Gemeiner Vampir

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Gemeiner Vampir

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Fledertiere (Chiroptera)
Unterordnung: Fledermäuse (Microchiroptera)
Überfamilie: Hasenmaulartige (Noctilionoidea)
Familie: Blattnasen (Phyllostomidae)
Unterfamilie: Vampirfledermäuse (Desmodontinae)
Gattung: Desmodus
Art: Gemeiner Vampir
Wissenschaftlicher Name
Desmodus rotundus
(Geoffroy, 1810)

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Der Gemeine Vampir (Desmodus rotundus) zählt innerhalb der Familie der Blattnasen (Phyllostomidae) zur Unterfamilie der Vampirfledermäuse (Desmodontinae). Im Englischen wird die Art Common Vampire Bat oder Vampire Bat genannt. Die Art ist monotypisch, Unterarten sind demnach keine bekannt.

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Die ältesten fossilen Funde von Vertretern der Gattung Desmodus stammen aus dem Pleistozän. Die wesentlichen Unterschiede zwischen den fossilen Funden und den rezenten Arten liegt in der Größe: die fossile Arten sind deutlich größer. Die ältesten fossilen Funde des Gemeinen Vampirs stammen aus Texas, USA, und aus dem Bundesstaat Yucatán in Mexiko. Weitere Funde stammen aus Venezuela, Kuba, Kalifornien und Florida (Greenhall, Joermann & Schmidt, 1983). <1>


Beschreibung

Aussehen und Maße

Gemeiner Vampir im Zoo Poznan (Polen)
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Gemeiner Vampir im Zoo Poznan (Polen)

Der Gemeine Vampir erreicht je nach Geschlecht eine Körperlänge von 69 bis 90 mm, eine Flügelspannweite von 350 bis 400 mm, eine Vorderarmlänge von 52 bis 63 mm, eine Daumenlänge von 16 bis 20 mm sowie ein Gewicht von 25 bis 40 Gramm. Männchen bleiben kleiner und leichter als Weibchen. Das Fell der Tiere weist eine graubraune bis dunkelbraune Färbung auf, ventral ist das Fell deutlich heller gefärbt. Ein Schwanz ist nicht vorhanden, das Patagium endet caudal an den Hinterbeinen. Das Uropatagium ist stark reduziert. Der Schädel weist einen großen und breiten Hirnschädel auf. Das Rostrum ist stark reduziert und endet stumpf. Gemeine Vampire verfügen über 30 Wirbel, die sich in 7 Halswirbel (Cervical vertebrae), 12 Brustwirbel (Thoracic vertebrae), 6 Lendenwirbel (Lumbar vertebrae) und 5 verwachsene Kreuzbeinwirbel (Sacral vertebrae) gliedern. Der Brustkorb weist 12 Rippen auf. Markantes Merkmal sind die beiden oberen Schneidezähne, die ausgesprochen scharf und spitz sind. Die Sinne, insbesondere das Gehör, der Sehsinn und der Olfaktorische Sinn sind gut entwickelt. Die Orientierung erfolgt über die Echolokation. Es werden sehr kurze Töne in einer Länge von 0,6 bis 1,6 ms ausgestoßen, die einen Frequenzbereich von 45 bis 100 kHz aufweisen. Aus dem Blut der Gemeinen Vampiere kann ein Mittel auf Basis von Glykoproteinen zur Hemmung der Blutgerinnung (Antikoagulation) gewonnen werden. Es wird als Draculin bzw. Desmoteplase bezeichnet. Die Gemeinen Vapire nutzen das Draculin ebenfalls zur Hemmung der Blutgerinnung, wenn ein Beutetier angestochen wird (Greenhall, Joermann & Schmidt, 1983). <2>

Lebensweise

Gemeine Vampire sind ausgesprochen gute Flieger. Sie bewegen sich jedoch auch auf dem Boden schnell fort. Hier bedienen sie sich der quadrupedale Fortbewegung (von Quadrupedie, lat. quadrus = vier und pes = Fuß). Ähnliches gilt auch für vertikales Bewegen auf Wirtstieren, an Bäumen oder ähnlichen Strukturen. Die Fortbewegung am Boden kann bei höherer Geschwindigkeit in eine hüpfende Bewegung übergehen. Gemeine Vampire sind nachtaktiv und führen eine heimliche und verschwiegene Lebensweise. Sie springen ein Wirtstier meist nicht direkt an, sondern landen in der Nähe und bewegen sich dann quadrupedal zum Wirtstier. Hat ein Gemeiner Vampir eine geeignete Bissstelle gefunden, so ritzt er mit den Schneidezähnen die Haut ein. Die so verursachten Risse weisen meist nur eine Länge von wenigen Millimetern auf. In der Regel merkt ein Wirtstier nichts von dem Biss und dem Austritt des Blutes. Das austretende Blut wird von den Gemeinen Vampiren aufgeleckt. Die Nahrungssuche erfolgt für gewöhnlich in kleinen Gruppen. Gemeine Vampire sind sozial und leben in größeren Kolonien. Eine Kolonie weist in der Regel eine Stärke von 20 bis 100 Individuen auf. Es sind jedoch auch Kolonien mit 500 bis 5.000 Tieren bekannt. Eine Kolonie besteht aus zahlreichen Männchen und Weibchen sowie deren Nachwuchs. Über die Komplexität der Hierarchien ist nur wenig bekannt. Zur gegenseitigen Fellpflege kommt es meist nur zwischen verwandten Weibchen oder zwischen Müttern und ihren Nachwuchs. <3>

