Gerandeter Saftkugler

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Gerandeter Saftkugler

Systematik
Klasse: Doppelfüßer (Diplopoda)
Unterklasse: Chilognatha
Überordnung: Pentazonia
Ordnung: Saftkugler (Glomerida)
Familie: Glomeridae
Unterfamilie: Glomerinae
Gattung: Glomeris
Art: Gerandeter Saftkugler
Wissenschaftlicher Name
Glomeris marginata
Villers, 1789

Der Gerandete Saftkugler (Glomeris marginata), auch unter dem Synonym Oniscus marginata bekannt, zählt innerhalb der Familie der Glomeridae zur Gattung Glomeris. Im Englischen wird der Gerandete Saftkugler Pill millipede genannt. Der Gerandete Saftkugler wird leicht mit der Kugelassel (Armadillium vulgare) verwechselt. Er lebt an gleichen Orten wie die Kugelassel und kann sich ebenfalls wie eine Kugel zusammenrollen.

Die Waldschule Cappenberg wählte den Gerandeten Saftkugler zum Wirbellosen Tier des Jahres 2006.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen, Maße und Anatomie

Der männliche Gerandete Saftkugler erreicht eine Körperlänge von etwa 7 bis 15 Millimeter, eine Körperbreite von 3,5 bis 6 Millimeter und ein Gewicht von 20 bis 100 Milligramm. Der weibliche Gerandete Saftkugler erreichte eine Körperlänge von 8 bis 20 Millimeter, eine Körperbreite von 3,9 bis 8 Millimeter und ein Gewicht von 50 bis 350 Milligramm. Die dorsale Seite besteht aus zwölf glänzend schwarzen Tergiten (Rückenplatten oder Rückeschilde) mit jeweils hellen bis weißlichgelben Häutchen (Cuticula), die die Platten verbinden. Die halbrunden Platten wirken wie Einschubzylinder, die teleskopartig im hintersten Abschnitt des vorhergehenden Abschnittes stecken. Die erste Rückenplatte ist relativ klein und wird als Collum bezeichnet. Die zweite Rückenplatte ist die größte und wird gefolgt von neun Rückenplatten. Die dritte und neunte Rückenplatte sind etwa gleichgroß. Die zwölfte Rückenplatte hat die Form eines Schildes. Die Kopfkapsel ist mit kurzen Gliederantennen und mit beiderseitigen Augen versehen, die sich als bloße Anhäufung von Einzelaugen (Ocellen) erweisen.
Schema des Saftkuglers (female): I, II, III je ein Beinpaar, V bis VIII je zwei Beinpaare je Tergit
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Schema des Saftkuglers (female): I, II, III je ein Beinpaar, V bis VIII je zwei Beinpaare je Tergit
Die vordersten Mundgliedmaßen sind als kräftige Mandibeln ausgebildet. Das Weibchen weist 17 bräunlichgelbe Beinpaare auf und das Männchen 19 bräunlichgelbe Beinpaare, somit besteht zwischen den Geschlechtern ein Dimorphimus. In welcher Beziehung stehen die 17/19 Beinpaare mit den zwölf Tergiten? Es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen den Tergiten auf der dorsalen Seite und den Sterniten (Bauchplatten) sowie den Beinpaaren auf der ventralen Seite. Die Korrelation von Beinpaaren und Tergiten führen zu folgendem Ergebnis: Die zweite Rückenplatte (II) korreliert mit dem ersten