Kaspischer Tiger

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Kaspischer Tiger

Kaspischer Tiger, historische Aufnahme von 1866 aus dem Zoo Berlin

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Raubtiere (Carnivora)
Unterordnung: Katzenartige (Feloidea)
Familie: Katzen (Felidae)
Unterfamilie: Großkatzen (Pantherinae)
Gattung: Panthera
Art: Tiger (Panthera tigris)
Unterart: Kaspischer Tiger
Wissenschaftlicher Name
Panthera tigris virgata
(Illiger 1815)

IUCN-Status
Extinct (EX) - [1]

Der Kaspische Tiger (Panthera tigris virgata), auch Turantiger und Persischer Tiger genannt, ist eine in den 1970er Jahren ausgestorbene Unterart des Tigers. Die Subspezies hatte unter allen 9 Unterarten des Tigers das am westlichsten liegende Verbreitungsgebiet.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Körperbau

Der Kaspische Tiger zählte zu den mittelgroßen Unterarten des Tigers. Wie bei allen Mitgliedern aus der Familie der Katzen (Felidae) wurden Kater deutlich größer und schwerer als Kätzinnen. Die Kopf-Rumpf-Länge männlicher Tiere variierte zwischen 178-197 cm, der Schädel war zwischen 297 und 365,8 mm lang und ihr Gewicht betrug bis zu 240 kg. Hinzu kam noch ein Schwanz von annähernd 90cm Länge, was eine Gesamtlänge um die 270 cm ergab.

Weibchen erreichten Längen zwischen 160-180 cm bei Kopf-Rumpf-Längen um die 150-165 cm und wogen zwischen 85 und 135 kg. Auch ihre Schädel mit Längen von 195,7-255,5 mm fielen deutlich kleiner aus als die der Männchen. Der Kaspische Tiger war damit etwas leichter als der Amurtiger (Panthera tigris altaica), aber deutlich schwerer als die heute kleinste Form, der Sumatratiger (Panthera tigris sumatrae).

Fell

Der auffälligste Unterschied zu anderen Unterarten war das insbesondere im Winterkleid imposante, weiße Bauchfell, das deutlich länger als bei anderen Unterarten war und zottelig herabhing.

Die Grundfarbe des Felles war orange, wobei das Sommerfell farblich dem Königstiger (Panthera tigris tigris) ähnelte und im Winter dagegen dem Amurtiger ähnlich viel heller und länger war. Die Unterseite war weiß. Die Streifen waren viel schmaler, zahlreicher und länger als bei den östlicheren Vertretern der Tropen und Subtropen und deutlich heller. Sein Fell ähnelte damit am ehesten dem des Amurtigers, dessen Streifen ebenfalls eher dunkelbraun als schwarz, jedoch nicht so stark abgesetzt sind.

Lebensweise

Kaspische Tiger lebten wie andere Unterarten des Tigers auch als Einzelgänger in festen Revieren und kamen nur zur Paarung zusammen. Über die Größe der Reviere ist nichts bekannt. Kaspische Tiger ernährten sich vorwiegend von Schwarzwild und Cerviden. Auf dem Speiseplan standen auch Kropfgazellen, Saigas, Argalis, kleinere Säugetiere, andere Raubtiere wie Schakale und Chaus-Katzen sowie Wirbellose. Ab und an erbeuteten sie auch größere Beutetiere wie Elche, Wildpferde und Halbesel sowie Nutztiere der menschlichen Siedler.

Verbreitung und Lebensraum

Historisches Verbreitungsgebiet des Kaspischen Tigers um 1900 (dunkelgrau)
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Historisches Verbreitungsgebiet des Kaspischen Tigers um 1900 (dunkelgrau)

Das Verbreitungsgebiet des Kaspischen Tigers lag von allen Unterarten des Tigers am weitesten im Westen. Er bewohnte weite Teile Asiens sowohl westlich als auch östlich des Kaspischen Meeres. Im Osten reichte sein Verbreitungsgebiet bis nach China an die Wüste Takla Makan. Nach Westen verlief sein Verbreitungsgebiet über den nahen Osten bis hinein nach Kleinasien in die Türkei.

Seine Verbreitung war dabei jedoch nicht kontinuierlich, sondern stark fragmentiert, da sich die Art vorwiegend in der Nähe von Fluss- und Bachläufen aufhielt, da dort auch dessen wichtigste Beutetiere lebten. Ansonsten war der Kaspische Tiger in der Wahl seines Lebensraumes nicht wählerisch. Er besiedelte waldreiche Gebiete ebenso wie höher gelegene Felslandschaften, Halbwüsten und drang, abhängig von seinen Beutetieren, sogar bis in Wüsten vor.

Systematik

Externe Systematik

Der Kaspische Tiger zählte wie alle Unterarten des Tigers (Panthera tigris) innerhalb der Ordnung der Raubtiere (Carnivora) zur Familie der Katzen (Felidae). Dort ordnete man ihn in der Unterfamilie der Großkatzen (Pantherinae) und der Gattung der Echten Großkatzen (Panthera) zu.

Interne Systematik

Der Kaspische Tiger war eine von 9 bekannten Unterarten des Tigers (Panthera tigris), von denen heute noch 5 Unterarten existieren. Zwei weitere, Balitiger (Panthera tigris balica) und Javatiger (Panthera tigris sondaica) wurden wie der Kaspische Tiger ebenfalls im 20. Jahrhundert ausgerottet. Die übrigen Unterarten sind allesamt in ihren Beständen vom Aussterben bedroht.

