Moderner Mensch Artikel 2

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Moderner Mensch





Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Teilordnung: Altweltaffen (Catarrhini)
Familie: Menschenaffen (Hominidae)
Unterfamilie: Homininae
Tribus: Echte Menschen (Hominini)
Untertribus: Hominina
Gattung: Menschen (Homo)
Art: Moderner Mensch
Wissenschaftlicher Name
Homo sapiens
Linnæus, 1758

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Der Moderne Mensch (Homo sapiens) zählt innerhalb der Höheren Säugetiere (Eutheria) zur Ordnung der Primaten (Primates). Des Weiteren gehört er zur Unterordnung der Trockennasenaffen (Haplorhini) und dort zur Familie der Menschenaffen (Hominidae). Er ist die einzige überlebende Art aus der Gattung Menschen (Homo). Im Englischen lautet die Bezeichnung für diese Art human.

Inhaltsverzeichnis

Taxonomie

Haplorhini. Primaten ohne Rhinarium (Nasenspiegel), mit einer hämochorialen Plazenta und meist gut ausgeprägter Mimik bilden die Unterordnung Haplorhini (gr. haplus = einfach, gr. rhinus = Nase). Die evolutive Aufspaltung der Haplorhini erfolgte durch geografische Isolation einzelner Populationen. Im Mesozoikum-Alttertiär (vor etwa 65 Millionen Jahren) entwickelten sich in Süd- und Mittelamerika die neuweltlichen Platyrrhini (gr. platos = Breite, gr. rhinos = Nase; Breitnasenaffen), in Afrika und Asien dagegen die altweltlichen Catarrhini (gr. kata = herab; Schmalnasenaffen). <1>

  • Homo sapiens idaltu Tim White, 2003, ist eine ausgestorbene Unterart des Homo sapiens. Diese Unterart lebte im Pleistozän, 160.000 bis 154.000 Jahre. Idaltu stammt aus den Saho- und Afar-Sprachen (kuschitische Sprachen, die in Äthiopien, Eritrea, Somalia, Dschibuti und in Kenia gesprochen werden) und bedeutet "Älterer oder Erstgeborener".
  • Homo sapiens sapiens Linnæus, 1758, ist die Nominatform des Homo sapiens.


Das Zeitalter der Entdeckungen

15./16.Jahrhundert

Motive und Voraussetzungen

Diese Karte stellt die portugiesischen Entdeckungen des Jahres 1502 dar.
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Diese Karte stellt die portugiesischen Entdeckungen des Jahres 1502 dar.

Die Renaissance-Zeit, das 15. und 16. Jahrhundert, wird auch das Zeitalter der Entdeckungen genannt, denn damals entdeckte Christoph Kolumbus Amerika (1492), fand Vasco da Gama den Seeweg nach Indien (1498) und umsegelte Fernão de Magalhães die Erde (1519 bis 1521). Das bedeutet nicht, dass es in anderen Zeiten keine bemerkenswerten Entdeckungen gab. So fuhren die norwegischen Wikinger bereits im Jahr 1.000 nach Amerika und Marco Polo bereiste schon im 13. Jahrhundert den Landweg nach Indien und China. Die Entdeckungsfahrten der Renaissance waren im großen Maßstab organisierte, von Herrschern und Kaufleuten finanzierte Expeditionen. Zum einen versprachen sich die europäischen Könige und Händler davon einen gewinnbringenden direkten Handel mit den reichen Ländern Indiens und Ostasiens, zum anderen erhofften sich vor allem Spanien und Portugal durch die Ausdehnung ihrer Machtbereiche auf die außereuropäische Welt nicht nur ökonomische, sondern auch politische und militärische Vorteile für ihre Länder. Neben diesen Motiven spornte im 15. Jahrhundert der Kreuzzugsgedanke und später dann der Missionseifer zur Erschließung neuer Länder an. Der islamische Einfluß im Mittelmeerraum sollte ebenso zurückgedrängt, wie das Christentum in der ganzen Welt verbreitet werden.

Die neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Navigation und Kartographie sowie die Entwicklung der Seefahrtstechnik schufen allerdings erst die Voraussetzungen für erfolgreiche Entdeckungsfahrten. Zu einer vollkommen neuen Weltsicht führte die sich im 15. Jahrhundert durchsetzende Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel ist. Sie löste die seit altersher gängige Auffassung ab, die Erde habe die Gestalt einer Scheibe. Der Nürnberger Martin Behaim entwarf 1492, also im Jahr der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, den ersten Erdglobus. Der Erkenntnis von der Kugelgestalt der Erde folgte in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts der Wandel des geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild. Fortan galt nicht mehr die Erde, sondern die Sonne als Mittelpunkt des Universums. Dieses Forschungsergebnis, das erstmals 1543 Nikolaus Kopernikus veröffentlichte und das später von Giordano Bruno und Galileo Galilei weiterentwickelt wurde, entzog der im christlichen Glauben verwurzelten Auffassung von der besonderen Stellung der Erde und des Menschen - als Schöpfung Gottes - im Kosmos das Fundament und wurde daher von der Kirche heftig verfolgt und bekämpft.

Die Erkundung der Afrikanischen Küste

Vasco da Gama - Monument
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Vasco da Gama - Monument

Den Portugiesen war es seit langem ein Dorn im Auge, dass der Handel mit den reichen Ländern Ostasiens in den Händen der europäischen Mittelmeerländer lang und von arabischen Zwischenhändlern abhing, denn dadurch verteuerten sich die Waren. Auch wurden die Geschäfte oft durch politische Fährnisse oder Glaubenshändel gestört. Diese wirtschaftlichen Nachteile wollte Portugal überwinden. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gründete Prinz Heinrich der Seefahrer (1394 bis 1460), der vierte Sohn König Johann I., in Sagres am Kap San Vicente (Südportugal) die erste Seefahrerschule Europas. Hier sollten junge Seeleute ausgebildet werden. Prinz Heinrichs Ziel war es, durch die systematische Erkundung der afrikanischen Westküste die moslemischen Händler in Nordafrika zu umgehen und auszuschalten. Dies war für ihn nicht nur eine wirtschaftliche Angelegenheit, sondern auch eine Frage des Glaubens. Als Christ hatte er 1415 im Alter von 21 Jahren in Nordafrika gegen die Moslems gekämpft. Diesen Kampf, dessen Endziel immer noch die Befreiung des Heiligen Landes war, gedachte er nun über den Atlantik zu führen. Im Jahr 1434 konnten die Portugiesen als erste Europäer Kap Bojador, südlich der Kanarischen Inseln, umsegeln. Von nun an tasteten sie sich mit jeder Expedition ein Stück weiter die afrikanische Küste entlang nach Süden. 1441 erreichten sie Kap Blanco und 1441/42 Kap Verde, der Weg in die Tropen war frei. In dieser Zeit begann eines der bedenklichsten Kapitel der europäischen und christlichen Geschichte, der Menschenhandel zwischen Afrika und Europa. 1441 brachte ein Expeditionsschiff die ersten Negersklaven nach Portugal. Mit dem weiteren Schritt südwärts zum Äquator gewannen die Entdecker neue Erkenntnisse über unbekannte Gebiete. Zugleich steigerte sich mit der Annäherung an den Äquator die Angst der Seeleute. Legendäre Erzählungen von ungeheuren Gefahren, die in der fernen Fremde lauerten, schreckten. So sollte das Meer zum Äquator hin immer zähflüssiger werden und sogar ins Kochen geraten, ein Überschreiten dieser Breiten sei für den Menschen unmöglich. 1473 widerlegte Logo Conҫalves alle Gerüchte, überquerte den Äquator und kam dabei weder selbst zu Schaden, noch die Mannschaft oder das Schiff.

Der Seeweg nach Indien

Grabmal - Vasco da Gama
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Grabmal - Vasco da Gama

Der bahnbrechende Erfolg, den Seeweg nach Indien zu weisen, wurde den Portugiesen durch ein Mißgeschick zuteil. Bartolomeu Diaz geriet im Janurar 1488 vor der westafrikanischen Küste in einen schweren Sturm, der ihn weit auf das offene Meer trieb. Als er Tage nach dem Unwetter wieder Land erreichte, befand er sich nicht mehr an der westafrikanischen Küste, sondern in der Gegen des Großen Fischflusses an der Mosselbai. Er hatte das Südkap Afrikas umschifft. Diaz nannte dieses Kap zunächst "Kap der Stürme", später taufte es König Johann II. auf den bis heute gebräuchten Namen "Kap der Guten Hoffnung". Zehn Jahre später, im Jahr 1497, verließ Vasco da Gama Portugal mit vier Schiffen. Auf Anraten seines Vorgängers steuerte er einen völlig neuen Seekurs. Bei den Kapverdischen Inseln verließ er die Küste, segelte über das offene Meer nach Süden und gelangte im weiten Bogen zum Kap der Guten Hoffnung. So entging er den gefährlichen Stürmen und Strömungen vor der westafrikanischen Küste. Nach der Umsegelung des Südkaps fuhr da Gama nordwärts die ostafrikanische Küste entlang und erreichte die groß Hafenstadt Moҫambique. Hier begann der Bereich des arabischen Handels. Die Portugiesen wurden, weil die Araber den Fremden aus dem Abendland mißtrauten, keineswegs begeistert aufgenommen. Weiter nördlich, in Mombasa schlug dieses Mißtrauen sogar in Feindseligkeit um. Einheimische versuchten, da Gamas Flaggschiff zu kapern. Erst in Malindi wurden die Portugiesen vom dort herrschenden Sultan freundlichen empfangen. Von hier brach Vasco da Gama in Begleitung eines erfahrenen arabischen Lotsen zur abenteuerlichen Fahrt quer über den Indischen Ozean auf. Am 20. Mai 1498 landeten die Portugiesen in Kalikur an der Westküste Südindiens. Auch in diesem Hafen schlug den Europäern eine Welle des Mißtrauens entgegen, besonders die ortsansässigen arabischen Kaufleute waren den Fremden feindlich gesonnen. Der wirtschaftliche Erfolg der Reise erwies sich daher als gering. Nur unter großen Schwierigkeiten konnte da Gama seine Handelsgeschäfte abwickeln und traf im September 1499 wieder in Lissabon ein. Für den Welthandel begann mit dieser einzigartigen Reise jedoch ein völlig neues Zeitalter.

Die Entdeckung Amerikas

Statue Christoph Kolumbus
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Statue Christoph Kolumbus

Wenn die Erde tatsächlich eine Kugel war, so lag es nahe, von Europa aus einfach nach Westen zu segeln um Indien zu erreichen und nicht den Umweg um Afrika zu nehmen. Fast zehn Jahr lang versuchte der aus Genua stammende Christoph Kolumbus, die Höfe Spanien und Portugals für diesen genialen Plan zu begeistern. König Johann II. von Portugal wies ihn ab. Die spanischen Herrscher Isabella und Ferdinand vertrösteten ihn von Jahr zu Jahr. 1491 wurde Kolumbus noch einmal von Königin Isabella empfangen und erhielt nach zähen Verhandlungen den Auftrag nach Westen zu segeln. Am 3. August 1492 verließ Kolumbus mit drei Schiffen, den Karavellen "Nina" und "Pinta" sowie dem Flaggschiff "Santa Maria" den spanischen Hafen Palos am Rio Tinto. Bei der Festlegung der Reiseroute stützte sich Kolumbus hauptsächlich auf die Weltkarte seines Landsmanns Paolo Toscanelli. Die Entfernung zwischen Europa und Asien waren auf dieser Karte bei weitem zu gering eingetragen. China war nach Toscanellis Berechnungen nur 5.000 Seemeilen entfernt. Die tatsächliche Distanz aber beträgt 11.760 Seemeilen. Kolumbus selbst ging sogar nur von einer Entfernung von nur 3.500 Seemeilen aus. Als am 12. Oktober 1492 endlich Land in Sich kam, waren die Männer über 70 Tage auf See gewesen. Das neuentdeckte Land war eine kleine Bahama-Insel, die Kolumbus San Salvador nannte. Der Kapitän war fest davon überzeugt, auf eine vor der japanischen Küste gelegene Insel gestoßen zu sein. Als die Schiffe fünfzehn Tage später nach Kuba gelanten, glaubte Kolumbus, Japan erreicht zu haben. Drei Monate erforschte die kleine Flotte die Karibik, vergeblich hoffend, auf die reichen Länder Indien und China zu treffen. Dieser ersten Reise folgten drei weitere, auf denen Kolumbus auch das amerikanische Festland erreichte. Er selbst war bis zu seinem Tod im Jahr 1504 davon überzeugt, den asiatischen Kontinent erreicht zu haben.

Amerika - Ein Neuer Kontinent

Florentiner Amerigo Vespucci
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Florentiner Amerigo Vespucci

Als Kolumbus 1493 von seiner ersten Reise heimkehrte, brach sogleich ein Streit zwischen Portugal und Spanien um die neuentdeckten Gebiete aus, der 1494 durch den Vertrag von Tordesillas beigelegt wurde. Spanien konnte danach über alle Entdeckungen westlich der Demarkationslinie von 46° 37' westlicher Länge verfügen, während Portugal dasselbe Recht für die Gegenden östlich dieses Längengrades zugesichert erhielt. Durch die Welteinteilung fiel später Brasilien als einziges Land des amerikanischen Doppelkontinents an Portugal. Brasilien wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts von dem Florentiner Amerigo Vespucci erforscht. Er stellte 1504 als erster die Behauptung auf, bei den neuentdeckten Ländern im Westen handele es sich um einen eigenständigen Kontinent ud nicht um Teile Asiens. Beeindruckt von dieser Behauptung betitelte der deutsche Kartograph Martin Waldseemüller den südlichen Teil des neuen Kontinents auf seiner 1507 erschienen Weltkarte "Amerika". Die erste Umsegelung der Erde in den Jahren 1519 bis 1522 durch Fernão de Magalhães bestätigte die These Vespuccis. Im Auftrag Spaniens entdeckte er die Südwestpassage und durchfuhr die später nach ihm benannte Meeresstraße zwischen dem südamerikanischen Festland und der Insel Feuerland. Der Seeweg vom Atlantik zum Pazifik war gefunden. Magalhães selbst erlebte das Ende der ersten Weltumsegelung nicht mehr. Er starb 1521 auf den Philippinen im Kampf mit Einheimischen. Kapitan Sebastian del Cano führte die Reise zu Ende und kehrte 1522 mit nur einem der fünf ausgelaufenen Schiffe nach Sevilla zurück. Zwei Jahre brauchte der Spanie Hernán Cortés, um das Reich der Azteken, das sagenhafte Goldland Mexiko, zu erobern. Im November 1519 erreichte Cortés die Hauptstadt des Azteken-Reiches, Tenochtitlan. Der Herrscher Moctezuma II. Xocoyotzin empfing die Fremden freundlich, in der Annahme, dass mit ihnen die "weißen Götter" zurückgekehrt seien. Die Spanie nutzten diesen Glauben und die Gastfreundschaft rücksichtslos aus. Als sie aber erkannten, dass sie die Residenz nicht friedlich unter spanischer Herrschaft bringen konnten, nahmen sie Moctezuma als Geisel und versuchten, die Azteken zur Aufgabe der Stadt zu bewegen. Bei den anschließenden Kämpfen wurde Moctezuma zwar getötet, Cortés aber mußte entfliehen. Erst 1521 gelang es ihm, mit einem verstärkten Heer die Hauptstadt des Aztekenreiches einzunehmen.

Die Entdeckungen der Engländer und Franzosen

Amerigo Vespucci in Sevastopol
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Amerigo Vespucci in Sevastopol

Neben den erfolgreichen Entdeckungsfahrten der Spanier und Portugiesen blieben die Expeditionen anderer europäischer Nationen im Hintergrund. Eine kühne Fahrt im Auftrag der englischen Krone unternahme der in Genua gebürtige Jon Cabot. 1497 erforschte er einen großen Teil der nordamerikanischen Küste. Seine wenigen erhaltenen Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass er in Neufundland oder Neu-Schottland gelandet war. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts machten sich der Florentiner Giovanni da Verrazano und der Franzose Jacques Cartier um die Erforschung Nordamerikas verdient. Beide suchten nach einer Nordwestpassage zum Pazifik. 1523 segelte Verrazano in französischen Diensten von North Carolina nach Norden bis in die Gegend des heutigen New York. Cartier erforschte 1535 bis 1541 den St. Lorenz-Golf in Kanada. Die seit Mitte des 16. Jahrhunderts immer wieder unternommenen Versuche, eine Nordost- oder Nordwestpassage nach Indien und China zu finden blieben alle buchstäblich im Eis stecken. So scheiterte Stephen Burroughs 1556 bei seinem Versuch, entlang der russischen Nordküste nach Osten zu fahren und Martin Frobisher 1576 bei seiner Fahrt in entgegengesetzter Richtung im Packeis nördlich von Labrador. Auch John Davis mußte zehn Jahre später seinen Versuch aufgeben, eine Durchfahrt zum Pazifik entlang der Nordküste Kanadas zu finden. Das Zeitalter der Entdeckungen ging mit diesen weniger erfolgreichen Fahrten ins Unbekannte zu Ende. Die führenden Entdeckernationen aber blieben Spanien und Portugal.


Das Zeitalter der Glaubensspaltung

16./17. Jahrhundert

Kritik an der Kirche

Martin Luther
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Martin Luther

Am Beginn des 16. Jahrhunderts beherrschte die Bevölkerung ganz Europas eine krisenhafte Stimmung. Sie äußerte sich in materiellen Sorgen, die durch ökonomische Veränderungen - erste Anzeichen einer Trennung von Kapital und Arbeit, Einführung neuer Produktionstechniken und -organisationen, Preisrevolution bei gleichzeitiger Stagnation der Löhne - hervorgerufen wurden. Zugleich beherrschte die Menschen die Angst vor Unordnung, Krieg, Umsturz und vor der Bedrohung des Abendlandes durch die Osmanen. Dieses Krisenbewußtsein bewirkte eine stark veräußerlichte Frömmigkeit, übersteigerte Heilserwartungen und wachsende Kritik an der Kurie und dem Klerus. Die Unzufriedenheit entzündete sich an der zunehmenden Verweltlichung der Kirche. Durch das Primat des Politischen wurde die römische Kurie zu einem Fürstenstaat unter vielen. Der Fiskalismus der Kirche, d. h. das unaufhörliche Bestreben um Vergrößerung der Kircheneinnahmen, ging mit der Bürokratisierung und Materialisierung der kirchlichen Heils- und Gnadenmittel einher. Viele seelsorgerische Aufgaben der Kirche und Glaubensangelegenheiten konnten mit Geld geregelt werden.

Martin Luther und die Deutsche Reformation

Als Beginn der Reformation in Deutschland, der den Prozeß der Glaubensspaltung und der Entstehung eigenständiger Konfessionen neben der katholischen Kirche in Europa einleitete, gilt die Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers gegen den Ablaßhandel am 31. Oktober 1517. Diese Thesen des Augustinermönchs und Inhabers der Bibelprofessur in Wittenberg erregten weit über die angesprochenen theologischen Kreise hinaus Aufmerksamkeit, da sie nicht nur das Verhältnis des einzelnen zu Gott, sondern auch wirtschaftliche Fragen zur Diskussion stellen. 1519 erfolgte der Bruch Luthers mit Rom, im folgenden Jahr faßte er seine Glaubenslehre in drei Schriften, die dank des Buchsdrucks rasche Verbreitung fanden, programmatisch zusammen. Nach Luthers Auffassung kann der Mensch das Heil allein durch den Glauben und nicht durch Werkgerechtigkeit, d. h. durch gute Taten, erlangen, eine Vermittlung zwischen Gott und dem einfachen Gläubigen durch den Klerus ist nicht erforderlich, allein die Heilige Schrift und keine andere Glaubenssätze der Kirche sind für den Gläubigen verbindlich. Auf dem Reichstag zu Worms (1521) wurde über Luther, der nicht bereit war, seiner Lehre abzuschwören, die Reichsacht verhängt. Auch den Anhängern Luthers wurde die Reichsacht angedroht. Trotz dieses Edikts verbreitete sich Luthers Lehre im Reich. Ihre Anhänger formierten sich zunächst als eine Bewegung von unten, wobei sich die antikirchliche Einstellung der Bevölkerung oftmals mit wirtschaftlichen und sozialen Forderungen verband. Der "Gemeine Mann" stellte die Massenbasis der reformatorischen Bewegung dar. Er erhoffte sich von reinen, allein aus der Heiligen Schrift begründeten Glauben und der Lehre von der Freiheit des Gewissens eine neue, wahrhaft christliche Gesellschaftsordnung.

Thomas Müntzer - Gedenktafel Artern
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Thomas Müntzer - Gedenktafel Artern

Im großen Bauernkrieg (1525) kämpften die Bauern, unter Berufung auf das Evangelium und theologisch untrstützt von Thomas Münzer, für die Abschaffung der Frondienste und der Leibeigenschaft, für die Aufhebung aller Standesunterschiede. Als Luthers an Bauern und Fürsten gerichtete Ermahnung zum Frieden nicht fruchtete, brandmarkte er die Aufständischen und forderte die Fürsten als die von Gott eingesetzte Obrigkeit auf, den Aufstand niederzuschlagen. In der Folgezeit förderten die Territorialherren die Reformation in ihren Herrschaftsbereichen. Durch die Übernahme der ehemals kirchlichen Besitzungen, durch die Einführung des "landesherrlichen Kirchenregiments" - die evangelischen Geistlichen wurden vom Landesherrn eingesetzt, der kirchliche Besitz von ihm verwaltet - konnten die evangelischen Fürsten ihre Stellung gegenüber der Zentralgewalt des Reiches beträchtlich stärken. Diese Entwicklung wurde durch die Reichspolitik Kaisers Karl V. begünstigt. Karl V. hatte sich zwar der Idee eines Universalreiches nach mittelalterlichem Vorbild verschrieben, mußte aber, weil er in Kriege mit Frankreich, in Auseinandersetzungen mit Rom verwickelt und mit der Abwehr der Osmanengefahr beschäftigt war, lange Zeit außerhalb des deutschen Reichsgebietes weilen. Die Lösung der deutschen Probleme wurde vertagt. Des Kaisers Versuch, 1530 auf dem Augsburger Reichstag die Glaubenseinheit zu retten - inzwischen waren weite Teile des Reiches, darunter Hessen und Kursachsen, evangelisch geworden - scheiterte. Auf dem Augsburger Religionsfrieden (1555) wurde der Status quo anerkannt und besiegelt. Fortan mußten sich Untertanen dem Bekenntnis ihres Landesherren anschließen, allein die lutherische und katholische Konfession wurden anerkannt. Die Glaubensspaltung des Reiches war damit ebenso festgeschrieben wie die erstarkte Position der Reichsstände gegenüber dem "Reichsregiment". Karl V. dankte 1556 resigniert ab.

