Grauwal

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Grauwal

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Wale (Cetacea)
Unterordnung: Bartenwale (Mysticeti)
Familie: Furchenwale (Balaenopteridae)
Gattung: Eschrichtius
Art: Grauwal
Wissenschaftlicher Name
Eschrichtius robustus
Lilljeborg, 1861

IUCN-Status
Least Concern (LC) - IUCN

Der Grauwal (Eschrichtius robustus) zählt innerhalb der Familie der Furchenwale (Balaenopteridae) zur Gattung Eschrichtius. Gelegentlich wird die Art auch in einer eigenen Familie mit der wissenschaftlichen Bezeichnung Eschrichtiidae geführt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution

Die Ordnung der Wale (Cetacea), zu der auch der Grauwal gehört, ist eine sehr alte Tiergruppe, die ihren Anfang vor rund 45 bis 50 Millionen Jahren fand. Wale sind Säugetiere (Mammalia) und stammen von landlebenden Tieren ab. Die Entwicklung begann im Eozän, eine erdgeschichtliche Epoche, die vor 55 Millionen Jahren begann und vor 34 Millionen Jahren endete. Molekularbiologische Untersuchungen und fossile Funde früherer Wale belegen diese These. Die direkten Vorfahren der Wale sind Vertreter der Paarhufer (Artiodactyla), die Familie der Flusspferde (Hippopotamidae).

Im Laufe der Evolution passten sich die Vorfahren der Wale schrittweise an das Leben im Wasser an. Zunächst verschwanden die Hinterbeine und wandelten sich langsam in eine mächtige Schwanzflosse um, die Vorderbeine wandelten sich im Laufe der Zeit in Brustflossen um und die Nasenlöcher wanderten in Richtung der Oberseite des Kopfes und bilden das heutige Blasloch der Wale. Anstelle der vor Kälte schützenden Haare trat eine dicke Fettschicht, der sogenannte Blubber. Der Tran in der Fettschicht verleiht den Walen auch den nötigen Auftrieb. Im Laufe der Entwicklung bildeten sich einige sensorische Organe heraus, die die Anpassung an das Leben im Wasser vollendeten.

Die Sinne, insbesondere der Hörsinn, sind hoch entwickelt. Die Ohren liegen jedoch nicht außen, sondern innen und sind nicht sichtbar. Die Entwicklung vom Leben an Land bis hin zur vollständigen Anpassung an das Leben im Wasser war vor rund 40 Millionen Jahren abgeschlossen. Zu den ersten Vertretern dieser neuen Tiergruppe gehörten unter anderem Basilosaurus und Durodon.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Grauwal erreicht eine Körperlänge von 12 bis 14,5 Metern sowie ein Gewicht von rund 25 bis 35 Tonnen. Männchen bleiben dabei kleiner und leichter als Weibchen. Körperlängen von bis zu 15 Metern werden nur selten von älteren Weibchen erreicht. Der Körper der Grauwale ist ausgesprochen kompakt und kräftig gebaut, er endet in einem sich stark verjüngendem Kopf. Der Oberkiefer ist relativ stark gekrümmt und deckt Teile des Unterkiefers ab.
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Die dorsale Hautoberfläche ist fast grau bis dunkel gesprenkelt gefärbt, der Kehlbereich und die Bauchseite sind üblicherweise weißlich bis hellgrau. Je älter ein Tier, desto stärker ist der Befall mit Seepocken und Walläusen, die sich als Wucherungen vor allem auf der dorsalen Oberfläche ausbreiten. Die Seepocken schaden den Walen im Grunde aber nicht. Kälber weisen eine dunkelgraue bis fast schwarze Färbung auf.

