Kamelartige

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Kamelartige
Dromedar (Camelus dromedarius)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Schwielensohler (Tylopoda)
Überfamilie: Cameloidea
Familie: Kamelartige
Wissenschaftlicher Name
Camelidae
Gray, 1821

Kamelartige (Camelidae) zählen in der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla). Es sind 6 rezente Arten in 3 Gattungen bekannt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution, Entwicklung

Kamele gehören innerhalb der Ordnung der Paarhufer zu den ältesten Vertretern. Sie tauchen erstmals vor 45 bis 40 Millionen im Eozän auf. Man geht heute davon aus, dass Kamele ihren Ursprung in Nordamerika haben. Erst sehr spät, vor rund 3 Millionen Jahren, gelangen die ersten Vertreter von Nordamerika nach Asien und Südamerika. Die genauen Verwandtschaftsverhältnisse der südamerikanischen Arten liegen jedoch noch weitestgehend im Dunkeln. Die in Südamerika beheimateten Arten sind untereinander alle fortpflanzungsfähig und die Nachkommen sind fruchtbar. Da verwundert es nicht, dass auch die Chromosomenanzahl bei den 4 Arten übereinstimmt. Sie beträgt 74.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Altwelt- und Neuweltkamele unterscheiden sich insbesondere durch die Höcker, die nur bei Altweltkamelen (Camelus) vorhanden sind. Kamele unterscheiden sich insgesamt von anderen Paarhufern, da sie mit den Sohlenflächen der Zehen auftreten und nur die Hufspitzen den Boden berühren. Die Sohlenballen der südamerikanischen Arten sind schmäler und beweglicher. So finden sie auch in felsigen und steinigen Habitaten einen guten Halt. Alle Kamelarten weisen dennoch übereinstimmende Merkmale auf. Dazu gehört die gespaltene Oberlippe und der lange Hals. Auch eine Spannhaut zwischen Bauch und Oberschenkel fehlt allen Arten. Anders als bei allen anderen Säugetierarten sind die roten Blutkörperchen oval geformt. Kamele verfügen pro Kieferhälfte nur über einen oberen Schneidezahn. Bei den südamerikanischen Arten sind die Schneidezähne der Männchen gekrümmt und scharfkantig.
Domestiziertes Kamel - Erkennbar am Holzpflock, der durch die Nasenscheidewand gezogen wurde
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Domestiziertes Kamel - Erkennbar am Holzpflock, der durch die Nasenscheidewand gezogen wurde
Die Schneidezähne weisen die gleiche Form auf wie die Eckzähne des Unterkiefers. Das Gebiss besteht insgesamt aus 34 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet I1/3, C1/1, P3/2, M3/3. Mit den zum Teil sehr langen Beinen bewegen sich Kamele im Passgang fort. Auffällig sind die Hornschwielen im Brustbereich und an den Kniegelenken.

Kamele sind insgesamt sehr robust gebaut. Dies trifft vor allem auf die altweltlichen Kamele zu, die auf ihren Wanderungen lange Strecken zurücklegen. Kamele haben sich optimal an sehr warmes und trockenes Klima angepasst. Selbst bei sehr warmen Temperaturen verlieren Kamele nur wenig Wasser. Dies erreichen sie, indem sie Kot und Urin nur in konzentrierter Form ausscheiden. Ein weiterer Faktor ist ihre Körpertemperatur. Sie kann tagsüber durchaus um 6 bis 8 Grad ansteigen. Für einen Menschen oder die meisten anderen Säugetiere wäre ein solcher Anstieg der Körpertemperatur letal. Durch den Anstieg der Körpertemperatur vermeiden es Kamele zu schwitzen. Dies hätte einen erhöhten Wasserverlust zur Folge. Dennoch verfügen Kamele über Schweißdrüsen. Sie sind einfach gebaut, gewunden und schlauchförmig. Sie münden in primäre Haarfollikel. Diese Haarfollikel liegen deutlich tiefer in der Haut als bei anderen Säugern. Zu den weiteren Anpassungen an die ungastlichen Lebensräume gehören unter anderem auch die verschließbaren Nasenlöcher. Dadurch dringt bei einem Sandsturm kein Sand in die Nase und der Wasserverlust wird eingedämmt. Die großen Augen sind durch lange Wimpern gekennzeichnet, die die Augen ebenfalls vor Sand schützen. Die Höcker der Altweltkamele dienen den Tieren als Fettspeicher. Mit einem gut gefüllten Fettspeicher können Kamele lange Zeit ohne Nahrung und Wasser auskommen. Kamele können, wenn sie müssen, sehr schnell laufen. Dies trifft vor allem auf das Dromedar zu. Dromedare erreichen auf kurzen Strecken Geschwindigkeiten von bis zu 65 km/h zu erreichen. Daher werden sie auch bei Kamelrennen eingesetzt.