Zwingli und Calvin

Reformation
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Reformation

Die Reformation blieb nicht auf Deutschland beschränkt, sondern fand Anhänger in allen Teilen Europas. Eine starke reformatorische Richtung setzte sich seit 1519 in Zürich unter den humanistisch orientierten Pfarrer Huldrych Zwingli durch. Zwinglis Lehre unterschied sich von Luthers unter anderem durch eine konsequentere Ablehnung der katholischen kirchlichen Zeremonien und Kultformen, vor allem aber in der Interpretation des Abendmahls. Zwingli sah darin allein eine symbolische Handlung, ein Gedächtnismahl, während für Luther gemäß Wortlaut des Neuen Testaments Christus im unverwandelten Brot und Wein gegenwärtig war. Die Schweiz spielte auch nach dem Tod Zwinglis (1531) eine entscheidende Rolle für die Reformation. In Genf etablierte sich seit 1536 eine neue protestantische Richtung: Der Calvinismus. Der gebürtige Franzose Johannes Calvin, eigentlich Jean Cauvin, floh 1534 in die Schweiz, weil er als Protenstant in Frankreich um sein Leben fürchten mußte. Nach kurzer Tätigkeit in Genf wurde er wegen seiner außerordentlich strengen Glaubenspraxis der Stadt verwiesen, jedoch 1541 bereits zurückgerufen. Nun konnte er seine religiösen Vorstellungen verwirklichen. Sein Ziel war es, das menschliche Leben vollkommen zu verchristlichen und auch die Obrigkeit der Kontrolle durch die Kirche zu unterwerfen. Die Gemeinde sollte umgekehrt von staatlicher Bevormundung frei sein. Calvin vertrat strenge moralische Grundsätze, verbot das Tanzen und das Glückspiel. Seine Lehre ist von der Vorstellung geprägt, dass der äußere Reichtum eines Menschen auf Erden über sein Heil nach dem Tod entscheidet. Genf entwickelte sich in den 50er Jahren des 16. Jahrhunderts zum führenden Zentrum der protestantischen Bewegung. Der Calvinismus erfaßte von dort aus weite Teile Westeuropas (Frankreich, Schottland, die Niederlande) und Osteuropas (Polen, Ungarn, Siebenbürgen). Seine Wirkung reichte auch in den Südwesten Deutschlands hinein.

Die Entstehung der Anglikanischen Kirche

Heinrich VIII. England
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Heinrich VIII. England

Die englische Reformation war von Beginn an eher eine politische als eine theologische Bewegung. Nicht Vertreter der Kirche, sondern der englische König Heinrich VIII. leitete die Kirchenreform ein. In einer Reihe von legalen Akten löste er die englische Kirche immer stärker von Rom ab. Erster Anlaß war die Weigerung des Papstes, Heinrich VIII. ohne Söhne gebliebene Ehe mit Katharina von Aragonien zu annullieren. Um (die spätere Königin) Anna Boleyn heiraten zu können, ließ er seine erste Ehe durch den Erzbischof von Canterbury für nichtig erklären (1533). Diese Entscheidung wurde durch den zuvor vom Parlament verabschiedeten "Act in Restraint of Appeals", der fremden Mächten - also auch Rom - die Gerichtsbarkeit in englischen Angelegenheiten absprach, gerechtfertigt. Heinrichs Bestreben, die englische Kirche von der päpstlichen Autorität zu befreien, wurde auch künftig von machtpolitischen Interessen bestimmt. Er ließ sich zum Oberhaupt der englischen Kirche erklären (1534), löste die Klöster auf und konfiszierte deren Güter. Nach dem Heinrich VIII. (1547) kam es unter seiner Tochter Maria I. zu einer Unterbrechung der Reformbewegung. Maria versuchte mit aller Härte, den Katholizismus zu restaurieren. Elisabeth I., die nach dem Tod Marias 1558 den Thron bestieg, vollendete die von Heinrich VIII. eingeleitete Kirchenreform. Während ihrer Amtszeit bildete sich die anglikanische Kirche heraus, wie sie sich in ihren Grundzügen noch heute darstellt. Sie basiert im Dogma auf Luther, hält aber am katholischen Ritus fest. Abweichende Glaubensrichtungen duldete Elisabeth nicht. Die radikalen Calvinisten (Puritaner) wurden unterdrückt und verfolgt. Sie flohen später in die Neue Welt.

Die Verfolgung der Hugenotten

Hugenotten-Friedhof in Breloux
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Hugenotten-Friedhof in Breloux

Seit Mitte des 16. Jahrhunderts drang die Reformation in ihrer schweizerischen Spielart in Frankreich vor. Die Hugenotten, wie die Anhänger des Calvinismus in Verballhornung des Begriffs "Eidgenossen" genannt wurden, gehörten vor allem dem hohen Adel an. Auf der Nationalsynode von Paris formulierten sie 1559 erstmals ihr Glaubensbekenntnis. In dem Bemühen um Anerkennung ihres Glaubens und um bürgerliche und politische Rechte wurden die Hugenotten von der französischen Krone unterdrückt und verfolgt. Mit dem Blutbad von Vassy (1562) begann der erste von insgesamt acht Hugenotten-Kriegen. 1563 wurde den Hugenotten zwar die Ausübung ihres Kultes an bestimmten Orten gestattet. In der Bartholomäus-Nacht (1572) wurden jedoch die Anführer des hugenottischen Adels, die sich anläßlich der Hochzeit des Hugenotten Heinrich, König von Navarra, in Paris versammelt hatten, mit Tausenden ihrer Anhänger ermordet. Dies führte zu weiteren konfessionellen Bürgerkriegen. Nachdem Heinrich von Navarra legitimer Thronerbe geworden war, verbündete sich König Heinrich III. mit katholischen Liga und mit Spanien (1589), widerrief alle den Hugenotten gewährten Rechte und entfesselte den achten Hugenotten-Krieg. Nach des Königs Ermordung (1589) bestieg Heinrich von Navarra als Heinrich IV. den Thron. Er trat zwar zur Wahrung der nationalen Einheit Frankreichs zum Katholizismus über (1593), gestattete den Hugenotten jedoch die freie Religionsausübung (1598) und räumte ihnen politische Sonderrechte ein. Doch schon unter Richelieu wurde den Hugenotten (1629) die politische Sonderstellung wieder genommen, unter König Ludwig XIV. wurden schließlich 1685 ihre religiösen Freiheiten wieder so weit eingeschränkt, dass die Konfession in Frankreich nur in der Verborgenheit überleben konnte. Tausende ihrer Anhänger wanderten nach Nordamerika, Großbritannien, in die Niederlande, die Schweiz und nach Brandenburg-Preußen aus.

Der Dreißigjährige Krieg

Cardinal Richelieu - 9. September 1585 - 4. Dezember 1642, war ein französischer Geistlicher, Edel- und Staatsmann
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Cardinal Richelieu - 9. September 1585 - 4. Dezember 1642, war ein französischer Geistlicher, Edel- und Staatsmann

Der Religionskonflikt in Europa weitete sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu einem politischen Machtkampf aus, der im Dreißigjährigen Krieg seinen Höhepunkt erreichte. Besonders in Böhmen wuchs der Widerstand gegen den katholischen König. 1618 kam es in Prag zum Aufstand, der in einen offenen Krieg gegen die kaiserlich-habsburgische Vorherrschaft mündete. Während der folgenden 30 Jahre wurde Deutschland zum Kriegsschauplatz für mehrere europäische Mächte. Die böhmischen Stände, die sich einen protestantischen König gewählt hatten, wurden nach fünf Kriegsjahren von kaiserlichen Truppen besiegt. In den österreichischen Erblanden wurde der Protestantismus fortan unterdrückt. In der Erwartung, seinen Machtbereich zu vergrößern, trat der dänische König Christian IV. 1623 in den Krieg gegen den Kaiser ein. Auch dieser Feldzug wurde von kaiserlichen Truppen zurückgeschlagen (1629). Eine Kräfteverschiebung zugunsten des Katholizismus schien sich anzubahnen, doch die zentralistischen Bestrebungen des Kaisers riefen auch den Widerstand der katholischen Reichsstände hervor. Das Bestreben des schwedischen Königs Gustav II. Adolf, der 1630 in den Krieg eingegriffen hatte, seine Herrschaft bis nach Süddeutschland auszudehnen, blieb zunächst erfolglos. Als aber das protestantische Schweden sich 1636 mit dem katholischen Frankreich verbündete - ein Beleg dafür, dass konfessionelle Fragen in dem Konflikt immer weniger eine Rolle spielte -, gelangen größere Siege über die "Kaiserlichen". Wegen der allgemeinen Erschöpfung kam es, nachdem ein Drittel des deutschen Volkes im Krieg das Leben gelassen hatte, 1648 endlich zum Frieden. Im Westfälischen Frieden wurde im Wesentlichen der Augsburger Beschluß von 1555 bestätigt, demzufolge sowohl Katholiken als auch Lutheraner anerkannt waren. Zusätzlich erhielten fortan auch die Calvinisten Glaubensfreiheit. Das Bekenntnis des Landesherrn entschied weiterhin über die Glaubenszugehörigkeit seiner Untertanen. Konfessionswechsel sollten jedoch fortan geduldet werden. Für das Heilige Römische Reich bedeutete der Friedensschluß, dass sich die abolutistischen Bestrebungen des Kaisertums gegenüber der föderalistischen Reichsverfassung nicht durchgesetzt hatten. Dadurch waren die Voraussetzungen für die Entstehung der modernen Nationalstaaten gegeben. Das Reich aber blieb wegen der Kriegsschäden und wegen der territorialen Zersplitterung - gemessen an den neu aufgestiegenen Großmächten Frankreich, Schweden und die Niederlande - schwach.

Machtkämpfe in China und Japan

14. bis 19. Jahrhundert

Von der Ming- zur Ch'ing-Dynastie

Zhen Wu Tempel aus der Ming-Dynastie
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Zhen Wu Tempel aus der Ming-Dynastie

Nach der Vertreibung der mongolischen Fremdherrschaft kam in China wieder eine rein chinesische Dynastie unter Kaiser Tai-tsu (Hung Wu, 1368 bis 1399) an die Macht. Während der Ming-Dynastie bestand nun eine lange Friedensperiode. Das Land konnte sich zu einem zentralistischen Staatswesen entwickeln und die Beamtenschaft besann sich auf Traditionen im Sinn des Konfuzius. Diese Blütezeit, in der China zahlreiche Handelskontakte mit benachbarten Völkern unterhielt, endete jedoch nach fast 300 Jahren im Chaos ständiger Bauernaufstände gegen die immer schärfere Steuerlast und durch die Eroberungen der nördlichen Mandschuren unter ihrem Fürsten Nurhatschi. Nach einem jahrzehntelangen Krieg gegen die Ming-Herrscher war China unter dem Sohn Nurhatschis, Tai-tsung (1626 bis 1643), wieder unter einer Fremdherrschaft, der mandschurischen Ch'ing-Dynastie, vereint.

Die Ming-Zeit

Der erste Kaiser der Ming, Tai-tsu, ließ zunächst sämtliche Generäle, die seine Macht bedrohten, hinrichten und konzentrierte die Regierungsgewalt auf seine Person. Der Tod dieses absoluten Herrschers löste einen Bürgerkrieg aus, den der vierte Sohn gewann. Er übernahme unter dem Namen Ch'eng-tsu (1402 bis 1425) die Macht. Er verlegte die Hauptstadt von Nanking nach Peking, wo der Kaiserpalast zur imposantesten Anlage altchinesischer Baukunst, die bis heute erhalten ist, errichtet wurde. Von dort aus regierten die Ming-Kaiser das in 13 Verwaltungsbezirke unterteilte Land mit Hilfe eines Beamtenapparates, der zunehmend von Mitgliedern des sozial niedrig stehenden, jedoch reichen Händler-Standes besetzt wurde. Die Stellung der Beamten innerhalb der Administration war von ihrem Erfolg in einem gestaffelten Prüdungssystem abhängig, dessen Hauptabschluß die sogenannte Palastprüfung in der kaiserlichen Han-lin-Akademie war. Zu den bedeutendsten kulturellen Leistungen dieser Zeit zählt neben dem Ausbau der inzwischen zerfallenen Großen Mauer besonders eine Universal-Enzyklopädie mit 11.000 Bänden sowie ein großes Werk über Produktions- und Verarbeitungsverfahren, das vom hohen Stand der Technologie zeugt.

Chinese - Ch'ing-Dynastie
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Chinese - Ch'ing-Dynastie

Zu Beginn der Ming-Herrschaft wurde eine Hochseeflotte gebaut, deren aufsehenerregende Expeditionen bis an die ostafrikanische Küste führten und zahlreiche Kontakte mit fremden Herrschern ermöglichten. Trotz dieser zunächst intensiven Handelsbeziehungen kam es gegen Ende dieser Dynastie zu einer immer stärkeren Isolation von der übrigen Welt. Genau zu dem Zeitpunkt, als die Seeherrschaft der europäischen Entdecker im Indischen und Pazifischen Ozean begann. 1514 erschienen die Portugiesen an der chinesischen Küste, 1575 die Spanie, 1604 die Niederländer und 1637 die Engländer. Dem italienischen Jesuiten Matteo Ricci (1552 bis 1610) gelang es 1601, bis in den Kaiserpalast vorzudringen, wo er wegen seiner naturwissenschaftlichen Kenntnisse hoch angesehen war. Die innenpolitische Lage hatte sich jedoch schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts extrem verschlechterte. Die politische Führung zerfiel in den permanenten Kämpfen zwischen den Militärs, den Grundbesitzern und den Beamten. Die bäuerliche Bevölkerung litt unter der Steuerlast, die sie für die Großgrundbesitzer und die ständig verschuldeten Beamten aufzubringen hatte und schloß sich seit 1628 zu einer aufständischen Bauernarmee zusammen. Diese Verwirrung nutzten die mandschurischen Stämme des Nordens, die bereits weite Gebiete außerhab der Großen Mauer erobert hatten. Sie nahmen 1644 die vom Bauernheer besiegte Hauptstadt Peking ein, wo sich der letzte Ming-Kaiser, Chuang-Lieh-Ti (1628 bis 1644), erhängte.

Ch'ing-Dynastie

Chinese - Ch'ing-Dynastie
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Chinese - Ch'ing-Dynastie

Bereits Nurhatschi und sein Sohn Tai-tsung hatten die nördlichen Mandschu-Stämme vereinigt und den gesamten Norden erobert. Nach dem Fall von Peking konnte der dritte Mandschu-Herrscher , Shih-tsu (1644 bis 1662) sich zum Kaiser des Gesamtreiches ausrufen lassen und seine Familie zur Ch'ing-Dynastie proklamieren. Er mußte jedoch bis zum Tod des letzten Ming-Prinzen noch einen mörderischen Krieg führen, der erhebliche Verluste in der Zivilbevölkerung verursachte. Die neuen Herrscher zwangen die chinesischen Männer, nach mandschurischer Sitte den Vorderkopf zu rasieren und einen Zopf zu tragen. Die hohen Regierungsämter wurden jeweils doppelt mit einem Chinesen und einem Mandschu besetzt. Die Militärgewalt blieb in Händen der Eroberer. Trotz des Verbots von Heiraten zwischen den Bevölkerungsgruppen kam es einer allmählichen Assimilation der Fremden. Bedeutendster Herrscher der Ch'ing war Kaiser Sheng-tsu (K'ang-hsi, 1662 bis 1723), dessen Regierungszeit wiederum zu einem Höhepunkt in Wissenschaft und Kultur führte. Die chinesischen Gelehrten, jedoch auch die vom Kaiser hoch geschätzten Jesuiten, verfaßten zahlreiche Enzyklopädien sowie ein 1716 abgeschlossenes Werk über die chinesischen Schriftzeichen, das bis ins 20. Jahrhundert das wichtigste Zeichenlexikon darstellte. Sheng-tsu erließ 1692 ein Edikt, das den Christen freie Religionsausübung gestattete. Infolge des sogenannten Ritenstreits zwischen dem in China konkurrierenden Missionaren der Dominikaner, Franziskaner und Jesuiten, der als Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Reiches angesehen wurde, hob der Nachfolger des Kaisers das Toleranzedikt wieder auf. Schwere Christenverfolgungen setzten ein. Unter Kao-tsung (Ch'ien Lung, 1736 bis 1793), der die Eroberungen seiner Vorgänger fortsetzte, erreichte China die größte Ausdehnung seiner Geschichte. Mit dem Regierungsantritt von Jen-tsung (Chia Ch'ing, 1795 bis 1820) begann bereits der Zerfall der Ch'ing-Dynastie durch Aufstände verschiedener Geheimsekten und durch einige Stämme am Rand des Machtgebietes. Hinzu kam, dass die Großgrundbesitzer und Händler kein Interesse zeigten, eine Industrialisierung einzuleiten, weil sich ihre Macht vor allem vom Grundbesitz herleitete. So kam die eigentliche Katastrophe für diese letzte Kaiser-Herrschaft aus den Handelsbeziehungen mit den westlichen Kolonialherren, die China als Absatzmarkt entdeckten. Durch den Handel mit agrarischen Gütern hatte China zunächst große Mengen Silber eingenommen, doch begannen die Briten um 1830 mit der Einfuhr von Opium, das verheerende Folgen für die Produktivkraft des Volkes und für die Staatsfinanzen hatte, weil das Opium mit den Silbervorräten bezahlt wurde. Verschiedene gewalttätige Auseinandersetzungen führten zum ersten Opiumkrieg von 1840, in dessen Folge China mehrere ungleiche Verträge mit Europäern akzeptieren mußte und immer deutlicher in die Abhängigkeit der Kolonialherren geriet. Bis zur Ausrufung der Republik 1911 war China praktisch Kolonie der westlichen Mächte.

Die Schogun-Herrschaft in Japan (1192-1868)

Schogun-Krieger
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Schogun-Krieger

Die Regierungszeit der regionalen Militärführer, der Samurai, veränderte die japanische Gesellschaft grundlegend. Der kaiserliche Tenno war politisch unbedeutsam geworden, seit die neuen Regierungsgeschäfte in die Haushaltungen der mächtigen Familien verlegt wurden. Eine zunächst feudale Herrschaft wandelte sich während des Schogunats zu einem zentralisistischen Militärstaat, der von der übrigen Welt fast vollständig isoliert lebte und erst im 19. Jahrhundert durch die Schiffskanonen des US-Commodores Matthew C. Perry dem westlichen Kolonialismus zugänglich gemacht wurde. Gleichzeitig bedeutete die Öffnung des Landes das Ende des Kriegszustandes und den Wiederbeginn einer kaiserlichen Regierung. Der im Bürgerkrieg der Samurai siegreiche Familienführer Yoritomo Minamoto (1147 bis 1199) hatte bereits 1180 Kamakura, ein kelines Fischerforf in der Nähe des heutigen Tokio, zum Stammsitz seines Hofes gemacht. Yoritomo ließ sich 1192 den Titel eines Schogun verleihen, der aus dem Jahr 800 stammte und bis ins 19. Jahrhundert von allen Regenten geführt wurde. Er untermauerte die Herrschaft seines Familien-Clans, indem er seinen eigenen Ländereien den Grundbesitz der unterworfenen Gegner einverleibte. Der Besitz wurde von Verwaltern gefürt, die wiederum von einer neuen Polizeibehörde überwacht wurden. Nach seinem Tod ging die Herrschaft auf die Familie seiner Frau über, die Hodscho, die zwar erfolgreich die beiden Mongolenangriffe von 1274 und 1281 abwehren konnten, durch zunehmende Mißwirtschaft jedoch bald geschwächt waren. Fehlende Beute aus dem Kampf gegen die Mongolen führte zudem zur Unzufriedenheit der Krieger. Daraufhin konnte der amtierende Tenno zwar für drei jahre seine Macht wiederherstellen, doch wurde er rasch ron einem neuen Schogun, Takauji Aschikaga (1303 bis 1358) abgelöst, der das Muromachi-Schogunat gründete. Dies war jedoch so schwach, dass die anderen Territorialfürsten ständig versuchten, ihren Besitz auszuweiten. Japan stürzte in den größten Bürgerkrieg seiner Geschichte.

Eingeleitet vom Onin-Krieg (1467 bis 1477) dauerten die Auseinandersetzungen über 100 Jahre an. In diesem Chaos, dem eine zentrale Macht fehlte, konnten sich die mächtigen Familien der verschiedenen Regionen, die Daimyos, zu absoluten Feudalherren entwickeln. Gerade jedoch in der zerstrittenen Zeit kam es zu bedeutenden Fortschritten in der Architektur, besonders der Gartenbaukunst, der Keramik-Arbeiten, Malerei und Literatur. Die Klöster des Zen-Buddhismus hatten hohen Anteil an diesen außerordentlichen kulturellen Leistungen. Die Einigung Japans nach dem Krieg war das Werk von drei Männern: Nobunaga Oda (1534 bis 1582), Hideyoschi Toyotomi (1536 bis 1598) und schließlich Ieyasu Tokugawa (1542 bis 1616). Nobunaga hatte von Portugiesen, die an seiner Küste gestrandet waren, zwei Musketen erworben, die rasch nachgebaut wurden. Das dadurch überlegene Heer beendete die Aschikaga-Herrschaft. Nach dem Selbstmord des Nobunaga - er war in die Hände eines aufständischen Generals gefallen - übernahm der erste Feldherr, Hideyoschi, die Macht, überschätzte jedoch seine militärische Möglichkeiten bei zwei erfolglosen Invasionsversuchen in Korea. Hideyoschi schuf die Grundlage für die Militärherrschaft seines Nachfolgers, indem er ein rigoroses Steuersystem errichtete und den Bauern verbot, Waffen zu tragen. Dies war nur noch den Samurai vorbehalten. In den Feudalkämpfen nach seinem Tod konnte sich Ieyasu durchsetzen, der auf der Grundlage der vorherigen Edikte die Herrschaft seiner Familie für 250 Jahre begründete. Ieyasu hatte rechtzeitig die Abstammung seiner Familie von den alten Minamoto schreiben lassen und konnte sich deshalb 1603 zum Schogun ausrufen lassen. Sowohl die lokalen Dalmyo als auch der kaiserliche Tenno blieben entmachtet.

