Loris

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Loris
Nördlicher Grauer Schlanklori (Loris lydekkerianus nordicus)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Feuchtnasenaffen (Strepsirhini)
Familie: Loris
Wissenschaftlicher Name
Loridae oder Lorisidae
Gray, 1821

Loris (Loridae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Primaten (Primates) und der Unterordnung der Feuchtnasenaffen (Strepsirhini). Dieser Familie sind 9 (10) rezente Arten in 4 (5) Gattungen zugeordnet. Loris werden zusammen mit den Galagos (Galagonidae) in die Teilordnung der Loriartigen (Lorisiformes) gestellt. Der Ursprung der Loris ist weitestgehend noch unerforscht. Die fossilen Wurzeln reichen bis ins frühe Miozän hinein.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Alle Loris zeichnen sich durch einen kurzen Schwanz, etwa gleich lange Arme und Beine sowie zangenartig entwickelte Füße aus, wobei der Daumen entgegen stellbar ist. Der Zeigefinder ist zudem deutlich verkürzt. Bis auf die zweite Zehen enden alle Zehen in Nägel, die zweite Zehe endet in eine Putzkralle. Die Größe der einzelnen Arten variiert zwischen 24 und 32 Zentimeter. Sie gehören zu den kleinen Primaten und erreichen eine Schwanzlänge von 3 bis 5 Zentimeter sowie ein Gewicht von 100 bis 1.500 Gramm. Der Schwanz hat bei den Loris nur rudimentären Charakter. Das dicke und wollige Fell weist je nach Art eine gräuliche bis graubraune oder braune Färbung auf. Ventral ist das Fell in der Regel etwas heller gefärbt. Die Geschlechter weisen im Wesentlichen keinen nennenswerten Dimorphismus auf. Weibchen weisen eine gut entwickelte Klitoris auf, die leicht mit dem Penis eines Männchens verwechselt werden kann. Bei halbwüchsigen Männchen zeigt sich nur ein wenig entwickeltes oder kaum sichtbares Skrotum (Hodensack). Männchen verfügen über einen verlängerten Penisknochen. Aus den Hautzellen der Eichel ragen rückwärts gerichtete Dornen heraus. Diese Dornen sind mit Keratin verstärkt und weisen eine Länge von 1 bis 1,5 Millimeter auf. Durch die Dornen kann das männliche Geschlechtsorgan leichter in dem des Weibchens gehalten werden. Bei den Bärenmarkis zeigen sich lediglich zwei Dornen. Bei den Pottos und Loris können die Dornen zu Platten oder Papillen geschrumpft sein. Bei den Weibchen aller Arten sind die Schamlippen stark ausgeprägt und erinnern mitunter dem Skrotum eines Männchens. Während des Östrus verdicken und verhärten sich die Schamlippen zu einem Vaginalepithel.

Loris verfügen über einen sehr festen Griff, den sie leicht über einen ganzen Tag beibehalten können. Ermöglicht wird dies durch eine Anhäufung von Blutgefäßen in den Handgelenken und Knöcheln. Diese Anhäufung von Blutgefäßen wird auch als Rete mirabile oder Wundernetz bezeichnet.
Sunda-Plumplori (Nycticebus coucang)
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Sunda-Plumplori (Nycticebus coucang)
Das Wundernetz versorgt die umliegenden Muskeln mit Nährstoffen und sorgt für den Abtransport von Stoffwechselrückständen wie beispielsweise Milchsäure (Acidum lacticum). Milchsäure ist ein Zwischenprodukt im StoffwechselProzess. Der Abtransport dieser Rückstände beugt Krämpfen oder im schlimmsten Fall Schäden vor. Die großen Augen sind nach vorne gerichtet. Damit sind sie in der Lage räumlich zu sehen. Die Augen sind mit einem Tapetum lucidum ausgestattet, das ein Sehen bei Dunkelheit ermöglicht. Farben können Loris im Gegensatz zu tagaktiven Primaten jedoch kaum unterscheiden. Der Kopf ist rundlich geformt, die Schnauze tritt nur wenig aus dem Gesichtsfeld hervor. Der Geruchssinn ist hoch entwickelt und dient den Tieren der Orientierung. Der Nasenspiegel ist wie bei allen Strepsirhini feucht. Der Nasenspiegel enthält schneckenförmige Knochen, die mit nasalem Epithel bedeckt sind. Am Gaumen liegt das über eine Rinne mit dem Nasenspiegel verbundene Jacobsonsche Organ. Neben dem Geruchssinn ist auch der Tastsinn gut entwickelt, der sich jedoch auf die Hand- und Fußsohlen konzentriert, an denen Meissner-Tastkörperchen zu finden sind. Diese winzigen, in den Rillen der Fingerbeeren und unter den Tasthaaren am Kopf, Knöcheln und Handgelenken eingebetteten Sinneszellen sind nur bei Primaten zu finden.

