Kleinbären

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Kleinbären
Südamerikanischer Nasenbär (Nasua nasua)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Raubtiere (Carnivora)
Überfamilie: Hundeartige (Canoidea)
Familie: Kleinbären
Wissenschaftlicher Name
Procyonidae
Gray, 1825

Kleinbären (Procyonidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Raubtiere (Carnivora) und zur Überfamilie der Hundeartigen (Canoidea). Es werden rund 19 (18) Arten in 3 Unterfamilien und 7 Gattungen geführt.

Inhaltsverzeichnis

Systematik

Die Familie der Kleinbären wird für gewöhnlich in 3 Unterfamilien unterteilt. Dies sind die Unterfamilien Potosinae, Procyoninae und Ailurinae. Die Vertreter der einzelnen Gattungen unterscheiden sich zum Teil stark in der Lebensweise und dem Aussehen. In der Wissenschaft gilt die Zuordnung des Kleinen Pandas zu den Kleinbären als umstritten und wird kontrovers diskutiert. Viele Wissenschaftlicher sehen die Art daher in einer eigenen Familie und führen den Kleinen Panda in der Familie Ailuridae. Die morphologischen Charakteristika ähneln denen der Kleinbären, jedoch weisen Übereinstimmungen in der DNA auf eine Verwandtschaft mit den Bären (Ursidae) hin. Neueste molekularsystematische Forschungsergebnisse sind aktuelle Grundlage für die Zuordnung in einer eigenen Familie.

Evolution und Entwicklung

Die Vorfahren der Kleinbären sind hundeartige Raubtiere. Fossile Funde aus der Gattung Bassaricus weisen ein Alter von gut 20 Millionen Jahren auf und wurden insbesondere in Nebraska, Nevada und Kalifornien gefunden. Aus der fossilen Gattung Paranasua bildeten sich vor 9,4 bis 4,5 Millionen Jahren im späten Miozän die ersten Vertreter der Nasenbären und Waschbären. Nasenbären tauchten erstmals im späten Miozän auf und langten über die im Pliozän entstandene Landbrücke auch nach Nordamerika. Marder (Mustelidae) und Kleinbären haben den gleichen Ursprung. Die Spaltung beider Familien erfolgte gegen Ende des Oligozän.

Beschreibung

Aussehen

Kleinbären sind mittelgroß und meist lang gestreckt gebaut. Charakteristisch ist bei allen Arten ein zumeist buschiger Schwanz. Bis auf den einfarbig braun gefärbten Wickelbär weisen alle anderen Arten markante Fellzeichnungen oder Gesichtsmasken sowie geringelte Schwänze auf.
Nordamerikanisches Katzenfrett (Bassariscus astutus)
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Nordamerikanisches Katzenfrett (Bassariscus astutus)
Je nach Art erreichen Kleinbären eine Körperlänge von 26 bis 65 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 20 bis 70 Zentimeter sowie ein Gewicht von 800 bis 15.000 Gramm. Bergnasenbären (Nasuella) gehören zu den kleinsten Arten, Nasenbären (Nasua) zu den längsten Arten und Waschbären (Procyon) zu den schwersten Arten. Weibchen bleiben bis zu einem Viertel kleiner und leichter als Männchen. Die genauen Maße und Gewichte können der unten angegebenen Tabelle entnommen werden.

Das Fell der Waschbären ist gräulich bis graubraun oder rotbraun gefärbt, die Bauchseite und die Innenseiten der Extremitäten sind deutlich heller. Der Schwanz ist schwarz-braun geringelt. Im Bereich der Augen zeigt sich eine dunkle Gesichtsmaske, die ober- und unterhalb durch helle Striche untermalt wird. Nasenbären sind meist gelblichbraun bis rötlichbraun gefärbt. Im Gesicht zeigen sich oberhalb der Augen und in der Wangenregion helle Flecken. Die Kehle und der Bauch sind deutlich heller, meist cremefarben gefärbt. Die Pfoten sind wie auch die Ringel am Schwanz schwarz gefärbt. Beim Weißrüssel-Nasenbär ist die weißliche Schnauzenspitze namensgebend. Der Wickelbär ist einfarbig braun und weist einen leicht rötlichen Schimmer auf. Makibären sind graubraun gefärbt. Stellenweise zeigt sich im Fell ein schwärzlicher Schimmer. Ventral ist das Fell bei den Tieren heller gefärbt und weist zuweilen einen gelblichen Schimmer auf. Im Nackenbereich und hinter den Ohren zeigen sich gelbliche Streifen. Der Schwanz ist durch schmale schwarze Ringe gekennzeichnet. Katzenfrette sind einheitlich graubraun gefärbt. Helle Flecken zeigen sich ober- und unterhalb der Augen. Der Schwanz ist schwarz-weiß geringelt. Markantes Merkmal der Nasenbären ist die lange und bewegliche Nase. Die Nase weist einen dichten Besatz mit Geruchsrezeptoren auf. Zahlreiche Muskeln sorgen dafür, dass die Nase sehr beweglich ist.

