Glattnasen-Freischwänze

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Glattnasen-Freischwänze
Große Sackflügelfledermaus (Saccopteryx bilineata)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Laurasiatheria
Ordnung: Fledertiere (Chiroptera)
Unterordnung: Fledermäuse (Microchiroptera)
Familie: Glattnasen-Freischwänze
Wissenschaftlicher Name
Emballonuridae
Gervais, 1856

Glattnasen-Freischwänze (Emballonuridae) zählen innerhalb der Ordnung Fledertiere (Chiroptera) zur Unterordnung der Fledermäuse (Microchiroptera). In der Familie werden in 2 Unterfamilien und 13 Gattungen rund 50 Arten zusammengefasst. Im Englischen wird die Familie Sac-winged oder Sheath-tailed bats genannt.

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Fossile Funde von Glattnasen-Freischwänzen liegen nur fragmentarisch vor. Dennoch läßt sich daraus schließen, dass die Familie ihren Ursprung in Europa hat und sich erst später auch in der neuen Welt ausbreitete. Bei den Funden handelt es sich über tertiäre Ablagerungen, insbesondere aus dem späten Eozän und Oligozän. Die ältesten Fossilien weisen demnach ein Alter von etwa 40 Millionen Jahren auf und wurden ausschließlich in Europa gefunden. Die Funde wurden der ausgestorbenen Gattung Vespertiliavus zugeordnet. Diese Gattung ist eng mit den rezenten Gattungen Taphozous und Saccolaimus verwandt. In Afrika tauchen die ersten Glattnasen-Freischwänze im Miozän auf. Bekannt sind Fossilien von 2 Arten, die in Kenia gefunden wurden. In der neuen Welt sind Arten erst ab dem Pleistozän nachgewiesen. Australien wurde besiedelt, indem sich einzelne Arten von Insel zu Insel bewegten und irgendwann in Australien sesshaft wurden. Diese Migration konnte auf das späte Miozän datiert werden. Auch wenn Vespertiliavus die älteste Form der Glattnasen-Freischwänze ist, so ist unbekannt, wer dessen Vorfahre war (Legendre, 1980; Koopman, 1970; Kitchener, 1978 in Kitchener 1989).

Ähnlichkeiten mit anderen Gruppen

Die Verwandtschaftsverhältnisse der Glattnasen-Freischwänze galt lange als umstritten. In den letzten 100 Jahren wurde die Familie in die Nähe verschiedener anderer Familie gerückt wie die Glattnasen (Vespertilionidae), die Stummeldaumen (Furipteridae), die Neuseelandfledermäuse (Mystacinidae), die Hasenmäuler (Noctilionidae), die Kinnblattfledermäuse (Mormoopidae), die Bulldoggfledermäuse (Molossidae) sowie die Mausschwanzfledermäuse (Rhinopomatidae). Neben den Glattnasen-Freischwänze weisen nach Miller (1907) die Mausschwanzfledermäuse (Rhinopomatidae) die größte Anzahl von primitiven Merkmalen und der geringsten Spezialisierung auf. Simpson (1945) erkannte auch die enge Beziehung zwischen der Emballonuridae, Rhinopomatidae und Noctilionidae und ordnete die 3 Familien in eine Überfamilie Emballonuroidea ein. Walton & Walton (1968) erkannten monophyletische Übereinstimmungen zwischen Emballonuridae, Phyllostomidae und Noctilionidae. Noch später sah Hill (1974) ein Verwandschaftverhältnis zwischen Craseonycteridae, Emballonuridae und Rhinopomatidae. Smith (1976) untersuchte mit Hilfe der kladistischen Analyse die Beziehungen zwischen den einzelnen Familien und erkannte morphologische Besonderheiten bei den Glattnasen-Freischwänze. Daraus ergab sich nach Smith eine monophyletische Gruppe aus Glattnasen-Freischwänzen und Rhinopomatidae und Craseonycteridae. Robbins (1983) untersuchte die evolutionären Beziehungen von 12 Gattungen und 17 Arten durch elektrophoretische (Elektrophorese: bei der DNA-Sequenzierung Moleküle unterschiedlicher Länge voneinander trennen) und immunologische Untersuchungen. Daraus ergibt sich die bis heute gültige Einteilung der Emballonuridae in 3 Gruppen. Dies sind die Unterfamilie der Taphozoinae sowie die Unterfamilie der Emballonurinae mit den beiden Triben Emballonurini und Diclidurini (Hill, 1974; Smith, 1976; Robbins, 1983 in Kitchener 1989).