Schogun-Palast
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Schogun-Palast

Von Edo, dem heutigen Tokio, aus errichtete er einen straffen Polizeistaat, in dem alle Straßen kontrolliert wurden, Wohnort und Beruf nicht gewechselt werden durften. Die Beziehungen zum Ausland, die Ieyasu als Bedrohung ansah, wurden auf ein Mindestmaß eingeschränkt, Ausländer, bis auf die Niederländer, mußten das Land verlassen und es kam zu schwersten Christenverfolgungen. Jedem Japaner, der aus dem Ausland zurückkehrte, drohte die Todesstrafe. Die japanische Gesellschaft wurde in drei Gruppen, die jeweils noch einmal unterteilt waren, gegliedert. An der Spitze standen die Daimyo als Zweigfamilien, Verbündete und Unterworfene. Darauf folgten die Samurai als unmittelbare Gefolgsleute, Vertreter unterer Ämter und als Gefolgsleute der Daimyo, die dritte Gruppe, das Volk, gliederte sich in Bauern, Handwerker, Kaufleute und Unreine. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts begannen zunehmend wirtschaftliche Schwierigkeiten, die letztlich zum Untergang der Tokugawa-Herrschaft führten. Ein wesentlicher Grund war der Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft. Die in den Provinzen lebenden Daimyo waren, vor allem wegen der großen Beamtenschaft und des Zwangs, einige Zeit des Jahres in der Hauptstadt zu wohnen, so stark verschuldet, dass sie immer mehr Papiergeld ausgaben. Die zentrale Haushofhaltung des Schoguns befand sich ebenfalls in einer prekären Lage und versuchte, mit ständigen Geldentwertungen dem Ruin zu entkommen. Der entscheidende Anstoß für den Zusammenbruch kam jedoch von außen.

Neben einer immer stärkeren innenpolitischen Opposition und den zahlreichen Bauernaufständen gegen die Steuerlast begannen die Schwierigkeiten mit den westlichen Ländern. Am 8. Juli 1853 erschien Commodore Perry in der Bucht von Uraga und erbat im Auftrag der USA die Eröffnung von Handelsbeziehungen vom darauffolgenden Jahr an. Aus Angst vor einem etwaigen Angriff gab das Schogunat der Aufforderung nach und öffnete mit dem Vertrag von Kanagwa (31.03.1854) zwei Häfen für amerikanische Schiffe. Die innenpolitische Opposition gegen die Schogune hatte im Geschichtsstudium mittlerweile gelernt, dass die Militär-Herrscher nur die Macht an sich gerissen hatten, die eigentlich dem Tenno zustand. Mit der Parole "Verehrt den Tenno, vertreibt die Barbaren" richteten sich starke Gruppen gegen die Fremden und das Schogunat, das zu schwach war, den fremden Einfluß zu verhindern. Der daraus folgende Aufstand junger Samurai brach im Feuer der amerikanischen, französischen, britischen und niederländischen Kriegsschiffe zusammen, doch hatte das Schogunat eine Niederlage gegen die Aufständischen erlitten. In einem Kompromiß versuchte der amtierende Schogun zwar, die Regierungsgewalt an den Tenno zurückzugeben, um selbst Premierminister zu werden, doch drangen am 3. Januar 1868 Truppen der Aufständischen in den Palast von Edo ein und proklamierten die Rückgabe der Herrschaft an den Kaiser. Das Amt des Schogun wurde abgeschafft und die über 250 Jahre alte Herrschaft der Tokugawa-Familie beendet.


Entstehung und Aufstieg Rußlands

13. bis 17. Jahrhundert

Die Anfänge

Wladimir-Susdal, Russland
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Wladimir-Susdal, Russland

Das Bild Rußlands zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert, dem Zeitraum, in dem es sich zu einem mächtigen Reich entwickelte, wirkt im Gegensatz zu dem des vorangegangenen Kiewer Großfürstentums uneinheitlich, vielgestaltig und zerrissen. Das Kiewer Reich bestand noch aus einem solidarischen Fürstenbund, der mit Kiew als Residenz - fast ganz Rußland wirkungsvoll gegen den Einfall von Feinden zu schützen vermochte. Die Bevölkerung Rußlands nahm den christlichen Glauben an (988), Bildung und Kunst standen in Blüte. Nach der Eroberung Kiews durch den Fürsten von Wladimir-Susdal gegen Ende des 12. Jahrhunderts zersplitterte die ehemals politisch starke Einheit in mehrere schwache, sich befehdende Teilfürstentümer, die äußeren Feinden nur wenig wirkungsvollen Widerstand entgegensetzen konnten. So dauerte die Periode der Teilfürstentümer nur 70 Jahre, bis die Mongolen nahezu alle Gebiete Rußlands überrannten.

Die Herrschaft der Mongolen

Als im 13. Jahrhundert die Mongolen erstmalig von Asien aus in die russische Steppenzone einbrachen, sahen die russischen Fürsten darin keine besondere Gefahr. Aufgrund früherer Erfahrungen nahmen sie an, dass dieses Nomadenvolk bald seßhaft werden und das kriegerische Verhalten nach der Assimilierung an die einheimische Bevölkerung ablegen würde. Doch dieser Einschätzung erwies sich als falsch. Im Jahr 1223 trafen in der südrussischen Steppe Russen und Mongolen zum ersten Mal aufeinander. Die Russen wurden trotz starker zahlenmäßiger Überlegenheit vernichtend geschlagen. Schon bald beherrschten die Mongolen - von der russischen Bevölkerung auch Tataren genannt - fast den gesamten asiatischen Kontinent. Batu, der Enkel des Mongolenführers Dschingis-Khan, brachte nach und nach alle russischen Gebiete bis auf Nowgorod, die Hauptstadt des Fürstentums Wladimir-Susdal, unter seine Gewalt und ließ Kiew, die "Mutter der russischen Städte", zerstören. Die Herrschaft der Mongolen in der Nachbarschaft Rußlands, die wegen ihrer gelben Herrschaftsfarbe auch die Goldene Horde genannt wurden, dauerte rund 240 Jahre, unterlag in diesem Zeitraum jedoch inneren Wandlunge. So behielt der Groß-Khan der Goldenen Horde, Batu, die nomadische Lebensweise seiner Vorfahren bei und residierte in einer Zeltstadt. Spätere Herrscher bauten mit Neu-Sarai (in der Nähe des heutigen Wolgograd) eine reiche Hauptstadt mit Palästen, Moscheen und Bädern. Mit dem raschen Eindringen islamischer Einflüsse - im 14. Jahrhundert bekannte sich die gesamte tatarische Oberschicht zum Islam - konsolidierte sich die staatliche Ordnung. In dieser Zeit entstanden kulturelle, politische und ökonomische Verbindungen nach Osten, Süden und Westen.

Die Mongolen veränderten die politische Ordnung in den russischen Teilfürstentümern nicht. Die Fürsten behielten ihre Hoheitsgebiete, mußten sich aber ihre Rechte vom Groß-Khan bestätigen lassen. Sie waren gezwungen, den Mongolen Rekruten zu stellen und Tribute zu entrichten. Weil aber die Fürsten schon bald die tatarischen Zwangssteuern selbst eintreiben durften und ihre Loyalität gegenüber der Goldenen Horde wahrten, hatten sie innenpolitisch eine unabhängige Stellung. Die Wirkung der mongolischen Herrschaftsform auf die russische Gesellschaftsordnung war aber überwiegend negativ. Die Ansätze einer feudalen Gesellschaftsordnung und einer ausgewogenen Rechtsprechung, die den Kiewer Staat ausgezeichnet hatte, wurden vernichtet. Despotismus und Leibeigenschaft, Grundprobleme der späteren russischen Geschichte, wurden in der Zeit der Mongolenherrschaft durchgesetzt.
Kathedrale in Nowgorod,erbaut für den Fürsten Alexander Newski
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Kathedrale in Nowgorod,erbaut für den Fürsten Alexander Newski
Im Bereich der Finanzverwaltung und der Organisation eines autokratisch regierten Staates übernahmen die russischen Großfürsten später viel von ihren mongolischen Beherrschern. Im kulturellen Bereiche standen die Mongolen weit unter den Russen und hemmten durch die Zerstörung der russischen Kultur die Weiterentwicklung des kulturellen und geistigen Lebens in Rußland und den Austausch mit abendländischen Gedanken und Vorstellungen. Die soziale Stellung der Frau sank in den Jahrhunderten der Mongolenzeit. Gemäß orientalischen und islamischen Vorstellungen drängte man sie aus der Öffentlichkeit und ordnete ihre Haus und Familie als alleiniges Wirkungsfeld zu.

Alexander Newski, Fürst von Nowgorod

Nur vereinzelt versuchten die russischen Fürsten, der Mongolenherrschaft Widerstand zu leisten. Daniel Romanowitsch, der Fürst von Galizien, war westlich-abendländisch orientiert. Als orthodoxer Herrscher war er bereit, das Primat der römisch-katholischen Kirche anzuerkennen und nahm von Papst Innozenz II. die Königskrone an. Doch die von der Kirche versprochene Hilfe gegen die Mongolen blieb aus, Galizien wurde von der Goldenen Horde erobert und unterjocht. Anders verhielt sich der Fürst von Wladimir-Susdal (Nowgorod), Alexander, der sich bewußt nach Osten orientierte. Er unterstellte sein Fürstentum freiwillig den Mongolen und ließ Tribute an sie entrichten, obwohl die Tataren Nowgorod nicht erobert hatten. Indem er bewußt westliche Hilfe ablehnte, bewahrte er seine Ländereien vor dem Mongolenschrecken. Als er 1240 an der Nordwestgrenze seines Reiches die Schweden an der Newa - seitdem trug er den Beinamen "Newski" - und 1242 den Deutschen Orden besiegte, war sein Fürstentum abgesichert und seine Stellung befestigt. Gestützt auf die Autorität des Groß-Khans, der ihm die Großfürstenwürde zuerkannte, entwickelte Alexander Newski autokratische Herrschaftsformen. Die Stadt Nowgorod blühte auf und unterhielt nicht nur mit dem Osten, sondern auch mit dem Westen rege Handelsbeziehungen.

Die Russische Kirche

Alexander Newski-Kathedrale in Sofia-Bulgarien
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Alexander Newski-Kathedrale in Sofia-Bulgarien

Große Bedeutung kam der orthodoxen Kirche in den Jahrhunderten der Goldenen Horde für die Einigung des russischen Volkes zu. Die Tataren betrieben eine tolerante Religionspolitik. Sie duldeten nicht nur christliche Kirchen, Klöster, Priester und Mönche, sondern förderten sie sogar. Die Geistlichkeit war von den Steuern befreit und jeglichen Zwanges zur Arbeit enthoben. Der Klerus allerdings mußte seinerseits die Oberhoheit der Tartaren anerkennen und für sie beten. So verkündeten die Priester von den Kanzeln herab, dass die Mongolen als gerechte Strafe über das russische Volk gekommen seien, diese Strafe hätten sich Bevölkerung und Adel durch frühere Sünden aufgeladen. In dieser Periode konnte die russische Kirche, die dem griechisch-byzantinischen Patriarchen in Konstantinopel unterstand, ihre Stellung festigen und ausbauen, aber auch als Mittler zwischen Tataren und Russen fungieren. Die einige russische Kirche wurde zum Symbol für ein einiges russisches Volk. Die kirchliche Autorität erstreckte sich über die Grenzen der Teilfürstentümer hinweg auf das ganze Land. Die gemeinsame Religion hielt die Russen zusammen und trennte sie von den moslemischen Mongolen. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts begann der allmähliche Niedergang der Goldenen Horde. Sie zerfiel in mehrere Teilkhanate, die sich untereinander befehdeten. Das hierdurch entstehende Machtvakuum füllten allerdings zunächst nicht die Russen, sondern deren traditionelle Feinde. Seit etwa 1350 regierten die Polen das reiche Fürstentum Galizien und um 1400 beherrschten die Litauer ein riesiges Großfürstentum, das sich von der Ostsee fast bis ans Schwarze Meer ausdehnte. Weil jedoch die Litauer bald russische Gebräuche annahmen und sich mit der einheimischen Bevölkerung vermischten, war Litauen im Grunde russisch.

Der Aufstieg Moskaus

Die Kathedrale beherbergt die sterblichen Überreste von fast allen russischen Kaiser und Kaiserinnen
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Die Kathedrale beherbergt die sterblichen Überreste von fast allen russischen Kaiser und Kaiserinnen

Das Großfürstentum Moskau, ursprünglich nur ein kleiner Fürstensitz, nahm in der zweiten Hälfte des 13. und im 14. Jahrhundert einen raschen Aufschwung. Die Moskauer Fürsten machten es sich zunutze, dass in Rußland im Allgemeinen nicht das Recht des Erstgeborenen galt und es seit der Mongolenzeit Sitte war, dass Fürsten ihre Ländereien den männlichen Nachkommen zu gleichen Teilen vererbten. So entstanden unzählige unbedeutende, provinzielle Fürstentümer. In Moskowien dagegen vermachten die Fürsten ihrem ältesten Sohn den größten Teil des Landes, während die jüngeren nur kleinere Gebiete erhielten. Der Zersplitterung wurde so entgegengewirkt. Der sehr geschichte Iwan I., auch "Kalita" oder "Geldsack" genannt, kaufte Anfang des 14. Jahrhunderts an Moskau angrenzende kleine Fürstentümer einfach auf oder brachte sie durch Intrigen und erzwungene Verträge unter seine Kontrolle. Paktierend mit dem Mongolen-Khan, erhielt er schließlich 1328 das Recht, sich Großfürst von ganz Rußland zu nennen. In diesem Zusammenhang sicherte er sich das Privileg, in einem Großteil Rußlands die Steuern einzutreiben. Iwan holte auch das Oberhaupt der russischen Kirche, den Metropoliten und Patriarchen von Kiew, der seine großrussischen Bestrebungen unterstützte, nach Moskau und bestimmte damit die Stadt zum geistigen Mittelpunkt Rußlands (1326). Um 1378 war unter dem Großfürsten Dmitri die Macht Moskaus so weit angewachsen, dass die Stadt es wagen konnte, die Mongolen herauszufordern. Dmitri Donskoi Troppen schlugen ein kleines mongolisches Heer und das Fürstentum weigerte sich fortan, die Tribute zu entrichten.

1380 schlugen die Moskowiten, unterstützt von anderen russischen Fürsten, in der Schlacht auf dem Schnepfenfeld am Don die Tataren vernichtend. Als Rache verheerten die Mongolen zwar zwei Jahre später die Stadt Moskau, der russische Freiheitsdrang und der Glaube an einen endgültigen Sieg konnte jedoch nicht mehr gebrochen werden. Großfürst Iwan III. bereitete schließlich 1480 der tatarischen Oberherrschaft formell eine Ende. Er setzte die Eroberungspolitik für Moskau fort und versuchte, alle Gebiete des ehemaligen Kiewer Reiches an sich zu bringen. Als bedeutendsten Gewinn verzeichnete er Nowgorod mit dem Fürstentum Wladimir-Susdal. Gegen Ende seiner Regierungszeit befanden sich drei Millionen Quadratkilometer Landes, fast ganz Rußland, in seiner Hand. Mit dem ausgedehnten Moskauer Reich begründete Iwan III. das großrussische Reich, das einen Nationalstaat gleichkam. Es umfaßte ein einheitliches Volk, das derselben Religion anhing, eine Sprache hatte und sich durch die langen Schrecken der Mongolenherrschaft miteinander verbunden fühlte. Die Selbständigkeit der Teilfürstentümer wurde beseitigt. Der neue autokratische Einheitsstaat stützte sich auf einen neuen Dienstadel, der auf Kosten des alten Adels und der Bauern gefördert wurde. Nach der Heirat Iwan III. mit der Nichte des letzten byzantinischen Kaisers im Jahre 1472 erklärte sich der Fürst zum Schutzherrn der gesamten orthodoxen Christenheit und verkündete den Anspruch Moskaus, als "Drittes Rom" die Nachfolge Roms und Konstantinopels anzutreten.

Iwan der Schreckliche

Iwan der Schreckliche
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Iwan der Schreckliche

Der Enkel Iwans III. war der erste Herrscher, der sich 1547 als Iwan IV. zum "Zaren von ganz Rußland" krönen ließ. Mit diesem Titel, der vom römischen "Cäsar" abgeleitet ist, sollte die Verbindung zu Rom und Byzanz sichtbar hergestellt und die Herrschaft durch den Glauben gestützt werden. Iwan IV., der Schreckliche, setzte die auf absolutistische Machtansprüche gerichtete Politik fort. Er festigte seine Stellung nach Innen, unter anderem durch eine neue Kodifizierung des Rechts (1550), durch die Einführung einer zentralen Verwaltung und durch Reformen beim Heer. Gestützt auf diese Position, konnte er beträchtliche außenpolitische Erfolge erzielen. Er dehnte seine Herrschaft auf das gesamte Wolgagebiet aus - eine wichtige verkehrsmäßige Voraussetzung für weitere Eroberungen. Im Westen bemühte sich Iwan IV. um einen Zugang zur Ostsee, um sein Reich aus der im Zug der Mongolenherrschaft entstandenen Isolation zu befreien. Der Einfall nach Livland führte jedoch zu einem Krieg gegen Polen und Schweden (1558 bis 1582), der mit einer Niederlage für die Russen endete, zum Verlust aller Eroberungen führte und zum wirtschaftlichen und sozialen Verfall des Reiches beitrug. Im Osten begann zur gleichen Zeit die Kolonisierung Sibiriens. Iwan IV. trug den Beinamen "der Schreckliche", weil er mit Grausamkeiten, Mißhandlungen und Deportationen seine Herrschaft im Innern sicherte. Anfang der 60er des 16. Jahrhunderts begann er einen Vernichtungskampf gegen die alte Aristokratie, um den ihm ergebenen Dienstadel zu fördern. In dieser Zeit setzte er auch das System der Opritschnina durch. Umfangreiche Gebiete um Moskau wurden durch Massenumsiedlungen und Morde ihren rechtmäßigen Besitzern entzogen und seiner aus Angehörigen des Dienstadels und Ausländern bestehenden Leibgarde übertragen. Damit wurde jedoch ein sozialer Unruheherd geschaffen, der sich in der Folge immer wieder in Aufständen rebellischer Bauern, die sich mit den Kosaken verbündeten, äußerte. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts öffnete sich Rußland dem Westen und modernisierte sich auch im Innern. Westliche Methoden der Gesetzgebung der Verwaltung und des Heereswesens wurden eingeführt. Peter I., der Große, der 1682 zum Zaren gekrönt wurde, ging als der große Reformer in die russische Geschichte ein.


Die großen Kolonialreiche

17./18. Jahrhundert

Beginn der Kolonisation

Abschaffung der Sklaverei
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Abschaffung der Sklaverei

Seit dem 15. Jahrhundert richteten europäische Staaten Kolonien, auswärtige Besitzungen und Siedlungen, in Fremdgebieten ein. Zwischen 1500 und 1750 stand dabei die Kolonialisierung der Neuen Welt Amerikas im Mittelpunkt. Dort ließen sich Spanier und Portugiesen (hauptsächlich in Mittel- und Südmaerika), Franzosen und Engländer (in Nord- und Mittelamerika) nieder. Im 18. und 19. Jahrhundert folgten Machtverschiebungen in Vorder- und Hinterindien sowie im Malaiischen Archipel, Australien und Ozeanien. In diesen Gebieten bekämpften sich mit wechselndem Erfolg Portugal, Frankreich, England und - als neuere Kolonialmacht - die Niederlande. Dem afrikanischen Kontinent kam im 17. und 18. Jahrhundert noch eine untergordnete Rolle zu. Er interessierte die europäische Nationen fast nur als Sklavenmarkt. In heutiger Zeit wird an den europäischen Kolonisationsmethoden und -leistungen häufig Kritik geübt. Besonders die ehemals kolonisierten Völker suchen die Ursachen für ihre Entwicklungsprobleme in der Ausbeutung durch die Kolonialmächte. Die europäischen Machthaber gingen damals mit großer Härte gegen die eingeborenen Völker vor. Sie versuchten, deren Zivilisationen und Religionen zu zerstören. Die eigentlichen Besitzer des Landes mußten oftmals als billige Tagelöhner oder Sklaven die Plantagen der Europäer bearbeiten. So konnten die Eroberer meist hohe Gewinne aus diesen Ländern ziehen. Das Expansionsstreben der Europäer ist vor dem Hintergrund eines tief zerstrittenen, untereinander verfeindeten Abendlandes zu verstehen. Mit der Kolonisierung hofften die europäischen Herrscher, neue Machtbereiche zu schaffen und sich gegen andere Nationen zu behaupten.

Das reiche spanische Kolonialreich

Noch bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts übertrafen die spanischen Kolonien bei weitem die Besitzungen aller anderen Europäer. Diese Vorrangstellung ergab sich zum einen aus der systematischen Erforschung und Besiedelung der Neuen Welt, zum anderen daraus, dass die Spanier als erste Modelle einer Kolonialverwaltung entwickelten. In den weniger einträglichen Kolonien wie Westindien, Texas, Florida und auf den Philippinen begnügten sich die Spanier damit, ihre Macht durch Stützpunkte und Missionsstationen zu sichern. Die reicheren Gebiete Spanisch-Amerikas teilten sie in zwei Vizekönigreiche ein - Neuspanien mit der Hauptstadt Mexiko und Peru mit der Hauptstadt Lima -, auf die sie ihre gesellschaftliche, staatliche und kirchliche Ordnung vollständig übertrugen. Das oberste Regierungsorgan der Kolonialverwaltung war der "Indienrat", der direkt der Krone unterstellt und in Spanien ansässig war. Die Verwaltung der Kolonien war straff organisiert, auch der Handel war staatlich kontrolliert. Noch bis 1765 lief der gesamte Kolonialhandel über nur einen spanischen Hafen, fremde Schiffe durften spanische Häfen in Übersee nicht anlaufen. Im 17. Jahrhundert benötigte Spanien wegen seiner schwachen Machtstellung alle Verteidigungskräfte in Europa. Diese nutzten besonders die Engländer aus, an die Spanien große Gebiete in Amerika und Westindien verlor.

Kolonie Portugiesisch-Ostafrika
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Kolonie Portugiesisch-Ostafrika

In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts reformierte König Karl III. (1759 bis 1788) das spanische Kolonialsystem, indem er den amerikanischen Gebieten einen neuen Status verlieh. Sie wurden fortan nicht mehr als "Kolonien", sondern als "wesentliche Bestandteile" der spanischen Monarchie bezeichnet. Die Siedler wurden der Bevölkerung des Mutterlandes gleichgestellt. Das erstarkende Bürgertum in Übersee verwickelte sich in Machtkonflikte mit Adel und Klerus, die zur Ausweisung der Jesuiten aus Amerika führten. (1759 wurde der Orden in Portugal und 1767 in Spanien aufgehoben). Dadurch wurde die Auflösung der traditionellen Verbindung von Staat und Kirche eingeleitet. Mit dem Fortgang der Jesuiten verloren die Indianer den Schutz, der ihnen bislang von der Kirche gewährt worden war. Die hohen Steuerlasten blieben jedoch erhalten. So brachen in Peru erste Aufstände der Indianer gegen die spanische Herrschaft aus, die schließlich in die südamerikanische Unabhängigkeitsbewegung mündeten.