Beim Leben in Kolonien steht eine altruistische Verhaltenweise im Mittelpunkt. Reziproker Altruismus (die Wandlung einer egoistischen Verhaltensweise in altruistischen Handlungen) ist bei Gemeinen Vampiren deutlich stärker als bei anderen Fledertieren zu beobachten. Ein Individuum verhält sich einem anderen gegenüber altruistisch, das sich ihm gegenüber in der Vergangenheit ebenso verhalten hat (Leitsatz: Ich helfe anderen, damit auch mir geholfen wird). Als wesentliches Element für die Entwicklung einer solchen Verhaltensweise ist, dass die beteiligten Tiere Individuen erkennen, die sich nicht revanchieren. Ein kostenloses Profitieren ist danach nicht möglich. Bei den Gemeinen Vampiren ist es oft so, dass Individuen andere innerhalb einer Kolonie um Nahrung (Blut) anbetteln und oftmals damit Erfolg haben. Der Erfolg hängt zum einen mit dem Verwandtschaftsverhältnis und zum anderen mit der Tatsache zusammen, ob ein Individuum in der Vergangenheit ähnlich gehandelt hat, also in der Vergangenheit ebenfalls Nahrung bereitgestellt hat. Die Kommunikation untereinander erfolgt im Wesentlichen über Laute im Frequenzbereich zwischen 6 bis 12 kHz. Dies ist insbesondere zwischen einer Mutter und ihrem Nachwuchs der Fall. Aufgrund der subtropischen und tropischen Lebensräume kommt es in allen Verbreitungsgebieten zu keinem Winterschlaf. Die Tiere sind demnach ganzjährig aktiv. Während der Nahrungssuche in der Nacht bewegen sich Gemeine Vampire zwischen 5 und 8 Kilometer von ihren Unterschlüpfen weg. In einer Nacht reisen die Tiere im Durchschnitt 15 bis 20 Kilometer (Greenhall, Joermann & Schmidt, 1983; Greenhall, 1961; Young, 1971). <3>

Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet der Gemeinen Vampire erstreckt sich über weite Teile von Mittel- und Südamerika. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Mexiko bis nach Chile Argentinien in Südamerika. Im Einzelnen kommt der Gemeine Vampir in Argentinien, Belize, Bolivien, Chile, Kolumbien, Costa Rica, Ecuador, El Salvador, Guatemala, Honduras, Mexiko, Nicaragua, Panama, Paraguay, Peru, auf Trinidad und Tobago, in Uruguay und in Venezuela vor. Gemeine Vampire kommen von in der Ebene bis in Höhen von gut 2.400 Metern über NN vor. Die Tiere besiedeln tropische und subtropische Regionen in Amerika. Es werden sowohl feuchte als auch aride und halbaride Habitate bewohnt. Als Lebensraum kommen insbesondere Regenwälder, Sekundärwälder und Buschland in Frage. Während der Ruhephasen halten sich Gemeine Vampire in Bäumen, Felsspalten, natürlichen Höhlen oder in vom Menschen geschaffene Strukturen auf (Greenhall, Joermann & Schmidt, 1983; Simmons, 2005; Mulheisen & Anderson 2001). <4>

Biozönose

Prädatoren

Prädator: die Kaninchen-Eule (Athene cunicularia)
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Prädator: die Kaninchen-Eule (Athene cunicularia)

Zu den natürlichen Feinden der Gemeinen Vampire gehören insbesondere Eulen (Strigiformes) wie die Schleiereule (Tyto alba) und die Kaninchen-Eule (Athene cunicularia). An den Schlafplätzen stellen auch Schlangen (Serpentes) wie die Mexikanische Nachtnatter (Pseudelaphe flavirufa), die Abgottschlange (Boa constrictor) oder die Gewöhnliche Lanzenotter (Bothrops atrox) eine Gefahr dar. Beobachtungen zufolge machen auch Lanzennasen (Phyllostominae) wie Chrotopterus auritus sowie räuberisch lebende Vögel wie Dohlengrackeln (Quiscalus mexicanus) Jagd auf Gemeine Vampire (Greenhall, Joermann & Schmidt, 1983). <5>

