Lippenbär

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Lippenbär

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Raubtiere (Carnivora)
Familie: Großbären (Ursidae)
Gattung: Lippenbären (Melursus)
(Meyer, 1793)
Art: Lippenbär
Wissenschaftlicher Name
Melursus ursinus
Shaw, 1791

IUCN-Status
Vulnerable (VU)

Der Lippenbär (Melursus ursinus) gehört innerhalb der Familie der Großbären (Ursidae) zur monotypischen Gattung Lippenbären (Melursus). Im Englischen wird die Art Sloth Bear genannt (IUCN, 2014). Es sind 2 Unterarten bekannt (Wilson & Reeder, 2005).

Inhaltsverzeichnis

Nomenklatur und Taxonomie

Der Lippenbär wurde erstmals im Jahre 1791 von George Shaw beschrieben. Shaw nannte die Art Bradypus ursinus weil die Art ähnlich träge war wie ein Faultier und ähnlich lange Krallen hatte. Meyer erkannte bereits im Jahre 1793, dass es sich bei dem Lippenbär nicht um ein Faultier handelte und gab der Art den Namen Melursus lybius. Später folgte Blainville im Jahre 1817 mit der Bezeichnung Ursus labiatus. Aufgrund von morphologischen Unterschieden beim Gebiss wurde die Art von Lydekker 1884 in eine eigene Gattung gestellt. Die genaue Zuordnung zu einer Unterfamilie ist bis heute umstritten, die monophyletische Herkunft ist heute noch unklar. Erst in neuerer Zeit belegen molekulargenetische Analysen (mitochondriale DNA-Analysen) eher eine Zuordnung zur Gattung der Echten Bären (Ursus) (Yoganand, Rica & Johnsingh, 2000).

Evolutionsgeschichte

Nach einhelliger Meinung haben sich Lippenbären in der rezenten Form zu Beginn des Pleistozän entwickelt. Ein versteinertes Fragment eines Oberarmknochens aus dem Pleistozän wurde in Andhra Pradesh (Indien) gefunden; es ist identisch mit der rezenten Form. Ein älteres Fossil, Ende Pliozän, Anfang Pleistozän stellt eine Zwischenstufe zwischen dem Lippenbär und dem Vorfahren der Braunbären (Ursus arctos) dar und wurde der Art Melursus theobaldi zugeordnet. Lippenbären haben sich wahrscheinlich Mitte des Pliozän, also vor etwa 4 Millionen Jahren von der Linie der Vorfahren abgespalten. Es wurden im folgenden mehrere morphologische Merkmale entwickelt, die eine Anpassung an den Lebensraum und das Ernährungsverhalten darstellen (Yoganand, Rica & Johnsingh, 2000).

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Lippenbär erreicht eine Körperlänge von 150 bis 190 cm, eine Schulterhöhe von 60 bis 90 cm und ein Gewicht von 55 bis 140 kg. Männchen sind bis zu 40% schwerer als Weibchen. Der Lippenbär ist schwärzlich gefärbt, selten auch schwarzbraun. Im Bereich der Brust zeigt sich ein weiß gefärbtes v- oder u-förmiges Band. In seltenen Fällen kann dieses Band auch fehlen. Die lange und blasse Schnauze ist spärlich mit weißlichgrauem Haar bedeckt. Diese Färbung setzt sich bis zwischen die Augen fort. Das Fell kann im Bereich der Schultern eine Länge von bis zu 30 cm aufweisen. Das Fell ist insgesamt eher grob, eine Unterwolle fehlt. Die Nasenlöcher sind verschließbar, was eine Anpassung an die Ernährungsgewohnheiten darstellt. Die Zunge und die Lippen sind ausgesprochen mobil und ausstreckbar. Der hintere Teil des Gaumens ist breit und lang. Die Backenzähne sind relativ klein. Die vorderen Klauen der Lippenbären sind mit bis zu 70 mm sehr lang und gebogen. Die hinteren Klauen erreichen nur eine Länge von bis zu 30 mm. Die Sohlen der Füße sind nackt. Die Füße weisen jeweils 5 Zehen auf (Yoganand, Rica & Johnsingh, 2000).

Lebensweise

Der Lippenbär ist ein dämmerungs- und nachtaktiver (selten auch tagaktiver) Einzelgänger, der ein festes Revier bewohnt. Die Reviere der Tiere weisen eine Größe von 9,4 bis 14,4 km² auf. Die Reviere der Männchen sind deutlich größer. Die Geschlechter finden nur während der Paarungszeit zueinander, jedoch überlappen sich die Reviere der Männchen und Weibchen. Eine Winterruhe wird nicht gehalten, jedoch sinkt die Aktivität während der Regenzeit. Mütter tragen ihren Nachwuchs während der Nahrungssuche häufig auf dem Rücken. Der Nachwuchs bleibt für 1,5 bis 2,5 Jahre bei der Mutter (Yoganand, Rica & Johnsingh, 2000).

Unterarten

Verbreitung und Lebensraum

Verbreitung, Vorkommen

Lippenbären sind auf dem indischen Subkontinent endemisch. Die Vorkommen erstrecken sich über Indien, Nepal, Bhutan, Bangladesch und Sri Lanka. Die Lebensräume liegen meist in niedriger Höhe. Im Norden reichen die Vorkommen bis in die Ausläufer des Himalaya hinein. Im Westen reichen die Vorkommen bis an die Wüstengebiete von Rajasthan heran. Im Osten und Nordosten wird das Verbreitungsgebiet durch Bergketten begrenzt, im Norden ist es der Himalaya. Auf Sri Lanka werden hauptsächlich die Tieflandwälder im Norden und Osten besiedelt (Yoganand, Rica & Johnsingh, 2000).