Portugal, die zweite iberische Kolonialmacht

Neben Spanien war Portugal unter anderem wegen seiner Entdeckungsfahrten bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts eine der kolonienreichsten Nationen. Dennoch konnten sich die portugiesischen Besitzungen in Amerika nicht mit den spanischen messen, weil Portugal aufgrund des Weltteilungsvertrags von Tordesillas (1494) nur in Brasilien Fuß fassen konnte. Weil die indianische Urbevölkerung dort nicht zum Arbeiten einzusetzen war, verschifften die Portugiesen als erste Nation Negersklaven aus Westafrika als Arbeitskräfte nach Amerika. Die portugiesische Kolonialpolitik unterschied sich grundsätzlich von der spanischen, denn es fehlte die zentralisierte Verwaltung der überseeischen Besitzungen vom Mutterland aus. Obwohl auch die portugiesische Krone ihrem Vizekönig in Brasilien keine Handelsvollmachten überließ, besaßen doch die Siedler größere Freiheiten. Es gab zwar wie bei den Spaniern Handelsmonopole, sie wurden jedoch vom Staat nicht streng überwacht. Erst nach der Auflösung der Personalunion mit Spanien (1640) wurde die portugiesische Kolonialpolitik aktiv. Unter Ausnutzung der spanisch-englischen Streitigkeiten dehnte Portugal sein brasilianisches Territorium nach Süden aus und brachte auch spanisches Gebiet unter Kontrolle. Doch gegen Ende des 18. Jahrhunderts verfiel mit der spanisch-amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung auch das dortige portugiesische Kolonialreich. In Indien und Ostasien betrieben die Portugiesen zunächst einen lukrativen Handelsaustausch mit kulturell bedeutenden und staatlich fest organisierten Völkern. Sie unterhielten eine große Anzahl von Handels- und Flottenstützpunkten, die sich von Lissabon entlang der afrikanischen, persischen und indischen Küste bis nach China und Japan hinzogen.
Kolonie Französisch-Nordwest-Afrika
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Kolonie Französisch-Nordwest-Afrika
Auf ihren Stützpunkten gingen die Portugiesen sehr intolerant gegen die einheimischen Glaubensbekenntnisse vor. Sie zerstörten Tempel und bekehrten die Bevölkerung zwangsweise zum Christentum. Bereits Mitte des 17. Jahrhunderts verlor Portugal nach und nach seine asiatischen Besitzungen an England und die Niederlande, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts kam auch der verbliebene portugiesische Handel mit Asien nahezu zum Erliegen. Eine dauerhafte Kolonisation gelang Portugal nur im Süden Afrikas: Angola und Mosambik blieben bis 1975 portugiesische Kolonien.

Französische Kolonialpolitik

Mit dem gleichen missionarischen Eifer wie die beiden iberischen Mächte und wie unter anderen Vorzeichen später die Engländer begannen auch die Kolonialpioniere Frankreichs ihr Werk in Afrika, Indien, Westindien und Nordamerika. Ihnen folgten Kaufleute und schon bald entwickelte sich ein reger Handel mit Rohprodukten aus den Kolonien und Fertigprodukten aus Frankfreich. Zwischen 1664 und 1683 brachte der französische Wirtschaftspolitiker Jean Baptiste Colbert die Kolonien in strenge Abhängigkeit vom Mutterland. Zu dieser Zeit, während des Absolutismus, gestand Frankreich den Kolonien keine verfassungsrechtlichen Freiheiten zu. Die Verwaltung lag in den Händen königlicher Beamter, die ohne Mitspracherecht der Siedler oder der Urbevölkerung volle Handlungsvollmacht in den überseeischen Besitzungen hatten. Der Katholizismus war Staatsreligion, die Konversion der Eingeborenen war vorausgesetzt. Sowohl die Kolonial- wie auch die französischen Häfen durften nur von französischen Schiffen angelaufen werden. So sollte der Zwischenhandel unterbunden werden. Ebenso wie England und die Niederlande gründete Frankreich insbesondere im 17. Jahrhundert Handelskompanien, in denen ökonomische und politische Interessen zusammenflossen. Das Hauptmerkmal der französischen Kolonialpolitik war aber nicht der Handel, sondern das politische Machtstreben. Frankreich wollte eine "Pax Franca", d. h. eine Übertragung der eigenen Ordnung auf alle beherrschenden Gebiete.
Baron Hendrik Merkus de Kock genoß eine lange Karriere im niederländischen öffentlichen Dienst. Als Generalleutnant kommandierte er die Ostindien-Armee während des Java-Krieges (1825-1830)
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Baron Hendrik Merkus de Kock genoß eine lange Karriere im niederländischen öffentlichen Dienst. Als Generalleutnant kommandierte er die Ostindien-Armee während des Java-Krieges (1825-1830)
Jedoch verlor Frankreich durch Kriege in Europa und ungünstige Friedensverträge viele überseeische Stützpunkte, weil es stets das Mutterland den Kolonien voranstellte. Einen Zäsur in der französischen Kolonialgeschichte bedeutete das Jahr der Französischen Revolution (1789). Mit dem Sturz der Monarchie und der Gewährung der Bürgerrechte für die Bevölkerung des Mutterlandes ging die rechtliche Gleichstellung der Kolonien einher. Die Handelsbeschränkungen fielen, Sklaverei wurde geächtet und den Sklaven Rechte gewährt. Weil aber die Kolonien vor allem dank der billigen (fast kostenlosen) Arbeitskraft dieser Menschen florierten, wurde - entgegen allen Revolutionstheorien - bereits 1798 die Sklaverei wieder eingeführt.

Die überseeischen Besitzungen der Niederlande

Die niederländische Kolonisation begann erst 1621, als die Niederländer vornehmlich aus strategischen Überlegungen die Westindische Kompanie gründeten. Diese sollte gegen spanische Besitzungen in Übersee vorgehen, dort Verteidigungskräfte binden und von Europa fernhalten. Weiterhin sollten Siedlungsgebiete für die aus Flandern vertriebenen Calvinisten erobert werden. Zunächst arbeitete die Kompanie sehr erfolgreich. Bis 1649 besaß sie größere Gebiete in Nordamerika, einige westindische Inseln und bedeutende Gebiete in Brasilien und Guayana. Als die niederländische Regierung jedoch 1650 - nach dem Friedensschluß mit Spanien - der Westindischen Kompanie die finanzielle Unterstützung strich, konnte die Gesellschaft die Verteidigungskosten für ihre Eroberungen nicht mehr mit kolonialen Einnahmen decken. Die Kompanie verlor nahezu alle Besitzungen und ging Ende des 17. Jahrhunderts bankrott. Um die übriggebliebenen Gebiete, vor allem Curaҫao und Guayana, zu verwalten, gründeten die Niederländer eine neue Westindische Kompanie, die jedoch kaum erfolgreicher als ihre Vorgängerin operierte. Auf Ceylon und Java dehnte die Ostindische Kompanie ihr Herrschaftsgebiet aus, indem sie feste Verträge mit den einheimischen Staaten schloß. Als auch viele der ehemaligen portugiesischen Handelsniederlassungen auf die Niederländer übergingen, beherrschten diese schließlich die meisten Häfen in diesem Gebiet. Bald jedoch kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit einheimischen Regenten, bei denen die Kompanie auf Ceylon und Java bedeutende Landgewinne erzielte. In den eroberten Gebieten übte sie die Regierungsgewalt mit Hilfe der örtlichen Dynastien aus, die der Kompanie für den gewährten militärischen Schutz Tribute in Naturalien zu entrichten hatten. Sowohl die West- wie die Ostindische Kompanie konnten ihre Besitzungen ohne größere staatliche Vorschriften verwalten. Obwohl in ihren Satzungen eine Mitsprache der Siedler nicht vorgesehen war, setzten sich auch in Übersee die Traditionen des Mutterlandes durch. Die meisten Gebiete besaßen gegen Ende des 18. Jahrhunderts eigene politische Körperschaften im Gegensatz zu den absolutistisch geführten Kolonien der katholischen Staaten.

England und das großbritannische Weltreich

Das meist gute Zusammenspiel der englischen Kolonien mit dem Mutterland beruhte auf dessen Devise, dass gemeinsame Interessen und gegenseitiges Verständnis ein Reich eher zusammenhalten als eine Armee. So gestand die englische Regierung den Kolonisten von vornherein ein weitgehendes Mitspracherecht zu.
Kolonie Britisch-Indien
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Kolonie Britisch-Indien
Sie konnten Handel betreiben womit und mit wem sie wollten. Die englischen Kolonisten trieb die sittenstrenge und zugleich kämpferische Glaubenslehre des Calvinismus an. Die englischen Anhänger dieser Konfession, die Puritaner, befanden sich in der Heimt in Konflikt zu ihren Landsleuten. Sie flohen 1620 nach Nordamerika und gründeten dort die erste englische Niederlassung. Ein typisches Merkmal dieser englischen Kolonisten war die Gründung landwirtschaftlicher Siedlungsgemeinschaften, in denen Glaubensfreiheit herrschte. Im Lauf des 17. und 18. Jahrhunderts traten die Engländer in zahlreichen überseeischen Regionen das Erbe der dort bis dahin ansässigen katholischen Mächte an. Hierzu trug vor allem die Vorherrschaft der englischen Flotte bei. Den Abfall der amerikanischen Kolonien von England leitete die Navigationsakte (1651, ergänzt 1660/1673) ein, die eine Einfuhr überseeischer Waren nach England nur noch britischen Schiffen gestattete und damit unter anderem den lukrativen Zwischenhandel der Siedler unterband. Als die Krone zusätzlich den Siedlern hohe Besteuerungen auferlegte, ohne ihnen eine Vertretung im Parlament zu gestatten, verhärteten sich die Fronten. Aus Protest gegen die Besteuerung warfen die Kolonisten 1773 eine Ladung Tee in den Hafen von Boston, ohne jedoch ein Einlenken Großbritanniens zu erreichen. Daraufhin erklärte der amerikanische Kongroß am 4. Juli 1776 die Vereinigten Staaten von Amerika für unabhängig. England büßte so zwar die nordamerikanischen Kolonien (bis auf Kanada) ein, nicht jedoch sein Weltreich. Es konzentrierte sich fortan auf Indien, von dem es bereits seit einem Sieg über die Portugiesen im 17. Jahrhundert Gebiete besaß. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war nach Kämpfen gegen den indischen Großmogul und gegen die Franzosen Großbritannien zum alleinigen Herrscher über Indien geworden. Auch Australien und Neuseeland waren zu dieser Zeit unter britischer Hoheit. So war Großbritanniens Weltreich - trotz des Verlustes von Amerika - gegen Ende des 18. Jahrhunderts zur bedeutendsten Kolonialmacht geworden.


Die Industrielle Revolution

1750 bis 1850

Neue Techniken - Veränderte Wirtschaft

Ironbridge - Diese Brücke war ein Schwerpunkt der Technologie, die die Welt veränderte
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Ironbridge - Diese Brücke war ein Schwerpunkt der Technologie, die die Welt veränderte

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Großbritannien zum Ausgangspunkt tiefgreifender wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen. Diese "Industrielle Revolution" erfaßte in zeitlichen Verschiebungen auch den europäischen Kontinent und die Vereinigten Staaten von Amerika. Die technische und wirtschaftliche Entwicklung verlief zwischen 1750 und 1850 in einem höheren Tempo und war mit tiefgreifenderen sozialen Umwandlungsprozessen verbunden als vergleichbare frühere Ereignisse in der Geschichte der Menschheit. Die Industrieproduktion wurde zum Motor der wirtschaftlichen Entwicklung und zur Quelle des Wirtschaftswachstums. Stand am Anfang der Industrialisierung die Mechanisierung der Textilindustrie und die Verwendung von Kohle zur Erzeugung von Dampfkraft, so wurde in einem zweiten Stadium der Eisenbahnbau zur Triebkraft der Wirtschaftsentwicklung. Das neue Verkehrsmittel veränderte durch seine Schnelligkeit und Zuverlässigkeit nicht nur das Transportwesen, sondern verstärkte den Bedarf für Kohle und Stahl. Die Stahlproduktion wurde zur Schlüsselindustrie in der zweiten Phase der "Industriellen Revolution". Zwar vergrößerte der Wirtschaftsaufschwung das Volkseinkommen und beseitigte die Massenarmut, die infolge des starken Bevölkerungszuwachses und der Herausbildung eines ländlichen Proletariats entstanden war, gleichzeitig schuf sie jedoch eine Industriearbeitschaft, die sich schlechten Arbeitsbedingungen und elenden Wohnquartieren gegenübersah. Die Lage der Lohnarbeiterschaft wurde für die Epoche der "Industriellen Revolution" zur sozialen Hauptfrage. In der Mitte des 19. Jahrhunderts zeigte sich auch, dass die Wirtschaft zum Schicksal geworden war. Die Wirtschaftskrise von 1857 war die erste, die durch Überproduktion und Absatzschwierigkeiten hervorgerufen worden war und sie ließ keines der in der Weltwirtschaft einbezogenen Ländern unberührt.

Großbritannien - Heimat der Industriellen Revolution

Schottischer Wirtschaftsökonom Adam Smith
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Schottischer Wirtschaftsökonom Adam Smith

Zwischen 1700 und 1800 wuchs die Bevölkerung in Großbritannien von 6,7 auf 10,2 Millionen, bis 1851 auf rund 21 Millionen. Neben einer verbesserten medizinischen Versorgung wurde diese Zunahme durch eine intensivere Bewirtschaftung und Vermehrung des landwirtschaftlichen genutzten Bodens möglich. Aufgrund der im Vergleich zum Kontinent relativ billigen Grundnahrungsmittel war es auch den unteren und mittleren Einkommensschichten möglich, Geld für Dinge auszugeben, die über die Befriedigung des täglichen Grundbedarfs hinausgingen. Diese Nachfrage kam insbesondere der britischen Textilindustrie zugute, die aufgrund einer ausgedehnten Schafzucht über sichere Rohstoffe verfügte. Bereits im 17. Jahrhundert hatten die adligen Grundbesitzer damit begonnen, das bisherige Gemeinde- und Weideland für die Schafzucht zu nutzen und die Bauern von der Nutzung dieses Bodens auszuschließen. Ein großer Teil der Bauern wurde auf diese Weise zu Pächtern gemacht, andere wanderten in die Städte ab, die zu großen Wirtschaftszentren heranwuchsen. Die Zusammenballung großer Menschenmassen war wesentliche Voraussetzung für die Einrichtung großer Fabrikanlagen. Im Gegensatzu zum Kontinent, wo der Wirtschaft durch eine Fülle staatlicher Reglementierungen und handwerklicher Zunftverfassungen wenig Entfaltungsmöglichkeiten gegeben waren, bestanden in Großbritannien kaum derartige Beschränkungen.

Hier hatte sich der Adel frühzeitig am Handel beteiligt und sich in Verbindung mit dem städtischen Bürgertum wirtschaftlichen Freiraum erkämpft. Die Entwicklung eines einheitlichen Binnenmarktes wurde in Großbritannien auch nicht - wie zum Beispiel in Deutschland - durch eine territoriale Zersplitterung behindert. Hinzu kam, dass die großen Städte und Wirtschaftsregionen untereinander durch Straßen und Wasserwege verbunden waren. Zum langsam expandierenden Binnenmarkt kam ein gleichfalls steigender Export. Gestützt auf eine starke Kriegsflotte, hatte sich Großbritannien einen bedeutenden Anteil am Welthandel gesichert. Das auf diese Weise angesammelte Kapital stand zur Finanzierung der neuen Technologien bereit. Zu diesen objektiven Faktoren trat in Großbritannien eine innovationswillige Unternehmerschicht, bei der sich gesunder Erwerbssinn mit dem Interesse an technischen Neuerungen verband. Die ideologische Rechtfertigung für das neue Wirtschaftsethos lieferte der schottische Nationalökonom Adam Smith. In seinem 1776 erschienen Werk über die Ursachen des Volkswohlstandes plädierte er für ein freies Spiel der ökonomischen Kräfte, durch das sowohl die Wohlfahrt des einzelnen als auch die der Gemeinschaft am besten gewährleistet werden sollte.

Neue Technologie bei der Textilindustrie

Spinning-Jenny
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Spinning-Jenny

Ausgangspunkt für die Einführung neuer Technologie war die Textilindustrie. Die arbeitsintensiven Fertigungsschritte von der Wolle bis zum Gewebe hätten bei einem gleichgebliebenen Stand der Technik nur durch längere Arbeitszeiten oder durch mehr Arbeitskräfte zu einer Produktionssteigerung führen können. Weil um 1750 bereits rund 27 Prozent aller Erwerbstätigen in England und Wales im Wollgewerbe tätig waren, mußten die Textilproduzenten zwangsläufig die Produktivität erhöhen, um mehr zu erzeugen. Dies erforderte eine verbesserte Technik. 1764 stellte der Unternehmer James Hargreaves mit mit der "spinning-jenny" erstmals eine mechanische Baumwollspinnmaschine vor, die sich in ihrer Arbeitsweise jedoch noch stark am bisherigen manuellen Spinnvorgang orientierte. Erst Richard Arkwright mit seiner "water-frame" (1768) und Samuel Crompton mit der "mule" (1779) bahnten mit ihren Erfindungen den Weg zur automatischen Spinnmaschine. Der zweite Bereich der Textilproduktion - die Verarbeitung der Garne zu Geweben - blieb in der Mechanisierung zunächst noch zurück. Erst durch Edmund Cartwright, der 1785 mit der Konstruktion eines Maschinenwebstuhls begann, hielt auch hier die Technik Einzug, wenn es auch noch bis 1823 dauerte, bis die Maschinenweberei qualitätsmäßig den Handwebern überlegen war. Durch die Erfindung und industrielle Nutzung von Kraftmaschinen wurden die Fabriken unabhängig von geografischen Gegebenheiten. Tempo, Leistungskraft und Präzision der Arbeit wurden in einem bislang nicht gekannten Maß erhöht. Die von James Watt entwickelte Dampfmaschine wurde zuerst 1776 - zunächst zum Antrieb eines Hochofengebläses in einer Eisenhütte - industriell genutzt und fand neben der Schwerindustrie auch in der Textilindustrie Verwendung. Um 1800 waren bereits rund 1.000 Dampfmaschinen in Betrieb. Nach der Textilindustrie wurde auch die Schwerindustrie in den wirtschaftlichen Wandlungsprozeß einbezogen. Durch das von Henry Cort 1784 entwickelte "Puddel-Verfahren" wurde die Technik der Stahlproduktion verbessert, neuartige Walzverfahren ermöglichten die Massenverarbeitung von Stahl, Kokshochöfen leiteten das moderne Eisenhüttenwesen ein.

Die Eisenbahn - Motor des Fortschritts

Richard Trevithick's Lokomotive, Blists Hill Museum, Ironbridge
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Richard Trevithick's Lokomotive, Blists Hill Museum, Ironbridge

Zur Modernisierung der Wirtschaft benötigte man neben Fortschritten in der Produktion auch leistungsfähigere Verkehrswege als bisher. In Großbritannien begann man früh mit dem Ausbau der Wasserstraßen. Im Lauf des 18. Jahrhunderts wurde das Kanalnetz von 165 auf 1.004 Kilometer ausgebaut. Allein zwischen 1791 und 1794 wurden 42 Kanalbaugesellschaften mit einem Kapital von 6,5 Millionen Pfund gegründet. Der Transport zu Wasser verbilligte die Beförderung schwerer Massengüter wie Kohle und Eisen. Neben einer Senkung der Transportkosten wurde jedoch vor allem die wachsende Geschwindigkeit bei der Beförderung von Menschen und Material zu einem Merkmal der "Industriellen Revolution". Nach der erfolgreichen Einführung von Dampfmaschinen in den Produktionsprozeß begannen Experimente mit dampfgetriebenen Fahrzeugen. 1804 baute Richard Trevithick eine Lokomotive mit einem Gewicht von fünf Tonnen, dem die damaligen Schienen jedoch nicht gewachsen waren. George Stephenson, der in den Grubenbahnen der Kohlenzechen von Newcastle die Probleme des Lokomotivenbaus kennengelernt hatte, blieb es vorbehalten, mit einer 1829 gebauten "Rocket" das Eisenbahnzeitalter einzuleiten. Am 15. September 1830 wurde auf der Strecke Liverpool-Manchester mit dem regelmäßigen Personenverkehr begonnen. Die Eisenbahn verbesserte nicht nur das Transportsystem, sondern sorgte durch den ständig steigenden Bedarf an Eisen für den Bau der Lokomotiven, Waggons und Schienen für einen gewaltigen Nachfrageschub. Zwischen 1830 und 1850 wurde das Streckennetz in Großbritannien von 152 auf 10.653 Kilometer erweitert, in Deutschland - wo erst 1835 mit dem Eisenbahnbau begonnen wurde - lagen 1850 6.044 Kilometer Schienen, in den USA 14.524 Kilometer. Der Eisenbahnbau zog nicht nur Kapital an - zwischen 1844 und 1847 stiegen die Bruttoausgaben für den Bahnbau von 4,3 auf 36,8 Millionen Pfund -, sondern veränderte auch den Kapitalmarkt. Aktiengesellschaften wurden ins Leben gerufen, ein regelrechtes "Eisenbahnfieber" brach aus und eine neue Gruppe von Kapitalbesitzern wurde geboren, die ihr Geld profitabel anzulegen wußte.

Die Industrialisierung im übrigen Europa und den USA

Puddel-Verfahren 1872
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Puddel-Verfahren 1872

Außerhalb Großbritanniens setzte der wirtschaftliche Entwicklungsprozeß später ein. Auf dem europäischen Kontinent wurden im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zunächst Belgien, die Niederlande, Frankreich und die Schweiz von der Industrialisierung erfaßt, in der Mitte des Jahrhunderts Deutschland und später die übrigen europäischen Länder. Die Gründe für das Zurückbleiben lagen vor allem im Fehlen der Voraussetzungen, die in Großbritannien die "Industrielle Revolution" möglich machten, wobei sich in Deutschland inbesondere die Kleinstaaterei und in Frankreich das merkantilistische Wirtschaftssystem und das Fehlen einer expansionswilligen Unternehmerschicht nachteilig auswirkten. In Frankreich stand noch während des gesamten 19. Jahrhunderts die Landwirtschaft, nicht die Industrie, im Vordergrund der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Die französische Textilindustrie blieb in ihrem technologischen Stand ebenso hinter der englischen zurück wie die Montanindustrie. Erst 1818 wurde der erste Kokshochofen eingesetzt, 1820 erstmals Stahl nach dem "Puddel-Verfahren" hergestellt. In Deutschland wurde nach 1815 begonnen, die staatliche Zersplitterung zumindest im wirtschaftlichen Bereich zu überwinden. Maßgeblichen Einfluß auf die Entwicklung, die mit der Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 einen vorläufigen Abschluß fand, hatte Preußen, das mit der Rheinprovinz über eine schon relativ weit entwickelte Industrieregion verfügte. In den USA, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts neben Deutschland und Großbritannien zur führenden Wirtschaftsnation heranwuchsen, wurde erst durch die starke Einwanderung ab 1850 die Grundlage für die Wirtschaftsexpansion geschaffen. Lange Zeit blieb die Baumwolle Hauptausfuhrprodukt, wenn auch der 1830 beginnende Eisenbahnbau Anstöße zur Entwicklung einer ausgedehnten Schwerindustrie gab, die neben der Ölförderung Träger des rasch expandierenden Kapitalismus wurde.

