Kettenviper

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Kettenviper

Systematik
Klasse: Reptilien (Reptilia)
Ordnung: Schuppenkriechtiere (Squamata)
Unterordnung: Schlangen (Serpentes)
Überfamilie: Colubroidea
Familie: Vipern (Viperidae)
Unterfamilie: Echte Vipern (Viperinae)
Gattung: Orientalische Ottern (Daboia)
Art: Kettenviper
Wissenschaftlicher Name
Daboia russelii
Shaw & Nodder, 1797

Die Kettenviper (Daboia russelii) zählt innerhalb der Familie der Vipern (Viperidae) zur Gattung der Orientalischen Ottern (Daboia). Sie wurde erstmals im Jahre 1797 von George Shaw und Frederick Polydore Nodder beschrieben. Im Englischen wird sie Russel´s viper genannt. Benannt wurde die Art nach Patrick Russell, ein schottischer Physiker des 18. Jahrhunderts sowie Naturforscher der Britischen Ostindien-Kompanie. Er führte die ersten detaillierten Studien an indischen Schlangen durch.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Kettenviper hat einen langen und vergleichsweise schlanken, flach und nahezu dreieckig gebauten Körper, der nach hinten unscheinbar in den Schwanzbereich übergeht. Die Rückenschuppen sind deutlich gekielt. Die Viper besitzt 27 bis 33 Rückenschuppenreihen, 153 bis 180, breite und helle Bauchschuppen, ein ungeteiltes Analschild, 41 bis 68 Unterschwanzschilder (Subcaudalia) sowie bis 15 Schuppen um das Auge herum. Der Kopf ist sehr stark vom Rest des Körpers abgesetzt und hat bei der Ansicht von oben die Form eines Dreiecks. Die Schnauze ist in der seitlicher Ansicht recht massiv wirkend und zur Schnauzenspitze hin kaum aufgeworfen, nachdem der Bereich zwischen Auge und Schnauzenspitze minimal abgefallen ist. Die Nasenlöcher der Kettenviper sind sehr groß und werden von je einer Schuppe bedeckt. Die Grundfärbung der Schlange liegt bei orangebraun, ocker über rostrosa bis hin zu grau. Der Körper ist gezeichnet von drei Längsreihen ovaler Flecken, die auf dem Rücken teilweise zu welligen Bändern verbunden sein können. Die Flecken sind in ihrer Mitte dunkel, zumeist braun bis rotbraun, und schwarz gesäumt. Auf der Kopfoberseite ist eine helle V-Zeichnung zu erkennen. Diese umrandet eine weitere V-Zeichnung mit brauner Färbung und schwarzen Rändern oder einfach nur als schwarzes V. Die Spitzen beider Zeichnungen weisen in Richtung der Schnauze. Vom Mundwinkel aus zieht sich bis zum Auge ein dunkleres, schwarz gesäumtes Schläfenband. Vom Auge zum Mund gehen zwei weitere dunkle und schwarz gesäumte Bänder ab. Die Schnauzenspitze ist dunkel gefärbt. Die bronzefarbenen Augen der Kettenviper weisen je eine vertikal geschlitzte, schwarze Pupille auf. Der Bauch ist dunkel gefleckt.

Daboia russelii russelii: Ansicht der Körperzeichnung
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Daboia russelii russelii: Ansicht der Körperzeichnung

Die Gesamtlänge der Kettenviper variiert von Individuum zu Individuum sehr stark. Zumeist kann man von einer Länge zwischen 90 und 120 Zentimetern ausgehen. Es gibt jedoch auch Tiere, deren Gesamtlänge bis zu 160 Zentimeter beträgt. Höher reichende Maße sind sehr selten, der wohl absolute Ausnahmefall sind knapp über 180 Zentimeter lange Kettenvipern.

Lebensweise

Die Kettenviper ist eine nachtaktive Schlange der späten Abendstunden. Sie bewegt sich relativ träge vorwärts und klettert dabei in niedrigem Gebüsch umher, hält sich im Gras auf oder in der Nähe des Menschen und dessen Siedlungen auf. Zu kühleren Zeiten verlegt die Kettenviper ihre Aktivitätsphase auch auf den späten Nachmittag. Es handelt sich um eine sehr reizbare Schlange, die bei Bedrohung laut zischt und zur Verteidigungshaltung den Vorderkörper anhebt und unter entsprechenden Umständen mit einer blitzschnellen Attacke weit nach vorne stößt und zubeißt, wobei sie gänzlich den Bodenkontakt verlieren kann. Allgemein gelten Jungschlangen als aktiver und noch reizbarer als ausgewachsene Kettenvipern.