Die Größe der Kamele variiert je nach Art stark. Die kleinste Art ist das Vikunja (Vicugna vicugna). Es erreicht eine Körperlänge von 150 bis 190 Zentimeter, eine Schulterhöhe von 86 bis 98 Zentimeter, eine Schwanzlänge von gut 20 Zentimeter sowie ein Gewicht von 45 bis 55 Kilogramm. Die großen Arten wie das Dromedar (Camelus dromedarius) und das Wildkamel (Camelus bactrianus) erreichen eine Körperlänge von 240 bis 320 Zentimeter, eine Höckerhöhe von 190 bis 230 Zentimeter sowie ein Gewicht von 450 bis 650 Kilogramm. Das Fell der Kamele ist überaus dick und dicht. In kalten Nächten schützt es vor Kälte, am Tage auch als Isolation gegen Hitze. Die Färbung ist bei Altweltkamelen einfarbig hell- bis dunkelbraun. Im Winter ist das Fell deutlich länger. Bei den neuweltlichen Kamelen ist das Fell meist mehrfarbig und reicht von weiß, braun, grau bis schwarz. Auch bei ihnen ist das Fell im Winter länger und dichter.

Lebensweise

Je nach Art leben Kamele in Haremsgruppen oder kleinen Familiengruppen. Männchen bilden nicht selten reine Junggesellentrupps oder ziehen einzelgängerisch umher. Eine Haremsgruppe besteht aus einem Männchen und mehreren Weibchen sowie deren Nachwuchs. Männchen tragen vor allem an der Revierverteidigung die Hauptlast. Geschlechtsreife Jungtiere werden bei den meisten Arten vom Leithengst aus der Gruppe vertrieben. Sie schließen sich meist anderen Gruppen an oder gründen eine Junggesellengruppe. Während der Paarungszeit kommt es unter Kamelen nicht selten zu Kämpfen zwischen rivalisierenden Hengsten, einhergehend mit einem lauten und kreischenden Gebrüll. Bei den Wildkamelen bespeien und bespucken sich die Rivalen gegenseitig mit Mageninhalt. Selten enden die Kommentkämpfe jedoch mit schweren Verletzungen, auch wenn die Hengste wild um sich beißen. Dabei sind die großen Schneidezähne und Eckzähne des Oberkiefers furchtbare Waffen.

Verbreitung

Natürlicher Lebensraum des Dromedar: die Sahara
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Natürlicher Lebensraum des Dromedar: die Sahara

Das Verbreitungsgebiet der Kamelartigen erstreckt sich über das nördliche und nordöstliche Afrika, den Nahen Osten, das südwestliche Asien sowie entlang der Küsten, westlich der Anden in Südamerika. Beliebte Lebensräume der südamerikanischen Arten sind alpine Gras- und Buschlandschaften, Wiesen, Sumpfgebiete und lichte Wälder. Die Tiere leben hier bis in Höhen von 4.800 Metern über NN. Das Dromedar lebt im südwestlichen Asien und im nördlichen Afrika zumeist in reinen Wüstenregionen. In Australien wurden Dromedare ausgewildert und gedeihen prächtig. Das Wildkamel ist in den weiten Grassteppen der Mongolei verbreitet.