Extremitäten

Die Beine sind bei allen Arten kurz aber kräftig entwickelt. Wie bei allen Raubtieren, so zeigt sich auch bei den Kleinbären eine Verwachsung der Handwurzelknochen. Dies kann als evolutionsgeschichtlich sehr altes Skelettmerkmal gewertet werden. Das Schlüsselbein ist im Vergleich zu anderen Säugetieren (Nichtraubtiere) deutlich reduziert. Die Zehen der Füße enden jeweils in 5 Zehen, von denen die jeweils dritte Zehe leicht verlängert ist.
Wickelbär (Potos flavus)
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Wickelbär (Potos flavus)
Kleinbären laufen wie ihre großen Verwandten die Bären (Ursidae) ganz oder teilweise auf ihren Sohlen. Sie sind also Sohlengänger. Kleine Pandas verfügen über eine kleine zusätzliche Zehe, die den anderen Zehen gegenübergestellt werden kann. Die Zehen sind mit nicht rückziehbaren Krallen versehen. Eine Ausnahme bilden nur die Kleinen Pandas und das Nordamerikanische Katzenfrett (Bassariscus astutus), bei denen die die Krallen an den Vorderpfoten rückziehbar sind. Der Schwanz ist bei den meisten Arten ausgesprochen lang. Der Schwanz des Wickelbären (Potos flavus) dient als Greiforgan, der Schwanz der Nasenbären zusätzlich der Balance. Alle Arten der Kleinbären gelten als gute Kletterer. Einige Arten wie der Wickelbär oder das Mittelamerikanische Katzenfrett (Bassariscus sumichrasti) leben ausschließlich in den Bäumen.

Gebiss und Schädel

Das Gebiss der Kleinbären ist ein typisches Gebiss eines Fleisch- oder Allesfressers. Es ist für viele Nahrungsarten geeignet. Das Gebiss besteht aus 40 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet I3/3, C1/1, P4/4, M2/2, wobei es artspezifische Abweichung geben kann. "I" steht für Incisvi, "C" für Canius, "P" für Prämolaren und "M" für Molaren. Der Wickelbär hat in jeder Kieferhälfte nur 3 statt 4 Prämolaren, beim Kleinen Panda zeigen sich in den Oberkieferhälften 3, in den Unterkieferhälften 4 Prämolaren. Die Reißzähne sind bei den meisten Arten nur mäßig entwickelt und wenig spezialisiert. Sie sind nur beim Mittelamerikanischen Katzenfrett gut entwickelt. Nasenbären verfügen aufgrund ihrer insektenreichen Nahrung über hochkronige Backenzähne. Bei den Waschbären zeigen sich hingegen niederkronige Backenzähne. Der Schädel weist je nach Art eine Länge von 9,4 Zentimeter (Wickelbär) bis 12,5 Zentimeter (Waschbären) auf.

Maße und Gewicht

Deutscher Name Wissenschaftliche Bezeichnung Kopf-Rumpf-Länge Schwanzlänge Gewicht
Makibären Bassaricyon 42 - 47 cm 43 - 48 cm etwa 1.600 Gramm
Wickelbären Potos 42 - 57 cm 40 - 56 cm 1.400 - 4.600 Gramm
Katzenfrette Bassariscus 31 - 50 cm 31 - 53 cm 800 bis 1.300 Gramm
Waschbären Procyon 50 - 55 cm rund 25 cm 3.000 - 15.000 Gramm
Nasenbären Nasua 40 - 65 cm 45 - 70 cm 3.600 - 6.000 Gramm
Bergnasenbären Nasuella 26 - 39 cm 20 - 24 cm 1.500 - 2.500 Gramm
Kleine Pandas Ailurus 50 - 60 cm 30 - 50 cm 3.000 - 5.000 Gramm