Schlangengift

Toxizität

Als Viper verfügt die Kettenviper über zwei einklappbare Giftzähne mit einer Röhre. Diese Form des Giftapparates wird als solenoglyph bezeichnet. Die Giftzähne liegen auf dem einklappbaren Maxillarknochen im Oberkiefer und stellen sich mit dem Aufreißen des Maules automatisch auf.

Das Gift der Kettenviper wirkt prokoagulantiv, eventuell auch antikoagulantiv. Es führt somit zur Bildung von Blutgerinnseln (Thrombosen) und zur anschließenden Erschöpfung der körpereigenen Gerinnungsfaktoren, wobei die Blutgerinnsel nicht mehr aufgelöst werden können. Die Gerinnsel können dann als sogenannter roter Thrombus Blutgefäße verstopfen, was pulmoral, also in der Lunge, zu einer tödlichen Lungenembolie oder auch zu einem tödlichen Hirnschlag führen kann. Des Weiteren wirkt das Gift durch Hämorrhagine auf die Blutgefäßwände, es macht diese durchlässig und es kann zu schweren inneren Blutungen sowie zu Blutungen aus den Körperöffnungen kommen. In Südasien vorkommende Populationen zeigen präsynamtische Neurotoxine, die die Übertragung elektrischer Signale hemmen und dadurch zu Lähmungen führen können, insbesondere zu Lähmungen des Herzens und der Atemmuskulatur. Das Giftgemisch der Kettenvipern auf Sri Lanka neigt zu myotoxischen Wirkungen, es wird also Muskelgewebe von Skelettmuskeln abgebaut. Die Teilchen der Muskelgewebe können in der Niere zu einem tödlich verlaufendem Nierenversagen führen. Das Gift kann sich auch direkt auf die Nieren auswirken.

Nach einem Biss treten lokal starke Schmerzen, eine Schwellung um die Bissstelle und des gesamten gebissenen Gliedes, sowie eine durch Zellabsterben hervorgerufene Nekrose auf. Anschließend kommt es zu den Gerinnungsstörungen und zu starken Muskelschmerzen aufgrund deren beginnenden Abbaues. Auch Übelkeit und Erbrechen sowie Kreislauf- und Atemprobleme treten auf. Der Tod kann durch einen schockbedingten Herzstillstand, Atemlähmung oder Nierenversagen, seltener aufgrund anderer Umstände eintreten.

Zusammen mit den Sandrasselottern (Echis), der Brillenschlange (Naja naja) und den Kraits (Bungarus) gehört die Kettenviper zu den gefährlichsten Schlangen weltweit. Wegen ihrer Neigung zum Leben in der Nähe des Menschen kommt es jährlich zu tausenden Bissunfällen mit der Kettenviper. Hunderte Menschen kommen dabei ums Leben. Noch mehr Bissopfer bleiben für den Rest ihres Lebens gezeichnet, aufgrund des Verlustes von Gliedmaßen als Folge des Schlangenbisses. Eine ausgewachsene Kettenviper kann bis zu 250 Milligramm des Giftes abgeben. Die human letale, also tödliche, Dosis liegt bei 40 bis 70 Milligramm.

Therapie

Nach einem Biss der Kettenviper ist zunächst darauf zu achten, dass alle beengenden Gegenstände (Ringe, Armbanduhren, etc.) abgenommen werden und alle Gliedmaßen, besonders das gebissene Gliedmaß, ruhig gestellt werden. Durch Bewegung gelangt das Gift tiefer in die Muskelgewebe und kann es daher tiefer liegend und schwerwiegender schädigen. Dies kann bis hin zur Amputation eines ganzen Armes oder Beines führen, da die Schäden oft irreparabel sind. Auch sollte der Tetanus-Impfschutz aufgefrischt werden. Es dürfen keine Manipulationen an der Bissstelle vorgenommen werden. Die Bisswunde wird medizinisch desinfiziert und mit Cortison-Salbe behandelt.