Beschreibung

Innere und äußere Morphologie

Glattnasen-Freischwänze sind mit etwa 50 Arten eine eher kleine Gruppe innerhalb der Fledermäuse. Die Unterarmlänge beträgt artabhängig 35 bis 95 mm. Neben der Zahnmorphologie gehören unvollständige Zwischenkieferknochen, gut entwickelte postorbitale Schädelknochen, das fehlende Nasenblatt in Verbindung mit einer einfach gebauten und glatten Nase, gut entwickelte Oberarmknochen und Gelenke und die entsprechende Artikulation mit dem Schulterblatt und im Gesichtsfeld fehlende Hautauswüchse zu den typischen Merkmalen der Familie. Namensgebend ist auch der Schwanz ("frei"), der nicht mit dem Uropatagium verbunden ist (Koopman & Cockrum, 1967 in Kitchener 1989; Novak, 1999). Die Arten sind höchst unterschiedlich gefärbt. So gibt es Arten die braun oder graubraun, gräulich bis weißlich, schwärzlich oder rotbraun gefärbt sind. Auch melanistische Formen sind bekannt. Ventral zeigt sich nicht selten eine cremefarbene Färbung. Einige Arten weisen dorsal eine helle Fleckung oder Streifung auf. Die Hinterbeine sind schlank gebaut, der Schwanz ist frei. Die Schnauze ist spitz zulaufend und es fehlen die für Fledermäuse typischen Auswüchse im Gesicht. Das Gebiss verfügt über 30 bis 34 Zähne. (Kitchener 1989). Die Epidermis ist an die tropischen Lebensräume angepasst und dient bei der Regulierung des Wasserhalthauses und der Körpertemperatur. Im Bereich der Schwanzwurzel lagern sich unilokulär (auf eine Stelle begrenzte) gelbliche Fettablagerungen ab. Die Fettablagerungen liefern den Tieren in der Trockenzeit während der Ruhezeit Energie (Kitchener 1989). In der Morphologie des Schulterblattes, des Beckengürtels und insbesondere des Humerus unterscheiden sich Glattnasen-Freischwänze deutlich von anderen Fledermausfamilien. Das Schulterblatt ist oval und weist eine nach ventral gerichtete Gelenkfläche auf. Das Schlüsselbein ist groß , relativ lang, gebogen und typisch für Fledermäuse. Beim Oberarmknochen ragen die Knochenvorsprünge (Tuberculum majus) nicht über den Kopf des Oberarmknochen hinaus. Das Becken ist robust gebaut, die Anzahl der Kreuzbeinwirbel liegt bei 5 (Kitchener 1989). Hautdrüsen sind insbesondere am Kinn und an den Lippen, im Bereich der Brust und des Utopatagiums vorhanden. Bei den Vertretern der Gattung Taphozous ist eine sackartige Drüse am vorderen Bereich der Kehle vorhanden. Bei Weibchen ist diese Drüse weniger gut entwickelt. Die genaue Funktion dieser Drüse ist unbekannt (Kitchener 1989).

Lebensweise

Die Sozialstruktur unterscheidet sich je nach Art. Es treten einzelgängerisch lebende Arten auf. Es gibt aber auch Arten, die in Kleinstgruppen oder in kleinen Kolonien leben. Bei den Gruppen handelt es sich meist um Haremsgruppen. Das allgemeine Verhaltensrepertoire unterscheidet sich ebenfalls stark zwischen diesen Arten. Einige Arten wie die Große Sackflügelfledermaus (Saccopteryx bilineata) sind ausgesprochen territorial und verteidigen ihr Revier vehement. Andere Arten sind in keinster Weise territorial. Die Sozialstruktur ist im Wesentlichen das ganze Jahr über konstant. Nur wenige Arten leben während der Paarungszeit paarweise, ansonsten in Kolonien. Die Kolonien bzw. die Schlafplätze an sich sind entweder in Höhlen, Felsspalten, Bäumen oder an anderen adäquaten Platzen angesiedelt. Baumbewohnende Arten sind meist kryptisch gefärbt. Fast alle Arten sind sesshaft. Eingie Arten migrieren saisonal (Kunz, 1983; Compton & Johnson, 1983 in Kitchener, 1989).

Verbreitung

Glattnasen-Freischwänze kommen in den tropischen Regionen der Erde vor. So wird Mittelamerika, das nördliche und zentrale Südakerika, weite Teile Afrikas., Vorderasien, Indien, Südostasien sowie das nördliche, östliche und südöstliche Australien besiedelt. Die Vertreter der Emballonurinae sind im Wesentlichen auf die afrikanischen Tropen und der neuen Welt beschränkt. Die Arten der Taphozoinae sind in Afrika, Süd- und Südostasien und Australien verbreitet (Kitchener 1989).

