Höhlenbär

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Höhlenbär

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Raubtiere (Carnivora)
Überfamilie: Hundeartige (Canoidea)
Familie: Großbären (Ursidae)
Gattung: Ursus
Art: Höhlenbär
Wissenschaftlicher Name
Ursus spelaeus
Rosenmüller, 1794

Der Höhlenbär (Ursus spelaeus) zählt innerhalb der Familie der Großbären (Ursidae) zur Gattung Ursus.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft und Verwandschaft

Die ältesten Kiefer, die bärenartige Mahlzähne aufwiesen, stammen aus dem unteren Miozän und weisen somit ein Alter von rund 20 Millionen Jahren auf. Man ordnete diese Funde der Gattung Ursavus zu. Ursavus wurde abgeleitet von ursus, der Bär, und avus, der Großvater. Wer der genaue Vorgänger von Ursavus war, ist noch weitestgehend unklar. Man vermutet, dass Ursavus aus Cephalogale, der vor 50 bis 40 Millionen Jahren im Eozän und Oligozän lebte, entsprungen ist.

Der unmittelbare Vorläufer des Höhlenbären war der Deninger Bär (Ursus deningeri). Die ältesten fossilen Funde wurden in Deutsch-Altenburg in Österreich nachgewiesen. Man schätzt das Alter der Fossilien auf rund 1,3 Millionen Jahren. Er war deutlich kleiner als und schlanker als der Höhlenbär. Er starb nach aktuellen Erkenntnissen erst vor 130.000 Jahren aus.

Fossile Funde

Fundorte

Die ersten fossilen Funde des Höhlenbären wurden bereits im Jahre 1774 in der Burggaillenreuther Zoolithenhöhle bei Muggendorf in Oberfranken gefunden. In der Höhle fand man neben Knochen des Höhlenbären auch menschliche Überreste. Weitere Funde kamen zum Beispiel in der Drachenhöhle von Mixnitz an der Mur in der Steiermark zu Tage. Im Jahre 1804 fanden Paläontologen mehrere komplette Skelette des Höhlenbären in der Heinrichshöhle in Hemer, im Herzen des Sauerlandes. Weitere bedeutende Funde fand man in der Schwäbischen Alb, der Fränkischen Alb, im Bergischen Land und in der Eifel. Die meisten Funde stammen aus dem Jungpleistozän. Der Höhlenbär starb vor gut 13.000 Jahren aus. Seine Entwicklung begann wahrscheinlich vor etwa 400.000 Jahren.

Altersbestimmung von Knochenfunden

Um das Alter von fossilen Knochen zu bestimmen, stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Das relative Alter wird durch paläontologische und geologische Daten ermittelt. Als Zeitmesser für biologische Vorgänge erweist sich indessen die Evolution.

Das absolute Alter ist die Angabe in Jahren, Jahrtausenden oder Jahrmillionen vor heute. Als geologische Uhren werden die physikalischen Vorgänge bezeichnet, mit denen die geologische Zeit gemessen werden kann. Sie beruhen im Wesentlichen auf dem Prinzip, dass natürliche radioaktive Elemente durch Strahlung zunächst an Masse verlieren und somit ihr Atomgewicht reduziert wird. Schließlich verringert sich auch die Zahl der geladenen Teilchen, der Protonen und der Elektronen. Dadurch entsteht ein neues Element, das andere chemische und physikalische Eigenschaften aufweist. Diese Zerfallsprozesse unterliegen dem Naturgesetz und laufen immer in der gleichen Geschwindigkeit ab. Mithilfe dieser Zeit kann das Alter von Fossilien relativ genau bestimmt werden.

Höhlenbär (Ursus spelaeus) - Rechter Unterkieferknochen
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Höhlenbär (Ursus spelaeus) - Rechter Unterkieferknochen

Eine seit längerem bekannte und oft genutzte Datierungsmethode ist die Radiokarbon-Methode und kommt bei biologischen und chemischen Produkten zum Einsatz. Mit dieser Methode wird der radioaktive Zerfall von Kohlenstoffisotopen mit dem Atomgewicht 14. 14C bildet sich in den hohen Schichten der Atmosphäre unter Einwirkung kosmischer Strahlung und gelangt durch Niederschlag auf die Erdoberfläche. Die 14C-Uhr beginnt zu laufen, wenn eine Pflanze den Luftkohlenstoff aufnimmt, der in einem bestimmten Verhältnis auch die radioaktive Variante, das Isotop, enthält. Der Kohlenstoff wird in den Stoffwechsel aufgenommen und zum Aufbau verschiedener Pflanzenteile verwendet. Auch Tiere können letztlich nur von Pflanzen stammenden Kohlenstoff zum Aufbau von beispielsweise Knochen heranziehen. Die 14C-Uhr wird somit durch einen biologischen Prozess in Gang gesetzt. Die Radiokarbon-Methode ist jedoch aufgrund der geringen Halbwertzeit von etwa 5.700 Jahren bei Altersbestimmungen bis zu 50.000 Jahren beschränkt.

