Meerschweinchen

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Meerschweinchen
Wildmeerschweinchen (Cavia aperea)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Stachelschweinverwandte (Hystricognatha)
Teilordnung: Hystricognathi
Überfamilie: Meerschweinchenartige (Cavioidea)
Familie: Meerschweinchen
Wissenschaftlicher Name
Caviidae
Gray, 1821

Meerschweinchen (Caviidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Nagetiere (Rodentia) und der Unterordnung der Stachelschweinverwandten (Hystricognatha). In der Familie werden rund 17 rezente Arten in 5 Gattungen geführt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution, Entwicklung

Die ersten Meerschweinchen sind seit dem mittleren Eozän, vor rund 20 Millionen Jahren, in Südamerika nachgewiesen. Zu diesem Zeitpunkt begann ein Prozess ausgedehnter adaptiver Radiation (lat. adaptare - anpassen; radiatus - strahlend), der seinen Höhepunkt vor 5 bis 2 Millionen Jahren im Pliozän erreicht. Unter der adaptiven Radiation versteht man in der Evolutionsbiologie die Auffächerung einer wenig spezialisierten Art bei Herausbildung spezifischer Anpassungen an die vorhandenen Umweltverhältnisse in viele stärker spezialisiertere Arten. Im Pliozän traten 11 Gattungen in Südamerika auf, von denen bis zum Pleistozän vor einer Millionen Jahren bis auf die heutigen 5 rezenten Gattungen alle ausstarben. Zu den Ausgestorbenen Gattungen rechnet man insbesondere Procardiomys, Parodimys, Cardiomys aus der Unterafmilie Cardiomyinae sowie Prodolichotis, Orthomyctera, Pliodolichotis und Propediolagus aus der Unterfamilie der Pampashasen (Dolichotinae). Auch einige Gattungen aus der Unterfamilie der Eigentlichen Meerschweinchen (Caviinae) gelten als ausgestorben.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Meerschweinchen erreichen je nach Art eine Körperlänge von 20 bis 75 Zentimeter sowie ein Gewicht von bis zu 9 Kilogramm. In Größe und Gewicht weisen die Geschlechter keinen Dimorphismus auf. Der Schwanz ist bei den meisten Arten verkümmert, nur rudimentär vorhanden oder fehlt völlig. Zu den kleinsten Arten gehören Zwergmeerschweinchen (Microcavia). Die Vertreter dieser Gattung erreichen eine Körperlänge von 20 bis 22 Zentimeter sowie ein Gewicht von 200 bis 500 Gramm. Innerhalb der Gattung gilt Microcavia niata die kleinste Art. Die Augen der Zwergmeerschweinchen sind deutlich kleiner als bei den anderen Meerschweinchenarten.

Felsenmeerschweinchen (Kerodon rupestris)
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Felsenmeerschweinchen (Kerodon rupestris)
Das Fell der meisten Arten ist recht grob, derb und weist meist eine gräuliche bis bräunliche Färbung auf. Bei einigen Arten wie dem Felsenmeerschweinchen zeigt sich zudem eine weißliche und schwarze Sprenkelung. Im Körperbau ähnelt sich, abgesehen von den Pampashasen (Dolichotis), alle anderen Meerschweinchen. Sie sind klein, gedrungen und zeichnen sich durch einen großen Kopf aus. Der Kopf macht rund ein Drittel der Körperlänge aus. Die großen Augen liegen seitlich am Schädel und ermöglichen den Tieren eine gute Rundumsicht. Die dicht anliegenden Ohren liegen hinter den Augen, ebenfalls an den Seiten des Schädels. Die flachen Vorderfüße weisen je vier Zehen auf, die hinteren Füße sind länglicher und nur mit je 3 Zehen versehen. Die Tiere treten mit dem ganzen Fuß auf.