Lebensweise

Je nach Art leben Kleinbären einzelgängerisch oder in geselligen Gruppen. Einige Arten sind nachtaktiv, andere überwiegend tagaktiv. Gesellige Gruppen weisen jedoch selten ein Männchen auf. Es handelt sich meist um mehrere Weibchen mit ihrem Nachwuchs. Männchen leben einzelgängerisch oder in Junggesellentrupps.
Weißrüssel-Nasenbär (Nasua narica)
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Weißrüssel-Nasenbär (Nasua narica)
Waschbären sind überwiegend in der Nacht aktiv, in der Regel weisen sie eine Aktivität zwischen Sonnenuntergang und Mitternacht auf. In kalten Wintern ruhen Waschbären in ihren Bauten, halten jedoch keinen echten Winterschlaf. Kleinbären beanspruchen je nach Geschlecht (Männchen größere) Reviere in einer Größe von wenigen Hektar bis hin zu einigen Quadratkilometern. Sie sind jedoch nicht sehr territorial und sehen die Reviere mehr als Streifrevier, in dem auch Artgenossen geduldet werden.

Verbreitung und Lebensraum

Bis auf den Kleinen Panda (Ailurus fulgens) kommen alle anderen Arten in der neuen Welt vor. Hier verteilen sich die Arten vom nördlichen Nordamerika bis in den Südosten Südamerikas. Nasenbären (Nasua) sind vom südöstlichen Südamerika bis in die südwestlichen Bundesstaaten der USA verbreitet. Waschbären (Procyon) kommen im gesamten Verbreitungsgebiet der neuen Welt vor. Wickelbären (Potos) kommen vom südlichen Mexiko bis ins zentrale Südamerika vor. Makibären (Bassaricyon) sind in einem kleinen Gebiet im Nordwesten Südamerikas endemisch, Katzenfrette in Mittelamerika und den südwestlichen US-Bundesstaaten und Mexiko. Die einzige Art der Kleinbären auf dem asiatischen Kontinenten ist der Kleine Panda. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom Himalaya bis ins südliche China. Der Nordamerikanische Waschbär wurde in Teilen Europas und Asiens eingeführt. Er ist auch in weiten Teilen Deutschlands verbreitet.

Waschbären sind am weitesten verbreitet und bewohnen daher eine Vielzahl von Lebensräumen. Sie sind in Bezug auf ihren Lebensraum nur wenig wählerisch. Ganz ähnlich sieht es mit den Nasenbären aus. Sie bewohnen sowohl tropische Regenwälder als auch trockene Gebirgswälder, Waldränder und Grasland. Wickelbären und Makibären sind ausschließlich in tropischen Regenwäldern der Ebene und in Höhenlagen anzutreffen. Katzenfrette besiedeln zumeist trockene und steinige Habitate. Kleine Pandas bevorzugen die dichten Bambuswälder in den Hochlagen des Himalaya.

Prädatoren

Prädator: der Kojote (Canis latrans)
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Prädator: der Kojote (Canis latrans)

Kleinbären bilden die Nahrungsgrundlage für eine Reihe von Raubtieren. Dies sind lokal neben dem Wolf (Canis lupus), dem Kojoten (Canis latrans), dem Rotfuchs (Vulpes vulpes) und dem Puma (Puma concolor) auch andere Katzen (Felidae) wie der Jaguar (Panthera onca), der Rotluchs (Lynx rufus) sowie größere Greifvögel (Falconiformes) wie die Harpyie (Harpia harpyja) oder Eulen (Strigiformes) wie der Virginia-Uhu (Bubo virginianus) zu den natürlichen Fleischfressern. Greifvögel und auch Schlangen (Serpentes) haben es aber vor allem auf Jungtiere abgesehen. Die meisten Arten der Kleinbären halten sich tagsüber in ihren Verstecken auf und sind so vor den meisten Feinden sicher.

