Kammfinger

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Kammfinger
Eigentlicher Gundi (Ctenodactylus gundi)

Taxonomie
Stamm: Chordatiere (Chordata)
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Teilstamm: Kiefermünder (Gnathostomata)
Überklasse: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Kammfingerartige (Sciuravida)
Familie: Kammfinger
Wissenschaftlicher Name
Ctenodactylidae
Gervais, 1853

Kammfinger (Ctenodactylidae), die auch vereinfacht als Gundis bezeichnet werden, zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur ordnung der Nagetiere (Rodentia). In der Familie werden in 4 Gattungen 5 rezente Arten geführt.

Der Name "Gundi" ist die lokale Bezeichnung der Tiere. Die wissenschaftliche Bezeichnung Ctenodactylidae bedeutet übersetzt Kammfinger und bezieht sich auf die Kämme an den beiden inneren Zehen der Hinterfüße.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Kammfinger sind relativ kleine Nagetiere, die sich durch einen kompakten Körperbau, kurze Gliedmaßen und einen kurzen Schwanz auszeichnen. Sie erreichen eine artabhängige Körperlänge von 16 bis 24 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 1 bis 5 Zentimeter sowie ein Gewicht von 175 bis 280 Gramm. Die Ohren sind flach und liegen seitlich weit hinten am Schädel. Der Kopf endet zur Schnauze hin leicht spitz zulaufend. Die Augen sind ausgesprochen groß, was ein Indiz für eine Nachtaktivität sein kann. Im Bereich der Schnauze sowie über den Augen zeigen sich lange Tasthaare, die sogenannten Vibrissen. Das sehr weiche und dichte Fell weist je nach Art eine graubraune, bräunliche bis rotbraune Färbung auf. Der Schwanz der Gundis ist bis auf die Eigentlichen Gundis fächerartig aufgespreizt. Besonders ausgeprägt ist die Fächerung des Schwanzes bei Pectinator spekei, der auch als Buschschwanzgundi bezeichnet wird. Man geht davon aus, dass der Schwanz bei der visuellen Kommunikation eine Rolle spielt. Das markanteste Merkmal der Kammfinger, die Kämme an den inneren Zehen der Hinterfüße, waren für die Art namensgebend. Die Kämme heben sich deutlich von den dunkel gefärbten Krallen ab. Sie dienen der Fellpflege und zum Kratzen. Mit den relativ kurzen aber sehr scharfen Krallen würden sich die Tiere verletzen. Die Füße enden jeweils in 4 Zehen. Das dichte Fell schützt die Kammfinger in erster Linie vor den hohen Temperaturen in ihrem Lebensraum. Das kräftige Gebiss besteht je nach Art aus 20 oder 24 Zähnen. Die zahnmedizinische Formel lautet i1/1, c0/0, p1-2/1-2, m3/3. Den Zähnen fehlt zudem, für Nagetiere typisch, der orangefarbene Schmelz.

Lebensweise

Augrund der großen Augen hielt man Kammfinger ursprünglich für nachtaktive Nager. Tatsächlich meiden die Tiere direkte Sonneneinstrahlung und ziehen sich am Tage meist in Felsspalten oder an ähnlich geschützte Stellen zurück. Sie finden selbst in engen Spalten Unterschlupf, da sie ihre Rippen extrem abflachen können. Die aktivste Zeit verzeichnen Kammfinger in den frühen Morgenstunden, in der Nacht ruhen die Tiere. Kammfinger leben in geselligen Kolonien, wobei die Siedlungsdichte je nach Art zwischen 1 und 100 Tiere je Hektar liegt. Am geselligsten, mit einer Siedlungsdichte von bis zu 100 Tieren/ha, sind die Buschschwanzgundis (Pectinator spekei). Die Siedlungsdichte hängt jedoch nicht nur von der Art ab, sondern auch vom Lebensraum und dem Nahrungsangebot.
Beim Sonnenbad: der Eigentliche Gundi (Ctenodactylus gundi)
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Beim Sonnenbad: der Eigentliche Gundi (Ctenodactylus gundi)
Die Kolonien teilen sich in kleinere Familiengruppen. Einen festen Unterschlupf beanspruchen Kammfinger jedoch nicht und es kommt häufig zu einem Wechsel der Behausung. Selbst Nester werden keine gebaut. Im Winter und teilweise in der Nacht rücken die Tiere eng aneinander und nicht selten auch übereinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Jungtiere werden meist in die Mitte genommen, um sie vor Kälte zu schützen.

Die Kommunikation untereinander erfolgt überwiegend über akustische Laute. Die einzelnen Arten der Kammfinger verfügen dabei über charakteristische Laute, die sich jeweils von den anderen Arten unterscheiden. Die Laute sind meist ein hochfrequentes Piepsen in unterschiedlicher Länge und Höhe. Offensichtlich warnen sich die Tiere bei nahender Gefahr von Fleischfressern mit unterschiedlichen Lauten. Sind Greifvögel in der Nähe, so ertönen kurze und scharfe Rufe. Deutlich längere Rufe warnen vor am Boden erspähten Fleischfresser.

Verbreitung

Kammfinger sind im nördlichen und im östlichen Afrika verbreitet. Ctenodactylus gundi, der Eigentliche Gundi, ist in Algerien, Libyen, Marokko und Tunesien verbreitet, Ctenodactylus vari in Algerien, Libyen und Marokko, Felovia vae in Mali, Mauritanien und dem Senegal, Massoutiera mzabi in Algerien, dem Tschad, in Mali und im Niger. Die fünfte Art, Pectinator spekei, ist im östlichen Afrika in Dschibuti, Eritrea, Äthiopien und in Somalia weit verbreitet. Alle Arten leben in ausgesprochen ariden Regionen, sowohl in der Ebene als auch in Höhenlagen bis in Höhen von gut 2.400 Metern über NN. Felslandschaften und Wüsten gehören daher zu den bevorzugten Lebensräumen.