Neu hingegen ist die Uran-Serien-Methode. Diese wird erst verstärkt seit ein paar Jahren eingesetzt und ist relativ teuer. Die Methode schließt einen Datierungszeitraum von mehr als 300.000 Jahren ein und beruht auf den verschiedenen chemischen Eigenschaften der einzelnen Glieder der Zerfallsreihen. Während sich Uran sehr leicht in Wasser löst und von einem Organismus über die Nahrung aufgenommen werden kann, sind Folgeprodukte wie Thorium, 90Th, oder Protactinium, 91Pa, nahezu wasserunlöslich. Die Uran-Uhr beginnt mit der Einlagerung ins Gewebe zu ticken. Ab diesem Zeitpunkt bilden sich aus dem zerfallendem Uran die Folgeprodukte 90Th und 91Pa. Beide Stoffe können vom Organismus nicht inkorporiert (einverleibt) werden. Stirbt der Organismus, so geht der radioaktive Zerfall weiter und die Folgeprodukte reichern sich immer mehr an. Im Verhältnis von Thorium 230 zu Uran 238 und von Protactinium 231 zu Uran 235 kann das Alter einer Probe ermittelt werden. Die zeitliche Reichweite dieser Methode hängt von den Halbwertzeiten der Uranisotope sowie deren Folgeprodukte ab.

Beschreibung

Der Höhlenbär erreicht eine Körperlänge von 300 bis 350 Zentimeter, eine Schulterhöhe von 140 bis 160 Zentimeter sowie ein Gewicht von über 1.000 Kilogramm. Aufrecht stehend maß er wohl um die 300 bis 330 Zentimeter. Weibchen blieben deutlich kleiner und leichter als Männchen. Das Fell war wahrscheinlich graubraun bis dunkelbraun gefärbt. Nahrungsangebot, Klima und Lebensraum spielten bei der Fellfärbung mitunter eine entscheidende Rolle. Der Körper war sehr robust und stämmig gebaut. Die Beine waren relativ lang und kräftig. Die Füße endeten in fünf Zehen, die mit massiven Krallen versehen waren. Die Krallen konnten nicht eingezogen werden. Der rundliche Kopf war massig und saß auf einem mächtigen Nacken. Man glaubt, dass Höhlenbären über sehr feine Sinne verfügten. Vor allem der Geruchssinn war wahrscheinlich sehr weit entwickelt. Bereits über mehrere Kilometer konnten sie ihre Nahrung wittern. Auch das Sehvermögen und das Gehör waren vermutlich außerordentlich gut entwickelt. Höhlenbären streiften einzelgängerisch durch ihren Lebensraum. Nur die Weibchen waren in Begleitung ihres Nachwuchses. In den kalten Wintermonaten hielten Höhlenbären eine Winterruhe. Für diese Ruhephase fraßen sie sich im Sommer und Herbst eine dicke Speckschicht an. Dabei wurde hauptsächlich pflanzliche Nahrung aufgenommen. Die Backenzähne wiesen eine große Kaufläche auf. Nur selten nahm er wahrscheinlich auch tierische Nahrung oder Aas zu sich.

Verbreitung

Der Höhlenbär war in weiten Teilen Mitteleuropas verbreitet. Fossile Funde belegen ein Verbreitungsgebiet, dass sich von Frankreich, über die Beneluxstaaten, Deutschland, Polen, Tschechien und Slovenien bis in den gesamten Alpenraum erstreckte. Der Höhlenbär lebte in der letzten großen Eiszeit bzw. in der auslaufenden Eiszeit vor 400.000 bis 13.000 Jahren. Die Tiere bewohnten vorzugsweise baumarme Bergregionen und andere baumlose Landschaften wie lichte Wälder und leicht bewaldete Flußtäler.

