Madagaskarhöhlenweihe

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Madagaskarhöhlenweihe

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
Unterklasse: Neukiefervögel (Neognathae)
Ordnung: Greifvögel (Falconiformes)
Familie: Habichtartige (Accipitridae)
Unterfamilie: Weihen (Circinae)
Gattung: Höhlenweihen (Polyboroides)
Art: Madagaskarhöhlenweihe
Wissenschaftlicher Name
Polyboroides radiatus
(Scopoli, 1786)

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Die Madagaskarhöhlenweihe (Polyboroides radiatus) zählt innerhalb der Familie der Habichtartige (Accipitridae) zur Gattung der Höhlenweihen (Polyboroides). Im Englischen wird die Madagaskarhöhlenweihe madagascar harrier-hawk oder madagascar gymnogene genannt. Dieses Taxon wurde in zwei Spezies gesplittet: Polyboroides radiatus und Polyboroides typus. Es gibt keine bekannten Unterarten, demnach ist die Art monotypisch.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen, Maße

Die Madagaskarhöhlenweihe erreicht eine Körperlänge von 60 bis 62 Zentimeter, eine Flügelspannweite von rund 140 bis 150 Zentimeter sowie ein Gewicht von 650 bis 950 Gramm, wobei das Weibchen größer und schwerer ist als das Männchen. Die Flügellänge des Männchens beträgt 36,9 bis 39,8 Zentimeter, die des Weibchens 39,2 bis 41,8 Zentimeter, die Schwanzlänge des Männchens beträgt 29,2 bis 32,1 Zentimeter, die des Weibchens 31,4 bis 32,7 Zentimeter, die Tarsuslänge beider Geschlechter beträgt 8,6 bis 9,9 Zentimeter. Beide Geschlechter unterscheiden sich in der Gefiederfärbung kaum. Der Kopf, die Brust sowie die Oberseite weisen eine graue Färbung auf, abgesehen von den variablen weißen Spitzen der schwarzen Schwung- und Schwanzfedern. Letzterer ist mit einem breiten weißen Band in der Mitte versehen. Die Flügeldecken variieren zwischen Schwarz und Weiß. Die inneren großen Schulterfedern sind jeweils mit einem einzelnen schwarzen Klecks markiert. Die oberen Schwanzfedern sind grau und schwarz gestreift und die Brust sowie der Bauch zeigen gleichmäßig schwarz-weiße Querstreifen. Bei einigen Exemplaren erscheint auf den äußeren Steuerfedern noch eine zweite weiße Binde. Die Iris der Augen ist schwarz-braun. Bei den Erwachsenen erscheint die Wachshaut und das nackte Gesicht gelb, jedoch wird diese Färbung in der Brutzeit rosa und bei Erregung oder Aufregung rot. Bei den Jugendlichen ist die Wachshaut schwärzlich-grau, aber in der Folge nehmen die Wachshaut und das Gesicht eine grünlich-gelbe Färbung an. Die Beine der Jugendlichen sind gelb, während die der Erwachsenen eine pinkfarbene Tönung aufweisen können. Die Flügeldeckfedern und Schulterdeckfedern sind für gewöhnlich bräunlich getrübt, die der Ulna schwarz mit weißen Spitzen. der feine weiße Rand, welcher den schwarzen Spitzrand vieler Flügeldeckfedern umgibt, ist nicht selten abgestoßen. Die blassere Färbung und die breitere Streifung der unteren Teile scheinen eine spezifische Abtrennung dieser Art von dem nächstverwandten Schlangensperber (Polyboroides typus) zu rechtfertigen. Die Jugendlichen weisen einen dunkel umbrabraunen Kopf, Hals und eine dunkel umbrabraune Brust auf. Die oberen Schwanzdeckfedern sind heller erdbraun, lichter, aber undeutlich gerandet. Oben ist der Schwanz braungrau, unten schmutzig gräulich-weiß, undeutlich marmoriert und gewässert. Auf den mittleren Steuerfedern erscheinen drei schmale schwärzliche Querbinden, auch die Spitze ist dunkel gefärbt. Die Hosen weisen eine rostbraune, verwaschene, schmutzig hellbräunliche, quer gesprenkelte Musterung auf. Die Unterschwanzdeckfedern sind mit einer breiten weißen Basis versehen, sonst erscheinen sie rostbräunlich. Die Unterflügeldeckfedern sind von einer kaffeebraunen Tönung. Die Hinterkopffedern sind mehr verlängert als bei den Erwachsenen. Der Flug gleicht entfernt dem Habicht (Accipiter gentilis), ist aber leichter und mehr schwebend. Die weiße Schwanzbinde macht den Vogel auf größere Entfernung schon sehr kenntlich.

