Kleine Lanzennase

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Kleine Lanzennase

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Fledertiere (Chiroptera)
Unterordnung: Fledermäuse (Microchiroptera)
Überfamilie: Hasenmaulartige (Noctilionoidea)
Familie: Blattnasen (Phyllostomidae)
Unterfamilie: Lanzennasen (Phyllostominae)
Gattung: Eigentliche Lanzennasen (Phyllostomus)
Art: Kleine Lanzennase
Wissenschaftlicher Name
Phyllostomus discolor
Wagner, 1843

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Die Kleine Lanzennase (Phyllostomus discolor) zählt innerhalb der Familie der Blattnasen (Phyllostomidae) zur Unterfamilie der Lanzennasen (Phyllostominae) und zur Gattung der Eigentlichen Lanzennasen (Phyllostomus). Im Englischen wird die Art Pale Spear-nosed Bat genannt. Es sind 2 Unterarten bekannt (Kwiecinski, 2006).

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Fossile Funde der Kleinen Lanzennase stammen aus dem späten Pleistozän und dem frühen Holozän und wurden in Venezuela gefunden. Andere Funde stammen aus pleistozänen Ablagerungen in Höhlen in Brasilien (Kwiecinski, 2006).

Erkennung und Unterschiede

Die Kleine Lanzennase ist von anderen Arten der Gattung aufgrund des schwach entwickelten Scheitelkammes, dem abweichenden Calcar (knorpeliger Sporn an den Hinterbeinen) und Länge des Schienbeins (Tibia) zu unterscheiden. Die Kleine Lanzennase ähnelt stark einer juvenilen Großen Lanzennase (Phyllostomus hastatus). Die beiden Arten unterscheiden sich im Wesentlichen in der Länge der Schnauze, dem Calcar, in der Unterarmlänge, der Ohrbreite und in der Morphologie der Ohrmuschel. Von Phyllostomus elongatus kann die Art aufgrund der Unterarmlänge und der Länge des Nasenblattes unterschieden werden. Phyllostomus latifolius ist etwas kleiner als die Kleine Lanzennase und unterscheidet sich auch bei der Unterarmlänge (Kwiecinski, 2006).

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Kleine Lanzennase ist eine, robuste, mittelgroße Art innerhalb der Gattung der Eigentlichen Lanzennasen (Phyllostomus). Die Ohren sind schmal und spitz zulaufend. Der Schwanz ist kurz, die Interfemoral-Haut (Flughaut zwischen den Oberschenkeln) ist groß und gut entwickelt. Der Calcar ist kürzer als der Hinterfuß und halb so lang wie die Tibia (Schienbein). Die Tibia erreicht 1 Drittel der Länge der Interfemoral-Haut (Kwiecinski, 2006). Die Art erreicht eine Gesamtlänge von 75 bis 109 mm, eine Schwanzlänge von 9 bis 22 mm, eine Hinterfußlänge von 12,0 bis 17,7 mm, eine Ohrlänge von 18 bis 24 mm, eine Traguslänge von 8 bis 10 mm, eine Unterarmlänge von 55,4 bis 66 mm, eine Schädellänge von 28,2 bis 32,2 mm, eine Condylobasallänge von 25,3 bis 28,2 mm und eine Jochbeinbreite von 14,6 bis 16,3 mm. Das Nasenblatt ist 13 mm lang und 7 mm breit, die Ohrmuschel weist an der Basis eine Breite von 12 mm auf. Signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern treten nicht auf. Männchen sind nur unwesentlich größer und schwerer als Weibchen. Das weiche und dichte Fell erreicht eine Länge von 3 bis 4 mm. Das Fell ist überwiegend dunkelbraun bis dunkelgrau gefärbt, ventral zeigt sich eine fast weißliche Färbung (Kwiecinski, 2006). Kleine Lanzennasen verfügen über 37 Wirbel, die sich in 7 Halswirbel (Cervical vertebrae), 12 Brustwirbel (Thoracic vertebrae), 6 Lendenwirbel (Lumbar vertebrae), 5 Kreuzbeinwirbel (Sacral vertebrae) und 7 Steißbeinwirbel (Coccygeal vertebrae) gliedern. Das Gebiss besteht aus 32 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i2/2, c1/1, p2/2, m3/3. Die Flügel erreichen eine Spannweite von 41,6 cm, die Flügeloberfläche erreicht 261,6 cm². Das Uropatagium erreicht eine Größe von 11,0 cm². Dies entspricht rund 4% der Flügelfläche. Die Flügelspitzen sind relativ groß und abgerundet. Das Gehirn der Kleinen Lanzennase besteht aus 2 großen Hirnhälften und hat ein Gewicht von 1.090 mg und ein Volumen von 835,9 mm³. Die Kleine Lanzennasen orientiert sich im Flug mittels Echolokation. Die Töne weisen eine Freqzenz von 45 bis 100 kHz auf. Die Länge der Töne liegt zwischen 0,3 und 2,5 ms. Der Schalldruckpegel liegt im Abstand von 10 cm zur Nase bei bis zu 124 dB. Männchen und Weibchen verfügen über Talgdrüsen und liegen im Bereich des Sternum und und des Rachens. Die Sekrete der Talgdrpsen dienen der olfaktorischen Kommunikation (Kwiecinski, 2006).

