Mauereidechse

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

Mauereidechse

Systematik
Klasse: Reptilien (Reptilia)
Ordnung: Eigentliche Schuppenkriechtiere (Squamata)
Unterordnung: Autarchoglossa
Familie: Echte Eidechsen (Lacertidae)
Gattung: Mauereidechsen (Podarcis)
Art: Mauereidechse
Wissenschaftlicher Name
Podarcis muralis
Laurenti, 1768

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Die Mauereidechse (Podarcis muralis) zählt innerhalb der Familie der Echten Eidechsen (Lacertidae) zur Gattung der Mauereidechsen (Podarcis). Im Englischen wird die Mauereidechse common wall lizard genannt. Die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) wählte am 22. November 2010 die Mauereidechse zum Reptil des Jahres 2011. Fachlich unterstützt wurde die Aktion von den österreichischen und schweizerischen Fachverbänden ÖGH und KARCH sowie vom NABU.

Die Mauereidechse weist eine große Ähnlichkeit mit der Waldeidechse (Zootoca vivipara) und mit der Ruineneidechse (Podarcis sicula) auf. Jedoch ist die Ruineneidechse (Podarcis sicula) größer und kräftiger als die Mauereidechse. Die Körperlänge beträgt 18 bis 23 Zentimeter. Die Färbung des Rückens ist meist grünlich bis oliv, manchmal bräunlich. Drei dunkle, aus Flecken zusammengesetzte Längsbänder befinden sich auf dem Rücken. Auch eingeschleppte und ausgesetzte Exemplare. In der Regel sind die Färbung und die Zeichnung sehr variabel, was eine genaue Unterscheidung von ähnlichen Arten manchmal erschwert.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Mauereidechse ist eine zierliche, sehr schlanke wirkende ausgesprochene flinke Eidechsenart. Sie erreicht eine Körperlänge von etwa 19 bis 20 Zentimeter (Kopf-Rumpf-Länge bis 7,5 Zentimeter), davon entfallen etwa Zweidrittel auf den langen, sich zum Ende hin stark verjüngenden Schwanz. Die lange deutlich abgeflachte Art, die sowohl in ihrem großen Verbreitungsgebiet als auch innerhalb von einzelnen Populationen starke Färbungs- und Zeichnungsunterschiede zeigt, weist einen flachen, spitzschnäuzigen Kopf auf. Im Gegensatz zum Beispiel zur Waldeidechse (Zootoca vivipara) ist das Halsband in der Regel ungezähnt. In weiten Teilen des Verbreitungsgebietes sind die Mauereidechsen auf dem Rücken braun mit einem schwarzen Fleckenmuster, das zu einem Netz zusammenfließen kann. Häufig treten paarige, helle Längsstreifen auf. Wenn vorhanden, so ist der Rückenmittelstreifen stärker ausgeprägt als die dunklen Rückenseitenstreifen, die auch ganz fehlen können. Die Bauchrandschilder sind oft leuchtend blau gefärbt. Auf den Flanken befindet sich ein dunkles Fleckenband, das meist von hellen Streifen eingefaßt wird. Im Allgemeinen sind die Weibchen weniger kontrastreich gezeichnet und deutlicher längsgestreift als die Männchen. Die Jungtiere sind mit einem durchgehenden dunkelbräunlichen Band an den Körperflanken versehen. Die Unterseite ist weißlich, gelb, orange oder rot, zum Teil mit rostroten oder dunklen Flecken, besonders auf Hals und Kehle. Die Bauchseite der Männchen ist meist konstrastreicher gefärbt. Sie ist mehr oder weniger intensiv weißlich bis orange und dunkel gefleckt. In Teilen des südlichen Verbreitungsgebietes (Spanien und Italien) kommen in unterschiedlichem Ausmaß auch grünrückige Tiere mit der Tendenz zur Verstärkung der schwarzen Netzzeichnung und der Bauchfleckung vor. So sind die mittelitalienischen Tieflandpopulationen zum Teil sehr dunkel und zeigen nur eine unregelmäßige gelbgrüne Rückenfleckung. Der Schwanz ist in der Regel mit weißen und schwarzen Querflecken gezeichnet.

Mauereidechsen
vergrößern
Mauereidechsen

Lebensweise

Die Mauereidechse ist die einzige mitteleuropäische Eidechse, die senkrechte Mauern auf- und abwärts klettern kann. Sie ist bestens an senkrechte Geländestrukturen angepaßt. Seltener an reinen Felsen ohne entsprechende Versteckmöglichkeiten. Die Mauereidechse sonnt sich ausgiebig mit dem abgeplatteten Körper. Je nach Klimaverhältnissen des Habitats nördlich der Alpen hält sie nur eine kurze Winterruhe, die wenige Wochen bis mehrere Monate dauern kann. Die Männchen erscheinen im März oder Anfang April und besetzen und verteidigen ihre Reviere. Das Revier beträgt pro Tier etwa 25 Quadratmeter. Die Weibchen erscheinen zwei Wochen später. Die Tagesaktivität ist stark von der Witterung abhängig. Im Frühling und im Herbst ist die Mauereidechse oft ganztägig aktiv. An heißen Sommertagen ist sie nur am frühen Vormittag und am Spätnachmittag aktiv. Die bevorzugte Körpertemperatur liegt etwa bei 33 Grad Celsius.