Das Fell der Maras ist sehr dicht und fein, wirkt aber borstig. Die Hinterbeine sind deutlich verlängert. Überhaupt weisen Maras proportional zum Körper über die längsten Beine der Meerschweinchen auf. Die Füße sind bei ihnen von schmaler Form, vor allem die Zehen der Vorderfüße enden in kräftige Krallen, die hervorragend zum Graben geeignet sind. Die Hinterfüße weisen eine Länge von 14 bis 15 Zentimeter auf, die Vorderfüße sind deutlich kürzer. Das Gebiss besteht aus 20 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i1/1, c0/0, p1/1, m3/3. Die Schneidezähne sind kurz, die prismenförmigen Backenzähne sind in Reihen angeordnet und schieben sich in den vordern Mundbereich. Sie wachsen stetig nach. Keine der rezenten Arten halten einen Winterschlaf, sie sind ganzjährig aktiv.

Lebensweise

Meerschweinchen sind tagaktive Nagetiere. Die Hauptaktivitäten entfalten die Arten jedoch in den frühen Morgen- und Abendstunden. Sie bilden meist lockere sozialen Strukturen oder leben in zum Teil größeren Kolonien. Kolonien können durchaus 15 bis 30 Individuen umfassen.
Großer Mara (Dolichotis patagonum)
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Großer Mara (Dolichotis patagonum)
Bei Vertretern der Gattung Galea sominieren die Weibchen über die Männchen. Felsenmeerschweinchen und Zwergmeerschweinchen können ausgesprochen gut klettern. Dies ist bei den Felsenmeerschweinchen überraschend, da sie gegenüber anderen typischen Baumbewohnern weder über Krallen noch über einen Schwanz verfügen. Felsenmeerschweinchen verfügen anstelle der Krallen über Nägel. Meerschweinchen sind nur wenig territorial, beanspruchen jedoch für sich ein Streifrevier in unterschiedlicher Größe. Die Reviere der Zwergmeerschweinchen weisen eine Größe von bis zu 3.200 Quadratmeter auf, die der Wieselmeerschweinchen und Meerschweinchen bis zu 1.300 Quadratmeter. Die Reviere der größten Meerschweinchenart, den Maras, weisen eine Größe von 3.500 bis 7.700 Quadratmeter auf. Maras gehören zu den schnellsten Nagetieren überhaupt. Sie erreichen auf kurzen Strecken von bis zu einem Kilometer leicht eine Geschwindigkeit von bis zu 45 km/h.

Je nach Art halten sich die Meerschweinchen während der Ruhephasen an unterschiedlichen Stellen auf. Einige Arten leben in Erdbauten, andere Arten wie die Zwergmeerscheinchen legen sich unter Büschen flache Mulden an. Je nach Population legen Zwergmeerschweinchen aber auch kleine Baue an, die bis zu 28 Zentimeter tief, 5 Zentimeter breit und bis zu 134 Zentimeter lang sein können. Baue werden oftmals selbst gegraben oder es werden Erdbaue von anderen Tieren wie Borstengürteltieren (Chaetophractus), Viscachas (Lagostomus maximus) oder Tukotukos (Ctenomys) übernommen.

Verbreitung

Meerschweinchen kommen nur in Südamerika vor. Hier zählen Meerschweinchen zu den häufigsten und am weitesten verbreiteten Nagetieren. Besiedelt werden je nach Art zahlreiche Lebensräume. Dazu gehören insbesondere die Schwemmebenen der Tiefebenen, Grasland, steppenartiges Buschland, Dornbuschsavannen, lichte Wälder und deren Ränder und die felsigen Regionen der Anden bis in Höhen von etwa 4.000 Metern. Felsenmeerschweinchen bewohnen vorzugsweise aride und semiaride Landschaften. Felsiges und steiniges Hügelland wird dabei bevorzugt besiedelt.

Prädatoren

Prädator: die Kaninchen-Eule (Athene cunicularia)
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Prädator: die Kaninchen-Eule (Athene cunicularia)

Zu den zahlreichen natürlichen Fleischfressern vor allem räuberisch lebende Säugetiere (Mammalia) wie Kleingrisons (Galictis cuja), Puma (Puma concolor ssp.), die Pampaskatze (Leopardus pajeros), Großgrisons (Galictis vittata), Pampasfüchse (Pseudalopex gymnocercus) und Ferkelnasenskunks (Conepatus). Aber auch Greifvögeln (Falconiformes) und Eulen (Strigiformes) wie beispielsweise die Kaninchen-Eule (Athene cunicularia) stellen den Tieren nach.