Neue Gesellschaftskreise

1854-1870 Die Anfänge ... Kohle, Baumwolle und Chartismus
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1854-1870 Die Anfänge ... Kohle, Baumwolle und Chartismus

Die "Industrielle Revolution" veränderte jedoch nicht nur die Produktionsprozesse, sondern beeinflußte die Entwicklung der Gesellschaft in den Industriestaaten. Neben Adel, Bauern und Kleingewerbetreibenden traten zwei Klassen hervor, die sich konträr gegenüberstanden: Kapitalbesitzer und Lohnarbeiter. Der mechanisierte Arbeitsprozeß hatte eine ausgeprägte Arbeitsteilung und -zerlegung zwischen einzelnen Produktionsstätten und innerhalb der betrieblichen Abläufe zur Folge. Gleichzeitig wurde durch die maschinelle Produktion die menschliche Arbeit der Maschine untergeordnet. Zugleich wurden die Arbeitsabläufe vereinfacht, die Arbeitsqualifikationen vermindert und die Beschäftigung von Frauen und Kindern möglich gemacht. Überlange Arbeitszeiten, die zumeist sehr hohe Arbeitsintensität und die schlechten hygienischen Verhältnisse am Arbeitsplatz hatten in Verbindung mit den katastrophalen Wohnverhältnissen in den Industriegebieten zur Folge, dass die Sterblichkeit der Fabrikarbeiter in Großbritannien weit höher war als die anderer Berufsgruppen. Aufgrund dieser Tatsachen wurde 1833 in Großbritannien erstmals die Fabrikarbeit von Frauen und Kindern eingeschränkt. In Preußen wurden 1839 erste Gesetze zur Einschränkung der Kinderarbeit erlassen. Die unzumutbaren Arbeits- und Lebensbedingungen führten schon früh zu Aktionen der Arbeiter, die zunächst gegen die neuen Maschinen in der Textilindustrie gerichtet waren, die viele Heimarbeiter brotlos machten. Bereits 1769 erließ die britische Krone ein Gesetzt gegen die Zerstörung von Maschinen und Fabrikgebäuden. 1819 endete eine Demonstration von Handwerkern und Fabrikarbeitern auf dem St. Petersfield in Manchester nach dem Eingreifen von Militär mit zahlreichen Toten und Verletzten. 1838 formierte sich mit den Chartisten erstmals die englische Arbeiterklasse in einer politischen Organisation und forderte in der "People's Charter" die Einführung des allgemeinen Wahlrechts.


Aufklärung und Revolution

18. Jahrhundert

Aufklärung - Die Weltanschauung

Ein Gespenst geht um die Festung. Kaiser Wilhelm I. - Schlächter der Deutschen Revolution 1848/49, der Französischen Revolution von 1789 bis 1799 und ein Kriegstreiber gegen Dänemark, Österreich und Frankreich. Er erreichte das Alter von 92 Jahren und starb im Jahre 1888. Fortress Spandau, Berlin.
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Ein Gespenst geht um die Festung. Kaiser Wilhelm I. - Schlächter der Deutschen Revolution 1848/49, der Französischen Revolution von 1789 bis 1799 und ein Kriegstreiber gegen Dänemark, Österreich und Frankreich. Er erreichte das Alter von 92 Jahren und starb im Jahre 1888. Fortress Spandau, Berlin.

Zwei politische Ereignisse in der Alten und Neuen Welt prägten in entscheidendem Maß die Entwicklung des 18. Jahrhunderts. Die nordamerikanische Unabhängigkeitsbewegung mit der Gründung der USA (1776) und die Französische Revolution (1789 bis 1799). Beide Ereignisse hatten ihren Ursprung im Gedankengut der Aufklärung, der großen übergreifenden und umwälzenden kulturellen und geistigen Bewegung des 18. Jahrhunderts. Die Aufklärung war - als Weltanschauung des 18. Jahrhunderts - Ergebnis und Höhepunkt eines jahrhundertelangen Säkularisierungs- und Rationalisierungsprozesses. Dieser Wandel erfaßte, ausgehend vom Humanismus und der Renaissance und diese dabei überwindend, die Gesamtheit der Vorstellung vom Menschen, von Gott und der Welt. Der deutsche Theologe und Philosoph Ernst Troeltsch definierte die Aufklärung als "Beginn und Grundlage der eigentliche modernen Periode der europäischen Kultur und Geschichte im Gegensatz zu der bis dahin herrschenden kirchlich und theologisch bestimmten Kultur." Auch wenn die Aufklärung kein geschlossenes philosophisches System besaß, ja geradezu voller innerer Widersprüche steckte, so wurde sie trotzdem die verbindliche Ideologie für die intellektuelle Elite Europas, einig in dem Bestreben, die "selbstverschuldete Unmündigkeit des Menschen" (Immanuel Kant) zu überwinden. In ihrer Entwicklung anfänglich auch vom Adel getragen, war die Aufklärung eine bürgerliche Emanzipationsbewegung mit den gesellschaftspolitischen Zielen des Dritten Standes (politische Freiheit, soziale Gleichheit), wirkte mit ihren Forderungen jedoch weit über das Bürgertum hinaus und trug zur Entstehung des Vierten Standes, der Arbeiterklasse, entscheidend bei. Die Aufklärung nahm ihren Ausgang Ende des 17. Jahrhunderts in den Generalstaaten (Grotius, Spinoza) und Großbritannien (Locke, Hume, Newton). Von dort griff sie auf Frankreich über, wo sie Mitte des 18. Jahrhunderts mit einer rationalistisch-materialistischen Ausformung ihre stärkste Verbreitung fand (Diderot, Voltaire, Rousseau, Montesquieu). In Italien und Deutschland wurde sie zeitlich und inhaltlich erst mit Verzögerung wirksam (Wolff, Lessing, Kant).

Vernunft bestimmt den Menschen

Zentraler Aspekt der Aufklärung war die Vernunft, sie wurde zum Prüfstein aller Erkenntnis und aller Erklärungen in der Welt. Aufklärung war von der Fähigkeit des Menschen überzeugt, sich selbst zu vervollkommnen. Der einzelne war in seiner Entscheidung autonom und frei, jeder geschichtlichen Geprägtheit wurde eine Absage erteilt. "Sapere aude" - "Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen", lautete der Wahlspruch des Königsberger Philosoph Kant. Die Aufklärung ihrer Enttheologisierung des philosophischen Denkens - der Mensch, nicht mehr Gott stand im Mittelpunkt der Betrachtungsweise - beinhaltete einschneidende Veränderungen in politischen, gesellschaftlichen und sozialen Bereichen. Erstmalig in der Geistesgeschichte stand die Philosophie in prinzipieller Opposition zur Kirche, Religion und zum Christentum. Unbegrenzter Optimismus und ungehemmter, geradezu naiver Fortschrittsglaube trat an die Stelle der bisherigen Autoritäts- und Traditionsgläubigkeit. Aufklärung glaubte an die Glückseligkeit des Menschen, eines der Bildungs- und Erziehungsziele des aufklärerischen Denkens. Der Pflicht zur Bildung entsprach die Forderung nach dem Recht auf Bildung. Erziehung zur Selbsterziehung und damit zur Selbstbestimmung hieß die Maxime im Sinne der Vernunft.

Naturrechtslehre des John Locke

John Locke (1632-1704)
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John Locke (1632-1704)

Bemüht um die Popularisierung dieser philosophischen Gedanken und Erkenntnisse mündete der aufklärerische Anspruch, dass jeder einzelne seine Rechte erkennen und auch wahrnehmen sollte, in der Forderung nach politischem Mitspracherecht und Beteiligung am staatlichen Leben. Der englische Philosoph John Locke formulierte in seiner Naturrechtslehre das Recht eines jeden Menschen auf Leben, Freiheit und Eigentum als ewiges und unveräußerliches Naturrecht. Um dieses Naturrecht vor Rechtsbrechern zu sichern, schließen die Menschen - ein Gebot der Vernunft - auf freiwilliger Basis einen Gesellschaftsvertrag miteinander, in dem sie sich verpflichten, eine Institution (Staat) zu errichten, die den Schutz ihrer Rechte gewährleistet. Lockes Vertragslehre beruhte auf dem Grundsatz, dass die so zustande gekommene staatliche Autorität sich auf die ausdrückliche Zustimmung oder zumindest stillschweigende Duldung der Bürger berufen konnte. Die Rechtsgrundsätze - Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum - die der Staat zu schützen hat und die er dem Staatsbürger nicht nehmen kann, da sie als unveräußerliches Naturrecht bereits vor der Gründung des Staatswesens bestanden, machten Locke zum klassischen Vertreter der Idee der Menschenrechte (Menschenrechtserklärung der USA von 1776 und Frankreichs von 1789) und zum Begründer des politischen Liberalismus im 19. und 20. Jahrhundert.

Gewaltenteilung und Volkssouveränität

Der französische Jurist und Philosoph Baron de Montesquieu entwickelte, ausgehend von den politischen Verhältnissen in Großbritannien ("Glorious Revolution" von 1688), die Lehre von der Gewaltenteilung und der parlamentarischen Regierungsverantwortlichkeit, die für die weitere Entwicklung des Verfassungsstaates von entscheidender Bedeutung wurde. Ausgehend von der Beobachtung, dass Freiheit weniger eine Folge besonderer moralischer Eigenschaften eines Volkes sei, als vielmehr ein Ergebnis der Einschränkung staatlicher Gewalt, konstruierte Montesquieu das folgende Modell: Die Aufsplitterung der staatlichen Macht in Legislative (gesetzgebende Gewalt), Exekutive (ausführende Gewalt) und Judikative (rechtsprechende Gewalt), deren Ausübung in verschiedenen Händen und bei unterschiedlichen sozialen Gruppen liegen soll, gewährleistet am wirksamsten die gegenseitige Kontrolle und verhindert damit den Machtmißbrauch, der für Montesquieu immer auch Freiheitsentzug bedeutet. Einen anderen Weg der politischen Mitbeteiligung des Volkes am staatlichen Leben schlug der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau ein. Unter dem Einfluß der Demokratie im antiken Griechenland entwickelte er ein Demokratie-Modell, das die Einordnung des einzelnen in die Gesellschaft mit den Werten Freiheit und Gleichheit zu verbinden suchte. Rousseaus Überlegungen gingen von einer direkt praktizierten Demokratie aus. Das gesamte Volk ist der Souverän ("Alle Staatsgewalt geht vom Volk aus"). Alle Bürger sind gleichberechtigt, zugleich Gesetzgeber und Regierung in einem. Das Recht der Mehrheit hat Vorrang vor dem des einzelnen. Entschieden wird nach dem Gemeinwillen (volonté général). Der wahre Gemeinwille, d. h. das, was dem Gemeinwohl aller dient, steht über dem "Willen aller" (volonté de tous), der durch Einzelinteressen verfälscht sein kann.

Kants Vorstellung vom Rechtsstaat

Immanuel Kant. Worin besteht der Fortschritt zum Besseren im Menschengeschlecht? Wiesbaden, 1914
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Immanuel Kant. Worin besteht der Fortschritt zum Besseren im Menschengeschlecht? Wiesbaden, 1914

Im deutschen Sprachraum beschäftigt sich der Königsberger Philosoph Immanuel Kant mit der Lehre von einer verantwortlichen Regierung. Seine politische Theorie ging, in Anlehnung an die Verfassungsstaatsideen der britischen und französischen Denker, von der Schaffung einer "Bürgerlichen Gesellschaft" aus, welche dem einzelnen Staatsbürger ein Höchstmaß an Freiheit bescheren soll. Die Grenzen der Freiheit des einzelnen sind bestimmt durch die Vereinbarkeit der Freiheit mit der des anderen. Aufgabe der gemeinsamen Rechtsordnung, unter welcher die bürgerliche Gesellschaft lebt, ist die Garantierung dieser Freiheit und ihre Sicherung vor Mißbrauch. Die Regierungsart, welche diese Grundsätze verwirklichen sollte, nannte Kant republikanisch. Die Regierungsart war für ihn weit wichtiger als die jeweilige Staatsform (Monarchie, Aristokratie, Demokratie). Kants politisches Denken beeinflußte die preußischen Reformer zu Beginn des 19. Jahrhunderts und förderte wesentlich die Entwicklung des Rechtsstaates in Deutschland.

USA - Die Emanzipation der Neuen Welt

Der nordamerikanische Unabhängigkeitskampf entzündete sich an der Weigerung der 13 Kolonien, an das Mutterland Großbritannien Steuern zu zahlen, ohne dafür politische Mitbestimmungsrechte im Londoner Parlament zu haben. Der Wirtschafts- und Finanzkonflikt weitete sich in der Folge zum Rechtsstreit über politische Grundsatzfragen aus. Im Gegensatz zur Französischen Revolution lag die Ursache der Nordamerikanischen Revolution nicht in wirtschaftlicher Bedrückung oder sozialer Not begründet, sondern im Eingriff in verbriefte Rechte und in der Mißachtung des im britischen "Common law" begründeten Widerstandsrechtes der Kolonisten gegenüber dem rechtsbrüchigen König Georg III. Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 formulierte diesen Widerstand und erstmals auch die Menschenrechte als Grundsatzprogramm für ein freiheitliches Gemeinwesen ("Leben, Freiheit und Streben nach Glückseligkeit"). Die Verfassung der USA von 1787 verband die Tradition der naturrechtlichen Forderungen eines John Locke mit der Tradition nordamerikanischer Selbstverwaltung und -regierung. Verfassung und Unabhängigkeitserklärung kombinierten in idealer Weise die liberalen Gedanken der britischen Freiheitstradition (Magna Charta 1215, Habeas-Corpus-Akte 1679) mit den Grundsätzen der demokratischen Gleichheit und politischen Mitbestimmung.

1789 - Der Zusammenbruch des Ancien Régime

Napoleon Bonaparte
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Napoleon Bonaparte

Einen wesentlichen Aspekt der vielschichtigen Ursachen der Französischen Revolution bildete das Zusammentreffen einer neu formierten aufklärerisch gesonnenen Öffentlichkeit mit dem Vertrauensverlust in das von Mißernten und Wirtschaftskrisen erschütterte absolutistische Herrschaftssystem des Ancien Régime (frühere Regierungsform). Die Französische Revolution bildete in ihren Abläufen keinen einheitlichen Block, sondern bestand aus einem Geflecht von mehreren parallel laufenden, sich teilweise überschneidenden und gegenläufigen revolutionären Bewegungen. Unter dem Banner "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" vollzog sich in Frankreich eine vom Bürgertum getragene politische Verfassungsrevolution (1791 konstitutionelle Monarchie, 1782 Republik). Daneben gab es eine von der politisierten kleinbürgerlichen Stadtbevölkerung organisierte städtische Volksrevolution (1789 Bastillesturm, 1793 Sansculotten-Aufstand), hinzu kamen die Aufstände der Bauern in der Provinz (1789 Panik der "Großen Angst", 1793 Vendeé-Aufstand). In ihrem Verlauf wurde die Französische Revolution ein Opfer ihrer eigenen Radikalität (1793/94 jakobinische Schreckensherrschaft), an dessen Ende der Staatsstreich des Revolutionsgenerals Napoleon Bonaparte stand. Die Französische Revolution zerstörte zwar die alte Stände-Ordnung des Ancien Régime, die Lage der Stadtbevölkerung und der Bauern änderte sich jedoch kaum. Hauptnutznießer war vielmehr das politisch und wirtschaftlich erstarkte Bürgertum. Die freiheitlichen Losungen der Französischen Revolution erzeugten jedoch ein bleibendes politisches Bewußtsein von der Veränderbarkeit alter, überkommener Ordnungen, das im 19. Jahrhundert in den nationalen Freiheitskämpfen wirksam wurde.

Der aufgeklärte Absolutismus Friedrich des Großen

Friedrich der Große
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Friedrich der Große

Im Gegensatz zu Frankreich und den USA, wo Revolutionen den Ideen der Aufklärung zum Durchbruch verhalfen, setzten sie sich auf dem europäischen Kontinent vor allem in Preußen und Österreich ("Josephinismus") in Form des aufgeklärten Absolutismus durch. Prototyp des aufgeklärten absolutistischen Herrschers war der preußische König Friedrich II., der Große. Dem Anspruch des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV., "L'état c'est moi" ("Der Staat bin ich") setzte Friedrich die Überzeugung entgegen, der erste Diener seines Staates zu sein. Gottesgnadentum legitimiert zwar des Königs Herrschaft, erfordert aber die Pflichterfüllung des aufgeklärten Fürsten gegenüber seinen Untertanen. Der frankophile, literarisch gebildete Friedrich war von der wohltätigen Wirkung der Monarchie auf seine Untertanen überzeugt (Wohlfahrtsstaat: "Nichts durch das Volk, alles für das Volk"). Ein bestimmendes Merkmal des aufgeklärten Absolutismus war es, einerseits durch grundlegende Rechtsreformen (1794 Allgemeines Landrecht), die Rechtssicherheit des einzelnen Bürgers zu erhöhen, andererseits jedoch gleichzeitig durch eine zunehmende Bürokratisierung den einzelnen in seiner persönlichen Freiheit zu reglementieren. Das Wohl des Individuums hatte sich letztlich dem Wohl des Staates, der Staatsräson, unterzuordnen. Oberstes politisches Gebot Friedrich des Großen war die Machterhaltung und -erweiterung des preußischen Staates. Um dieser Staatsräson willen führte der aufgeklärte Monarch drei verlustreiche Kriege, die Preußen zur europäischen Großmacht verhalfen, es jedoch auch an den Rand seiner staatlichen Existenz trieben.


Das Zeitalter der Nationalstaaten

19. Jahrhundert

Die Nation - Eine Solidargemeinschaft

Französischer Schriftsteller Ernest Renan
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Französischer Schriftsteller Ernest Renan

Das 19. Jahrhundert war in Europa wie auch in Lateinamerika das Zeitalter der Nationalstaaten. Neben der Industrialisierung prägte die Nationalstaats-Idee das Gesicht der Zeit. In beiden Kontinenten kam es zu Erhebungen und Revolutionen unterdrückter Völker gegen die angestammten Herrschaftssysteme. Der Emanzipationsprozeß, ein langer, beschwerlicher und oft mit Opfern verbundener Weg in die Selbständigkeit und Selbstbestimmung, erschütterte die gesamte Staatenwelt und veränderte das politische und gesellschaftliche Gefüge der Alten wie der Neuen Welt. Die Ideen der Französischen Revolution von 1789 - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - und das Beispiel der nordamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung von 1776, die Emanzipation der 13 Neuengland-Kolonien vom Mutterland Großbritannien, standen am Beginn des modernen Nationalstaates. Im Gegensatz zum alten Nationsbewußtsein gibt es für die moderne Nation grundsätzlich keinen Unterschied mehr zwischen bevorrechigten (Adels-)Ständen und rechtlosem Volk. Im Gegenteil, das Volk selber wird zum Souverän und zum Träger des nationalen Willens. Diese Nation der allgemeinen Staatsbürgerschaft strebt zum Nationalstaat, in dem sich die Grenzen der Nation mit denen des Staates decken sollen. Zu den bestimmenden Merkmalen, die eine Nation ausmachen, gehören zum einen die gemeinsame Abstammung, Sprache und ihre Geschichte (objektive Bestimmung), zum anderen das politische Bekenntnis und die willentliche Selbstbestimmung eines Volkes, eine Nation sein zu wollen und sich als eine nationale Gemeinschaft zu begreifen (subjektive Bestimmung). Der französische Schriftsteller Ernest Renan formulierte es 1882 so: "Eine Nation ist also eine große Solidargemeinschaft, gebildet durch das Gefühl der Opfer, die man gebracht hat und die man zu bringen weiterhin bereit sein. Sie begreift sich durch ihre Vergangenheit und faßt sich gleichwohl in der Gegenwart zusammen...Die Existenz einer Nation ist...eine immerwährende Volksabstimmung, so wie die Existenz des Individuums eine fortgesetzte Bejahung zum Leben ist." In der alten Welt, in Europa, erfolgte dieser Emanzipationsprozeß zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die Unterdrückungs- und Hegemoniepolitik Kaiser Napoleon I. In der Neuen Welt, Lateinamerika, als Reaktion auf die Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung durch die alten Kolonialmächte Spanien und Portugal. Die Forderung nach nationaler Freiheit und Gleichheit löste eine Welle der konservativen Reaktion und Restauration der in ihrem Bestand gefährdeten Staaten aus und führte zu blutigen Auseinandersetzungen und Kriegen.

Die politischen und geistigen Strömungen

Der Sonnenkönig Ludwig XIV. gilt als klassischer Vertreter des höfischen Absolutismus
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Der Sonnenkönig Ludwig XIV. gilt als klassischer Vertreter des höfischen Absolutismus

Die Forderung nach einer nationalstaatlichen Existenz, nach einer Politik der nationalen Einigung und Einheit, ist nicht ohne die großen geistigen und politischen Strömungen des Konservatismus und des Liberalismus sowie der demokratischen und sozialistischen Bewegung denkbar. Diese Denkrichtungen, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu Weltanschauungen wurden, entstanden in Anlehnung an die Ideen der Französischen Revolution und in Auseinandersetzung mit dem konservativen Gedankengut der europäischen Restaurationsepoche nach 1815. Entschiedener Verfechter des Nationalstaats-Prinzips war der politische Liberalismus. Der von Fortschritt und Vernunft überzeugte Liberalismus forderte den Verfassungs- und nationalen Einheitsstaat, der seine Macht durch demokratische Verfassungsgesetze und Gewaltenteilung bindet und auf Unterdrückungs- und Machtstaatpolitik verzichtet. Liberales Denken glaubte an die Reformfähigkeit, an die immer freiheitlichere Ausgestaltung und allmähliche Demokratisierung des Staatswesens. Die Demokraten betonten die Prinzipien der Gleichheit und Volkssouveränität (alle Staatsgewalt geht vom Volke aus). Sie lehnten die Kleinstaaterei und den Absolutismus ab, da beide nicht den wahren Gemeinwillen der Staatsbürger widerspiegeln und dem Prinzip der Volkssouveränität widersprechen. Konservativem Denken ging es um die Bewahrung und Erhaltung der politischen Ordnung - Bund von Thron und Altar - wird verteidigt. Der Gedanke an nationale Einheit kam für konservatives Denken einem Umsturz der geheiligten Ordnungen des Ancien Régime gleich. Der Staat (mitsamt dem Volk) wurde als das privatrechtliche Eigentum des Fürsten angesehen, der nur Gott verantwortlich war.

