Hirschferkel

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Hirschferkel
Großkantschil (Tragulus napu)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Hirschferkel
Wissenschaftlicher Name
Tragulidae
Milne Edwards, 1864

Hirschferkel (Tragulidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) und zur Unterordnung der Wiederkäuer (Ruminantia). Es werden in der Familie 4 rezente Arten in 3 Gattungen geführt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution und Entwicklung

Den Ursprung haben die Vorfahren der Hirschferkel im frühen Miozän bis zum frühen Pliozän in Europa. Seit dem mittleren Miozän sind sie auch in Afrika beheimatet. Erst gegen Ende des Miozän tauchten die ersten Arten in Asien auf. Zu den ausgestorbenen Gattungen gehören Dorcatherium, Dorcabune, Siamotragulus und Yunnanotherium.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Hirschferkel erreichen je nach Art und Geschlecht eine Körperlänge von 44 bis 80 Zentimeter, eine Schulterhöhe von 20 bis 40 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 3 bis 14 Zentimeter sowie ein Gewicht von 1,7 bis 13 Kilogramm. Mit diesen Maßen und Gewichten gehören Hirschferkel zu den kleinsten Wiederkäuern. Männchen bleiben meist ein wenig kleiner und leichter als Weibchen. Die kleinste Art ist das Kleinkantschil, die größte das Afrikanische Hirschferkel. Die genauen Maße und Gewichte der einzelnen Arten können der unten stehenden Tabelle entnommen werden. Das Fell ist je nach Verbreitungsgebiet und Lebensraum unterschiedlich gefärbt und reicht von schwärzlich rotbraun, über rotbraun bis einheitlich rot.
Fleckenkantschil (Moschiola meminna)
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Fleckenkantschil (Moschiola meminna)
Beim Afrikanischen Hirschferkel zeigen sich dorsal helle Flecken und lateral ausgedehnte Längsstreifen. Bei einigen Arten wie dem Kleinkantschil zeigt sich in der vorderen Körperhälfte ein charakteristisches Fischgrätenmuster. Der Körperbau wirkt bei allen Arten ausgesprochen gedrungen. Aufgrund der dürren Beinchen sind Hirschferkel nur mäßig beweglich. Das Afrikanische Hirschferkel gilt jedoch als ausgezeichneter Schwimmer. Die 3 asiatischen Arten sind aufgrund der zum Teil felsigen Habitate gute Kletterer.

Das Gebiss der Hirschferkel besteht aus 34 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i0/3, c1/1, p3/3, m3/3. An der Zahnformel ist zu erkennen, dass die oberen Schneidezähne vollständig fehlen. Die 3 Prämolaren sind bei allen Wiederkäuern vorhanden. Bei den Männchen sind die oberen Eckzähne stark verlängert und wachsen ein Leben lang nach. Bei den Weibchen sind die Eckzähne klein und stiftartig ausgebildet. Die Prämolaren sind bei beiden Geschlechtern mit spitzen Kronen versehen. Hirschferkel tragen im Gegensatz zu anderen Wiederkäuern weder ein Geweih noch Hörner. Die Zehen der Hirschferkel, von denen je Fuß vier vorhanden sind, weisen jeweils eine volle Entwicklung auf. Die Gesichtssinne sind insgesamt nur mäßig ausgeprägt. Die Kommunikation untereinander erfolgt überwiegend über den olfaktorischen Sinn (Geruchssinn) und über akustische Lautäußerungen. Hirschferkel weisen weder Unteraugendrüsen noch Zwischenzehendrüsen auf. Afrikanische Hirschferkel verfügen über Anal- und Vorhautdrüsen, deren Sekret der Reviermarkierung dienen. Auch Kot und Urin dienen dieser und den anderen Arten der Reviermarkierung. Alle Arten verfügen über teils gut entwickelte Kinndrüsen. Das Sekret aus diesen Drüsen wird auf dem Rücken der Weibchen oder Rivalen gerieben. Beim Afrikanischen Hirschferkel und beim Fleckenkantschil weisen die Drüsen jedoch nur einen rudimentären Charakter auf. Beim Afrikanischen Hirschferkel fehlt das Kanonenbein (verwachsene Mittelfußknochen). Bei dieser Art ist die Haut am Rumpf polsterartig verdickt. Diese Eigenschaft dient als Schutz vor den spitzen Eckzähnen in den Rivalenkämpfen.

Lebensweise

Hirschferkel gelten dem Menschen gegenüber als sehr scheu. Es verwundert daher nicht, dass alle Arten vorwiegend nachtaktiv sind und einzelgängerisch leben. Gesichtete Gruppen sind in der Regel ein Muttertier mir ihrem Nachwuchs. Die Geschlechter treffen nur während der Paarungszeit aufeinander. Bis auf das Afrikanische Hirschferkel sind Hirschferkel nur wenig territorial. Afrikanische Hirschferkel beanspruchen ein Revier in einer Größe von 23 bis 28 Hektar beim Männchen, 13 bis 14 Hektar beim Weibchen. Die Reviere von Männchen und Weibchen überschneiden sich dabei leicht. Innerhalb der Geschlechter kommt es nicht zu Revierüberschneidungen.

