Holochilus sciureus

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Holochilus sciureus
Foto/Zeichnung folgt.

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha)
Überfamilie: Hamster- und Mäuseartige (Muroidea)
Familie: Wühler (Cricetidae)
Unterfamilie: Neuweltmäuse (Sigmodontinae)
Tribus: Oryzomyini
Gattung: Sumpfratten (Holochilus)
Art: Holochilus sciureus
Wissenschaftlicher Name
Holochilus sciureus
Wagner, 1842

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Holochilus sciureus zählt innerhalb der Familie der Wühler (Cricetidae) zur Gattung der Sumpfratten (Holochilus). Im Englischen wird die Art Marsh Rat genannt.

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Die ältesten fossilen Funde einer Sumpfratte (Holochilus) stammen aus Südamerika und konnten Holochilus primigenius zugeordnet werden. Die Funde stammen aus dem mittleren Pleistozän und weisen somit ein Alter von 0,7 bis 1,0 Millionen Jahre auf. Holochilus sciureus hat sich nach einhelliger Meinung aus Holochilus primigenius entwickelt (Barreto & Garcıá-Rangel, 2005).

Erkennung und Unterschiede

Holochilus sciureus lässt sich von der nah verwandten Art Holochilus brasiliensis durch die etwas geringeren Maße unterscheiden. Der Schwanz von Holochilus sciureus erreicht stets die Kopf-Rumpf-Länge. Dies ist bei Holochilus brasiliensis nicht der Fall. Die Weibchen von Holochilus sciureus weisen 8 bis 10 Zitzen auf, Holochilus brasiliensis stets 8 Zitzen. Sumpfratten (Holochilus) gelten als enge Verwandte der Baumwollratten (Sigmodon). In der Morphologie des Penis und der zytologisch erkennbaren Chromosomeneigenschaften ergeben sich jedoch eher enge Beziehungen zu den Reisratten (Oryzomys) (Barreto & Garcıá-Rangel, 2005).

Beschreibung

Aussehen und Maße

Holochilus sciureus weist ein rattenähnliches Aussehen auf. Die Art erreicht je nach Geschlecht eine Körperlänge von 130 bis 220 mm, eine Schwanzlänge von 115 bis 178 mm, ein Gewicht von 130,0 bis 198,5 Gramm, eine Schädellänge von 37,22, eine Condylobasallänge von 34,85 bis 37,29 mm, eine Basilarmembranlänge von 30,69 bis 32,57 mm, eine Jochbeinbreite von 20,86 bis 21,67 mm, eine Unterkieferlänge von 21,29 bis 22,13 mm sowie eine Schädeltiefe von 10,96 bis 11,32 mm. Weibchen bleiben insgesamt kleiner und leichter als Männchen. Das kurze Fell ist blass orangebraun bis gelblichbraun gefärbt. Durchsetzt ist das Fell mit schwärzlichen Haarspitzen. Lateral zeigt sich eine etwas hellere Färbung. Ventral ist Holochilus sciureus weißlich bis leicht orange gefärbt. Die einzelnen Haare sind ausgesprochen dünn. Der Schwanz ist dorsal gleichmäßig braun gefärbt und weist ventral eine etwas hellere Färbung auf. Die Vorderpfoten sind deutlich größer als die hinteren Pfoten. Die Zehen der Hinterpfoten sind schwach mit Schwimmhäuten versehen. Das Jochbein (Os jugale) ist recht klein und weist eine unregelmäßige Ausbildung auf. Das Gebiss weist 16 Zähne auf, die zahnmedizinische Formel lautet i1/1, c0/0, p0/0, m3/3. Die Kronen der Molaren sind flach. Die 8 bis 10 Zitzen der Weibchen verteilen sich vom Brustbereich bis in die Leistenregion (Barreto & Garcıá-Rangel, 2005; Novak, 1999).

Lebensweise

Holochilus sciureus ist hauptsächlich in der Nacht aktiv. Die Weibchen bauen kugelartige Nester, in denen der Nachwuchs aufgezogen wird. Die Nester entstehen in Höhen von 0,5 bis 1,5 Meter über dem Boden. Das Nestinnere wird mit zerkleinerten Blättern und ähnlichem ausgekleidet. Die gewöhnliche Reviergröße beträgt in Abhängigkeit vom Lebensraum rund 0,28 Hektar. Die Lebensräume sind meist durch Hirse Paspalum fasciculatum und ähnliche Pflanzen geprägt. In der Nähe des Menschen gilt Holochilus sciureus als Schädling von Kulturpflanzen. Lokal wurden aufgrund einer sehr hohen Siedlungsdichte ganze Ernten vernichtet (vergleiche Twigg 1962, 1965 in Barreto & Garcıá-Rangel, 2005). Antikoagulante Medikamente (Antikoagulation von griech. anti "gegen" und lat. coagulatio "Zusammenballung") dienen der Schädlingsbekämpfung. Als Antikoagulation wird die Gabe eines Medikamentes zur Hemmung der Blutgerinnung bezeichnet (Barreto & Garcıá-Rangel, 2005; Novak, 1999).