Nationale Erhebungen gegen Napoleons Herrschaft

Der Wiener Kongreß von 1814/15 schrieb die Niderlage Napoleons fest. Die Hegemonie des französischen Kaisers über Europa war gebrochen, der Korse mußte endgültig in die Verbannung nach St. Helena. Die Katastrophe der Großen Armee im Rußlandfeldzug 1812 entflammte den nationalen Widerstand der europäischen Völker gegen die französische Fremdherrschaft. Getragen von nationaler Begeisterung erhoben sich die deutschen Patrioten unter Preußens Führung (Friedrich Wilhelm III. Aufruf "An mein Volk") und rangen in den Befreiungskriegen 1813 bis 1815 mit russischer, britischer und österreichischer Hilfe die Franzosen nieder. Die napoleonische Fremdherrschaft über Deutschland hatte die geistig-literarischen Bewegung der deutschen "Klassik", allmählich und endgültig politisiert. Bereits 1808 war es in Spanien zur nationalen Erhebung gegen Napoleon gekommen. Österreich folgte ein Jahr später.

Europa zwischen Restauration und Revolution

Metternich und Napoleon
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Metternich und Napoleon

Der Wiener Kongreß gab Europa nach alten Prinzipien eine neue politische Ordnung, die bis zum Ersten Weltkrieg im Wesentlichen Gültigkeit behalten sollte. Er sicherte dem Europa der fünf Großmächte (Großbritannien, Frankreich, Preußen, Österreich und Rußland) eine längere Friedensepoche, unterdrückte jedoch die nationalen und liberalen Hoffnungen des aufgeklärten Bürgertums. Die Ordnung des Wiener Kongreß basierte auf den drei politischen Prinzipien der Restauration (Wiederherstellung der Grenzen von 1792), der Legitimität (Rechtfertigung der absolutistisch-monarchischen Herrschaftsansprüche) und der Solidarität (gemeinsame Interessenpolitik der konservativen Staatsführungen zur Abwehr revolutionärer Ideen: Heilige Allianz). Diese Grundsätze bedeuteten die Konfrontation mit der liberalen Forderung nach nationaler Einheit und demokratischer Freiheit. In Deutschland waren es vor allem die studentischen Burschenschaften, die ihre Forderung nach nationaler Einheit, nach Verfassungsstaat sowie nach bürgerlichen Rechten und Freiheiten formulierten. Zur Sicherung der reaktionären Obrigkeit erließ der österreichische Staatsmann Fürst Klemens Wenzel Lothar von Metternich 1819 für den Deutschen Bund die "Karlsbader Beschlüsse", eine Art Radikalenerlaß, der jede Form der nicht staatskonformen Handlung verfolgte (Pressezensur, Überwachung, Demagogenverfolgung). Die liberal-demokratische Bewegung war jedoch nicht mundtot zu machen. Auch im übrigen Europa gärte es. Griechenland erkämpfte sich 1829 nach siebenjährigem blutigem Krieg die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich. Freiwillige aus ganz Europa (Lord Byron, Jean Paul, Friedrich Hölderlin) unterstützten den griechischen Freiheitskampf. Die Juli-Revolution 1830 in Frankreich gab der nationalen Bewegung in Europa weiteren Auftrieb. Belgien erklärt 1830 seine Unabhängigkeit von den Vereinigten Niederlanden. Die Polen, nach drei Teilungen seit 1795 kein eigenständiger Staat mehr, erhoben sich gegen den Zaren, wurden jedoch blutig geschlagen. Geflohene polnische Patrioten warben in Europa um Sympathie und wurden begeistert als Freiheitskämpfer gefeiert. Noch hatte sich die Restauration durchsetzen können, aber in der erzwungenen innenpolitischen Ruhe der Biedermeierzeit schlummerte bereits der Sturm von 1848.

Lateinamerikas Weg in die Unabhängigkeit

Freiheitskämpfer Simón Bolívar
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Freiheitskämpfer Simón Bolívar

Der politische Emanzipationsprozeß der lateinamerikanischen Staaten begann mit der allmählichen Auflösung des spanischen und portugiesischen Kolonialreiches zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Während der napoleonischen Herrschaft im spanischen Mutterland formierte sich in den Kolonien der politische Widerstand gegen die fast 200jährige Ausbeutung. Es bildeten sich Junten (Regierungen) unter der Führung von wagemutigen Caudillos (Anführern). Zu Trägern der Revolution wurde die kreolische Oberschicht, das wohlhabende, doch politisch zurückgesetzte koloniale Bürgertum. Der Kampf galt vorwiegend der politischen Bevormundung und der wirtschaftlichen Ausbeutung weniger der Not der einheimischen Indianer und Mestizen. Der Versuch des spanischen Königs Ferdinand VII., die alten Verhältnisse mit Waffengewalt wiederherzustellen, führte zur Radikalisierung der Unabhängigkeitsbestrebungen. Zentrale Bedeutung für die lateinamerikanische Unabhängigkeitsbewegung erlangten die beiden Freiheitskämpfer Simón Bolívar und José de San Martin. Im Schutz der vom Präsidenten der Vereinigten Staaten, James Monroe, 1823 formulierten Erklärung gegen europäische Interventionsabsichten (Monroe-Doktrin: "Amerika den Amerikanern") erkämpften sich die vier ehemaligen spanischen Vize-Königreiche La Plata (Argentinien/Paraguay), Peru (Peru/Bolivien). Neu-Granada (Kolumbien, Ecuador, Venezuela) und Neu-Spanien (Mexiko) ihre nationale Souveränität. Einzig die portugiesische Kolonie Brasilien löste sich ohne blutigen Krieg vom Mutterland und verkündete 1822 ihre Unabhängigkeit. Mit der erstrebten und erreichten Unabhängigkeit und nationalen Eigenstaatlichkeit verschwanden jedoch nicht die alten Probleme (wirtschaftliche Unterentwicklung, Rassenprobleme, instabile politische Verhältnisse und Vetternwirtschaft, Analphabetentum). An die Stelle der alten Kolonialmächte traten gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Vereinigten Staaten mit ihrem handelspolitischen Dollar-Imperialismus (United Fruit Company).

Reichseinigung in Deutschland und Italien

Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi
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Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi

Die revolutionären Ereignisse 1848 in Frankfreich griffen auch auf Deutschland und Österreich über. In den deutschen Klein- und Mittelstaaten kam es zur Einsetzung von liberaler "Märzministerien" und zur Aufstellung der sogenannten Märzforderungen: Konstitutionelle Verfassung, Pressefreiheit, Einberufung eines deutschen Nationalparlaments. Blutige Straßen- und Barrikadenkämpfe zwangen die Obrigkeiten zum Nachgeben, Metternich mußte gehen. Die in der Frankfurter Paulskirche versammelte Nationalversammlung proklamierte den deutschen Nationalstaat. Die deutsche Revolution wurde jedoch blutig niedergeschlagen. Sie scheiterte an der Uneinigkeit der liberal-demokratischen Bewegung - klein- oder großdeutsche Lösung, Nationalstaat mit oder ohne Österreich - und an der realen Machtstaatpolitik der konservativen Mächte Preußen und Österreich. Der Wunsch nach nationaler Einigung blieb trotz des Scheiterns der Revolution in der deutschen Bevölkerung lebendig, doch wandte sich das liberale Bürgertum enttäuscht und um seine Hoffnungen gebracht ausschließlich Wirtschaft und Handel zu, wo die Einheit seit dem Deutschen Zollverein von 1834 bereits weit gediehen war. Es blieb dem preußischen Staatsmann Otto von Bismarck vorbehalten in drei Reichseinigungskriegen (1864 Dänemark, 1866 Österreich und 1870/71 Frankreich) den deutschen Nationalstaat, den Traum des politischen Liberalismus, von Staats wegen zu schaffen. Die Liberalen spalteten sich über diese durch "Blut und Eisen" vollzogene Reichseinigung "von oben". In Italien brauchte es ebenfalls mehrere Anläufe, um die nationale Einigung zu erreichen. Nach dem Scheitern der italienischen Revolution von 1848/49 wurde das Königreich Piemont-Sardinien unter Ministerpräsident Camillo Graf von Cavour zur großen Hoffnung des italienischen Risorgimento (Wiedergeburt). Während der Sieg im sardisch-französischen Krieg gegen Österreich den Grundstein für ein geeintes Italien legte, erhob sich die italienische Bevölkerung im Königreich Neapel-Sizilien. Der "Zug der Tausend" unter Führung des italienischen Freiheitskämpfers Giuseppe Garibaldi führte zum Sturz der dort regierenden Bourbonen und zur Eroberung Siziliens. 1861 wurde Viktor Emanuel II. König des ersten italienischen Nationalstaates. Mit der Besetzung des von französischen Truppen gehaltenen Kirchenstaates 1870 wurde die Einigung Italiens abgeschlossen.

Die verhängisvolle Tendenz zum Nationalismus

Die Entwicklung der Nationalstaaten zeigte im Verlauf des 19. Jahrhunderts zwei gefährliche Entwicklungen: Im Zug der ideologischen Verhärtung und einer reinen Machtstaatspolitik kam es einerseits zu einer Übersteigerung des Nationalbewußtseins zum emotional hochgeputschten Nationalismus und Chauvinismus, andererseits schlug das Selbstbestimmungsrecht der Völker ins Gegenteil um und führte zu einer rigorosen Unterdrückungs- bzw. Assimilierungs(Angleichungs-)politik von nationalen Minderheiten. Der Imperialismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist Ausdruck für diese Wandlung.


Die Imperialen Weltreiche

19./20. Jahrhundert

Wettlauf um die Aufteilung der Welt

Britischer Unternehmer und Politiker Cecil John Rhodes
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Britischer Unternehmer und Politiker Cecil John Rhodes

Das Zeitalter des Imperialismus umfaßte den Zeitraum des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Der Imperialismus setzte um die Mitte der 70erJahre in Großbritannien ein und erfaßte in den folgenden Jahrzehnten wie in einem Rausch die Großmächte der Welt. Neben den traditionellen Kolonialmächten Großbritannien, Frankreich und Rußland beteiligten sich neue, aufstrebende imperiale Mächte - USA, das Deutsche Reich, Belgien, Italien, Japan - an dem Wettlauf um die Aufteilung der Welt. 1914 waren 72 Quadratkilometer und über 500 Millionen Menschen unter kolonialer Herrschaft, das war mehr als die Hälfte der festen Erdoberfläche und ein Drittel der Weltbevölkerung. Kontrollierten die europäischen Mächte 1870 nur ein Zehntel Afrikas, so waren es 1890 bereits neun Zehntel. In China sicherten sich alle Großmächte politische und wirtschaftliche Einflußsphären. Nur das gegenseitige Mißtrauen der imperialen Staaten verhinderte die Gebietsaufteilung des Reichs der Mitte.

Imperialismus - Eine konkrete Utopie

Imperialismus ist für die heutige Zeit ein stark emotionsgeladener Begriff. Von den Zeitgenossen wurde er keineswegs derart negativ aufgefaßt wie es Kritiker späterer Epochen taten. Der Imperialismus stellte sich den Zeitgenossen um die Jahrhundertwende als eine konkrete (oftmals gescheiterte) Utopie dar, in welcher sich der Wille der Nationalstaaten zur Großmacht mit Weltgeltung ausdrückte. Imperialistische Politik war immer und zuallererst Expansionspolitik globaler Art. Imperialistische Politik wurde verstanden als die Sicherung von Rohstoff- und Absatzmärkten. Es war ein einseitiges Geschäft der Ausbeutung durch die industrialisierten Großmächte. Die Kolonien waren für die meisten imperialen Mächte ein defizitäres Prestigeobjekt, auch wenn einzelne Personen ohne weiteres davon profitierten. Nationales Prestigedenken führte zu einem übersteigerten Nationalismus, der in chauvinistischen Hetztiraden endete, angeheizt durch staatlich gelenkte Massenorganisationen mit ihrem "Hurra-Patriotismus". Die Idee des Imperialismus lebte von einem missionarischen Sendungsbewußtsein und Überlegenheitsgefühl der weißen Rasse und ihrer Zivilisation ("Die Bürde des weißen Mannes"). Cecil John Rhodes sprach von der angelsächsischen als der vornehmsten Rasse, die über alle anderen Völker zu herrschen habe. Verstärkt und wesentlich beeinflußt wurde dieser latente Rassismus durch die das Zeitalter beherrschende populäre Philosophie des Sozialdarwinismus, der erst das geistige-gesellschaftliche Klima schaffte, welches imperiale Machtpolitik ermöglichte. Der Sozialdarwinismus beruhte auf dem Begriff der natürlichen Auslese. Der Kampf ums Überleben führte zum Verlust der Humanität und zur wachsenden Brutalisierung der Politik.
Britischer Premierminister Benjamin Disraeli
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Britischer Premierminister Benjamin Disraeli
Der Sozialdarwinismus wurde immer mehr zur Triebkraft und zur Rechtfertigung nackter Gewalt in der politischen Auseinandersetzung. Der Aggressivität der imperialen Politik der Großmächte entsprach die Unfähigkeit der meisten betroffenen Länder zum wirksamen Widerstand. Die Gründe dafür lagen in der wirtschaftlichen und technischen Rückständigkeit sowie im Fehlen eines politischen Ordnungssystems, das geeignet gewesen wäre, der Besitzergreifung der Großmächte Einhalt zu gebieten. Wo sich Widerstand regte (Burenkrieg, Boxeraufstand), wurde er blutig und grausam niedergeschlagen.

"British Empire" - Seeweg nach Indien

Unter Premierminister Benjamin Disraeli (1868/1874 bis 1880) begann die imperiale Expansionspolitik Großbritanniens, welche der beherrschenden Seemacht das mit Abstand größte Kolonialreich einbrachte (1913: 33 Millionen Quadratkilometer, 400 Millionen Einwohner). Vordringlichste Aufgabe der britischen Weltpolitik war die Sicherung des Seewegs nach Indien, der wichtigsten und wertvollsten Kolonie Großbritanniens. Der Erwerb Zyperns 1878 und die Besetzung Ägyptens 1882 dienten diesem außenpolitischen Ziel. Im Wettlauf um die Aufteilung Afrikas gewann der britische Imperialismus in den folgenden Jahren Richtung und Ziel im sogenannten Kap-Kairo-Plan, der Eroberung und Beherrschung eines geschlossenen Kolonialgebiets in Afrika. Von Norden (Ägypten) und Süden (Kap-Kolonie) gleichzeitig vorstoßend, eroberten die Briten Somali-Land 1884, Kenia 1886, Rhodesien 1891, Uganda 1895 und den Sudan 1899. Machtpolitische Grundlage des "British Empire" bildete die Flotte, deren Überlegenheit die angelsächsische Herrschaft über die Weltmeere sicherte, während sich gleichzeitig die Überzeugung verbreitete, die Herrschaft der "pax Britannica" müsse für die beherrschten Völker eine allgemeine, segensreiche Wohlfahrt bringen. (Man sprach von einer "täglich englischer werdenden Welt".) Vertragliche Absprachen mit den konkurrierenden Weltmächten - nach der Faschodakrise mit Frankreich, Panamakanal-Regelung mit den USA, Persien-Ausgleich mit Rußland - sollte kriegerische Konflikte begrenzen. Führender Imperialist und Wegbereiter des Commonwealth-Gedankens war der britische Kolonialminister Joseph Chamberlain. Er propagierte die Idee eines föderativen Weltreiches, dessen einzelne Länder sich eigenverantwortlich regieren und mit dem Mutterland Großbritannien militärisch, finanziell und handelspolitisch eng verbunden sein sollten (1867 Dominion Kanada, 1901 Australien, 1907 Neuseeland, 1910 die Südafrikanische Union).

Frankreichs Imperium in Afrika und Indochina

Ministerpräsident Jules François Camille Ferry
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Ministerpräsident Jules François Camille Ferry

Der französische Imperialismus konzentrierte sich im Wesentlichen auf zwei Regionen. Die Erschließung des schwarz-afrikanischen Kontinents und die Eroberung Indochinas. Eingeleitet wurde die imperiale Politik Frankreichs in den 80er Jahren von Ministerpräsident Jules François Camille Ferry. Ausgangspunkt der Eroberung bildete der bereits vorhandene französische Kolonialbesitz in Nordafrika (Algerien) und Cochinchina (Saigon). In beiden Regionen geriet der französische Imperialismus mit den Briten in Konflikt, der jedoch beigelegt werden konnte. Stoßrichtung der französischen Außenpolitik war die Eroberung des schwarzen Kontinents von Nordwesten und Osten her (Tunesien, West- und Äquatorialafrika sowie Madagaskar). 1910 verfügte Frankreich über ein geschlossen zusammenhängendes Gebiet in West- und Zentralafrika. Der Plan Frankreichs, Ägypten von Westen und Süden her einzukreisen führte zur Faschodakrise von 1898 mit Großbritannien. Ein drohender Kolonialkrieg konnte jedoch vermieden werden. In langjährigen Kämpfen gegen China sicherte sich Frankreich den Besitz von Tongking, Annam und Laos. Zusammen mit Kambodscha errichteten die Franzosen 1887 die Indochinesische Union, war zu Konflikten mit Großbritannien führte, das um Indien fürchtete. Die gesamte imperialistische Politik Frankreichs stand unter dem Eindruck der Niederlage gegen Deutschland 1870/71 und der damit verbundenen außenpolitischen Isolation. In der internationalen Politik als Weltmacht wieder anerkannt zu werden, war das erklärte Ziel des französischen Imperialismus. Höhepunkt dieser angestrebten Politik bildete die "Entente Cordiale" von 1904 mit Großbritannien, welche die kolonialpolitischen Differenzen zwischen beiden Weltmächten endgültig beendete. Statt dessen verschärften sich die politischen Auseinandersetzungen mit dem Weltmachtstreben des Deutschen Kaiserreiches (Marokko-Krisen 1906 und 1911).

Deutschlands "Platz an der Sonne"

Die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches begann noch unter Reichskanzler Otto von Bismarck 1884/85, als Deutsch-Südwest-Afrika, Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Neuguinea unter den Schutz des Reiches gestellt wurden. Mit dem "persönlichen Regiment" Kaiser Wilhelm II. trat das Deutsche Reich in die imperiale Politik ein. Die militärischen und politischen Führungsschichten des Kaiserreiches betrachteten Weltpolitik als Aufgabe, Weltmacht als Ziel und die Flottenrüstung als Instrument zur Durchsetzung dieses Ziels. Der Satz "von der zu spät gekommenen Nation" machte die Runde. Erst seit 13 Jahren eine geeinte Nation, glaubte Deutschland weltpolitisch etwas zu versäumen, wenn es sich nicht rechtzeitig am imperialen Wettlauf um die Aufteilung der Welt beteiligte.
Theodore "Teddy" Roosevelt
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Theodore "Teddy" Roosevelt
Die politische, militärische und wirtschaftliche Bedeutung der kolonialen Erwerbungen (in Afrika 1884 und 1885, Kiautschou 1898, Deutsch-Neuguinea 1885 bis 1899) standen in keinem Verhältnis zum proklamierten "Griff nach der Weltmacht". Die weltpolitischen Aktivitäten, vor allem Kaiser Wilhelm II. unkluge und unbedachte Einmischung in fremde Angelegenheiten (Krüger-Depesche 1898, Daily-Telegraph-Affäre 1908) führten letztlich zur außenpolitischen Isolation des Reiches. Die Flottenrüstung, des Kaisers Lieblingsidee, zu einer nationalen Prestigeangelegenheit, aufgebauscht, endete mit einer Krise der deutsch-britischen Beziehungen und der Annäherung Großbritanniens an Frankreich. Der deutsche Anspruch auf Weltmachtpolitik wurde von der nationalen Publizistik und den imperialistischen Agitationsverbänden lautstark unterstützt. Der "Alldeutsche Verband" und der "Flottenverein" (über eine Million Mitglieder) nährten mit der Idee vom deutschen Sendungsbewußtsein in breiten Bevölkerungskreisen einen übersteigerten Nationalismus und radikalen Chauvinismus, der dem Deutschen Reich den Vorwurf der Überheblichkeit und Ignoranz eintrug.

Der "Dollar-Imperialismus" der USA

Der Sieg im spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 machte aus der bisherigen Kontinentalmacht USA eine imperiale Großmacht mit verstreutem Inselbesitz in der Karibik und im Pazifik. Die ehemals spanischen Besitzungen Kuba und Puerto Rico sowie Guam und die Philippinen wurden zu US-Protektoraten. Mittelamerika, der "Hinterhof der USA" und der Ferne Osten wurden zu zentralen Schauplätzen imperialer Politik der USA. Als atlantische und pazigische Macht zugleich konnten die USA ihren weit gestreuten Besitz auf Dauer nur durch zwei starke Flotten sichern. Enorme Rüstungsanstrengungen unter Präsident Theodore Roosevelt machten die USA hinter Großbritannien zur zweitstärksten Seemacht der Welt (1904: 5. Platz, 1907: 2. Platz).
Peter I. der Große
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Peter I. der Große
Der Bau des strategisch bedeutsamen Panamakanals, der beide Weltmeere miteinander verband, bildete die Basis des amerikanischen Imperialismus und ermöglichte eine effektive Kontrolle des kolonialen Besitzes. Um die politische und militärische Sicherheit des Landes auf Dauer gewährleisten zu können, proklamierte Roosevelt das Recht der USA, in mittelamerikanischen Staaten zu intervenieren, wenn amerikanische politische oder wirtschaftliche Interessen auf dem Spiel stehen sollten. Während die "Dollar-Diplomatie", d. h. mit finanziellen Mitteln indirekt politischen Einfluß auf die Regierungen zu nehmen, in Mittelamerika erfolgreich war (Panama 1904, Dominikanische Republik 1905, Nicaragua 1909), scheiterte sie in China. Die Fernostpolitik der USA beruhte auf dem Mythos des umfassenden Handels mit China, das reale Handelsvolumen betrug jedoch nur drei Prozent. Die imperiale Machtpolitik der USA und die Forderung nach ökonomischer Chancengleichheit (sogenannte Politik der offenen Tür) im Fernen Osten und im Pazifikraum schürte den Interessenkonflikt mit der anderen emporsteigenen fernöstlichen Großmacht Japan. Dieser machtpolitische Gegensatz belastete die Beziehungen bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

Japan und Rußland - Rivalen in Ostasien

Nach der Öffnung Japans für die westliche Welt Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Inselreich auf Grund seiner Expansionspolitik schnell zu einer führenden Großmacht in Ostasien. Die rasche Industrialisierung und der starke Bevölkerungsanstieg (1867: 26 Millionen, 1913: 52 Millionen) schafften in dem kleinen Land die Grundlagen für imperialistische Ideologien und Machtpolitik. In zwei siegreichen Kriegen (gegen China 1894/95) und gegen Rußland 1904/05) eroberte Japan Formosa, Korea, gewann die wegen der Bodenschätze begehrte Mandschurei und sicherte sich politischen und ökonomischen Einfluß in China. Japans Großmachtstellung, international anerkannt, beruhte auf der militärischen Schlagkraft seines Heeres und seiner Flotte sowie seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Im Gegensatz zu den anderen Weltmächten war Rußlands Imperialismus kontinentaler Art. Getrieben vom zaristischen Machtwillen, von der "Jagd nach einer Grenze im ewigen Sibirien" richtete sich der russische Imperialismus auf zwei Ziele: In Ostasien eisfreier Zugang zu den Weltmeeren und im Vorderen Orient die Beherrschung der Dardanellen (Zugang zum Mittelmeer). Große Rüstungsanstrengungen und der Bau der militärstrategisch lebensnotwendigen Transsibirischen Eisenbahn (1891 bis 1904) sollten dieses Ziel verwirklichen helfen. Die Besetzung der begehrten Mandschurei im Jahr 1900 führte zum Krieg mit Japan. Die Ideologie des russischen Imperialismus war der Panslawismus, die Idee der politischen Einigung aller Slawen unter russischer Führung.