Maße und Gewicht

Gattungs-Name dt. Wissenschaftliche Bezeichnung Körperlänge in cm Schulterhöhe in cm Schwanzlänge in cm Gewicht in kg
Afrikanisches Hirschferkel Hyemoschus aquaticus 60 - 85 30,5 - 35 7,5 - 15 7 - 15
Großkantschil Tragulus napu 50 - 75 30 - 35 7 - 12,5 4 - 6
Kleinkantschil Tragulus javanicus 40 - 48 20 2,5 - 8 0,7 - 2,6
Fleckenkantschil Moschiola meminna 46 - 60 25 - 30 2 - 6 2,2 - 2,7

Verbreitung

Kleinkantschil (Tragulus javanicus)
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Kleinkantschil (Tragulus javanicus)

Hirschferkel kommen in tropischen Regionen des westlichen und zentralen Afrika sowie in Indien und in Südostasien vor. In Afrika werden Angola, Burundi, Kamerun, die Zentralafrikanische Republik, Kongo, die Republik Kongo, die Elfenbeinküste, Äquatorial-Guinea, Gabun, Ghana, Guinea, Liberia, Nigeria, Ruanda, Sierra Leone und Uganda besiedelt. In Asien kommen Hirschferkel neben Indien und Sri Lanka auch in Brunei, Kambodscha, China, Indonesien, Laos, Malaysia, Myanmar, auf den Philippinen, in Singapur, Vietnam und Thailand vor.

Alle Arten bewohnen ausschließlich tropische Regenwälder und Mangrowendschungel. Das Fleckenkantschil kommt auch in felsigen Galeriewäldern vor. Die Lebensräume zeichnen sich bei allen Arten durch eine dichten Vegetation aus, die den Tieren ausreichend Schutz bietet. Afrikanische Hirschferkel leben immer in unmittelbarer Nähe zu einem Gewässer. Ins Wasser flüchten sie insbesondere bei Bedrohung durch Fleischfresser. Die Entfernung zu einem Gewässer beträgt selten mehr als 250 Meter. Die Populationsdichte ist bei den Hirschferkeln eher gering. Sie beträgt bei der afrikanischen Art zwischen 7,7 und 28 Tiere je km².

Prädatoren

Zu den natürlichen Fleischfressern der Hirschferkel zählen insbesondere mittelgroße und größere Katzen (Felidae), Greifvögel (Falconiformes) und größere Schlangen (Sepentes) wie beispielsweise Pythons (Pythonidae).

Ernährung

Als reine Pflanzenfresser ernähren sich Hirschferkel überwiegend von Früchten und Laub. Ihr Magen ist an die stark zellulosehaltige Nahrung angepasst. Sie gelten jedoch als primitive Form der Wiederkäuer, da sie weitgehend auch Merkmale von Nichtwiederkäuern aufweisen. Einige Forscher sehen Hirschferkel als Bindeglied zwischen Wiederkäuern und Nichtwiederkäuern. Der Magen ist in 4 Teile unterteilt, wobei der dritte Teil des Magen nur rudimentär vorhanden ist.

Fortpflanzung

Hirschferkel erreichen die Geschlechtsreife je nach Art im Alter von 9 bis 26 Monaten. Beim Afrikanischen Hirschferkel und beim Großkantschil erstreckt sich die Paarungszeit über das ganze Jahr, bei den anderen Arten erstreckt sich die Paarungszeit über die Regenzeit, meist von November bis Dezember. Beim Fleckenkantschil und beim Großkantschil erfolgt eine Neuverpaarung bereits 2 Tage nach einem Wurf. Während der Paarungszeit kommt es unter den Männchen zu teils heftigen Kommentkämpfen, die auch blutig enden können und mit den scharfen Eckzähnen ausgetragen werden. Ähnlich den Schweinen ist der Fortpflanzungsverhalten durch einen schlichtes Paarungsverhalten und einen langen Paarungsakt (5 Minuten und mehr) geprägt. Nach einer Tragezeit von rund 150 Tagen bringt ein Weibchen an geschützter Stelle ein Jungtier zur Welt. Abweichend davon erstreckt sich die Tragezeit beim Afrikanischen Hirschferkel über 6 bis 9 Monate. In einer Saison kommt es bei allen Arten meist nur zu einem Wurf. Unmittelbar nach der Geburt frisst ein Muttertier die Reste der Plazenta. Der Nachwuchs des Fleckenkantschil wiegt bei der Geburt etwa 320 Gramm. Beim Afrikanischen Hirschferkel verbleibt der Nachwuchs in den ersten Wochen in einer Erdhöhle oder an einer ähnlich geschützten Stelle. Die mütterliche Sorge beschränkt sich dabei auf das Säugen. Die Säugezeit erstreckt sich über durchschnittlich 90 bis 180 Tage. Die Lebenserwartung liegt in Freiheit wahrscheinlich bei 10 bis 14 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Hirschferkel gehören heute noch nicht zu den bedrohten Arten. Beim Afrikanischen Hirschferkel ist die Gefährdungssituation jedoch unklar. Die Tragulus napu nigricans des Großkantschil gilt als stark bedroht. Die Art wird in der Roten Liste der IUCN daher als DD, Data Deficient geführt. Der Populationstrend dürfte jedoch negativ sein. In weiten Teilen der Verbreitungsgebiete sind Hirschferkel durch die Vernichtung der tropischen Regenwälder bedroht. Aber auch die Bejagung durch den Menschen setzt den Arten zum Teil stark zu.

Kleinkantschil (Tragulus javanicus)
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Kleinkantschil (Tragulus javanicus)

Systematik der Hirschferkel

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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