Im Gegensatz zu den Flippern und der Schwanzflosse fehlt eine Rückenfinne völlig. Anstelle der Rückenfinne befinden sich im hinteren Teil des Rückens rund acht krokodilartige Höcker, die jeweils eine Länge von bis zu 40 zentimeter aufweisen können. Die mächtige und tief gegabelte Schwanzflosse kann eine Spannweite von 350 bis 370 Zentimeter aufweisen. Der Grauwal gehört zur Familie der Furchenwale. Ausschlaggebend für die Einordnung in diese Familie sind die zwei Längsfurchen im Kehlbereich, die im Bereich des Bauches auslaufen. Die Längefurchen weisen einen Abstand zueinander von etwa 40 Zentimeter auf. Wird das Maul aufgerissen, so dehnen sich die Furchen aus. So kann der Grauwal eine große Menge Wasser in sein Maul aufnehmen.

Wie alle Bartenwale (Mysticeti), so verfügt auch der Grauwal in seinem Maul über eine Vielzahl von Barten. Barten sind sehr dünne Hornplatten, die dicht aneinander stehen und dem Filtern von Nahrung dienen. Je nach Alter und Geschlecht verfügt ein Grauwal über 130 bis 180 Barten, die eine Endlänge von bis zu 25 Zentimeter erreichen können. Unter der Haut liegt eine dicke Fettschicht, der sogenannte Blubber, der verschiedene Funktionen erfüllt. Zum einen dient der Blubber dem Schutz vor Kälte in den polaren Gewässern und zum anderen wird in dem fetthaltigen Gewebe Tran gespeichert, das den Grauwalen den entsprechenden Auftrieb im Wasser ermöglicht. Grauwale schweben so förmlich im Wasser. Die Augen sind im Verhältnis zur Kopfgröße sehr klein. Sie sind vor allem dem Wasserdruck in großer Tiefe angepasst. Im Laufe der Evolution sind die Nasenlöcher zum Oberkopf gewandert. Die Atmung erfolgt im wesentlichen über das hier vorhandene Blasloch. Es handelt sich dabei um zwei Austrittslöcher, die über Schläuche mit der Luftröhre verbunden sind. Jedoch enden beide Austrittsöffnungen in nur einem Blasloch. Durch den hohen Druck beim Tauchen erwärmt sich die Luft und kondensiert. Beim Austritt aus dem Blasloch bläst der Grauwal neben der Luft auch Kondenswasser aus. Daher bildet sich beim Ausatmen eine teils meterhohe Fontäne aus Kondenswasser.

Lebensweise

Grauwale sind nur wenig gesellige Meeressäuger, die einzelgängerisch oder in kleinen Gruppen leben. Kleine Gruppen bestehen meist aus Kühen mit ihren Kälbern. Grauwale sind keine sesshaften Tiere. Sie wandern jährlich zwischen den Nahrungsgründen und den Fortpflanzungshabitaten in den Tropen hin und her. In den tropischen Gewässern erfolgt auch die Geburt und die Aufzucht der Kälber. Dabei legen Grauwale einige Tausend Kilometer zurück. Sie gelten als durchaus schnelle Schwimmer, die leicht eine Geschwindigkeit von bis zu 20 km/h erreichen können. Die höchsten Geschwindigkeiten werden während der jährlichen Wanderungen erreicht. Die durchschnittliche Schwimmgeschwindigkeit liegt jedoch unter 10 km/h. Die Tauchzeiten können bis zu 15 Minuten betragen, jedoch werden diese Zeiten nur in den Fressgründen bei der Nahrungssuche erreicht. In der Regel tauchen Grauwale nur wenige Minuten, selten bis zu 5 Minuten.

Verbreitung

Der Grauwal ist ausschließlich im nördlichen Pazifik und im Nordpolarmeer verbreitet. Hier leben sie überwiegend in den Küstenregionen. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von Korea, Japan und das nördliche Russland bis nach Alaska und die Westküste der USA und Mexiko. In den Küstenregionen sehen sich Grauwale vielfältigen gefahren ausgesetzt. Zum einen können sie vom Menschen ohne großen Aufwand gejagt werden, zum anderen schränkt der starke Küstenverkehr und der Tourismus den Lebensraum der Wale ein. Besonderes gefährdet sind Grauwale in den westlichen Verbreitungsgebieten vor Japan und Russland. Zwischen den Winter- und Sommerquartieren legen sie jährlich Strecken von bis zu 20.000 Kilometer zuück.