Prädatoren

Zu den natürlichen Fleischfressern gehören vor allem kleinere Raubtiere (Carnivora), Schlangen (Serpentes) und Greifvögel (Falconiformes). Bei Gefahr trommeln Kammfinger mit ihren Hinterbeinen auf dem Boden und warnen so ihre Artgenossen. Schutz suchen sie meist in engen Felsspalten oder unter Steinen und Felsen. Fleischfresser werden meist schon frühzeitig über das hoch entwickelte Gehör lokalisiert. Die Ohren zeichnen sich durch große knöcherne Ohrkapseln aus. Sie sind in der Lage selbst niederfrequente Töne wahrzunehmen.

Ernährung

Kammfinger ernähren sich rein vegetarisch von Blättern, Blüten und Knospen, Sämereien und Pflanzenstängeln. Da die kargen Lebensräume nur wenig Nahrung bieten, müssen Kammfinger auf der Suche nach Nahrung weite Strecken zurücklegen. Auf Nahrungssuche gehen sie üblicherweise in den frühen Morgenstunden und legen dabei bis zu einem Kilometer zurück. Kammfinger sind nur wenig territorial, beanspruchen jedoch ein Streifrevier in einer Größe von etwa 3 Quadratkilometer. Nahrung wird nicht gehortet. Daher müssen die Tiere regelmäßig nach Nahrung suchen. Bevor sich Kammfinger in den frühen Morgenstunden auf Nahrungssuche begeben, nehmen sie ein Sonnenbad, da es selbst in den Nächten in der Sahara empfindlich kalt werden kann. Nachdem sie ihre "Betriebstemperatur" erreicht haben, gehen sie auf Nahrungssuche. Nach der Nahrungssuche und -aufnahme nehmen sie erneut ein Sonnenbad. Dadurch erhitzen sich die Körper der Tiere. Die Folge ist eine schnellere Verdauung der Nahrung und eine effektive Methode, das karge Futter bestmöglich zu verwerten. Ab einer Temperatur von 32 Grad Celsius ziehen sich Kammfinger an schattige Plätze zurück. Auf Trinkwasser sind Kammfinger nicht angewiesen, da sie ihren Wasserbedarf vollständig über ihre Nahrung decken. In den frühen Morgenstunden weisen die Pflanzen einen feinen Filmtau auf. Dieses Wasser reicht den Tieren. Wenn die Nahrung völlig verdorrt ist, fehlt den Tieren auch das Wasser. Infolgedessen können Kammfinger für kurze Zeit ihren Urin stark konzentrieren, um Wasser zu sparen.

Fortpflanzung

Kammfinger erreichen die Geschlechtsreife gegen Ende des ersten Lebensjahres. In den meisten Regionen erstreckt sich die Paarungszeit von September bis in den Februar hinein. Während dieser Zeit kann es zu 1 bis 2 Würfen kommen. Der Östrus der Weibchen erstreckt sich artabhängig über durchschnittlich 22 bis 24,9 Tage. Nach einer Tragezeit von 55 bis 56 Tagen bringt ein Weibchen 2 bis 3 (2) sehr weit entwickelte Jungtiere zur Welt. Sie verfügen bereits über ein voll entwickeltes Fell, ihre Augen sind offen und sie wiegen bei der Geburt etwa 19 bis 21 Gramm. Die Jungen sind ausgesprochene Nestflüchter, die sich schon kurz nach der Geburt der Gruppe anschließen. Ab der zweiten Woche nehmen sie zusätzlich zu der Muttermilch auch feste Nahrung in Form von vorgekauten Blättern zu sich. Spätestens im Alter von 4 Wochen wird der Nachwuchs entwöhnt. Zum Säugen verfügen die Weibchen über 4 Zitzen, von denen sich 2 im Bereich der Flanke und 2 im Bereich der Brust befinden. In der Folge entwickeln sie sich sehr rasch. Ausgewachsen sind die juvenilen Tiere im Alter von 9 bis 12 Monaten. Die Lebenserwartung der Kammfinger liegt bei 3 bis 4 Jahren, in Gefangenschaft auch bis zu 10 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Ctenodactylus gundi und Massoutiera mzabi gelten als nicht gefährdet und werden als solches in der Roten Liste der IUCN geführt. Über die anderen 3 Arten liegen zu wenige Informationen vor. Sie werden daher in der Roten Liste in der Kategorie "Data Deficient" geführt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass diese Arten ebenfalls nur wenig gefährdet sind, da alle Arten in unzugänglichen und felsigen Regionen mit einer nur geringen menschlichen Besiedlung leben.

Systematik der Familie Kammfinger

Familie: Kammfinger (Ctenodactylidae)

Gattung: Echte Kammfinger (Ctenodactylus)
Art: Eigentlicher Gundi (Ctenodactylus gundi)
Art: Ctenodactylus vali
Gattung: Felou-Kammfinger (Felovia)
Art: Felovia vae
Gattung: Mzab-Kammfinger (Massoutiera)
Art: Massoutiera mzabi
Gattung: Speke-Kammfinger (Pectinator)
Art: Pectinator spekei

Anhang

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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