Im Labor werden regelmäßig die Blutgerinnungswerte und der Urin kontrolliert und beim Patienten direkt werden regelmäßig oder permanent und möglicherweise auch intensivmedizinisch die Vitalparameter überwacht. Zur Vorbeugung und zum Entgegenwirken des durch den Muskelegewebs-Abbau (Rhabdomyolyse) eventuell drohenden Nierenversagens kann mittels Natriumbicarbonat eine Alkalisierung des Harns vorgenommen werden. Für den Fall von neurotoxisch bedingten Atemdepressionen muss ständig eine Intubation (Einführen eines Schlauches über Mund oder Nase zur Sicherung der Atemwege) möglich sein. Bei Schockanzeichen können Anti-Histaminika, Kortikoid sowie Dopamin, gegebenenfalls Adrenalin und vor allem ein Antiserum verabreicht werden, gegen die Gerinnungsstörungen werden Ersatzmittel für die aufgebrauchten Gerinnungsfaktoren gegeben. Da die verschiedenen Unterarten unterschiedlich starke und different wirkende Toxine produzieren, ist das Antivenin für die nördlichen Populationen dem Giftbiss einer südlichen Kettenviper oftmals nicht ganz gewachsen, allerdings existieren keine wirklich guten Antiseren für die südlichen Kettenvipern.

Daboia russelii russelii: Ansicht des Kopfes
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Daboia russelii russelii: Ansicht des Kopfes

Unterarten

Über eine eventuelle Aufspaltung der Unterarten zu mehreren Arten herrscht derzeit noch Uneinigkeit.

Fortpflanzung

Die Fortpflanzungszeit der Kettenviper erstreckt sich etwa von April bis Mitte des Jahres. Bei der Kopulation führt das Männchen seinen Hemipenis (Penis der Reptilien) in die Kloake (gemeinsame Öffnung von Geschlechts- und Ausscheidungsorganen) des Weibchens ein und setzt ein Spermienpaket mit seinen Keimzellen ab. Diese befruchten nun die Eizellen des Weibchens. Die Kettenviper zählt zu den sogenannten ovoviviparen Tieren, das heißt, sie ist eine Ei lebend gebärende Schlange. Sie entwickelt sich also nach der Paarung in einer dünnen Eihülle, schlüpft allerdings bereits im Mutterleib aus dieser heraus. Auf die Welt kommen einige Monate nach der Paarung dann fertig entwickelte Jungschlangen, welche eine Länge von bis zu 25 Zentimetern aufweisen und nun nur noch wachsen müssen. Die Wurfgröße beträgt zumeist zwischen 20 und 40 Jungschlangen. Die Geschlechtsreife erreicht die Kettenviper im Alter von circa zwei Jahren, manchmal auch mit drei Jahren.

Ernährung

Die Kettenviper frisst vor allem Nagetiere (Rodentia), insbesondere Mäuse (Mus), aber auch Ratten (Rattus) und andere Nagetiere und Kleinsäuger (Mammalia), die sie in ihren Lebensräumen antrifft. Sie geht im Schutze der Dunkelheit oder der Dämmerung auf die Suche ihrer Beute. Sie kriecht nachts durch Wälder und Gärten, über Felder und Farmen, und dringt sogar in Hütten, Scheunen sowie Wohnungen ein. Hat sie ein Mäusenest entdeckt oder es läuft ihr eine Maus oder ein anderes Beutetier über den Weg, so wird die Schlange es wahrscheinlich, aber nicht zwangsläufig, zuerst bemerken. Die Kettenviper riecht die Maus bereits aus einiger Entfernung, auch kann sie der Duftspur einer Maus gut folgen. Sie riecht mit der Zunge, genauer mit dem Jakobson'schen Organ im Gaumen, welchem mit der Zunge Geruchsteilchen zugeführt werden. Ist die Viper nahe genug an einem Beutetier dran, so packt sie es blitzschnell mit einem Biss und injiziert ihr Gift. Dieses tötet die Maus binnen einiger Sekunden, die Beute stirbt an durch einen Schock verursachten Herzstillstand. Da der Tod die Beute recht schnell überkommt, kann die Schlange sie auch dann noch finden, wenn sie nach dem Biss nochmal davon kommt, sie sucht sie dann anhand der Geruchsspur. Ist die Beute tot, wird sie, wie für Schlangen (Serpentes) typisch, in einem Stück verschlungen.