Lebensraum, Habitat

Lippenbären bewohnen eine Vielzahl an Lebensräumen. So werden neben feuchten Regenwäldern und Schwemmland auch trockene Laubwälder und Waldränder besiedelt. Allerdings variiert die Siedlungsdichte in den verschiedenen Lebensräumen je nach Ressourcenverfügbarkeit. Feuchte Regenwälder weisen die höchste Dichte an Lippenbären auf. Die Tiere bevorzugen Lebensräume mit einem dichten Unterholz. Offene Bereiche werden gemieden (Yoganand, Rica & Johnsingh, 2000).

Biozönose

In den nördlichen Regionen des Verbreitungsgebietes leben Lippenbären sympatrisch mit dem Asiatischen Schwarzbären (Ursus thibetanus) und dem Malaienbär (Helarctos malayanus). Aufgrund der Trägheit der Tiere, ist es möglich, dass auch ausgewachsene Individuen einem Prädatoren wie dem Tiger (Panthera tigris) zum Opfer fallen können. Lippenbären sind meist am Tage aktiv, um so nachtaktiven Räubern auszuweichen. Dies tritt vor allem auf Weibchen mit ihrem Nachwuchs zu. Weibchen bringen ihren Nachwuchs in Höhlen zur Welt und bleiben mehrere Wochen beim Nachwuchs. Dies wird auch als Ausweichen vor Prädatoren gewertet. Zu den weiteren natürlichen Feinden zählen der Leopard (Panthera pardus), für Jungtiere auch der Rothund (Cuon alpinus) (Yoganand, Rica & Johnsingh, 2000).

Ernährung

Die Nahrung der Lippenbären besteht überwiegend aus sozial organisierten Insekten (Insecta) wie Ameisen (Formicoidea) und Termiten (Isoptera) sowie aus zuckerreichen Früchten. Aber auch Honig steht hoch im Kurs. Mit ihren kräftigen Krallen können die Tiere mühelos Bäume erklimmen, um an die Honignester zu kommen. Reife Früchte werden in der Regel vom Boden gefressen. Termitenhügel werden mit den kräftigen Vorderklauen aufgebrochen oder Ameisenkolonien werden aus dem Boden ausgegraben. Beliebte Früchte sind die Filzblättrige Jujube (Ziziphus mauritiana), die Bengalische Quitte (Aegle marmelos), die Röhren-Kassie (Cassia fistula), Feigen (Ficus glomerata), Sternbüsche (Grewia asiatica), Diospyros melanoxylon, Buchanania lanzan, Syzygium cumini und Radmelden (Bassia latifolia). Die Verfügbarkeit an Früchten variiert saisonal (Yoganand, Rica & Johnsingh, 2000).

Fortpflanzung

Innerhalb der Populationen liegt das Geschlechterverhältnis mit etwa 1:0,8 bis 1:0,93 (m/w) bei nahezu 1:1. Die Geschlechtsreife erreichen Lippenbären mit 2 bis 3 Jahren. Die Paarungszeit erstreckt sich im Wesentlichen zwischen Mai und Juli, zu den Geburten kommt es zwischen November und Januar. Nach einer Diapause und einer Netto-Tragezeit von etwa 180 Tagen bringt das Weibchen 1 bis 3 (2) Jungbären zur Welt. Die Geburt findet in einer Höhle statt, in denen sich die Familie die ersten 6 bis 10 Wochen aufhält. Das Männchen beteiligt sich nicht an der Aufzucht der Jungen und hat das Weibchen direkt nach der Paarung verlassen. Die Jungtiere haben ein Geburtsgewicht von 400 bis 500 Gramm und sind anfangs blind. Nach etwa 3 Wochen öffnen sie zum 1. Mal ihre Augen. Nach dem Verlassen der Höhle ist es oft zu beobachten, daß sich die Jungtiere von der Mutter auf dem Rücken tragen lassen. Nach 2 bis 3 Monaten fangen die Jungbären an, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Sie bleiben bis zur Geschlechtsreife bei der Mutter. Die Tiere haben eine Lebenserwartung von etwa 30 Jahren (Yoganand, Rica & Johnsingh, 2000; Novak, 1999).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Der Lippenbär gehört heute zu den bedrohten Arten und wird in der Roten Liste der IUCN daher in der Kategorie VU, Vulnerable geführt. Das Washingtoner Artenschutzabkommen listet die Art in Anhang I des Abkommens. Die größte Gefahr geht von der Vernichtung der natürlichen Lebensräume aus. Dies ist insbesondere in Indien und Bangladesch, ansatzweise auch auf Sri Lanka und in Nepal zu beobachten. Nur in ausgewiesenen Schutzgebieten sind die Tiere mehr oder weniger sicher. In Bhutan gelten die Lebensräume noch als gesichert. Die Abholzung und der Verlust von Wäldern, vor allem außerhalb von Schutzgebieten, stellt eine große Bedrohung dar. Durch die Fragmentierung der Lebensräume kann es zu einer genetischen Armut kommen. Die Gesamtfläche der Schutzgebiete beläuft sich auf etwa 200.000 km². Die Gesamtpopulation der Tiere wird auf 10.000 bis 25.000 Tiere geschätzt. Ein weiteres großes Problem stellt die Wilderei dar. In weiten Teilen des Verbreitungsgebietes werden die Jungtiere der Natur entnommen und die Mütter getötet. Der Handel mit Körperteilen, insbesondere der Gallenblasen floriert (Yoganand, Rica & Johnsingh, 2000; IUCN, 2014).

Anhang

Siehe auch

  • Hauptartikel: Bären (Ursidae)

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X

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