Verbreitung

Holochilus sciureus ist in weiten Teilen des nördlichen Südamerika verbreitet. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich östlich der Anden über Brasilien, Venezuela, Guyana, Surinam, dem östlichen Peru und dem nördlichen Bolivien. Holochilus sciureus tritt hauptsächlich entlang der nördlichen Ufer des Amazonas auf, Holochilus brasiliensis fast ausschließlich entlang der südlichen Ufer des Amazonas. Die Verbreitungsgebiete erstrecken sich von Seehöhe bis in Höhen von gut 2.000 Metern über NN. Sumpfgebiete, offene Regenwälder sowie Grasland und Savannen dienen den Tieren als Lebensraum (Barreto & Garcıá-Rangel, 2005; Novak, 1999).

Biozönose

Prädatoren und Mortalität

Als natürliche Feinde kommen insbesondere Krokodilkaimane (Caiman crocodilus) und Klapperschlangen (Crotalus) in Frage. Aber auch Schleiereulen (Tyto alba), Savannenbussarde (Buteogallus meridionalis), der Weißschwanzaar (Elanus leucurus) und der Maikong (Cerdocyon thous) stellen den Sumpfratten nach (Barreto & Garcıá-Rangel, 2005).

Krankheiten und Parasiten

In Felduntersuchungen konnten zahlreiche Ekto- und Endoparasiten nachgewiesen werden. Dies sind insbesondere Milben (Acari, Acarida) wie Amblyomma ovale, Androlaelaps fahrenholzi, Eutrombicula alfreddugesi, Eutrombicula batatas, Gigantolaelaps canestrini, Gigantolaelaps mattogrossensis, Ornithonyssus bacoti sowie Läuse (Anoplura) wie Hoplopleura contigua und Hoplopleura quadridentata. Bekannte Endoparasiten sind Fadenwürmer (Nematoda) wie verschiedene Magenwürmer (Physaloptera), Zwergfadenwürmer (Strongyloidiasis) und Stilestrongylus (Barreto & Garcıá-Rangel, 2005).

Ernährung

Sumpfratten sind Allesfresser. In Feldstudien in Venezuela konnte nachgewiesen werden dass sich der Nahrungsbedarf wie folgt aufteilt: 84,3% Süßgräser (Poaceae), 6% Sauergrasgewächse (Cyperaceae) und 5,8% wirbellose Tiere. Die fehlenden Prozente entfallen auf Dikotylen (Dicotyledoneae) und nicht identifizierte Nahrungsbestandteile. Unter den Süßgräsern steht vor allem Reis (Oryza) hoch im Kurs (Barreto & Garcıá-Rangel, 2005).

Fortpflanzung

Das Paarungs- und Fortpflanzungsverhalten sowie die Ontogenie allgemein sind gut untersucht. Sowohl Männchen als auch Weibchen sind das ganz Jahr über fruchtbar. Man kann daher davon ausgehen, dass sich die Tiere unter natürlichen Bedingen ganzjährig fortpflanzen. Während der Regenzeit ist die Fruchtbarkeit offenbar am höchsten. Die Tragezeit erstreckt sich über rund 29 Tage. Während dieser Zeit nimmt ein Weibchen etwa 48% an Gewicht zu. Die Wachstumsrate während der fetalen Entwicklung liegt bei 0,12 Gramm pro Tag. In Laboruntersuchungen konnte eine intrauterine Wachstumsretardierung (vorgeburtliche Entwicklungsstörung) von 13 bis 27% nachgewiesen werden. Bei einer intrauterinen Wachstumsretardierung spricht man auch von einer pränatalen Dystrophie oder fetalen Hypothrophie. Ein durchschnittlicher Wurf besteht aus 5 bis 6 Jungen, wobei die Wurfgröße mit dem Alter und der Körpermasse korreliert. Zu den meisten Geburten kommt es in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden. Kurz nach der Geburt wird die Plazenta von der Mutter gefressen. Das Geschlechterverhältnis der Jungen liegt bei 1:1. Die Jungtiere sind bei der Geburt nackt, blind und taub. Bei der Geburt sind lediglich die ersten Vibrissen vorhanden. Die Geburtslänge beträgt 52 mm, das Geburtsgewicht beträgt etwa 7 Gramm. Ein Dimorphismus ist zwischen den Geschlechtern in diesem Alter nicht vorhanden. Das erste Fell stellt sich gegen Ende der ersten Lebenswoche ein. Im Alter von 15 Tagen öffnen die Jungen erstmals ihre Augen. Die Schneidezähne brechen im Alter von gut 10 Tagen durch. Im Alter von 2 Wochen weist der Nachwuchs bereits ein Gewicht von 20 bis 26 Gramm auf. Pro Tag legen die Jungen im ersten Lebensmonat etwa 1,35 Gramm zu. Ab dem zweiten Lebensmonat stellt sich bei den Geschlechtern in Bezug auf das Körpergewicht ein Dimorphismus ein. Männchen legen vom 2 bis zum 5. Lebensmonat pro Woche gut 10 Gramm an Gewicht zu, bei den Weibchen hingegen nur etwa 6 Gramm (Barreto & Garcıá-Rangel, 2005; Novak, 1999).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Nach Angaben der IUCN (2009) gilt Holochilus sciureus noch nicht zu den gefährdeten Arten und wird in der internationalen Roten Liste als nicht gefährdet (LC, Least Concern) geführt. Gefährdungsfaktoren sind keine bekannt.

Anhang

Literatur und Quellen

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