Die schnellen und flinken Tiere haben kaum Feinde. Sie verlassen sich anscheinend instinktiv auf ihre Schnelligkeit, nicht selten sind sie nur wenig scheu und verschwinden erst spät in einer Felsspalte oder dem spärlichen Bewuchs. Bei Störungen können sie sich jedoch blitzschnell den Blicken des vermeintlichen Feindes entziehen, schon bald kommen sie aber wieder hervor, um Ausschau zu halten und an ihren Sonnenplatz zurückzukehren. Allerdings ist in manchen Regionen die Schlingnatter (Coronella austriaca) ein ausgesprochener Prädator. In der Nähe von Siedlungen dezimieren auch Hauskatzen (Felis catus) die Mauereidechsen-Bestände oft erheblich.

Unterarten

Mauereidechse
vergrößern
Mauereidechse

Verbreitung

Mauereidechse
vergrößern
Mauereidechse

Die Mauereidechse ist in Mittel- und Südeuropa weit verbreitet, nördlich bis zur französischen Kanalküste (einschließlich der Kanalinseln), Südbelgien und Südholland, im Süden bis Mittelspanien und Süditalien, gesamte Balkanhalbinsel, außerdem Kleinasien. Im nördlichen Verbreitungsgebiet besiedelt sie klimatisch warme Gebiete wie zum Beispiel Rheintal, Kaiserstuhl, angesiedelt im Elbtal bei Meißen und Dresden an der Donau bei Passau), in den südlichen Teilen findet man sie hauptsächlich in den Gebirgen bis über 2.000 Meter in feuchten Biotopen, jedoch muß ausreichende Besonnung gewährleistet sein. Die Mauereidechse ist eine sehr wärmeliebende Art, die in Deutschland sich nur an warmen Stellen halten konnte. Weite Teile ihres Verbreitungsgebietes sind mittlerweile nicht mehr besiedelt, da unter anderem intensiver Einsatz von Pflanzen- und Insektengiften ihr Vorkommen zum Erlöschen gebracht hat. Entsprechend klimaabhängig sind die mannigfalten Lebensräume der Mauereidechse. Dichte Vegetation meidet die Mauereidechse, dagegen sind offene Schotter- und Gesteinsfelder, Steinbrüche, Felswände, Weinbergmauern, Legsteinmauern, Gärten, Straßenböschungen, Ruinen, alte Hauswände und ähnliche trockene, warme und versteckreiche Plätze, lichte und trockene Wälder, feuchte Gebirgsbachufer und Küstenfelsen ideale Lebensräume. Die Nähe menschlicher Siedlungen sucht sie stärker als andere europäische Eidechsenarten, so dass an geeigneten Gemäuern und Häusern ihr Name "Mauereidechse" durchaus seine Bestätigung findet.

Ernährung

Die Nahrung der Mauereidechse besteht je nach Angebot hauptsächlich aus Gliedertieren (Articulata) verschiedener Arten, unter anderem Ameisen (Formicidae), die Raupen von Schmetterlingen (Lepidoptera), Langfühlerschrecken (Ensifera) sowie Kurzfühlerschrecken (Caelifera), aber auch aus Schnecken (Gastropoda) und Regenwürmern (Lumbricidae), Spinnentieren (Arachnida) oder gar Artgenossen werden nicht verschmäht. Selbst sehr schnelle und sprungkräftige Insekten (Insecta) können erbeutet werden.

Fortpflanzung

Da die Winter im Süden ihres Verbreitungsgebietes nicht sehr kalt sind, kann sogar bei längerer Erwärmung die Winterruhe unterbrochen werden, um die Wärmeperiode zu nutzen. Hier beendet sie schon im Februar ihre Winterruhe, an den deutschen Standorten zögert sich ihr Auftauchen bis Ende März hinaus. Klimatisch stellt sie sehr hohe Ansprüche und ist auch daran angepaßt. Entsprechend dem warmen Untergrund und somit einer schnellen Eientwicklung kann sie bis zu dreimal pro Jahr im Mai, Juni und manchmal noch im August ihre Eier ablegen.
Mauereidechse
vergrößern
Mauereidechse
In den höheren Gebirgslagen wird allerdings nur ein Gelege produziert. In der Regel erfolgt im Frühjahr die Paarung. Auch zur Paarungszeit legen die Männchen ein ausgeprägtes Territorialverhalten an den Tag. Die Männchen liefern sich Verfolgungsjagden und Beißkämpfe. Je nach Größe des Weibchens, der Futterdichte und dem Ernährungszustand legt das Weibchen drei und zehn mattweiße, pergamentartigschalige Eier am Ende eines selbstgegrabenen, bis zu 20 Zentimeter langen Ganges im lockeren Erdreich. Mitunter auch in Spalten von Trockenmauern oder unter Steinen am Boden. Der Eidurchmesser beträgt 5 bis 7 x 10 bis 12 Millimeter. Nach zwei bis drei Monaten Inkubationszeit (temperaturabhängig) schlüpfen die etwa 6 Zentimeter langen Jungen Ende Juli bis Anfang September. Die Jungen sind ähnlich dem Weibchen gefärbt und werden mit ein bis zwei Jahren geschlechtsreif, mit zwei Jahren sind sie ausgewachsen.