Phylogenetische Nähe zum Amurtiger

2009 veröffentlichten Forscher eine Studie über phylogenetische Untersuchungen am Tiger. Sie hatten dazu in Museen 23 Proben von Kaspischen Tigern gesammelt und die mitochondriale DNA mit der anderer Unterarten verglichen. Dabei zeigte sich, dass zwischen der mitochondrialen DNS des Kaspischen Tigers (Panthera tigris virgata) und der des Amurtigers (Panthera tigris altaica) nur geringe Unterschiede bestehen. Die Forscher folgerten daraus, dass beide Populationen demnach von einer einzigen Population abstammten. Demnach haben deren Vorfahren vor rund 10.000 Jahren von Ostchina aus über Sibirien sowohl den fernen Osten Russlands, Nordchinas und Nordkoreas -das heutige Verbreitungsgebiet des Amurtigers- als auch Mittelasien entlang der Seidenstraße bis hinein in die Türkei, also das ehemalige Verbreitungsgebiet des Turantigers, besiedelt. Erst durch den Menschen seien vor rund 200 Jahren die beiden Populationen voneinander getrennt worden.

Folglich wären Kaspischer Tiger und Amurtiger einer einzigen gemeinsamen Unterart zugehörig. Da der Kaspische Tiger zeitlich vor dem Amurtiger beschrieben wurde und die Internationalen Regeln für die Zoologische Nomenklatur (ICZN) die Benennung nach der Erstbeschreibung eines Taxons vorsehen, hätte das Taxon des Kaspischen Tigers Gültigkeit und der wissenschaftliche Name des Amurtigers müsste eigentlich in Panthera tigris virgata umbenannt werden.

Kaspischer Tiger und Mensch

Haltung in menschlicher Obhut

Bereits in der Antike wurden Wildtiere von Menschen gehalten. Die Römer veranstalteten in Arenen Schaukämpfe, während derer Menschen unter anderem gegen aus Sicht des Menschn besonders gefährliche Tiere antreten mussten. Neben aus Nordafrika stammenden Berberlöwen waren besonders Kaspische Tiger in den römischen Amphietheatern beliebt, da sie als besonders aggressiv galten. Um 19 v. Chr. gelangten unter Kaiser Augustus Tiger aus der Kaukasus-Region, Persien, dem Zweistromland und der türkischen Region Anatolien in die Kampfarenen.

In modernen zoologischen Gärten wurden Kaspische Tiger vergleichsweise selten gehalten. Im deutschen Raum gelangten 1897 Kaspische Tiger erstmls in den Berliner Zoo, wo im selben Jahr bereits die erste Zucht verbucht werden konnte. Weitere zoologische Einrichtungen in Europa, die Turantiger hielten, waren die Zoos in Moskau, Antwerpen und Rotterdam. Von 1955 bis 1960 lebte ein weibliches Tier, das aus Persien stammte, im Tierpark Hagenbeck in Hamburg-Stellingen. Es war zugleich das letzte Tier dieser Unterart in einem europäischen Zoo.

Aussterben

Der Lebensraum des Kaspischen Tigers umfasste zwar ein weitreichendes Verbreitungsgebiet, in welchem er jedoch, da er an flussreiche Gebiete gebunden war, nur fragemntarisch vorkam und daher nie besonders häufig war. Die Besiedlung seines Lebensraumes erschwerte die Situation zusätzlich. So mussten dichte Röhrichtbestände, die dem Tiger für die Jagd Tarnung und Rückzug boten, Feldern und Baumwollplantagen weichen. Weitere Gebiete fielen Überschwemmungen und Brandrohdungen zum Opfer. Mitgeführtes Vieh übertrug ansteckende Krankheiten, darunter Maul- und Klauenseuche (MKS) und die klassische Schweinepest (KSP) auf dessen Beutetiere, die gleichzeitig auch vom Menschen bejagt wurden. Nicht zuletzt wurden auch die Tiger selbst häufig gejagt, einerseits wegen des Felles, andererseits weil man sie als Konkurrenten um die Wildbestände fürchtete.

Die letzten Tiger lebten schließlich in wenigen verliebenen Rückzugsgebieten in entlegenen Bergregionen. Um das Jahr 1970 datieren die letzten Sichtungen von Kaspischen Tigern. Obwohl es bis heute immer wieder angebliche Sichtungen von Turantigern oder deren Spuren gibt, die jedoch allesamt unbestätigt oder auf andere Urheber wie in der Region lebende Leoparden zurückzuführen sind, ist die Unterart mit größter Wahrscheinlichkeit heute ausgestorben.

Geplante Wiederansiedlung

Nachdem bereits 1938 in Tadschikistan das erste Schutzgebiet für den Kaspischen Tiger errichtet wurde und weitere Rettungsversuche eingeleitet wurden, kam jede Hilfe zu spät, sodass die Unterart heute von der IUCN als Extinct (Ausgestorben) geführt wird. Aufgrund der genetischen Nähe zum Amurtiger wird darüber diskutiert, Sibirische Tiger in menschlicher Obhut zu vermehren und anschließend in Reservaten in Kasachstan und im Iran wieder auszuwildern.

Aus diesem Grund wurden Amurtiger in den Zoo von Teheran gebracht. Nachdem schon kurz nach der Ankunft das männliche Tier verstarb, ist die Fortführung dieses Projektes jedoch fraglich.

In Kasachstan wurde ein Gebiet um das Ili-Delta nahe des Balchachsees als mögliches Auswilderunsgebiet ausfindig gemacht. Diesem kasachischen Projekt liegt bislang aber nur eine Machbarkeitsstudie zugrunde.

Literatur

'Persönliche Werkzeuge