Ernährung

Glattnasen-Freischwänze ernähren sich hauptsächlich von Insekten (Insecta), insbesondere von Käfern (Coleoptera). Die Beutetiere werden im nierdrigen Flug über der Vegetation erbeutet. Aufgebspürt wird die Beute durch die für Fledermäuse typische Echolokation (Fenton, 1982; McKenzie & Rolfe, 1986; McKean, 1983; Richards, 1983; Rolfe, 1986 in Kitchener 1989).

Fortpflanzung

Das Fortpflanzungsverhalten ist bei allen Arten nur wenig erforscht. Einige Arten pflanzen sich in monogamen Familiengruppen fort, andere in Haremsgruppen. Ein Weibchen bringt in der Regel 1 Jungtier zur Welt. Da die Männchen ganzjährig Spermien (Spermatogenese) ausbilden, kann bei den meisten Arten von einer nichtsaisonalen Fortpflanzung ausgegangen werden. In der Regel kommen die Jungen jedoch während der Regenzeit zur Welt. Zu dieser Zeit ist Nahrung ausreichend vorhanden. Der Nachwuchs erlernt bereits nach 1 bis 3 Wochen nach der Geburt das Fliegen (Kitchener 1989).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Fledermäuse können an vom Menschen übertragende Krankheiten erkranken. Diese Tatsache spielt nach einhelliger Meinung bei den Glattnasen-Freischwänzen jedoch keine große Rolle (Constantine, 1982 in {{Kap 1989). Die meisten Arten gehören heute noch nicht zu den bedrohten Arten. Die größte Gefahr geht artübergreifend von der Vernichtung der natürlichen Lebensräume aus. Nur 5 Arten sind heute mehr oder weniger stark vom Aussterben bedroht. Dies sind nach Angaben der IUCN folgende Arten:

CR - Critically Endangered

Coleura seychellensis

EN - Endangered

Balantiopteryx infusca
Emballonura semicaudata

VU - Vulnerable

Balantiopteryx io
Taphozous hildegardeae

Systematik der Unterordnung Glattnasen-Freischwänze

Familie: Glattnasen-Freischwänze (Emballonuridae)

Unterfamilie: Taphozoinae
Gattung: Saccolaimus
Art: Saccolaimus flaviventris
Art: Saccolaimus mixtus
Art: Saccolaimus peli
Art: Saccolaimus saccolaimus
Gattung: Grabflatterer (Taphozous)
Art: Taphozous achates
Art: Taphozous australis
Art: Taphozous georgianus
Art: Taphozous hildegardeae
Art: Taphozous hilli
Art: Taphozous kapalgensis
Art: Taphozous longimanus
Art: Taphozous mauritianus
Art: Taphozous melanopogon
Art: Taphozous perforatus
Art: Taphozous theobaldi
Art: Taphozous troughtoni
Art: Taphozous hamiltoni
Art: Taphozous nudiventris
Unterfamilie: Emballonurinae
Gattung: Balantiopteryx
Art: Balantiopteryx infusca
Art: Balantiopteryx io
Art: Balantiopteryx plicata
Gattung: Centronycteris
Art: Centronycteris centralis
Art: Spornscheidenschwanz (Centronycteris maximiliani)
Gattung: Coleura
Art: Coleura afra
Art: Coleura seychellensis
Gattung: Cormura
Art: Cormura brevirostris
Gattung: Cyttarops
Art: Cyttarops alecto
Gattung: Amerikanische Gespenstfledermäuse (Diclidurus)
Art: Diclidurus albus
Art: Diclidurus ingens
Art: Diclidurus scutatus
Art: Diclidurus isabellus
Gattung: Emballonura
Art: Emballonura alecto
Art: Emballonura atrata
Art: Emballonura beccarii
Art: Emballonura dianae
Art: Emballonura furax
Art: Emballonura monticola
Art: Emballonura raffrayana
Art: Emballonura semicaudata
Art: Emballonura serii
Gattung: Mosia
Art: Mosia nigrescens
Gattung: Peropteryx
Art: Peropteryx kappleri
Art: Peropteryx macrotis
Art: Peropteryx trinitatis
Art: Peropteryx leucoptera
Gattung: Rhynchonycteris
Art: Nasenfledermaus (Rhynchonycteris naso)
Gattung: Sackflügelfledermäuse (Saccopteryx)
Art: Saccopteryx antioquensis
Art: Große Sackflügelfledermaus (Saccopteryx bilineata)
Art: Saccopteryx canescens
Art: Saccopteryx gymnura
Art: Saccopteryx leptura

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

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