Prädatoren

Ausgewachsene Grauwale haben aufgrund ihrer imposanten Größe im Grunde keine natürlichen Feinde. Jungtiere werden gelegentlich vom Großen Schwertwal (Orcinus orca) getötet und gefressen. Dies kommt allerdings relativ selten vor.

Parasiten

Darüber hinaus werden Grauwale von einer Vielzahl an Ekto- und Endoparasiten befallen. Dazu gehören vor allem Walläuse (Cyamidae). Diese Ektoparasiten setzen sich auf der Haut fest. Ähnliches gilt für Seepocken (Balanidae), jedoch gefährdet diese Probiose (Karpose), wie diese Interaktion von artfremden Organismen genannt wird, den Wal in keinster Weise. Diese spezielle Form der Probiose wird auch Symphorismus (Aufsiedelung) genannt. Deutlich negativer können sich Endoparasiten aus dem Stamm der Kratzwürmer (Acanthocephala) auswirken. Diese Würmer leben in den Därmen, der Leber sowie in und an Bauchfellfalten innerer Organe. Bei einem stärkeren Befall kann ein Grauwal erkranken und sogar sterben. Grauwale werden deutlich häufiger von Parasiten befallen als beispielsweise Buckelwale.

Ernährung

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Grauwale ernähren sich von kleinen Meerestieren. Dabei sind sie nicht wählerisch und fressen neben Plankton auch Vielborster (Polychaeta), Flohkrebse (Amphipoda), andere Höhere Krebse (Malacostraca) sowie Weichtiere (Mollusca) und kleinere bis mittelgroße Fische. Verschiedene Makrelenarten wie der Pazifischer Makrelenhecht (Cololabis saira), Sandaale (Ammodytidae) wie der Ammodytes americanus sowie der Atlantische Heringe (Clupea harengus) stehen weit oben auf der Speisekarte. Eine Methode zu Nahrungsgewinnung ist das "Durchpflügen" des Meeresbodens. Dabei legt sich ein Grauwal auf sie Seite und nimmt mit seinem Maul die Sedimente vom Meeresboden aus. Mit den Barten werden nun Kleinstleben aus dem Schlamm gefiltert.

Eine weitere Jagdmethode ist die Jagd nach Fischen nahe der Wasseroberfläche. Der Grauwal nimmt dabei neben der Nahrung eine große Menge Wasser in sein Maul auf. Nachdem das Maul geschlossen wurde, presst der Grauwal das Wasser durch die Barten hinaus. Die Nahrung wird durch die Barten zurückgehalten und verschlungen. Sind Grauwale auf der Jagd nach Fischen, so jagen sie nicht einzelnen Fischen hinterher, sondern sie haben es auf ganze Schwärme abgesehen. Ihr Fressverhalten beruht dabei auf ausgeklügelten Jagdstrategien. Grauwale tauchen unter einen Schwarm Fische und lassen Luftblasen in einem Ring um den Schwarm steigen. Die verängstigten Fische rücken näher zusammen und werden in großen Portionen vom Grauwal verschlungen. Bei Schwärmen, die sich dicht unter der Wasseroberfläche befinden, schwimmen Grauwale auf der Seite liegend mit geöffnetem Maul hinein. Diese Jagdmethode können vor allem einzelgängerisch lebende Grauwale erfolgreich anwenden. Die Tiere nehmen nur außerhalb der Paarungszeit Nahrung zu sich. In den Fortpflanzungsgebieten fasten sie. Sie leben während dieser Zeit von ihren Fettreserven.