Lebensweise

Madagaskarhöhlenweihe
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Madagaskarhöhlenweihe

Die Madagaskarhöhlenweihe wandert wahrscheinlich nicht. Man findet die Art in einer Vielfalt von Lebensräumen wie Bergregenwälder, stachelige Gestrüppwüsten, degradierte Wälder und exotische Baum-Plantagen. Häufig sieht man die Madagaskarhöhlenweihe in den Baumkronen. Oft hält sich die Art auch an Waldrändern und in Bereichen mit einzeln stehenden Bäumen auf. Selten sieht man sie in dichten Wäldern, fliegt jedoch häufig bei gutem Wetter über dichte Wälder oder verweilt hoch oben in dem Wipfel eines Baumes. Des Weiteren trifft man die Madagaskarhöhlenweihe auch oft auf Bananen-Plantagen und in den Mangroven an. Im Westen und im Südwesten hält sich die Madagaskarhöhlenweihe in bewaldeten Gebieten und in Savannen auf und dies häufiger als im östlichen Teil. Im südöstlichen Madagaskar tritt die Art in einer Vielzahl von Lebensräumen in der gesamten Region, einschließlich Küsten, Tiefland- und Bergwälder, auf. Die Madagaskarhöhlenweihe kommt auch in Höhenlagen von etwa 1.000 Metern vor. Weniger häufig ist sie in offenen Lebensräumen, die stark gestört sind, zu beobachten, jedoch in trockenen Gebieten wird sie dagegen oft gesehen. Gelegentlich findet man die Brutplätze auch auf Sisal-Plantagen. In feuchten Wäldern tritt die Madagaskarhöhlenweihe wenig in Erscheinung. Sie bevorzugt emergente Bäume, die auf natürlichen Lichtungen inmitten von Wiesen stehen. Im Allgemeinen zählen auch Primär- und Sekundärwälder und Waldgebiete zu den Lebensräumen. Die Art lebt einzeln oder paarweise und wird oft in großen Höhen gesehen. Im Reservat Naturelle d'Intégrale Andohahela findet man die Madagaskarhöhlenweihe sowohl in trockenen als auch in feuchten Wäldern.

Verbreitung

Laut der Roten Liste der IUCN kommt die Madagaskarhöhlenweihe nur auf Madagaskar vor. Die Madagaskarhöhlenweihe bewohnt folgende Lebensräume: Subtropische und tropische feuchte Tieflandwälder, subtropische und tropische feuchte Montanwälder, Trockensavannen, subtropisches und tropisches Gründland mit Trockenwald, Feuchtgebiete (Inland) wie Moore, Sümpfe, Torf-Moor-Landschaften, landwirtschaftliche Nutzflächen sowie Plantagen.

Ernährung

Madagaskarhöhlenweihe im Flug
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Madagaskarhöhlenweihe im Flug

Die Madagaskarhöhlenweihe kann eine vielfältige Ernährung aufweisen. Zum Nahrungsspektrum zählen unter anderem kleine Lemuren, Flughunde wie der Madagaskar-Flughund (Pteropus rufus), Vögel und deren Eier und Nestlinge wie die Webervögel (Ploceidae), Reptilien, Amphibien und Insekten. Wie der Schlangensperber (Polyboroides typus) steigt diese Art rund um Baumstämme und balanciert zwischen den Ästen, dabei sucht die Madagaskarhöhlenweihe mit schlagenden Flügeln die Löcher und Spalten an den Baumstämmen nach kleinen Beutetieren ab. Sie jagt auch in einem langsamen Segelflug zwischen den Bäumen und manchmal sucht sie nach Nahrung zu Fuß am Boden. Rand (1936) beobachtete diese Vögel, wie sie sich an den Seiten eines morschen Baumstammes oder knapp unter der Krone einer Palme festhielten und dabei nach Beute suchten. Andere Vögel wiederum versuchten, eine Eidechse versteckt in einem hohlen Baumstamm zu erfassen. Auf Ampotaka sah Rand (1936) drei dieser Madagaskarhöhlenweihen auf einer flachen Sandbank herumlaufen, wahrscheinlich auf der Suche nach Nahrung. Andere standen auf dem Boden oder auf einem Ameisenhaufen im offenen Gelände und einige wurden bei einem Tiefflug am Rande einer Wiese eines bewaldeten Gebietes beobachtet. Des Weiteren suchen die Vögel regelmäßig die Bananenhaine auf, um dort kleine grüne Eidechsen oder auch Insekten wie zum Beispiel Heuschrecken zu erbeuten. Ferner jagt die Madagaskarhöhlenweihe auch Nagetiere wie zum Beispiel Hausmäuse (Mus musculus) oder eine 300 Millimeter lange Schlange sowie Frösche und Spinnentiere. Gelegentlich verzehrt die Madagaskarhöhlenweihe auch Aas.