Judentum und Zionismus

19./20.Jahrhundert

Eine Neue Nationalbewegung

Jurist und Journalist Theodor Herzl
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Jurist und Journalist Theodor Herzl

In Basel trat Ende August 1897 ein ungewöhnlicher Kongreß zusammen. Abgesandte von Judengemeinden aller Länder vereinigten sich, um über die Zukunft der Juden in einem noch zu schaffenden Staatswesen zu beraten. Die Gründung des "Judenstaats" für das jüdische Volk wurde beschlossen. Entstehen sollte er auf dem Boden, von dem die Römer einst die Juden vertrieben hatten. "Zion" - gleichgedeutend mit Jerusalem (wo ein Hügel diesen Namen trägt) - sollte das Zentrum bilden. Die neue Bewegung war eine Antwort auf das seit dem Aufkommen des Antisemitismus gescheiterte Experiment der Judenemanzipation. Hinzu kam der Schock wiederaufflammender Judenpogrome in Rußland. Dem Nationalismus trat so im Zionismus eine durchaus verwandte Bewegung entgegen, auch wenn die Juden über viele Nationen, mit denen sie sich zum Teil zu identifizieren begonnen hatten, verstreut lebten, auch wenn sie eine religiös-kulturelle Tradition zusammenhielt und sie ein Territorium für ihren Staat noch erwerben mußten. Die Seele der Bewegung war bis zu seinem Tod 1904 der aus Budapest stammende Jurist und Journalist Theodor Herzl. Er hatte die Enttäuschungen der gescheiterten Emanzipation selbst zu spüren bekommen. Er griff zeitgenössische zionistische Ideen auf und machte sie politisch wirksam. Die zionistischen Weltkongresse, die als eine Art Parlament der Juden fungierten, wurden von ihm geleitet. Sein Plan war es, durch Verhandlungen mit dem osmanischen Sultan in Konstantinopel und mit den europäischen Großmächten eine international abgesicherte Anerkennung für die Gründung eines Judenstaats auf dem Boden Palästinas zu erreichen, wo sich bereits jüdische Siedler um die Urbarmachung wüster oder versumpfter Landstriche mit finanzieller Unterstützung des Bankhauses Rothschild in Paris bemühten. Die Hohe Pforte sollte durch Übernahme eines Teils ihrer Staatsschuld gewonnen werden. Freilich war die internationale Lage für das Vorhaben wenig günstig. Auch war der "politische" Zionismus mit seinen 1914 etwa 200.000 Anhängern unter rund elt Millionen Menschen, die sich zum Judentum bekannten, noch kaum verankert.

Die Gründung des Staates Israel

Am 2. November 1917 gab der britische Außenminister Lord Balfour seine berühmte Erklärung ab, die den Juden eine Heimstätte in Palästina zusicherte, allerdings mit dem Vorbehalt, dass die bürgerlichen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung gewahrt bleiben müßten. Die Deklaration mitten im Ersten Weltkrieg sollte der Sympathiewerbung unter den zum Teil recht einflußreichen britischen und amerikanischen Juden dienen. Zuvor bereits hatte London aber dem Scherif von Mekka, Husain Ibn Ali (1908 bis 1925) Zusicherungen im Hinblick auf ein nationales arabisches Königreich gemacht, das auch Palästina umfassen sollte. Mit diesem Widerspruch mußten die Briten fertigwerden, als sie 1922/23 vom Völkerbund Palästina als Mandatsgebiet zur Verwaltung erhielten. Es gelang freilich nicht, den Konflikt zwischen Arabern und Juden, deren Anteil bis 1929 lediglich auf 15 Prozent wuchs, einzudämmen. Der Aufkauf kultivierbaren Landes, die Tendenz, eher jüdische Arbeitskräfte heranzuziehen und die in der Schwebe gehaltene Nationalstaatsfrage brachten die arabische Bevölkerung immer mehr auf, zumal infolge der Entwicklung in Europa in den dreißiger Jahren die jüdische Einwanderung zunahm und der Anteil der Juden sich schließlich auf etwa 30 Prozent belief. Die Briten schränkten die Einwanderung drastisch ein und dabei blieb es auch nach 1945, als die Überlebenden der NS-Ausrottungspolitik nicht nach Palästina gelassen wurden. Die Antwort waren jüdische Terroraktionen gegen die Briten im Mandatsgebiet und illegale Einwanderung. Dies veranlaßte London 1947, das Mandat an die UNO zurückzugeben. Deren Vollversammlung beschloß im November die Aufteilung Palästinas in ein jüdisches und ein arabisches Staatsgebiet (bei internationaler Verwaltung Jerusalems), was von jüdischer Seite angenommen, jedoch von arabischer abgelehnt wurde. Am Abend vor dem Erlöschen des britischen Mandats (14.05.1948) verkündeten die Juden daher einen unabhängigen Staat Israel, der sofort von den beiden Weltmächten USA und UdSSR anerkannt wurde. Er umfaßte 56 Prozent des Mandatsgebiets (mit dem Osten Jerusalems), aus dem von den etwa eine Million Arabern rund 850.000 entflohen, weil sie eine jüdische Unterdrückung befürchteten. Diese großenteils in Flüchtlingslagern untergebrachten Palästinenser, die sich zunehmend militarisierten, bilden bis heute das politische Hauptproblem des Staates Israel.

Krieg, Bewährung und Krise

Jom-Kippur-Krieg, auch Ramadan-Krieg genannt
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Jom-Kippur-Krieg, auch Ramadan-Krieg genannt

Von den Nachbarstaaten wurden die 1948 etwa 600.000 "Israelis" sofort angegriffen, konnten sich aber in ihrem Staatsgebiet behaupten. Die Unterstützung durch das Judentum in den USA sowie nicht zuletzt die Finanzhilfe der Bundesrepublik im Rahmen von Wiedergutmachungsleistungen für die nationalsozialistischen Verbrechen stabilisierten den Staat ebenso wie hochqualifizierte Einwanderer. Die Urbarmachung öder Landstriche wurde fortgesetzt. 1983 lebten in Israel 3,37 Millionen Juden. 1956 und 1967 kam es zu Kriegen mit den Nachbarstaaten, wobei zuletzt die Sinai-Halbinsel, das nicht zum Judenstaat gehörige Westjordanland (mit West-Jerusalem) und die syrischen Golanhöhen besetzt wurden. Dauernden Frieden brachten diese Erfolge nicht. Die hochgerüstete Armee zu unterhalten, brachte auf die Dauer den Ruin des Wirtschaftslebens. Im "Jom-Kippur-Krieg" 1973 konnte Israel sich nur mit Mühe behaupten. 1977/79 kam es zur Normalisierung mit Ägypten, das die Sinai-Halbinsel zurückerhielt, aber die Spannungen mit der übrigen arabischen Welt dauern fort. Die Besatzungspolitik im Nordwesten und am Jordan wurde zur Annexionspolitik, die inzwischen auch auf den südlichen Libanon übergegriffen hat. Seit Menachem Begins Amtszeit als Premierminister (1977 bis 1983) werden von der Regierung Siedlungen religiöser Fundamentalisten im Besatzungsgebiet begünstigt. Ziel ist die Erreichung jener Grenzen, bis zu denen sich einst das Land Israel ("Erez Israel") unter seinen großen Königen David und Salomo (1004 bis 926 v. Chr.) erstreckt hat.

Der Traum von der Vergangenheit

Die Thora - Die sogenannten fünf Bücher Moses
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Die Thora - Die sogenannten fünf Bücher Moses

Damals reichte Israel in der Tat vom Golf von Akaba bis nach Damaskus und weit hinein ins Ostjordanland. Entstanden war es durch Einwanderung verschiedener Nomadenstämme aus Mesopotamien, die im "Land Kanaan" seit dem 14. Jahrhundert v. Chr. zunächst als Bauern, dann auch als Stadtbewohner seßhaft wurden. Zu ihnen stieß um 1200 ein ursprünglich nach Ägypten gewanderter Stamm, der dort zu Fronarbeiten herangezogen worden und entflohen war. Sein Führer trug den ägyptischen Namen Mose und er hat seiner Schar den Kult des Gottes Jahwe vermittelt, den er wohl im nordwestlichen Arabien kennengelernt hat. Dieser Kult wurde von den übrigen Stämmen nach der Landnahme in Palästina übernommen. Aus dem Kultverband wurde - in steter Auseinandersetzung mit den nicht dazugehörigen Völkerschaften - Ende des 11. Jahrhunderts ein unter einem König stehenden Staatswesen. Möglich war das nur, weil durch die zeitweilige Schwäche Ägyptens wie Assyriens in dieser Mittelmeerregion ein Machtvakuum herrschte. Die inneren Gegensätze des Israeliten-Reichs waren jedoch so stark, dass es nach Salomos Tod 926 v. Chr. auseinanderbrach. Seine Dynastie hielt sich nur im Südreich Juda. Der erneuten Ausdehnung Assyriens fiel 722/21 das Nordreich Israel zum Opfer. Juda verschwand 587 nach der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier von der Landkarte, seine Bevölkerung wurde nach Mesopotamien deportiert, durfte aber nach der Eroberung dieses Gebiets durch den persischen Großkönig Kyros II., den Großen, seit 538 zurückkehren und den Jahwetempel in Jerusalem wiederaufbauen. Die Zeit der "Babylonischen Gefangenschaft" war für die Ausgestaltung des jüdischen Glaubens und seiner strengen, der Identifikation in der Fremde dienenden Riten von entscheidender Bedeutung. Ihre Beachtung erwies sich auch nach der Rückkehr gegenüber der zurückgebliebenen und der zugewanderten Bevölkerung als Notwendigkeit zum Fortbestand einer unverwechselbaren Glaubens- und Volksgemeinschaft. Die persischen Beamten jüdischer Herkunft, Nehemia als Statthalter und Esra als Gesetzgeber, schufen so das eigentliche Judentum, dessen heilige Schriften, die "Thora" (die sogenannten fünf Bücher Moses) 445 als verbindliche Richtschnur für das gesamte Leben vorgeschrieben wurden.

Im Perserreich, unter Alexander dem Großen und auch während ihrer Zugehörigkeit zum Ptolemäerreich (320 bis 198 v. Chr.) wurden die Juden von den jeweiligen Herrschern nicht behelligt. Nach der Einverleibung ins Seleukidenreich setzten jedoch Verfolgungen ein, zudem bedrohte die zunehmende Hellenisierung der Bevölkerung das Judentum von innen. Während dieser Zeit vertiefte sich der an ältere Verheißungen anknüpfende Glaube an einen "Messias" (Gesalbten, griechisch "Christós"), der als Heilskönig das jüdische Volk zur Höhe von Davids Zeit zurückführen sollte. 167 v. Chr. begann ein Freiheitskampf unter der Führung der Familie der Makkabäer (Hasmonäer). Die römische - im Orient eine Vielzahl kleiner Staaten begünstigende - Politik ermöglichte zwischen 133 und 63 die Existenz eines unabhängigen jüdischen Staatswesens. Zugleich blühten die seit längerem bestehenden auswärtigen Gemeinden, vor allem in Babylon, wo der "Talmud" (eine Zusammenfassung der jüdischen Lehre, Vorschriften und Traditionen) entstand und in Alexandrai, wo die heilige Schriften ins Griechische übersetzt und der gebildeten Mittelmeerwelt zugänglich gemacht wurden (sogenannte Septuaginta, die griechische Fassung des Alten Testaments). Bei alle dem blieben Auseinandersetzungen zwischen einzelnen religiösen Gruppen nicht aus. Die Sadduzäer verfochten die reine, schriftlich fixierte Lehre ohne Abstriche und die Pharisäer sahen auch ihre mündliche Auslegung als verbindlich an. Strengere Ausrichtungen waren die der Essäer und Sadoqiten, die Parallelen zum frühen Christentum aufwiesen. Im Gegensatz zu diesem lehnten die Juden aber die Menschwerdung Gottes ab.
Die Klagemauer in Jerusalem, Israel
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Die Klagemauer in Jerusalem, Israel
Gott war für sie einzig, hatte die Welt erschaffen und mit seinem Volk einen eigenen Bund geschlossen, den es durch strenge Befolgung des Gesetzes einzuhalten hatte, um in Gnade bestehen zu können. Persische Einflüsse brachten zudem den Glauben an böse Mächte, auch dachten einzelne an ein Weltgericht und die Auferstehung von den Toten, ohne dass solche Lehren systematisch ausgestaltet wurden.

Untergang, Verstreuung und Verfolgung

Die römische Expansion nach Osten führte schließlich zum Verlust der Selbständigkeit: 6 n. Chr. wurde Judäa Bestandteil der Provinz Syrien. Ein Aufstand, der wegen zu harter Besteuerung 66 ausbrach, führte vier Jahre später zur Eroberung Jerusalems und zur Zerstörung des Tempels. Ein zweiter Aufstand (132 bis 135) unter dem sich als Messias ausgebenden Bar-Kochba wurde ebenfalls blutig niedergeschlagen. Wer von der jüdischen Bevölkerung nicht überlebt hatte, wurde ein andere Reichsteile vertrieben, das jüdische Volk wurde heimatlos und bewahrte sein Gemeinsamkeitsbewußtsein in der "Diaspora" (Verstreuung) nur noch durch Festhalten an den traditionellen Glaubensinhalten und Vorschriften. Ärgste Feinde der nun hauptsächlich in Städten lebenden, vielfach Handel treibenden oder als Ärzte tätigen Juden wurden aber die Christen, die ihnen den Mord an Jesus Christus anlasteten. Zugleich sah man ihren Weiterbestand als heilsgeschichtliche Notwendigkeit an, um den Gläubigen ein von Gott abgefallenes Volk, dessen Strafe die Verstreuung war, vor Augen führen zu können. Zeit der relativen Toleranz - wie in der Karolinger-Zeit oder auf der iberischen Halbinsel im späten Mittelalter - wechselten so mit solchen grausamer Verfolgung - wie im Rheingebiet bei Beginn des Ersten Kreuzzugs 1096 oder in West- und Mitteleuropa beim Einsetzen der großen Pest Mitte des 14. Jahrhunderts. Stereotype Auslöser des Judenhasses waren immer wieder Gerüchte von Hostienschändung, Ritualmord an christlichen Kindern oder Brunnenvergiftungen. Während in islamischen Staaten die Judengemeinden weitgehend unbehelligt leben durften, mußten sie im Abendland unter den besonderen Schutz des Landesherrn gestellt werden, Schutzsteuern entrichten und in abgesonderten städtischen Bezirken meist unerträglich zusammengepfercht leben (Ghettos). Die Aufklärung verfocht schließlich mit Vehemenz die Emanzipation der jüdischen Minderheiten in Europa, mit dem Argument, dass der rechtlose Zustand gerade die Eigenschaften begünstige, die man als Grund für den Haß ausgab. Die Französische Revolution brachte zuerst in einem europäischen Land die Gleichberechtigung der Juden, die sich im 19. Jahrhundert allmählich überall formal durchsetzte. Der dadurch erleichterte Aufstieg vieler Juden im Wirtschaftsleben sowie in Kunst und Wissenschaft belebte die alten Vorurteile jedoch neu und dies in einer Zeit, als die Industrialisierung das gewohnte gesellschaftliche Gefüge in Frage stellte. Obwohl rechtlich gleichgestellt, sahen sich die Juden nun einer Fortsetzung des alten Hasses gegenüber, der vorausschauende Geister bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert davon überzeugte, dass die Juden nur in einem eigenen Staat eine Zukunft haben würden und der in der systematischen Verfolgung und Ermordung der Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft im Deutschen Reich und in den besetzten Ländern gipfelte, der etwa sechs Millionen Juden zum Opfer fielen.


I. Weltkrieg und Krise des Bürgertums

1914 bis 1928

Neue Dimension eines Weltkriegs

Granaten mit Phosgen oder Chlorgas gefüllt töteten Hunderte von italienischen Soldaten auf dem Monte San Michele
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Granaten mit Phosgen oder Chlorgas gefüllt töteten Hunderte von italienischen Soldaten auf dem Monte San Michele

Mit dem Krieg von 1914 bis 1918 weitete sich erstmals ein Krieg vom europäischen Schauplatz zu einem weltweit geführten Kampf aus. Gegenüber standen sich folgende Mächtekonstellationen: Der Dreibund Deutsches Reich, Österrich-Ungarn und Italien (zunächst neutral, dann Gegner seiner Bündnispartner), dem sich das Osmanische Reich und Bulgarien anschlossen (die sogenannten Mittelmächte) und die Tripelentente Großbritannien, Frankreich, Rußland sowie ihre Verbündeten Serbien, Belgien, Japan, Italien, Rumänien, Portugal, die USA, Griechenland, China und die meisten lateinamerikanischen Staaten. Der Erste Weltkrieg erreiche nie gekannte Dimensionen: Er führte die Schrecken einer technisierten Vernichtungsstrategie vor Augen mit Schlachten, die Zehntausenden von Menschen das Leben kosteten, mit dem Einsatz neuer Waffen wie Tanks und Flugzeugen sowie dem chemischen Kampfstoff Giftgas. Er bezog die Zivilbevölkerung durch Lebensmittelrationierung, Frauenarbeit in der Rüstungsindustrie, Bombardierung von Städten aus der Luft in einem verstärkten Ausmaß ein. Er hatte gravierende politische Veränderungen zur Folge. Während des Krieges zerfiel die politisch-gesellschaftliche Struktur des alten Europas, die Monarchien des Deutsches Reichs, Österreich-Ungarns und Rußlands brachen zusammen, ebenso das Osmanische Reich. Die Oktoberrevolution in Rußland 1917 setzte erstmals sozialistische Vorstellungen in die Praxis um. In Deutschland und in den Nachfolgestaaten der Habsburger Monarchie erfolgte der Übergang zu demokratisch-republikanischen Staatsformen. Der Eintritt der USA in den Krieg verschob das Schwergewicht der Weltpolitik. Europa verlor seine Hegemonialstellung. Die USA stiegen zur führenden Wirtschafts- und Finanzmacht der Welt auf. Im Fernen Osten ging Japan gestärkt aus dem Krieg hervor und richtete seine imperialistischen Bestrebungen auf China. In den Kolonialländern der europäischen Großmächte begann der Kampf um die Unabhängigkeit. Der erste bedeutende Angriff auf den Kolonialismus vollzog sich in Indien, wo Mahatma Gandhi als Führer einer moralisch-politischen Freiheitsbewegung die Strategien des gewaltlosen Widerstandes und der Verweigerung der Zusammenarbeit mit der Kolonialmacht entwickelte.

Ursachen und Verlauf

Panzerkreuzer Aurora - Das Schiff gilt als Symbol der Oktoberrevolution von 1917
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Panzerkreuzer Aurora - Das Schiff gilt als Symbol der Oktoberrevolution von 1917

Die Hingergründe für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs lagen in einer Vielzahl von Interessengegensätzen und Spannungen zwischen den europäischen Mächten, die aus der wirtschaftlichen Rivalität der führenden Industrienationen, dem Kampf um Rohstoffquellen und Absatzmärkte für Kapital in nicht-industrialisierten Ländern, dem Streben nach Kolonialbesitz und einem wachsenden Nationalismus resultierten. Das Deutsche Reich trat in den Wettlauf um die Aufteilung der Welt erst ein, als sich die europäischen Großmächte Großbritannien und Frankreich ihren Besitz bereits gesichert hatten. Es fühlte sich, gemessen an seiner Wirtschaftsmacht, zurückgesetzt und drängte auf Veränderung. Die Interessengegensätze äußerten sich seit 1900 in einer Reihe von Krisen und begrenzten Kriegen: Flottenrivalität zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich seit 1898, Marokko-Krisen von 1905/06 und 1911 zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich, bosnische Annexionskrise von 1908/09, während der die Expansion Österreich-Ungarns auf dem Balkan zu Auseinandersetzungen mit Rußland führte, Balkankriege von 1912 und 1913, die das gewachsene slawische Nationalbewußtsein und Unabhängigkeitsstreben demonstrierten. Die Spannungen zwischen den europäischen Mächten bewirkten den Abschluß einer Reihe von Defensivbündnissen. Jedoch setzte sich die Auffassung immer durch, die bestehenden Spannungen ließen sich nur noch durch einen Krieg lösen, was überall zu verstärkter Rüstung und damit zu Kriegsbereitschaft führte. Während des Kriegsverlaufs ging die strategische Initiative zunächst von den Mittelmächten aus, später lag sie zunehmend bei den Alliierten. An der Ost- und Südostfront gelangen den Mittelmächten immer wieder Durchbrüche, im Westen erstarrte die Front im verlustreichen Stellungkrieg. Der uneingeschränkte U-Boot-Krieg des Deutschen Reiches, der die Seeblockade Großbritanniens beenden sollte, bewirkte den Eintritt der USA in den Krieg (1917), die seit Anfang 1918 die Westfront beherrschten. Die Revolution in Rußland und der Friede von Brest-Litowsk (1918) brachte den Mittelmächten zwar eine Entlastung der Ostfront, konnte ihre militärische Niederlage jedoch nicht aufhalten.

Revolutionäre Veränderungen

Novemberrevolution in Deutschland von 1918/19
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Novemberrevolution in Deutschland von 1918/19

Die militärische Niederlage, die katastrophale Ernährungssituation, die diktatorische Regierungsweise während des Krieges, die in der Arbeiterschaft seit den ersten Kriegsverlusten wachsende Opposition gegen die herrschenden Schichten und ihre imperialistische Politik, die Forderung nach politischer Gleichheit und das Beispiel der Russischen Revolution führten in Deutschland und Österreich zu revolutionären Unruhen, in deren Verlauf die Monarchien gestürzt und die Republiken ausgerufen wurden. Die sozialdemokratischen Parteien trugen die neuen Demokratien. Zur Sicherung des Erreichten und zur Stabilisierung der Länder nach Krieg und Revolution gingen sie Koalitionen mit bürgerlichen Parteien und dem Militär ein. Sie lehnten weitergehende revolutionäre Forderungen - Vergesellschaftung der Schwerindustrie und des Großgrundbesitzes, Rätedemokratie - ab, wie sie die Arbeiter- und Soldatenräte aufstellten und in mehreren Erhebungen durchzusetzen suchten. Kurzfristige Erfolge erzielten die zum Teil kommunistisch geführten Arbeiter- und Soldatenräte in der Münchner Räterepublik (1919) und in der ungarischen Räterepublik (1919/20), die jedoch blutig niedergeschlagen wurden. 1919 gründeten sich in fast allen europäischen Ländern kommunistische Parteien. Seit der Jahrhundertwende bestanden in den sozialdemokratischen Parteien Konflikte zwischen Revisionisten und Revolutionären. Die Opposition gegen die reformistische Haltung der sozialdemokratischen Führung wuchs während des Krieges infolge der "Burgfriedenspolitik", der Unterstützung der Regierungen und der Zustimmung zu den Kriegskrediten, nach dem Krieg infolge der Ablehnung radikaler gesellschaftlicher Veränderungen von seiten der nunmehr an der Regierung beteiligten Sozialdemokratie.