Ernährung

Auch wenn Kleinbären zu den Raubtieren (Carnivora) gehören, so verzehren sie eher weniger Fleisch. Wickelbären ernähren sich an fleischlicher Nahrung nur von Insekten (Insecta). Der Kleine Panda frisst überwiegend nur pflanzliche Kost wie Früchte, Wurzeln und Bambussprossen. Die meisten anderen Kleinbären ernähren sich hauptsächlich von Früchten, wobei sie als Allesfresser auch fleischliches und zum Teil auch Aas nicht verschmähen. Waschbären weisen das breiteste Nahrungsspektrum auf. Sie fressen auch Fische (Osteichthyes), Ringelwürmer (Annelida) wie Regenwürmer (Lumbricidae), Krebstiere (Crustacea), Schnecken (Gastropoda) und Muscheln (Bivalvia). Den größten Anteil an Fleisch nehmen Katzenfrette zu sich. Ihr Gebiss ist auf diese Nahrung spezialisiert.

Fortpflanzung

Die Weibchen der Kleinbären erreichen die Geschlechtsreife gegen Ende des ersten Lebensjahres, die Männchen im Laufe des zweiten Lebensjahres. In den meisten Regionen des großen Verbreitungsgebietes erstreckt sich die Paarungszeit über das Frühjahr. In der Regel kommt es in einer Saison zu einem Wurf. Zu einem zweiten Wurf kommt es allenfalls, wenn der erste Wurf verlorenging. Mit der Geburt weisen die Jungtiere etwa ein Gewicht von 150 (100 - 160) Gramm auf. Sie sind nur wenig entwickelt und kommen sowohl blind als auch taub auf die Welt. Ein durchschnittlicher Wurf besteht aus 3 bis 4 (1 - 6) Jungtieren. Eine Ausnahme bildet der Kleine Panda, der nur 1 bis 2 Junge zur Welt bringt. Die Geburt erfolgt nach einer Tragezeit von 63 bis 77 Tagen (Waschbären und Nasenbären) artabhängig in Erdbauten, Baumhöhlen oder in Nestern. Abweichend von der durchschnittlichen Tragezeit weisen Wickelbären eine Tragezeit von 112 bis 118 Tagen und Kleine Pandas eine Tragezeit von 112 bis 168 Tagen auf. Um den Nachwuchs kümmert sich ausschließlich das Muttertier. Männchen haben aufgrund der polygamen und promiskuitiven Lebensweise nichts mit der Aufzucht des Nachwuchses zu tun. Die Säugezeit beträgt je nach Art zwischen 60 und 100 Tagen. In Freiheit wird ein Alter von 7 Jahren selten überschritten. In Gefangenschaft erreichen Kleinbären durchaus ein Alter von 10 bis 15 Jahren, Waschbären sogar ein Alter von mehr als 17 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Kleinbären gehören in unterschiedlichem Maße als gefährdet. Der Kleine Panda (Ailurus fulgens), Bassaricyon lasius, Bassaricyon pauli, der Nelson-Nasenbär (Nasua nelsoni), der Tres-Marias-Waschbär (Procyon insularis), der Bahama-Waschbär (Procyon maynardi), Guadeloupe-Waschbär (Procyon minor) und der Cozumel-Waschbär (Procyon pygmaeus) gelten heute als stark gefährdet und werden in der Roten Liste der IUCN als EN, Endangered geführt. Der Barbados-Waschbär (Procyon gloveralleni) gilt seit den 1960er Jahren als ausgestorben. Alle anderen Arten gehören noch nicht zu den bedrohten Arten oder sind nur wenig gefährdet. Vor allem bei Arten mit kleinen Verbreitungsgebieten sieht es mitunter bedrohlich aus. Die Tiere leiden in allen Verbreitungsgebieten unter dem Verlust des natürlichen Lebensraumes. In einigen Regionen stellt die indigene Bevölkerung den Tieren wegen des Fleisches und des Pelzes nach. Aber auch in vermeintlich zivilisierten Länder wie den USA stellt man den Tieren, insbesondere den Waschbären wegen des Felles nach. In den USA werden jährlich um die 4 Millionen Tiere getötet. Lokal sind Kleinbären wie der Nordamerikanische Waschbär (Procyon lotor) auch durch Krankheiten wie Staupe (Viruserkrankung) bedroht. Einige Kleinbären, auch hier ist der Waschbär zu nennen, gelten als Überträger von Krankheiten wie der Tollwut.

Systematik der Kleinbären

Mittelamerikanisches Katzenfrett (Bassariscus sumichrasti)
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Mittelamerikanisches Katzenfrett (Bassariscus sumichrasti)
Kleiner Panda (Ailurus fulgens)
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Kleiner Panda (Ailurus fulgens)

Anhang

Literatur und Quellen

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