Beinpaar (1), die erste Rückenplatte (I) (Collum) kann daher nicht mit einem Beinpaar und dem letzten Segment des Kopfes korrelieren. Die dritte und vierte Rückenplatte (III und IV) korreliert mit dem zweiten und dritten Beinpaar (2 und 3). Die fünfte Rückenplatte (V) und alle folgenden Rückenplatten korrelieren mit je zwei Beinpaaren, das heißt, die fünfte Rückenplatte (V) mit dem vierten und fünften Beinpaar (4 und 5) und die sechste Rückenplatte (VI) mit den Beinpaaren sechs und sieben (6 und 7), und so weiter (siehe auch schematische Darstellung). Das letzte Beinpaar (19. Beinpaar, die Telopoden) des Männchens ist zangenartig modifiziert. Dieses Beinpaar, das wie eine Zange fungiert, hält das Weibchen während der Begattung fest.
Weiblicher Gerandeter Saftkugler
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Weiblicher Gerandeter Saftkugler
Die Atmung des Gerandeten Saftkuglers erfolgt über das Tracheensystem. Am ganzen Abdomen befinden sich Stigmata, nicht verschließbare Öffnungen. Durch den Umstand, dass die Stigmata nicht verschließbar sind, verdunstet bei dem Gerandeten Saftkugler sehr viel Feuchtigkeit. Um dies zu verhindern, rollt er sich in Kammern eng zusammen. Dadurch werden die Atemöffnungen zusammengepresst. Einen weiteren Feuchtigkeitsverlust (etwa 50 %) erleidet er, indem die Flüssigkeit über die Cuticula, das sind die Häutchen, die die Chitin-Platten verbinden, verdunstet. Der erwachsene Gerandete Saftkugler häutet sich im Jahr nur einmal. Die Häutung wird eingeleitet, indem er mattgrau wird. Er häutet sich in selbstgegrabenen Erdkugeln oder unter Rinde und Steinen. Es wird eine Flüssigkeit zwischen die neue und alte Haut gepumpt. Das Exoskelett wird weich und vom Körper abgestreift. Die Exuvie (chitinisierte oder verhornte Cuticula) wird von dem Tier verzehrt, da die Nährstoffe wieder verwertet werden und für den Aufbau der neuen Haut nötig sind. Ferner befinden sich im vorderen Enddarm exokrine Drüsen, die als Pylorusdrüsen bezeichnet werden. Die Pylorusdrüsen bestehen aus drei unterschiedlichen Zellarten, und zwar Sekretzellen, Übergangszellen und Kanalzellen. Die Ausbildung und Größe der Pylorusdrüsen korrelieren mit der Länge des Enddarms. Die Pylorusdrüsen sondern ein Sekret ab, das sich auf der Enddarmintima als dünner Film verteilt. Intima ist die innerste Schicht der Gefäßwand der Arterien, Venen und Lymphgefäße. Obwohl der Gerandete Saftkugler in der Regel eine glänzend schwarze Färbung aufweist, so können doch gelegentlich rote, gelbe und braune Individuen auftreten. Die jungen Gerandeten Saftkugler zeigen eine graue bis graubraune Grundfärbung und sind mit je vier helleren Flecken auf den Rückenplatten versehen. Die helle Umrandung wird mit zunehmenden Alter gelblicher und die Umgrenzung schärfer. Der Gerandete Saftkugler kann unter günstigen Umständen in der Natur ein Alter von etwa acht bis elf Jahren erreichen.

