der IUCN ist die Gemeine Flussmuschel in folgenden Gebieten verbreitet: Österreich, Belarus, Belgien, Bulgarien, Tschechische Republik, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Kasachstan, Lettland, Liechtenstein, Litauen, Luxemburg, die Republik Moldau, Niederlande, Polen, Rumänien, Russische Föderation, Slowakei, Schweden, Schweiz und Ukraine. Die Gemeine Flussmuschel lebt vorwiegend im Süßgewässer, selten ist sie im Brackgewässer zu finden.

Ernährung

Die Gemeine Flussmuschel ernährt sich von kleinen anorganischen Schwebstoffen, die mit dem Wasserstrom ins Innere der Muschel gelangen. Neben den Schwebstoffen sind es vor allem planktische Organismen und organische Zerfallsstoffe (Detritus). Sie bilden die Nahrungsgrundlage der Gemeinen Flussmuschel. Mit Hilfe der Kiemen werden sie aus dem Wasser gefiltert und in einen Schleim eingehüllt, der von speziellen Drüsen produziert wird. In diesem Schleim werden sie auf bewimperte Bahnen aktiv zur Mundöffnung transportiert. Ungenießbare Schwebstoffe werden abgesondert und wie die unverdaulichen Reste in Klümpchen mit dem Atemwasser ausgeschieden.

Fortpflanzung

Waldkarpaten, Gebirgsbach Wetlina ("Sine Wiry" -'Blaustrudel'), Bieszczady, Polen
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Waldkarpaten, Gebirgsbach Wetlina ("Sine Wiry" -'Blaustrudel'), Bieszczady, Polen

Die Entwicklung vom Ei zum adulten Tier weicht erheblich ab. Die Larven der Gemeinen Flussmuschel leben als Schmarotzer an Fischen. In ihrem Körperbau haben sie nur wenig mit den Larvenformen einer Muschel gemein. Frei lebende Schwimmlarven würden im fließenden Wasser leicht abgetrieben werden und dadurch zugrunde gehen. Deshalb gibt die Gemeine Flussmuschel weder Eier noch Larven ins freie Wasser ab. Im Sommer gelangen die zunächst noch unbefruchteten Eier vielmehr in die Spalträume zwischen den Kiemen, die dann oft wulstig anschwellen. Der Samen wird durch die Einströmöffnung aufgenommen und die Befruchtung findet in den Kiemen statt. Dort entwickeln sich die Larven, etwa zwischen 1.000 und 56.000 je Muttertier, bis sie im nächsten Frühjahr frei werden. Bei flüchtigem Hinsehen ähneln die Larven kleinen Muscheltieren, erst ein genaueres Betrachten zeigt, dass sie anders gebaut sind. Jede dieser Larven, die auch Glochidien genannt werden, besitzt ein Paar Schalen von dreieckiger bis eiförmiger Gestalt. Der freie Schalenrand trägt bei den Larven der Gemeinen Flussmuschel, nicht aber bei denen ihrer Verwandten, einen gezahnten Haken. Im Inneren der Schale lassen sich eine Anzahl von Sinnesborsten und ein langer, klebriger Haftfaden unterscheiden. Die Anlagen aller übrigen Organe der späteren Muschel sind kaum zu erkennen. Wenn die Glochidiumlarven der Gemeinen Flussmuschel durch die Ausfuhröffnung der Mutter ausgestoßen worden sind, bilden sie zunächst auf der Schlammoberfläche kleine, ineinander verfilzte Klumpen. Nähert sich ihnen ein Fisch, so schlagen die aufklappenden und zuklappenden Schalen mit den Haken wie eine Zange in die Haut ein und sind so an ihrem künftigen Wirt festgeheftet. Die kleine Wunde, die die Muschellarve dem Fisch schlug, heilt schnell aus und das Glochidium wird überwachsen und abgekapselt. Nun wandelt sich die Larve in ihrem Körperbau in eine richtige kleine Muschel um. Dabei werden auch die Schalen neu gebildet. Nach zwei bis zehn Wochen platzt die Hautkapsel. Der Fisch reibt sich, offenbar von einem Juckreiz getrieben, an Pflanzen oder rauhen Steinen und streift so die Muschel ab. Sie fällt zu Boden und beginnt nun eine neues Leben.

Gefährdung und Schutz

Für unsere Gewässer sind die Süßwassermuscheln von großer Bedeutung. Die reinigende Wirkung ihrer Filtertätigkeit wird meist viel zu gering eingeschätzt. Dabei läßt jede einzelne Muschel stündich bis über vierzig Liter Wasser durch ihre Filtervorrichtung strömen. Die Muscheln eines Gewässers vernichten, heißt sein biologisches Gleichgewicht aufheben und seinen Lebensraum zerstören, die Lebensbedingungen für uns Menschen selbst werden beeinträchtigt, hängen wir doch Jahr für Jahr mehr von der Sauberkeit und Güte unseres Wassers ab. In der Roten Liste der IUCN wird die Gemeine Flussmuschel als gering gefährdet (near threatened) geführt.

Anhang

Literatur und Quellen

  • [1] Fauna der Land- und Süsswasser-Mollusken Siebenbürgens. E. Albert Bielz, Mitglied des siebenbürg. Vereins für Naturwissenschaften zu Hermannstadt, des Vereins für siebenbürgische Landeskunde, des Museum-Vereins in Klausenburg, der k. k. zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien, der königl. geographischen Gesellschaft in Berlin, der Wetterauer Gesellschaft für die gesamte Naturkunde in Hanau, der Senkenbergischen naturforsch. Gesellschaft zu Frankfurt am Main, Correspondent der kais. köngl. geologischen Reichsanstalt in Wien u.s.w. Zweite Auflage. Hermannstadt, 1867. Gedruckt in der Buchdruckerei der v. Closius'schen Erbin. Commissions-Verlag von S. Filtsch.
  • Prof. Dr. Dr. hc Bernhard Grzimek, Prof. Dr. Otto Kraus, Prof. Dr. Rupert Riedl, Prof. Dr Erich Thenius: Weichtiere Stachelhäuter. Dritter Band. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, Oktober 1993 ISBN 3-423-05970-2
  • Dr. Václav Pfleger: Schnecken und Muscheln Europas. Land- und Süßwasserarten. Kosmos Gesellschaft der Naturfreunde Franckh'sche Verlagshandlung Stuttgart 1984 ISBN 3-440-05261-3
  • Rosina Fechter und Gerhard Falkner: Weichtiere Europäische Meeres- und Binnenmollusken. Mosaik Verlag GmbH, München 1990 ISBN 3-570-03414-3

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