Lebensraum: Pakistanische Reisfelder
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Lebensraum: Pakistanische Reisfelder

Verbreitung

Vorkommen

Die Kettenviper lebt in Südostasien. Hier erstreckt sich ihr Verbreitungsgebiet über weite Teile des Kontinents. Sie kommt von Pakistan quer über den indischen Subkontinent bis nach Sri Lanka, von Myanmar (ehemals Burma) nach Süden bis nach Kambodscha, in teilen Chinas sowie mit isolierten Populationen in Taiwan und in Indonesien von der Insel Java bis Flores vor. Speziell die Unterart Daboia russelii siamensis kommt in Myanmar, Thailand, Kambodscha, Südost-China, Taiwan und auf vielen Inseln Indonesiens vor.

Lebensräume

Die Kettenviper bewohnt sehr viele Lebensräume. Zu ihren natürlichen Habitaten zählen besonders Trockenwälder, die sie bis in die Gebirge bewohnt und weite, feuchte oder trockene Ebenen mit Graslandschaften und Buschbeständen. Allerdings ist sie ein wahrer Kulturfolger und ist fast überall dort anzutreffen, wo der Mensch siedelt. Der Mensch betreibt Landwirtschaft, und im Südosten Asiens ist der Reis die Pflanze, die mancherorts die Landschaft bis zum Horizont füllt. Und der Reis lockt jede Menge Ratten (Rattus) und Mäuse (Mus) an, was die Gebiete zu einem Paradies für die Kettenviper macht, sie folgt den Nagetieren auf die Bauernhöfe und bis in die Siedlungen. Und auch auf sonstigen Plantagen und in größeren Ortschaften trifft man sie regelmäßig unter Brettern, Blechen, in Gärten, Hütten, Schuppen und ähnlichem an. Sogar in Wohnhäuser dringt sie häufig ein und versteckt sich dort auf Dachböden, hinter Schränken, unter Betten sowie in allen möglichen Ritzen und Ecken. Der einzige Lebensraum, den die Viper meidet, ist der tropische Regenwald Südostasiens, sie dringt lediglich bis an die Randgebiete der Tropenwälder vor.

Ökologie

Prädatoren

Zu den Prädatoren, also den natürlichen Fressfeinden, der Kettenviper zählen vor allem Greifvögel (Falconiformes) wie der Gleitaar (Elanus caeruleus), Katzen (Felidae) sowie Hundeartige (Canidae) und Marder (Mustelidae). Auch Haushunde (Canis lupus familiaris) und Hauskatzen (Felis catus) stellen eine Gefahr für die Kettenviper dar. Für jeden ihrer Prädatoren kann der Fang der Kettenviper jedoch auch tödlich enden, wenn diese ihren Feind beißt.

Gefährdung und Schutz

Zwar kommt die Kettenviper noch sehr häufig vor und ist allgemein nicht sehr stark bedroht, aber in einigen Gebieten des Verbreitungsraumes ist sie sehr selten. Dort wird sie vielerorts aktiv bejagd, einerseits aufgrund ihrer Giftig- und Gefährlichkeit, also nur um sie los zu werden, und andererseits auch wegen der Begehrtheit ihrer Haut zur Produktion von Schlangenleder. Des Weiteren werden regelmäßig Säcke voller Kettenvipern, insbesondere aus Thailand, bei Händlern gefunden und beschlagnahmt. Diese sind dann zumeist für die Fleisch- und Lederproduktion, oft aber auch für die Verarbeitung ihrer Gallenblase, welcher eine heilende Wirkung nachgesagt wird. Durch Umweltveränderungen ist die Viper kaum bedroht, da sie als Kulturfolger mit den landwirtschaftlichen Bedingungen und dem Leben in der Nähe der Menschen sehr gut zurecht kommt.
Daboia russelii russelii: Ansicht der Rückenzeichnung
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Daboia russelii russelii: Ansicht der Rückenzeichnung

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Mark O'Shea, Giftschlangen. Alle Arten der Welt in ihren Lebensräumen, Franckh-Kosmos Verlag, 2006, ISBN 3440106195
  • GEO Themenlexikon: Tiere und Pflanzen: Geschöpfe, Arten, Lebensräume; Teil 2 / Bd. 34. ISBN 3765394645
  • Die Tiere der Welt - wie sie sich entwickelten und wie wir sie heute sehen und ordnen (ohne ISBN-Nummer)

Weblinks

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