Lebensweise

Der Gerandete Saftkugler besitzt die Fähigkeit, sich bei Gefahr zu einer asymmetrischen Kugel zusammenzurollen, dabei wird der Kopf unter der ersten Rückenplatte versteckt. Eine weitere Eigenschaft des Gerandeten Saftkuglers, ist das stark übelriechende Wehrsekret, das ebenfalls bei Gefahr in Form von durchsichtigen Tröpfchen aus Poren abgesondert wird. Diese beiden Eigenschaften waren für den Gerandeten Saftkugler namensgebend. Bei den meisten Tausendfüßern wird ein blausäurehaltiges Sekret in doppelt gekammerten segmentierten Drüsen gebildet. Zunächst wird die Cyanophore, eine harmlose organische Substanz, in einer Kammer produziert. Bei Bedarf gelangt die Cyanophore in die andere Kammer, diese produziert ein Enzym und wandelt die Cyanophore in Blausäure um.
Gerandeter Saftkugler
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Das blausäurehaltige Sekret wird dann in die Poren transportiert und kann ein angreifendes Insekt töten oder eine Kröte vorübergehend außer Gefecht setzen. Der Gerandete Saftkugler produziert - wie schon anfangs erwähnt- ebenfalls Chemikalien zur Abwehr von potentiellen Fleischfressern. Ein bis acht Tropfen einer klebrigen Flüssigkeit, die aus quinazolinone Alkaloiden zusammengesetzt ist und in einer wässrigen Protein-Matrix aufgelöst wird, reichen, um diese Chemikalien als Giftstoffe gegen Spinnen, Insekten und Wirbeltiere einzusetzen. Die Flüssigkeit ist pappig genug, um sogar die Beine einer Ameise zu verkleben. Das Wehrsekret des Weibchens ist klebriger als die des Männchens. Unabhängig vom Geschlecht, erfordert die defensive Reserve eine Ergänzung von mehr als vier Monaten nach einem Angriff eines Prädatoren. Der Gerandete Saftkugler kommt in verschiedenen Lebensräumen vor. Er ist regelmäßig in der Laubstreu der Wälder, im Gras und unter Steinen anzutreffen. In den heimischen Gärten findet man ihn häufig unter den Hecken und in alten Mauern, an denen der Putz schon abbröckelt. Ferner bevorzugt der Gerandete Saftkugler kalkreiche Böden und einen optimalen mittleren Temperaturbereich. Obgleich er nachts aktiver ist und feuchtere Bereiche vorzieht, so kann er sich auch in trockenen Bereichen aufhalten. Seine Aktivitätszeit liegt hauptsächlich in den Jahreszeiten vom Frühjahr bis zum Herbst, wobei der Gerandete Saftkugler eine ziemlich träge Art ist und sein Aktionsradius nur zwei Meter pro Tag beträgt. Vom Oktober oder November bis zum Frühjahr überwintert der Gerandete Saftkugler eingerollt in einer Erdkammer im Mineralboden, dabei trägt er den Mineralboden in die obere Bodenschicht und zersetzt und mischt organisches mit anorganischem Material und trägt zusätzlich zur besseren Durchlüftung des Bodens bei. Um sich vor Pilzen und Bakterien zu schützen, reinigt der Gerandete Saftkugler ständig seine Extremitäten und seine Chitin-Platten.
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Gerandeter Saftkugler

Unterarten

Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet des Gerandeten Saftkuglers erstreckt sich über ganz Mitteleuropa und über Nordwesteuropa. Dazu zählen unter anderem Frankreich, Schweiz, Österreich, Belgien, Niederlande, Polen, Norwegen, Schweden sowie Spanien und Italien. In Deutschland ist er vorwiegend im Westen, im Norden und im Nordosten zu finden. Auch die britischen Inseln zählen zu seinem Verbreitungsgebiet und er ist in allen Bereichen südlich des Zentralen Gürtels zwischen Glasgow und Edinburgh in Schottland anzutreffen. Der Gerandete Saftkugler bevorzugt wie schon im vorigen Kapitel erwähnt, hauptsächlich die Laubstreu der Wälder, aber er ist auch auf Heckenrasen, Obstbaumrasen sowie auf Steppenrasen anzutreffen und kommt sowohl auf sauren als auch auf basischen Böden oder auf kalkreichen Böden vor. Des Weiteren werden heimische Gärten aufgesucht, wo sich alte Mauern befinden, an denen der Putz schon zu bröckeln beginnt. Er ist weniger anfällig gegen Austrocknung als andere Tausendfüßer und hält sich an sonnigen Stellen auf, obwohl er mehr in der Nacht aktiv ist und feuchte Gebiete bevorzugt.