Ernährung

Kamele sind nur wenig wählerisch. Vor allem die Altweltkamele, die in reinen Wüsten leben, fressen Pflanzenarten, die für gewöhnlich von anderen Pflanzenfressern verschmäht werden. Dazu gehören beispielsweise Dornbüsche, Salzbüsche und ähnlich trockene Pflanzen. Kamele können sehr lange ohne Trinkwasser auskommen. Bei geringer Belastung sogar bis zu 10 Monaten. Ist Trinkwasser vorhanden, so können Altweltkamele binnen kurzer Zeit mehr als 130 Liter Wasser zu sich nehmen. Salzpflanzen führen den Kamelen die nötige Menge an Salz zu. Sie brauchen deutlich mehr Salz als andere Säugetiere. Des weiteren kann das Wildkamel ohne Probleme einige Liter Salzwasser trinken und auch Salzschlamm zu sich nehmen, was für ein Landsäugetier sehr außergewöhnlich ist, denn jedes andere Landsäugetier würde daran sterben. Nahrungsteile werden mit der Unterlippe aufgenommen. Die Nahrung wird sehr lange gekaut ehe sie verschlungen wird. So wird sichergestellt, dass ein hoher Prozentsatz der Nahrung in Energie umgewandelt wird. Ein Großteil des Tages entfällt auf die Nahrungssuche. Das Wildkamel oder auch das Dromedar wenden am Tag bis zu zwölf Stunden für die Nahrungssuche auf. Je nach Art werden dabei mehrere Kilometer, bei Wildkamelen bis zu 100 Kilometern am Tag zurücklegt.

Fortpflanzung

Neuweltliche Kamele erreichen die Geschlechtsreife mit 1 bis 2 Jahren, Altweltkamele benötigen mit 3 bis 6 Jahren deutlich mehr Zeit. Neuweltliche Kamele folgen festen Paarungszeiten. Die eigentliche Paarung findet im Liegen statt und erstreckt sich über 10 bis 20 Minuten. Nach einer artabhängigen Tragezeit von 330 bis 368 Tagen bringt ein Weibchen ein Jungtier zur Welt. Die Jungtiere (Fohlen) werden von der Mutter weder trocken geleckt noch wird die Nachgeburt gefressen. Eine Ausnahme bilden hier nur die Vikunja (Vicugna vicugna). Die Geburt erfolgt in der Regel im Stehen und der Nachwuchs kann bereits nach 20 bis 30 Minuten der Mutter folgen. Die Säugezeit erstreckt sich über 4 bis 5 Monate. Die Weibchen der Altweltkamele erreichen die Geschlechtsreife mit gut 3 Jahren, Männchen benötigen hingegen mit etwa 6 Jahren deutlich länger. Kamele leben in Haremsgruppe, ihre Lebensweise ist daher als polygam bezeichnet werden. Die Paarungszeit erstreckt sich in der Regel über die Regenzeit oder auch über den Winter. Während der Paarungszeit kommt es nicht selten zu Kämpfen zwischen rivalisierenden Bullen. Selten enden die Kommentkämpfe allerdings mit schweren Verletzungen. Die Tragezeit ist mit 390 bis 420 Tagen ausgesprochen lang. In der Regel bringt ein Weibchen ein Jungtier zur Welt. Augrund der langen Trage- und Säugezeit kommt es beim Weibchen nur alle zwei Jahre zu einem Wurf. Das Jungtier kann bereits kurz nach der Geburt stehen und der Mutter folgen. Das Kalb wächst im Schutze der Herde auf. Jedoch kümmert sich nur das Weibchen um das Wohl ihrer Jungen. Die Säugezeit erstreckt sich zumeist über 8 bis 12 Monate. Die Jungtiere erreichen die Selbständigkeit spätestens nach zwei Jahren. In Gefangenschaft können Altweltkamele wie das Dromedar ein Alter von bis zu 50 Jahren erreichen. In Freiheit liegt die Lebenserwartung allerdings deutlich darunter. Neuweltliche Kamele können ein Alter von 20 bis 25 Jahren erreichen.