Rasoanindrainy (1985) stellte fest, dass die hohe Sterblichkeitsrate des Larvensifaka (Propithecus verreauxi) auf die Madagaskarhöhlenweihe zurückzuführen ist. Ferner durchwühlen die Vögel Kuhdung, Termitenhügel, verfaulte Baumstümpfe, um Kakerlaken und Käfer zu erbeuten. Karpanty und Goodman (1999) machten eine eingehende Studie über die Ernährungsweise dieser Art auf Berenty Bealoka und im äußersten Südosten Madagaskars. Die Ernährung war sehr variabel, mit mindestens 16 Beutetieren, darunter Säugetiere (85,9% der Biomasse), Vögel (11,5%), Reptilien (2,4%) und Insekten (0,2%). Der größte Bestandteil der Ernährung in Bezug auf die Biomasse wurde bei den Larvensifakas (Propithecus verreauxi) festgestellt, die die dreifache Menge des Körpers der Madagaskarhöhlenweihe ausmachten. Alle wurden von den Männchen bei der Balz den Weibchen präsentiert. Andere Säugetiere wie junge Graue Mausmakis (Microcebus murinus), Großer Tenrek (Tenrec ecaudatus) und Hausratten (Rattus rattus) sowie die Nestlinge der Kuhreiher Perlhühner, Tauben, Papageien und die Nestlinge der Drongos zählen ebenfalls zum Beutespektrum der Madagaskarhöhlenweihe.

Fortpflanzung

Adansonia grandidieri
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Adansonia grandidieri

Die Brutzeit erfolgt Gebiet von Befandriana und westlich von Mt. d'Ambre in den Monaten, September, Oktober und November. Kopulationen wurden auch im späten Dezember beobachtet. Der Horst ist eine sperrige Struktur, bestehend aus Ästen und Zweigen. Er wird in der Regel in einer Astgabel eines großen Baumes in einer Höhe von etwa 20 bis 16 Meter platziert. Für den Horstbau werden meist Affenbrotbäume (Adansonia) oder Akazienbäume gewählt und auch Jahr für Jahr wieder verwendet. Die Horste werden oft in der Nähe von Sakalavenweber (Ploceus sakalava)-Kolonien angelegt, die sich in den Dörfern oder in der Nähe der Dörfer befinden. Das Gelege besteht meist aus zwei Eiern, wobei nur ein Küken überlebt, als Folge von siblicidalem Verhalten (Geschwisterkonflikt). Die Eier weisen eine weiße Färbung auf und sind mit braunen Flecken besetzt. Beide Elternteile bebrüten das Gelege gleichermaßen. Dies geschieht über einen Zeitraum von gut 35 Tagen. Die geschlüpften Küken werden von beiden Altvögeln mit Nahrung versorgt. Aus den Beutetieren werden kleine Häppchen herausgerissen und an den Nachwuchs verfüttert. Für Nahrungsnachschub sorgt oftmals das Männchen. Die mitgebrachte Beute wird meist vom Weibchen zerteilt und verfüttert. Die Nestlingszeit endet zumeist nach 50 bis 60 Tagen. Die Jungvögel bleiben danach aber noch einige Zeit in der Nähe der Eltern.

Bedrohung, Schutz

Laut der Roten Liste der IUCN gehört die Madagaskarhöhlenweihe heute noch nicht zu den bedrohten Vogelarten. Sie ist in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebietes häufig anzutreffen. Nur in wenigen Regionen kommt die Madagaskarhöhlenweihe selten oder nur spärlich vor. In der Roten Liste der IUCN wird sie als least concern (nicht gefährdet) geführt.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Prof. Dr. Dr. H. C. Bernhard Grzimek: Grzimeks Tierleben. Band 7-9 Vögel. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG München (1993) ISBN 3-423-05970-2
  • Gottfried Mauersberger, Wilhelm Meise: Urania Tierreich, 7 Bde., Vögel.Urania, Stuttgart (1995) ISBN 3423032049
  • Einhard Bezzel, Roland Prinzinger: Ornithologie, Utb, 1990, ISBN 3800125978
  • Hans-Heiner Bergmann: Die Biologie des Vogels. Aula, 1987, ISBN 389104447X

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