Ernährung

Laubstreu im Wald
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Laubstreu im Wald

Trotz des höheren Nährstoffgehalts frisch gefallener Blätter, zieht der Gerandete Saftkugler tote pflanzliche Substanz vor. Er kann einen erheblichen Teil der Nährstoffe aus den verrottenden Blättern verwerten. Zu einem geringen Anteil verzehrt der Gerandete Saftkugler auch Moos, Gras und Holz oder kleine Mikroorganismen. Gelegentlich werden auch lebende Pflanzen oder Aas zu sich genommen, was aber wirklich selten vorkommt.

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife erreicht das Männchen mit etwa zwei bis drei Jahren und das Weibchen erreicht die Geschlechtsreife mit etwa drei bis vier Jahren. Die Reproduktion findet zyklisch im Frühjahr und im Sommer statt. Das Männchen zieht das Weibchen durch Stridulation und durch Pheromone an. Ist das Weibchen paarungsbereit wird sie das Männchen gewähren lassen, andernfalls rollt sich das Weibchen zu einer Kugel zusammen. Das Männchen nähert sich rückwärts dem Weibchen und ergreift das Weibchen mit dem entwickelten letzten zangenartigen Beinpaar den Telopoden. Dabei nimmt das Männchen ein wenig Substrat mit den Mandibeln auf und formt eine kleine Kugel, auf welche das Männchen einen Tropfen Sperma abgibt. Die Kugel wird mit den Beinen zu den Telopoden am Körperende befördert und mit Hilfe der griffelartigen Auswüchse auf einen in der Mitte gelegenen lappigen Fortsatz der Hüfte des 19. Beinpaares positioniert. Die kleine Kugel wird mit dem Sperma in die weibliche Genitalöffnung eingeführt. Nach der Befruchtung legt das Weibchen etwa 70 bis 80 Eier, die jweils etwa ein Millimeter lang sind.
Laubstreu im Wald
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Laubstreu im Wald
Jedes einzelne Ei wird in einer zwei bis drei Millimeter großen ellipsoiden Erdkammer, die zum Teil aus Kot besteht, gelegt. Manchmal werden auch Doppelkammern mit zwei Eiern gebaut. Nach etwa zwei Monaten schlüpfen die Nymphen (unreife Jungen) aus den Eiern, wobei die Dauer von verschiedenen Faktoren wie zum Beispiel Temperatur oder Umwelteinflüsse abhängig ist. Die Nymphen sind durchsichtig und haben am Anfang erst sieben Beinpaare, die sich von Häutung zu Häutung steigern. Die Entwicklung der Jungen beträgt etwa drei Jahre und beinhaltet etwa neun Häutungen. Die folgenden Häutungen sind dann regelmäßig einmal im Jahr. Bis zum elften Häutungsintervall ist das Männchen dann voll entwickelt und somit geschlechtsreif. Das Weibchen ist für mehrere Jahre fruchtbar und kann sechs Bruten im Laufe ihres Lebens produzieren.

Ökologie

Streu ist der Bestandsabfall der Vegetation, welcher weitgehend unzersetzt der Bodenoberfläche aufliegt und dort die Streuschicht bildet und somit spielt der Gerandete Saftkugler als Streuabbauer eine wichtige ökologische Rolle bei der Zerkleinerung von Laub und Holz in den Wäldern oder in Grünlandbrachen sowie bei der Auflockerung des Bodens. Durch die Auflockerung des Bodens trägt der Gerandete Saftkugler zur besseren Durchlüftung bei, dabei trägt er den Mineralboden in die obere Bodenschichten und zersetzt und mischt organisches mit anorganischem Material. Bei der Streuzersetzung wird das organische Material zu Humus umgewandelt und dient somit auch als Dünger für den Boden. Der Gerandete Saftkugler nimmt eine ähnliche Rolle wie der Tauwurm (Lumbricus terrestris) ein.

Anhang

Literatur und Quellen

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