Fortpflanzung

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Der Grauwal erreicht die Geschlechtsreife mit rund sieben bis acht Jahren, dies entspricht einer Länge von 11 bis 12 Metern. Männchen kommen aber meist erst sehr viel später zu ihrer ersten Paarung, da nur dominante und starke Bullen Zugang zu den Weibchen haben. Unter den Bullen kommt es dabei regelmäßig zu heftigen Rivalenkämpfen, die erbittert geführt werden. Die Paarungszeit erstreckt sich über den Winter und beginnt in der Regel im Dezember. Ein Weibchen bringt nur alle zwei Jahre ein Jungtier zur Welt. Dies stellt eine ausgesprochen geringe Reproduktionsrate dar. Nach erfolgreicher Paarung beginnt eine Tragezeit von 370 bis 390 Tagen, an deren Ende die Geburt eines Kalbes steht. Wie schon die Paarung, so erfolgt auch die Geburt des Nachwuchses in tropischen Gewässern. Die Geburtslänge liegt bei etwa 450 bis 470 Zentimeter und das Geburtsgewicht bei etwa 500 bis 700 Kilogramm. Unmittelbar nach der Geburt drückt das Muttertier ihr Kalb an die Wasseroberfläche, damit es die ersten Atemzüge machen kann. Die Entwöhnung von der Muttermilch, die einen Fettgehalt von bis zu 60 Prozent aufweist, beginnt im sechsten Lebensmonat und kann sich bis in den siebten oder achten Lebensmonat erstrecken. Aufgrund der sehr fetthaltigen Milch wachsen Jungtiere sehr schnell heran. Wie bei allen polygam lebenden Tieren kümmert sich ausschließlich das Muttertier um die Aufzucht des Nachwuchses. Der Grauwal kann ein Alter von 50 bis 70 Jahren erreichen.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

In der Vergangenheit wurde der Grauwal sehr stark bejagt. Es waren vor allem das Fleisch, der Tran (Öl), die Knochen und die Haut interessant. Heute spielt die Jagd auf die Tiere keine große Rolle mehr, da die Bejagung seit 1946 streng reglementiert wird. Nur noch die Eingeborenen jagen hier und da einen Grauwal zur Selbstversorgung. In der Nähe der Küste sind die Grauwale eine leichte Beute für Jäger. Zu "wissenschaftlichen" Zwecken werden Grauwale heute nur noch von Russland gejagt. Pro Jahr fallen den russischen Walfängern zwischen 112 zund 130 Tiere zum Opfer (Siehe Tabelle im Anhang). Zwischen 1985 und 2005 wurden 2.389 Grauwale getötet. <1>

Die Gesamtpopulation teilt sich in zwei regional von einander getrennte Populationen. Zum einen die nordwestliche und zum anderen die nordöstliche Population. Die Tiere im Nordwesten sind dabei deutlich stärker gefährdet. Ihr Status gilt heute als kritisch. Insgesamt ist die Population jedoch noch nicht gefährdet. Das Washingtoner Artenschutzabkommen stellt die Tiere in Anhang I unter weltweitem Schutz.

Die Bejagung ist heute an die zweite Stelle der Gefährdungsfaktoren gerückt. In den letzten Jahrzehnten hat die Verschmutzung der Gewässer, insbesondere die der großen Ozeane und Meere und der Küstengewässer, dramatisch zugenommen. Da wird nicht nur Altöl verklappt, sondern über die Flüsse auch Polychlorierte Biphenyle (PCB) und Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) in die Meere eingeleitet. Insbesondere in den Bereichen mit hoher Siedlungsdichte an den Küsten sieht es besonders schlecht aus. Die Gifte wirken sich zum einen direkt auf die Grauwale aus und zum anderen indirekt über deren Nahrung, da sie sich fast ausschließlich in Küstennähe aufhalten. Die Gifte und Schwermetalle werden natürlich auch von Fischen und anderem Meeresgetier aufgenommen, die die Nahrungsgrundlage für die Grauwale bilden.

Literatur und Quellen

Links

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