Warum der Höhlenbär letztlich ausstarb ist weitestgehend unklar. Zum Teil dürfte die Bejagung durch den Menschen einen großen Einfluss auf die Populationen gehabt haben. Andere Forscher glauben, dass die Spezialisierung auf bestimmte Nahrung zu seinem Aussterben führte. Bei zu geringer Nahrung konnte der Höhlenbär nicht genug Winterspeck ansetzen und verendete vor allem in langen und strengen Wintern. Auch die Abnahme an geeigneten Überwinterungsplätzen könnte einen Einfluss gehabt haben, da viele Höhlen gegen Ende seines Auftretens in der Fauna von den Menschen für sich beansprucht wurden.

Lebensweise

Höhlenbären waren nicht das ganze Jahr über aktiv. Im Winter hielten sie eine mehrmonatige Winterruhe. Die vegetationslose Zeit im Winter bot den Tieren keine Nahrung. In der Regel nutzten sie geräumige Höhlen mit einem für sie günstigen Mikroklima. In derartigen Höhlen brachten Weibchen auch ihren Nachwuchs zur Welt. Dies geschah in der Regel in der Mitte des Winters. Bis zum Frühjahr waren die Jungtiere dann mehr oder weniger mobil genug, um der Mutter zu folgen. In zahlreichen Höhlen fand man neben Knochen von erwachsenen Höhlenbären auch zahlreiche Skelette von Jungtieren. Man kann davon ausgehen, dass in einem harten Winter viele Jungtiere und ihre Mütter umkamen. Die Mütter mussten mit ihrem im Sommer angefressenen Fettspeicher nicht nur sich selbst über den zum Teil langen Winter bringen, sondern auch die heranwachsenden Embryonen und nach der Geburt ihren Nachwuchs mit Milch versorgen. Die Jungtiere blieben meist bis zu zwei Jahren bei der Mutter.

Prädatoren

Zu den natürlichen Feinden der Höhlenbären gelten der Höhlenlöwe (Panthera leo spelaea) und mit Abstrichen auch die Höhlenhyäne (Crocuta crocuta spelaea). Die ältesten fossilen Funde des Höhlenlöwen weisen ein Alter von gut 2 Millionen Jahren auf, die jüngsten ein Alter von etwa 600.000 Jahren.

Ernährung

Aufgrund von fossilen Funden scheint sicher, dass der Höhlenbär ein reiner Pflanzenfresser war. Nicht auszuschließen ist aber, dass er gelegentlich auch das eine oder andere Tier fraß oder sich über Aas hermachte. Zu seiner bevorzugten Nahrung gehörten Kräuter und Gräser, Pilze sowie Früchte und Beeren. Diese Nahrung konnte der Höhlenbär aufgrund seiner vielhöckrigen Backenzähne gut kauen und verwerten.

Fortpflanzung

Höhlenbären erreichten die Geschlechtsreife wahrscheinlich mit rund vier Jahren. Die Paarungszeit erstreckte sich über die Sommermonate. Dabei kam es wie bei den heutigen Braunbären zu einer verzögerten embryonalen Entwicklung. Das befruchtete Ei fing erst mit Beginn des Winters an zu wachsen. Nach einer Tragezeit von zwei bis drei Monaten brachte das Weibchen während der Winterruhe zwischen einem und drei Jungtiere zur Welt. Die kleinen Bären hatten ein Geburtsgewicht von 800 bis 1.000 Gramm sowie eine Länge von gut 40 Zentimeter. Sie waren anfangs noch nackt und blind. Das Weibchen wärmte die Jungen zwischen Bauch und Arme. Im Alter von etwa 30 Tagen öffneten die Jungbären ihre Augen. Aufgrund der fettreichen Milch wuchsen die Jungtiere sehr schnell heran. Mit Verlassen der Höhle im Frühjahr waren die Jungtiere vollständig entwickelt und konnten der Mutter folgen. Sie wurden wahrscheinlich für insgesamt vier Monate gesäugt, blieben aber noch zwei bis drei Jahre bei der Mutter, die ihnen alles Wissenswerte beibrachte. Das Muttertier verteidigte ihre Sprößlinge energisch - auch gegenüber männlichen Artgenossen. Höhlenbären erreichten vermutlich ein Alter von etwa 20 bis 25 Jahren.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Gernot Rabeder, Doris Nagel, Martina Pacher: Der Höhlenbär. Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart, 2000 ISBN 3799590854
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Ernst Probst: Deutschland in der Urzeit. C. Bertelsmann, München 1986 ISBN 35701066x
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