Parasiten

Unter den zahlreichen Ektoparasiten, die bei Fledermäusen bekannt sind, konnten vor allem Milben (Acari) wie Radfordiella sp., Periglischrus sp., Macronyssoides sp., Zecken (Ixodida) wie Holzböcke (Ixodes), Amblyomma sowie Flöhe (Siphonaptera) und verschiedene Fledermausfliegen (Nycteribiidae). Weit schwerwiegender ist der Befall durch Endoparasiten. Hier sind insbesondere Fadenwürmer (Nematoda) wie Trypanosomen (Trypanosoma), insbesondere Trypanosoma cruzi und Trypanosoma pessoai (Greenhall, Joermann & Schmidt, 1983). <6>

Ernährung

Gemeine Vampire ernähren sich ausschließlich vom Blut verschiedener Wirtstiere. Da sich die Tiere hauptsächlich in der Nähe des Menschen aufhalten, werden besonders größere Haustiere wie Hausrinder (Bos taurus), Hauspferde (Equus caballus), Hausziegen (Capra hircus), Hausschafe (Ovis orientalis aries) und Hausschweine (Sus scrofa domestica) angefallen. In Ermangelung von Haustieren werden selbstverständlich auch wilde Tiere als Wirte genutzt. Die Bissstellen sind insbesondere an den Schultern, im Nacken, an Beinen, Ohren oder auch im Analogenitalbereich zu finden. Die scharfen und spitzen Schneidezähne dienen dazu, um die Haut eines Wirtstieres zu durchdringen. Über den Speichel wird ein Sekret abgegeben, dass die Blutgerinnung unterbindet. Je nach Wirtstier dauert die Aufnahme des Blutes zwischen 9 und 40 Minuten. Eine adulte Fledermaus nimmt rund 20 ml Blut pro Tag zu sich. Die Nahrungssuche erfolgt aufgrund der nachtaktiven Lebensweise ausschließlich in der Dunkelheit (Greenhall, Joermann & Schmidt, 1983; Greenhall et al., 1969). <7>

Fortpflanzung

Gemeine Vampire erreichen die Geschlechtsreife im Alter von 9,5 bis 10 Monaten. In den meisten Regionen, vor allem in den tropischen Gebieten, erstreckt sich die Paarungszeit über das ganze Jahr. In den nördlichen und südlichen Teilen des Verbreitungsgebietes erstreckt sich die Paarungszeit von April bis Mai (im Norden) oder von Oktober bis in den frühen Dezember (im Süden). In einer Saison kommt es in der Regel zu einem Wurf, die Weibchen sind demnach monoöstrisch (nur ein Zyklus pro Jahr). Das Paarungsverhalten kann als polygam bezeichnet werden, da ein Männchen meist mehrere Weibchen begattet. Während der Paarungszeit kommt es unter den Männchen zuweilen zu heftigen Kommentkämpfen ums das Paarungsrecht mit den Weibchen. Jedes Männchen verteidigt in einer Kolonie einen kleinen Bereich, in dem es alle Weibchen für sich beansprucht. Die Kommentkämpfe zeichnen sich durch Schlagen mit den Flügeln oder Beißen aus. Die Kopulation erstreckt sich über etwa 3 bis 4 Minuten und erfolgt durch Aufreiten. Nach einer Tragezeit von 210 Tagen bringt ein Weibchen 1 bis 2 (1) Jungtiere zur Welt. Der Nachwuchs weist ein Gewicht von 5 bis 7 Gramm auf. Die Augen sind bereits am Tag der Geburt geöffnet und das Fell ist voll entwickelt. Das Milchgebiss besteht aus 18 Zähnen, die zahnmedizinische Formal lautet di2/2, dc1/1, dm1/2. Prämolaren sind nicht vorhanden. Die ersten Zähne des bleibenden Gebisses stoßen im Alter von 2 bis 3 Wochen durch. Im Alter von 20 bis 25 Tagen verdoppelt sich das Geburtsgewicht. Der Nachwuchs wird für einige Monate gesäugt. Die Lebenserwartung liegt bei 10 bis 12 Jahren (Greenhall, Joermann & Schmidt, 1983; Burns) 1972). <8>

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Gemeine Vampire gehören heute noch nicht zu den bedrohten Fledermausarten. In der Roten Liste der IUCN wird die Art daher als nicht gefährdet (LC, Least Concern) geführt. In der Nähe des Menschen sind Gemeine Vampire keine gern gesehenen Gäste. Sie gelten aufgrund ihrer parasitischen Lebensweise als Überträger von Krankheiten wie der Tollwut. Sowohl Haustiere als auch der Mensch sind für die Tollwut anfällig. Infektionen können mitunter zum Tode führen. <10>

Synonyme

Der Gemeine Vampir ist nach Wilson & Reeder, 2005, unter zahlreichen Synonymen bekannt. Dies sind cinerea D'Orbigny, 1834, dorbignyi Waterhouse, 1838, ecaudatus Schinz, 1821, fuscus Burmeister, 1854, mordax Burmeister, 1879, murinus Wagner, 1840 und rufus Wied-Neuwied, 1824. Die genannten Synonyme sind ungültig. <9>

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

Qualifizierte Weblinks

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