Gefährdung und Schutz

Wie andere Arten mit sehr engen Ansprüchen an ihren Lebensraum hat auch die Mauereidechse zu kämpfen. Ihr sehr wärmebedürftiger Organismus veranlaßt sie zu einer offenen und nur wenig versteckten Lebensweise. Leider werden diese Lebensräume in starkem Maße zerstört, und es trifft sie viel härter als beispielsweise die Waldeidechse (Zootoca vivipara), die sich an andere Orte retten kann, auch wenn diese neuen Stellen nicht so optimal sind wie die vorher besiedelten. Es läßt sich leider nicht sagen, wie lange es noch in Deutschland Mauereidechsen geben wird. Ihr noch vorhandenes spärliches Vorkommen ist durch die Bewirtschaftung überaus gefährdet. Daran wird auch die Tatsache nichts ändern, dass sie bei uns den höchstmöglichen Schutzstatus bekommen hat. Die in den letzten Jahrzehnten durchgeführten Flurbereinigungen und die heutige Bewirtschaftungsform der Weinberge haben allerdings zu starken Einbrüchen in den Mauereidechsen-Populationen geführt, unter anderem wegen des Verschwindens der Weinberg-Trockenmauern. Früher terrassierten die Weinbauern die Steillagen der Hänge, um ebene Anbauflächen mit geringer Erosionsgefahr zu erhalten. Die einzelnen Ebenen wurden mit starken Legsteinmauern aus grob behauenen und lose verlegten Steinen befestigt. So entstanden Mauern mit vielen Fugen, die in ihrem Inneren zudem durchgehende Hohlraumsysteme aufwiesen, ideale Bedingungen für Eidechsen, die in den Spalten und Hohlräumen Schutz vor Feinden und zu starker Sonneneinstrahlung sowie auch frostfreie Winterquartiere finden konnten.

Mauereidechse
vergrößern
Mauereidechse

Temperaturmessungen an Legsteinmauern zeigen die starke Aufwärmung der Gesteinsoberflächen. Die Steine speichern Wärme, so dass Temperaturdifferenzen von mehr als 10 Grad Celsius zur Lufttemperatur entstehen. Der Temperaturverlauf im Hohlraumsystem ist dagegen sehr ausgeglichen. Heute werden die alten Steinmauern meist durch fugenlose Betonmauern ersetzt, die für die Eidechsenbesiedlung völlig ungeeignet sind. Andere Weinberge fielen brach, werden von aufkommender Vegetation überwuchert und gehen so ebenfalls als Lebensraum für die Art verloren. Wenn die Mauereidechse nicht aus ihrem nördlichen Areal verschwinden soll, müssen ihr weiterhin geeignete Habitatstrukturen, wie zum Beispiel Weinbergsmauern und unbegiftete Trockenrasen in sonnenexponierter Lage, zur Verfügung stehen. Auf den Einsatz von Chemikalien in Eidechsen-Lebensräumen muß unbedingt verzichtet werden. Des Weiteren keine weiteren Rebflurbereinigungen, bereits planierte Gebiete ökologisch nachrüsten und Biotopstrukturen anlegen. Kein Mörtel in Fugen bei Renovierungen von Trockenmauern und Ruinen, Schaffung von Sekundärbiotopen sowie sonnenexponierte Flächen freihalten.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Claus-Peter Hutter: Schützt die Reptilien. Das Standardwerk zum Schutz der Schlangen, Eidechsen und anderer Reptilien. Weitbrecht-Verlag in K. Thienemanns Verlag, Stuttgart und Wien, 1994 ISBN 3522304608
  • Dr. Wolf-Eberhard Engelmann, Jürgen Fritzsche, Dr. sc. Rainer Günther, Dipl.-Biol. Fritz Jürgen Obst: Lurche und Kriechtiere Europas (Beobachten und Bestimmen). Neumann Verlag GmbH, Radebeul, 1993 ISBN 3-7402-0094-4
  • Dr. Josef Blab, Hannelore Vogel: Amphibien und Reptilien erkennen und schützen. Alle mitteleuropäischen Arten. Biologie, Bestand, Schutzmaßnahmen. BLV Verlagsgesellschaft mbH, München Wien Zürich, 1996 ISBN 3-405-14936-3
  • Ralf Blauscheck: Amphibien und Reptilien Deutschlands. Landbuch-Verlag GmbH, Hannover, 1985 ISBN 3784203175
  • Das Tierreich nach Brehm. Buch und Bildverlag

Qualifizierte Weblinks

Weblink

Behördlich angeordneter Waldfrevel mit verheerenden Folgen für streng geschützte Tiere und Pflanzen, deren Lebensräume und das Trinkwasser einer ganzen Region
'Persönliche Werkzeuge