Die eher kleinen Ohren sind rundlich geformt und sitzen leicht seitlich am Schädel. Sie ragen üblicherweise nur wenig aus dem Fell heraus. Das Gebiss der Loris weist 36 Zähne auf, die zahnmedizinische Formel lautet 2/2, 1/1, 3/3, 3/3. Die oberen Eckzähne sind recht lang und gut entwickelt. Die unteren Schneidezähne und die schneidezahnartigen Eckzähne sind leicht vorstehend und kammartig angeordnet. So können das Gebiss nicht nur exzellent bei der Nahrungsaufnahme, sondern auch bei der Fellpflege einsetzen. An der Unterseite der Zunge liegt ein zweiter, fleischiger Kamm. Er weist scharfe und harte Spitzen auf, die zwischen die Lücken im Zahnkamm passen und zu dessen Reinigung dienen.

Lebensweise

Die Arten der Loris sind allesamt nachtaktiv. Ein Indiz dafür sind die ausgesprochen großen Augen. Sie bewegen sich im Astwerk von Bäumen und Büschen eher langsam. Zu Sprüngen kommt es dabei nicht. In der Regel halten sich Loris nur in luftiger Höhe auf. Nur Bärenmakis betreten gelegentlich den Waldboden, um einen Baum zu wechseln. Loris verbringen meist längere Zeit in der Nacht alleine. Sie treffen jedoch nicht selten bei der Nahrungssuche aufeinander. Auch wenn Loris durchaus als territorial zu bezeichnen sind, so dulden sie Artgenossen an ihren Reviergrenzen. Die Reviere überlappen sich in der Regel leicht, so dass es häufiger zu Kontakten kommen kann. Begegnen sich zwei fremde Loris, so berühren sie sich und putzen nicht selten gegenseitig ihr Fell. Auch Signale und Reize werden bei diesen Begegnungen ausgetauscht. Die Kommunikation erfolgt sowohl über Laute als auch über den olfaktorischen Sinn. Duftmarken werden über verschiedene Drüsen gesetzt, die unter dem Kinn sowie an den Arminnenseiten nahe der Ellbogen zu finden sind. Weitere Drüsen befinden sich im Brust- und Genitalbereich. Duftmarken werden am eigenen Körper, im Revier oder am Körper des jeweils anderen Geschlechtes platziert. Die Kommunikation über Laute spielt vor allem bei der Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Nachwuchs eine große Rolle. Loris gehen zwar einzelgängerisch auf Nahrungssuche, dennoch gehören sie zu den Primatenarten mit komplexen Sozialgemeinschaften. Je nach Art bilden Loris am Tage Schlafgemeinschaften. Bei einigen Arten schlafen die Tiere jedoch getrennt voneinander.

Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet der Loris ist zweigeteilt und erstreckt sich zum einen über das westliche bis zentrale Afrika und zum anderen über Indien und Südostasien. Die Gattung der Bärenmakis (Arctocebus) kommen in den äquatorialen Regenwäldern von Nigeria, Gabun, dem Kongo und dem Kamerun vor. In den Waldgebieten des südlichen Indien sowie auf Sri Lanka sind Schlankloris (Loris) weit verbreitet. Vom östlichen Indien, über Myanmar, Thailand und Kambotscha bis nach Vietnam und bis ins südliche China reicht das Verbreitungsgebiet der Plumploris (Nycticebus). Hier leben die 3 Arten vorzugsweise in dichten Primärwäldern. Die vierte Gattung mit der monotypischen Art der Pottos (Perodicticus potto) kommt im westlichen und zentralen Afrika von Guinea bis zum Kongo und von Gabun bis ins westliche Kenia vor. Auch diese Art bewohnt ausschließlich tropische Regenwälder.

Ernährung

Zeichnung eines Potto (Perodicticus potto)
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Zeichnung eines Potto (Perodicticus potto)

Hauptbestandteil der Nahrung ist fleischliche Kost in Form von Gliederfüßern (Arthropoda) wie Insekten (Insecta) und ähnliches sowie kleinen Wirbeltieren (Vertebrata). Selbst giftige Raupen werden gefressen. Bärenmakis halten beispielsweise den Kopf einer haarigen Raupe im Maul fest und streifen die giftigen Härchen mit den Händen ab. Da sich Loris eher langsam und bedächtig bewegen und so Energie sparen, weisen sie einen um rund 40 Prozent geringeren Grundumsatz auf als bei Säugetieren ähnlicher Größe. Der deutlich langsamere Stoffwechsel ermöglicht so auch giftige Stoffe im Magen-Darm-Trakt zu neutralisieren. Aufgewertet wird der Speiseplan durch Baumsäfte. Auf Nahrungssuche gehen Loris grundsätzlich alleine.