Domestizierung

Die neuweltlichen Kamele wurde wahrscheinlich schon vor 4.000 bis 5.000 Jahren von der indigenen Bevölkerung domestiziert. Dies belegen fossile Funde, die am Titicaca-See und auf dem Junin-Plateau gefunden wurden. Der Titicaca-See befindet sich auf dem Altiplano, einer Hochebene der Anden. Der westliche Teil gehört zum Staatsgebiet von Peru, der östliche Teil zu Bolivien. Wann das Dromedar domestiziert wurde, darüber herrscht unter Biologen noch Uneinigkeit.
Ruhende Dromedare einer Karavane
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Ruhende Dromedare einer Karavane
Man geht von einem Zeitraum von 4.000 bis 6.000 Jahren aus. Die Domestizierung erfolgte im heutigen Saudi-Arabien. Von hier aus breiteten sich Kamele nach Nord- und Ostafrika sowie nach Indien aus. Das Wildkamel wurde wahrscheinlich vor 4.500 Jahren in den Hochebenen des Irans und des westlichen Turkestans domestiziert. Von hier aus verbreitete sich das domestizierte Wildkamel bis nach China aus.

Vor allem Dromedare leben domestiziert oder halbdomestiziert in Gemeinschaft mit dem Menschen. Sie dienen dem Menschen als Nutz-, Last und Reittier. Das Dromedar kann eine Last bis zu 200 Kilogramm tragen. Karawanen legen im Schnitt 20 bis 40 Kilometer am Tag zurück. Bei den Beduinen zählen Dromedare zu den Statussymbolen. Der Reichtum wird bei den Beduinen anhand der Menge an Dromedaren gerechnet. In den Vereinigten Arabischen Emiraten und Dubai werden Dromedare bei Kamelrennen eingesetzt und spielen Rekordergebnisse ein.

Populationsgrößen

Man schätzt die Gesamtzahl aller Kamele auf etwa 21,5 Millionen. Davon entfallen etwa 7,7 Millionen Tiere auf die neuweltlichen Kamele. Die Zahl der Lamas wird auf 3,7 Millionen, die der Alpakas auf 3,3 Millionen beziffert. Die Populationen der Guanakos mit etwa 875.000 und der Vikunjas mit 250.000 ist hingegen deutlich geringer. Von den etwa 14 Millionen Altweltkamelen entfallen etwa 12,6 Millionen (90 Prozent) auf Dromedare. Mehr als 60 Prozent aller Altweltkamele leben heute in Afrika.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Kamele spielen in Freiheit nur noch eine untergeordnete Rolle. Als robuste Lasttiere und als Lieferant für Wolle, Milch und Fleisch spielen Kamele seit jeher eine große Rolle für den Menschen. Dies ist vor allem in den trockenen Regionen der Fall. In den Wüstenregionen dient der Kot dem Menschen als Brennstoff. Schon während der Inkazeit spielten insbesondere Lamas eine große Rolle und wurde als Last- und Reittiere eingesetzt. Mit Ankunft der spanischen Eroberer setzte zudem eine gnadenlose Bejagung der wildlebenden Kamele ein. Die Populationen sanken durch die Einfuhr von Schafen und Ziegen weiter ab. Heute leben in Südamerika nur noch Rest- oder Reliktvorkommen in Freiheit. Ende der 1960er Jahre gab es beispielsweise vom Vikunja nur noch 15.000 Tiere. Heute hat sich der Bestand aufgrund massiver Schutzmaßnahmen auf etwa 250.000 bis 270.000 erholt. Die Ausbeutung der Kamele setzte sich auch in Afrika und Asien fort. Wüstennomaden schätzen Kamele als Milchlieferanten und Last- und Reittiere. Das Wildkamel, dessen Population kaum 1.000 Tiere umfasst, wird in der Roten Liste der IUCN als kritisch gefährdet geführt (CR, Critically endangered).

Trampeltier (Camelus ferus)
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Trampeltier (Camelus ferus)
Trampeltier (Camelus ferus)
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Trampeltier (Camelus ferus)

Systematik der Kamelartigen

Anhang

Lesenswerte Einzelartikel

Literatur und Quellen

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