Ernährung

Meerschweinchen sind reine Pflanzenfresser. Die meisten Arten ernähren sich im Wesentlichen von Gräsern und Kräutern. Felsenmeerschweinchen und Zwergmeerschweinchen fressen hingegen Blätter. Maras fressen beispielsweise Melden (Atriplex), Bocksdorne (Lycium) oder die Blätter der Mesquite-Sträucher (Prosopis). Kleinere Arten wie Zwergmeerschweinchen (Microcavia) bevorzugen unter anderem Kaperngewächse (Capparaceae), Jochblattgewächse (Zygophyllaceae) und verschiedene Schmetterlingsblütler (Faboideae).

Fortpflanzung

Meerschweinchen erreichen die Geschlechtsreife im Alter von 1 bis 3 Monaten. Bis auf die monogam lebenden Maras sind alle anderen Arten polygam. Männchen ignorieren die Weibchen nach der Geburt und haben mit der Aufzucht des Nachwuchses nichts zu tun. Die Paarungszeit erstreckt sich in den meisten Regionen über das ganze Jahr, in südlichen Regionen oder in kalten Wintern jedoch seltener. Nach einer für Nagetiere sehr langen Tragezeit von 50 bis 70, beim Mara 90 bis 100 Tagen bringen Weibchen 1 bis 3 Jungtiere zur Welt. Wieselmeerschweinchen und Zwergmeerschweinchen werfen durchschnittlich 3 Jungtiere, Felsenmeerschweinchen etwa 1,5 Jungtiere und Meerschweinchen meist nur 1 Jungtier. Der Nachwuchs ist bei der Geburt bereits weit entwickelt und weist ein Gewicht von rund 30 bis 50 Gramm, bei den Maras von 400 bis 500 Gramm auf. Von Anfang an nehmen Juntiere neben der Muttermilch auch feste Nahrung zu sich. Die Säugezeit erstreckt sich je nach Art lediglich über einen Zeitraum von 2 bis 4, bei Maras bis zu 9 Wochen. Kurze Zeit nach der Entwöhznung wird die Selbständigkeit erreicht. Die Lebenserwartung liegt bei den kleinen Arten zwischen 4 und 7 Jahren, beim Mara bei bis zu 15 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

In weiten Teilen des Verbreitungsgebietes gelten Meerschweinchen in der Landwirtschaft als Schädling und werden daher vom Menschen bejagt. Zum einen fressen die Meerschweinchen auf den Pflanzungen und zum anderen brechen sich das Vieh der Farmer oder Pferde die Beine in den Erdlöchern der Meerschweinchen. In einigen Regionen wie in den Hochanden stehen Meerschweinchen auf der Speisekarte des Menschen. Meerschweinchen gehören dennoch nicht zu den gefährdeten Arten und werden daher in der Roten Liste der IUCN als nicht gefährdet (LC, Least concern) geführt.

Systematik der Familie Meerschweinchen

Prädator: die Münstersches Meerschweinchen (Galea monasteriensis)
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Prädator: die Münstersches Meerschweinchen (Galea monasteriensis)

Wilson & Reeder (2005) führen in der Familie der Meerschweinchen auch die Wasserschweine (Hydrochaeris). Diese weisen eine genetische Nähe zu den Felsenmeerschweinchen (Kerodon) auf und werden aufgrund dieser Tatsache zusammen in der Unterfamilie Hydrochoerinae geführt. Tierdoku.com folgt jedoch der traditionellen Systematik.

Die Gattung der Felsenmeerschweinchen (Kerodon) wurde bislang in der Unterfamilie der Eigentlichen Meerschweinchen (Caviinae) geführt. Aufgrund serologischer (Serologie: Lehre von den Antigen-Antikörper-Reaktionen), verhaltensbiologischer und fortpflanzungsbiologischer Daten erfolgte die Zuordnung heute nach Wood, 1984, zur Unterfamilie der Pampashasen (Dolichotinae).

Literatur und Quellen

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