Fortpflanzung

Loris erreichen die Geschlechtsreife mit etwa 18 Monaten. Die Paarungszeit erstreckt sich in den tropischen Verbreitungsgebieten meist über das ganze Jahr. Bei den Schlankloris erstreckt sich die Paarungszeit von April bis Mai und von Oktober bis in den November hinein. Meist kommt es in einem Jahr zu zwei Geburten. Loris leben je nach Art in monogamen Familiengruppen oder in kleinen polygamen Gruppierungen. Während der Paarungszeit verteidigt das Männchen sein Revier und seine Familie oder Gruppe energisch gegenüber Artgenossen. Nach einer Tragezeit von rund 90 bis 197 Tagen bringt das Weibchen meist ein Jungtier zur Welt. Die Tragezeit bei den Pottos ist mit bis zu 197 Tagen die längste in der Familie der Loris. Bei Vertretern der Plumploris (Nycticebus) liegt die Tragezeit mit 90 bis 105 Tagen deutlich darunter. Die erste Zeit klammert sich das Jungtier an den Bauch der Mutter, später klettert es auch auf den Rücken. Das Geburtsgewicht liegt bei etwa 24 bis 70 Gramm. Die Säugezeit erstreckt sich in der Regel über 4 bis 6 Monate. Während der Aufzucht kümmert sich auch der Vater um seinen Nachwuchs. Wenn die Geschlechtsreife erreicht wird, werden die Jungtiere vom Vater fortgejagt. Die Lebenserwartung in Freiheit liegt bei bis zu 20 Jahren. In Gefangenschaft kann beispielsweise ein Potto durchaus auch ein Alter von bis zu 26 Jahren erreichen.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Die einzelnen Arten der Loris weisen sehr unterschiedliche Gefährdungsstufen auf. Einige Arten wie die beiden Arten der Bärenmakis (Arctocebus) oder die Pottos (Perodicticus potto) gelten als noch nicht gefährdet. Bei dem Bengalischen Plumplori (Nycticebus bengalensis) und Nycticebus javanicus liegen keine genauen Daten vor (Data Deficient). Der Graue Schlanklori (Loris lydekkerianus) steht auf der Vorwarnliste und wird daher in der Roten Liste der IUCN als near threatened geführt. Der Zwerglori (Nycticebus pygmaeus) gilt als gefährdet (VU, Vulnerable) und der Rote Schlanklori (Loris tardigradus) als stark gefährdet. Die Ursachen liegen meist an der Vernichtung der natürlichen Lebensräume. Vor allem die Arten mit kleinen Verbreitungsgebieten sind durch den Raubbau an der Natur bedroht. Lokal sind Loris sogar schon ganz verschwunden oder stehen kurz davor. Insgesamt sind die asiatischen Vertreter stärker gefährdet als die afrikanischen Arten. Das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) führt alle Arten in Anhang II des Abkommens.

Systematik der Loris

Familie: Loris (Loridae, Lorisidae)

Gattung: Schlankloris (Loris)
Art: Roter Schlanklori (Loris tardigradus)
Art: Grauer Schlanklori (Loris lydekkerianus)
Gattung: Plumploris (Nycticebus)
Art: Bengalischer Plumplori (Nycticebus bengalensis)
Art: Sunda-Plumplori (Nycticebus coucang)
Art: Zwerglori (Nycticebus pygmaeus)
Art: Nycticebus javanicus
Gattung: Perodicticus
Art: Potto (Perodicticus potto)
Gattung: Bärenmakis (Arctocebus)
Art: Eigentlicher Bärenmaki (Arctocebus calabarensis)
Art: Goldener Bärenmaki (Arctocebus aureus)

Im Momennt steht eine neue Art in der Diskussion. Pseudopotto martini (Jeffrey Schwartz, 1996) wurde auf der Grundlage eines Skeletts (das aus einer Probe eines im Zoo Zürich verstorbenen Potto stammte) und zwei Schädel vorgeschlagen, bisher wurde dies aber noch nicht anerkannt. Die Gültigkeit und der Status von diesem Taxon erfordert die Bestätigung (Jeffrey Schwartz, 1996), daher ist diese Spezies noch nicht bewertet. Die wissenschaftliche Bezeichnung Pseudopotto martini bedeutet Falscher Potto oder Pseudopotto. Das deutsche Synonym lautet Martins Potto.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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