Lebensweise

Die Kleine Lanzennase ist nachtaktiv. Die täglichen Aktivitäten beginnen 1 bis 2 Stunden nach Sonnenuntergang und enden gegen Morgengrauen. Während der Nahrungssuche nehmen die Fledermäuse Blütenstaub und Pollen mit ihrem Körper auf und dienen so der Verbreitung von Pflanzen. Die Art lebt in Kolonien mit bis zu 400 Individuen. Eine Kolonie teilt sich intern in kleinere Haremsgruppen mit bis zu 15 Tieren je Gruppe. Auch Junggesellengruppen mit einer rein männlichen Struktur sind bekannt. Die Kommunikation untereinander erfolgt durch Echolokation, im Nahbereich auch durch olfaktorische Reize (Kwiecinski, 2006).

Unterarten

  • Phyllostomus discolor discolor (Wagner, 1843)
  • Phyllostomus discolor verrucosus (Elliot, 1905)

Verbreitung

Kleine Lanzennasen kommen in Mittel- und Südamerika in den Staaten Belize, Brasilien, Kolumbien, Costa Rica, El Salvador, Französisch-Guayana, Guatemala, Guyana, Honduras, Mexiko, Nicaragua, Panama, Peru, Surinam, Trinidad und Tobago, Venezuela und Bolivien vor. Die Art besiedelt das Flachland und ist in Höhenlagen bis in Höhen von gut 610 m über NN nachgewiesen. Kleine Lanzennasen sind auf landwirtschaftlichen Flächen, in lichten Wäldern, entlang von Flüssen und Bächen, Sumpfwäder und ähnliche feuchte Habitate anzutreffen. Die Tiere halten sich in den Ruhephasen am Tage zumeist in Baumhöhlen auf. Aber auch Felsspalten, Höhlen und menschliche Strukturen werden lokal angenommen. Zu den typischen Bäumen und Pflanzen im Lebensraum der Tiere gehört beispielsweise der Kapokbaum (Ceiba pentandra) (Kwiecinski, 2006; IUCN, 2013).

Biozönose

Sympatrie

Bezogen auf den Lebensraum und die Ruhestätten läßt sich eine Sympatrie zu der Brillenblattnase (Carollia perspicillata), zu der Kleinen Nacktrücken-Fledermaus (Pteronotus davyi), zu den Lanzennasen (Phyllostominae) wie Micronycteris megalotis, zu dem Großen Hasenmaul (Noctilio leporinus), zu der Großen Lanzennase (Phyllostomus hastatus), zu den Blütenfledermäusen (Glossophaginae) wie Glossophaga soricina zu der Eigentlichen Schwertnase (Lonchorhina aurita) und zu den Zweistreifenfledermäusen (Saccopteryx) wie Saccopteryx bilineata erkennen (Kwiecinski, 2006).

Ernährung

Kleine Lanzennasen gelten als Allesfresser. Der Hauptteil der Nahrung besteht aus pflanzlicher Kost in Form von Nektar, Pollen und Früchte. Zu einem großen Teil nehmen die Tiere auch Insekten (Insecta) zu sich. In der Regenzeit stehen eher Früchte und Insekten auf der Speisekarte, während der Trockenzeit Pollen und Nektar. An Insekten werden vor allem Käfer (Coleoptera), Zweiflügler (Diptera), Hautflügler (Hymenoptera) und Schmetterlinge (Lepidoptera) gefressen (Kwiecinski, 2006).

Fortpflanzung

Die Kleine Lanzennasen lebt in Haremsgruppen, die aus 1 Männchen und 1 bis 15 Weibchen sowie deren Nachwuchs bestehen. Die Jungen sind bei der Geburt nackt und verfügen lediglich über die ersten Tasthaare. Das postnatale Fell erscheint zunächst an den Gliedern, später in den dorsalen und ventralen Regionen. Im Alter von 86,5 bis 90,6 (88,7) Tagen erfolgt die Entwöhnung. Die Kommunikation zwischen Muttertier und Nachwuchs erfolgt durch olfaktorische und akustische Signale (Kwiecinski, 2006).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Kleine Lanzennasen gehören heute noch nicht zu den bedrohten Fledermausarten. Die Tiere sind sowohl in Mittel- als auch in Südamerika überall häufig anzutreffen. In der Roten Liste der IUCN wird die Art daher als nicht gefährdet (LC, Least Concern) geführt. Größere Gefahrenquellen sind nicht bekannt (IUCN, 2013).

Anhang

Siehe auch

  • Hauptartikel: die Ordnung der Fledertiere (Chiroptera)

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X

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