Wirtschaftliche und Politische Neuordnung Europas

Die Pariser Vorortverträge von 1919 und 1920, die Friedensschlüsse der Alliierten mit den Staaten bzw. Nachfolgestaaten der Mittelmächte, ließen viele Konflikte offen, die sich in regionalen Auseinandersetzungen fortsetzten. Spannungen zwischen den einzelnen Nationalitäten prägten das politische Klima in den aus der zusammengebrochenen Habsburger Monarchie hervorgegangenen Staaten Tschechoslowakei, Ungarn, Polen, Reich der Serben, Kroatien und Slowenen. Umstrittene Grenzziehungen führten zu kriegerischen Auseinandersetzungen unter anderem zwischen Italien und Slowenien, Polen und Deutschland, Armeniern und Türken. Im ehemals zum Osmanischen Reich gehörenden Palästina, das unter britisches Völkerbundsmandat kam, entstand der Konflikt zwischen jüdischen Siedlern und Arabern, die beide Ansprüche auf den Besitz Palästinas erhoben. Der Versailler Vertrag mit seiner einseitigen Kriegsschuldzuschreibung, den Gebietsverlusten und hohen Reparationsforderungen an Deutschland löste Empörung und ein Gefühl der Schmach aus, lieferte Konfliktstoffe für die innenpolitischen Auseinandersetzungen der kommenden Jahre und gab der nationalistischen Bewegung zusätzlichen Auftrieb.
Thomas Woodrow Wilson in Versailles
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Thomas Woodrow Wilson in Versailles
Die USA zogen sich aus der europäischen Politik wieder zurück. Sie ratifizierten die Friedensverträge nicht, weil die Bestimmungen nicht dem 14-Punkte-Programm von Präsident Thomas Woodrow Wilson (Selbstbestimmungsrecht der Völker) entsprachen und sie traten auch dem auf ihren Vorschlag hin 1920 gegründeten Völkerbund nicht bei.

Der Völkerbund setzte sich zum Ziel, den internationalen Frieden zu sichern und die Zusammenarbeit zwischen den Nationen zu fördern. Die Außenpolitik der europäischen Staaten stand im Zeichen von Auseinandersetzungen und Verhandlungen vor allem zwischen Großbritannien, Frankreich und Deutschland, die zu einer allmählichen Wiedereingliederung und Gleichstellung Deutschlands führten: Rapallo-Vertrag von 1922 zwischen Deutschland und der Sowjetunion, Dawes-Plan zur Neuregelung der Reparationen 1924, die Locarno-Verträge von 1925 als Sicherheitssystem für Mitteleuropa, Eintritt Deutschlands in den Völkerbund 1926. Die innenpolitische Entwicklung der europäischen Staaten prägten als Folge der hohen Kriegskosten Wirtschaftskrisen, inflationäre Tendenzen (Frankreich, Großbritannien) oder Inflation (1923 in Deutschland infolge hoher Reparationszahlungen), Arbeitslosigkeit, die Verschärfung innerer Konflikte und die Polarisierung des Parteienspektrums. Die meisten Länder sahen sich gezwungen, Anleihen bei den USA aufzunehmen, die dadurch die europäische Wirtschaft und den Welthandel (neben Japan) maßgeblich beeinflußten und selbst in den 20er Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung erfuhren ("Roaring Twenties").

Entstehung faschistischer Bewegungen

Eugen Berthold Friedrich Brecht, Deutscher Dramaturg und Theaterregisseur
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Eugen Berthold Friedrich Brecht, Deutscher Dramaturg und Theaterregisseur

Die Krisensituation nach dem Ersten Weltkrieg führte in fast allen europäischen Staaten zur Entstehung faschistischer Bewegungen, politischer Gruppierungen, die extrem nationalistische, antiliberale und antimarxistische sowie expansionistische Ziele verfolgten. An der Spitze der streng hierarchisch aufgebauten Parteien stand ein "Führer" ("Duce", "Caudillo"), die Gruppierungen proklamierten ein Einparteiensystem und versuchten, mit Terror an die Macht zu gelangen. Die Anhänger der faschistischen Parteien kamen zum größten Teil aus dem Mittelstand. Handwerker, Bauern, Angestellte, Beamte und Kaufleute fühlten sich infolge der Wirtschaftskrise, Inflation und Arbeitslosigkeit, der fortschreitenden Industrialisierung und Monopolisierung und der damit verbundenen Gefährdung der Kleinbetriebe sowie des Anwachsens der Arbeiterbewegung in ihrer materiellen Existenz und in ihrem Statusbewußtsein verunsichert. In ihrer Frühphase benutzten die faschistischen Parteien antikapitalistische Parolen, gingen jedoch schnell Bündnisse mit Industriellen, Bankiers, dem Heer, der Bürokratie und rechtsbürgerlichen Parteien ein, die von einer faschistischen Herrschaft die Zerschlagung der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften, Senkung der Lohnkosten und die Erschließung neuer Märkte durch Expansion erwarteten. In den einzelnen Ländern hing die Entstehung faschistischer Bewegungen zudem mit jeweils spezifischen Bedingungen zusammen, in Deutschland zum Beispiel mit der fehlenden Einübung in die parlamentarische Demokratie, mit einer militaristischen und autoritätsgläubigen Tradition und dem Unmut über die zudiktierte Kriegsschuld. An die Macht gelangten die faschistischen Bewegungen in Italien (1922), Deutschland (1933) und Spanien (1936). In den anderen europäischen Ländern blieben sie eine Randerscheinung, wobei sich allerdings in Polen, Ungarn, Rumänien und Portugal autoritäre Regime durchsetzten.

Kultur im Zeitalter der Krise

Krieg, imperialistische Bestrebungen, verschärfte Klassenauseinandersetzungen, Wirtschaftskrisen, der Zerfall der traditionellen bürgerlichen Werte, der Zweifel an Politik und Normen der Vätergeneration stürzten die bürgerliche Gesellschaft in eine tiefgreifende Krise. Das Ende der bürgerlichen Epoche schien gekommen, die Jugend fühlte sich als "verlorene Generation", das Leben glich einem "Tanz auf dem Vulkan". Dies Lebensgefühl der Verunsicherung, die vermeintliche Undurchschaubarkeit gesellschaftspolitischer Entwicklungen und der Wirklichkeit sowie die Einflußlosigkeit der Intellektuellen, aber auch die Bemühungen um eine Neuorientierung, vor allem in der Anknüpfung an revolutionäre Traditionen, führten in der Kunst zu neuen Formen und Inhalten: Zur Zerstörung der Körper, des symmetrischen Bildaufbaus in der kubistischen, surrealistischen und abstrakten Malerei (Pablo Picasso), zur Zerstörung der Tonalität und Melodik in der Zwölftonmusik (Arnold Schönberg), zur Zerstörung der linearen Romanhandlung durch Montage und Bewußtseinsstrom (James Joyce), zur Auflösung des Spannungsbogens und der Identifikation im Drama durch Stationenfolge und Verfremdungseffekt (Bertolt Brecht), zur Sprachzertrümmerung in der dadaistischen und surrealistischen Lyrik. Zu den vorherrschenden Themen zählten die Darstellung des Großstadtmilieus mit der Faszination und Bedrohung durch Massengesellschaft und technischen Fortschritt (Alfred Döblin, Upton Sinclair), der Isolierung und Entfremdung des Individuums (Franz Kafka), der Suche nach existentieller Selbsterfahrung in der Bewährung im Abenteuer (Ernest Hemingway), der Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg (Henri Barbusse, Arnold Zweig) und der Revolution (Wladimir Majakowski, Maxim Gorki). Entscheidenden Einfluß gewann darüber hinaus das neue Medium Film, das zunächst der Unterhaltung diente, zunehmend aber eine eigene künstlerisch anspruchsvolle Sprache entwickelte und den ersten Versuch darstellte, Kunst für eine Massenpublikum zu schaffen.


Oktoberrevolution und Kommunismus

20. Jahrhundert

Rußland auf dem Weg zur Oktoberrevolution

Wladimir Iljitsch Uljanow - Kampfname Lenin
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Wladimir Iljitsch Uljanow - Kampfname Lenin

Die Oktoberrevolution bedeutete den Abschluß eines revolutionären Prozesses, der in den 80er Jahres des 19. Jahrhunderts mit individuellem Terror begonnen hatte. Neben Zar Alexander II. (1881) kostete der Kampf der illegalen Gruppen zahlreichen anderen Repräsentanten des Staates das Leben. Unter den Verfolgungen der zaritischen Polizei konnte sich politisches Leben nur vorsichtig entfalten, erst 1898 bildete sich illegal die "Sozialdemokratische Arbeiter-Partei Rußlands" (SDAPR). Zwar hatte sich zwischen 1890 und 1900 die Zahl der Fabrikarbeiter von 1,4 auf 2,4 Millionen erhöht, doch die Mehrzahl der 126 Millionen Russen waren nach wie vor Bauern. Unter diesen Bedingungen schien in Rußland eine Revolution unmöglich, es fehlten die Voraussetzungen, die nach Ansicht der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, Karl Marx und Friedrich Engels, eine Revolution möglich machten. Weder stand der Kapitalismus auf einer ausreichend hohen Stufe, noch bildete die Arbeiterklasse einen bedeutenden Teil der Bevölkerung. Dennoch war es Rußland, das zum Schauplatz der ersten, wenn auch erfolglosen Revolution, im Europa des 20. Jahrhunderts wurde: 1905 kam es, ausgelöst durch den verlorenen Krieg gegen Japan, zu einer umfangreichen Streikbewegung, die nur mit massivem Militäreinsatz niedergeschlagen werden konnte. Drei Jahre zuvor hatte sich der im deutschen Exil lebende Wladimir Iljitsch Uljanow (Kampfname Lenin) bemüht, auch für sein rückständiges Heimatland die Möglichkeit einer Revolution zu begründen: In seinem Buch "Was tun?" (1902) analysierte er die ungleichmäßige Entwicklung des Kapitalismus in verschiedenen Ländern und zog daraus den Schluß, dass auch in Rußland eine Revolution möglich sei, sofern sich eine Partei von entschlossenen Berufsrevolutionären eine "Revolutionäre Situation" zunutze machen könne. Ohne den Sieg der Revolution in anderen Ländern sei die Errichtung des Sozialismus in Rußland allerdings unmöglich. Mit diesem Programm gelang ihm auf der Parteikonferenz in London 1903 die Spaltung der SDAPR: Der Linie Lenins folgten die Bolschewiki (Mehrheitler, so genannt, weil bei einer Abstimmung die Mehrheit errungen wurde), abseits blieben die Menschewiki, die am Konzept der Massenpartei festhalten wollten.

Die Bolschewiki an der Macht

Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili (Kampfname Stalin)
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Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili (Kampfname Stalin)

Im Verlauf des Ersten Weltkrieges hatte sich die Lage Rußlands nach anfänglichen Erfolgen ständig verschlechtert. Militärische Fehlschläge und die Unzufriedenheit mit dem Regime Zar Nikolaus II. lösten im März 1917 Massenstreiks in der Hauptstadt Petrograd aus, denen sich auch die Garnison anschloß. Nach der Abdankung des Zaren bestand praktisch eine "Doppelherrschaft" zwischen der bürgerlichen provisorischen Regierung und den Räten (Sowjets) der "Arbeiter- und Bauern-Deputierten", unter denen die Bolschewiki - wenn auch langsam - an Einfluß gewannen. Bereits unmittelbar nach der Rückkehr aus dem Züricher Exil hatte Lenin in seinen "April-Thesen" den Kampf gegen die Regierung und die Übergabe der Macht an die Räte gefordert. Nachdem im Juli ein Putsch gescheitert war, gelang am 25./26. Oktober (7./8.11.) der Sturz der Regierung und die Bildung des aus Bolschewiki bestehenden "Rates der Volkskommissare" unter Lenins Führung. Die neue Regierung sah sich einer schwierigen Lage gegenüber. Rußland befand sich nach wie vor im Krieg mit den Mittelmächten und im Land formierte sich die zarentreuen Generale. Als eine der ersten Maßnahmen wurden die Dekrete "Über den Frieden" und "Über den Boden" erlassen, mit denen den kriegführenden Mächten ein sofortiger Frieden angeboten und den Bauern eine Aufteilung des Großgrundbesitzes versprochen wurde. Der Krieg gegen die westlichen Interventionstruppen (März 1918 bis Oktober 1919) und gegen die "weißen" Generale (1918 bis 1920) führte zusammen mit überstürzten Sozialisierungsmaßnahmen im "Kriegskommunismus" zu einer total zentralisierten Verwaltungswirtschaft, die Rußland Hunger und fast den wirtschaftlichen Ruin brachte.

Erst durch die im März 1921 verkündete "Neue Ökonomische Politik" gelang es - mit teilweiser Zulassung privatwirtschaftlicher Betätigung - in der Industrie 1927 wieder den Vorkriegsstand zu erreichen. Inzwischen hatte sich jedoch gezeigt, dass weder mit der parlamentarischen Demokratie noch mit der Übertragung der Macht auf die Arbeiter- und Bauernräte der Führungsanspruch der Bolschewiki zu gewährleisten war. Der Aufstand der Kronstädter Matrosen im März 1921 gegen die Wirtschaftsmisere und die Vorherrschaft der Partei wurde blutig niedergeschlagen und verhärtete die Fronten innerhalb der Partei. Jede Opposition gegen die "Generallinie" wurde nun als "Fraktionalismus" verdammt, die Partei im Juni 1921 erstmals "gesäubert" und ein Viertel der Mitglieder ausgeschlossen. Nach Lenins Tod am 21. Januar 1924 entbrannte der Kampf um die Nachfolge, den schließlich Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili (Kampfname Stalin) - seit April 1922 Generalsekretär der KPdSU - für sich entschied. Unnachsichtig ging er gegen diejenigen vor, die seinem Führungsanspruch und die Doktrin vom "Aufbau des Sozialismus in einem Land" gegenüberstanden: Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi (deutsch: Leo Tolstoi), Führer der "Roten Armee" im Bürgerkrieg, wurde 1927 ins Exil getrieben, andere in aufsehenerregenden Schauprozessen zum Tod verurteilt. Unter Stalin erfolgte jedoch durch eine rücksichtslose Industrialisierungspolitik auch die Entwicklung der Sowjetunion zum Industriestaat. Nach dem Leninschen Motto "Kommunismus ist Sowjetunion plus Elektrifizierung des Landes" wollte Stalin in zehn Jahren das schaffen, wozu die kapitalistischen Länder fünfzig Jahre gebraucht hatten.

"Wissenschaftlicher Kommunismus" in der UDSSR heute

Von links nach rechts: Erster Generalsekretär Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, Sowjetischer Kosmonaut Juri Alexejewitsch Gagarin, Zweiter Generalsekretär Leonid Iljitsch Breschnew
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Von links nach rechts: Erster Generalsekretär Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, Sowjetischer Kosmonaut Juri Alexejewitsch Gagarin, Zweiter Generalsekretär Leonid Iljitsch Breschnew

Nach Stalins Tod am 5. März 1953 wurde der XX. Parteitag 1956 zu einem Tribunal gegen den Stalinismus: In einer Geheimrede brandmarkte der neue Generalsekretär Nikita Sergejewitsch Chruschtschow den Stalinismus und verurteilte den Personenkult und den ausgeübten Terror. Er vermied jedoch die Frage, wie es bei einer auf den "Wissenschaftlichen Kommunismus" begründeten Politik überhaupt zu einem solchen Fehlverhalten kommen konnte. 1961 verabschiedete der XXII. Parteikongreß das bis heute gültige Parteiprogramm und einen "Zwanzigjahresplan" für den Aufbau des Kommunismus: Bis 1981 wollte man nicht nur die kapitalistischen Länder wirtschaftlich überholt, sondern auch die Grundlagen für den Aufbau des Kommunismus gelegt haben, einer Gesellschaftsordnung, in der das Prinzip "Jedem nach seinen Bedürfnissen" verwirklicht worden ist. In der Praxis erwies sich jedoch, dass dieses Vorhaben nicht verwirklicht werden konnte. Auch die "Fünf-Jahres-Pläne" - die von der zentralen Planbehörde erarbeiteten Vorgaben für die wirtschaftliche Entwicklung - wurden in der Realität zumeist kaum oder nur unzureichend erfüllt. Außenpolitisch geht die UdSSR seit 1961 von der "Vermeidbarkeit der Kriege" und der "friedlichen Koexistenz" mit dem Westen aus. Durch die Existenz von sozialistischen und blockfreien Staaten sei ein internationales "Friedenslager" entstanden und die Sowjetunion nicht mehr - wie noch zu Stalins Zeiten - vom Kapitalismus "eingekreist". Gerade die Existenz anderer sozialistischer Staaten hat jedoch die Führungsrolle der KPdSU im Weltkommunismus geschwächt. Als erstes Land vollzog im Juni 1948 Jugoslawien die Abkehr vom Sowjetsystem. Nachdem 1956 bereits das "Kommunistische Informationsbüro" - Nachfolgeorganisation der "Kommunistischen Internationale" (1919 bis 1943) - aufgelöst worden war, zeigte sich auf der "Berliner Konferenz der Kommunistischen und Arbeiterparteien" im Juni 1976 endgültig eine ideologische Spaltung der kommunistischen Weltbewegung in Sowjetkommunismus, jugoslawisches und chinesisches System und den Eurokommunismus, der allerdings ebenfalls keinen geschlossenen Block darstellt.

Der jugoslawische Selbstverwaltungskommunismus

Jugoslawischer Politiker und langjähriger Präsident Jugoslawiens Josip Broz (Pseudonym Tito)
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Jugoslawischer Politiker und langjähriger Präsident Jugoslawiens Josip Broz (Pseudonym Tito)

Ausgangspunkt des jugoslawischen Kommunismus war vor allem die Kritik an den Entartungen des Stalinismus. Die jugoslawischen Kommunisten hatten sich unter Führung von Josip Broz (Pseudonym Tito) aus eigener Kraft von der deutschen Okkupation befreit und vertraten selbstbewußt den Anspruch auf einen eigenständigen Weg zum Sozialismus. Mit ihrer 1950 eingeführten "Arbeiterselbstverwaltung" stellten sie ein Wirtschaftsmodell vor, mit dem bürokratisch-zentralistische Tendenzen verhindert werden sollten. Den Betrieben wurden weitgehende Entscheidungsfreiheiten übertragen, den Einfluß der Belegschaft sicherte der Arbeiterrat, der die Betriebsleitung und den Direktor wählt. Das Prinzip der betrieblichen Selbstverwaltung wurde in der Verfassung von 1974 verankert und auf alle Bereiche der Gesellschaft übertragen. An die Stelle der bisherigen Abgeordnetenwahl trat ein neues Delegiertensystem, durch das die gesellschaftlich-betrieblichen Grundorganisationen ihre Vertreter in übergeordneten Gremien entsenden. Dem sozialistischen Staat, in dem die Vorherrschaft des "Bundes der Kommunisten Jugoslawien" nach dem Willen des Parteiprogramms von 1958 allmählich verschwinden soll, wird vor allem die Aufgabe zugewiesen, die sozialen Errungenschaften zu sichern und an der Weiterentwicklung des Wirtschaftssystems mitzuwirken. Doch dieser "Selbstverwaltungspluralismus" steht in der Praxis stets im Spannungsfeld zwischen den eigenständigen Interessen der Betriebe und dem Vormachtsanspruch der Staatsführung. Nach Titos Tod 1980 stellte sich verstärkt die Frage, ob Jugoslawien angesichts der schwieriger gewordenen ökonomischen und politischen Weltlage an dem Konzept der Selbstverwaltungswirtschaft und der Blockfreiheit festhalten kann.

Der chinesische Weg als Entwicklungsstrategie

Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas Mao Tse-tung
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Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas Mao Tse-tung

Die Politik der 1921 gegründeten Kommunistischen Partei Chinas wurde von den Bedingungen eines wirtschaftlich zurückgebliebenen Landes geprägt. Anders als in Rußland vollzog sich die Revolution jedoch nicht als Handstreich einiger weniger, sondern durch die Mobilisierung der bäuerlichen Massen. Bereits 1927 hatte Mao Tse-tung (heutige Schreibweise Mao Zedong) erkannt, dass nur durch eine Strategie der Bauernbefreiung eine revolutionäre Veränderung der Gesellschaft möglich sein würde. Bedeutsam für die ideologische Entwicklung Chinas in den 50er Jahren wurde Maos Lehre von den "Widersprüchen". Bei der Festigung der Revolution galt es demnach mit zwei Arten von gesellschaftlichen Widersprüchen umzugehen: Widersprüche zwischen "uns und unseren Feinden" die prinzipiell nicht zu lösen sind und Widersprüche "im Volke", die grundsätzlich überwunden werden können und in der kommunistischen Partei - als dem Kristallisationskern der Gesellschaft - im "Kampf der zwei Linien" ihren Ausdruck finden sollen. In der Wirtschaftspolitik bemühte man sich mit dem Programm des "Auf-zwei-Beinen-Gehens" um einen gleichzeitigen Aufbau von Industrie und Landwirtschaft, in der die "Volkskommunen" zum prägenden Element wurden. Der "Große Sprung nach vorn", mit dem die Industrieproduktion in allen Bereich innerhalb kürzester Zeit gesteigert werden sollte, wurde 1958/59 zu einem Fehlschlag und bereitete durch den Abzug sowjetischer Berater den 1962/63 vollzogenen Bruch mit Moskau vor. In der von Mao geförderten "Kulturrevolution" (1966 bis 1969) wurde der Versuch unternommen, die Kluft zwischen Bürokratie, Intelligenz und Volksmassen zu überwinden. Die Erfahrungen aus dieser "Großen Unordnung" führten jedoch zu einer gegenläufigen Entwicklung, die im 1978 verkündeten Programm der "Vier Modernisierungen" (Landwirtschaft, Industrie, Landesverteidigung, Wissenschaft und Technik) ihren wirtschaftlichen und im Kampf gegen "ultalinke Kräfte" - nach Maos Tod 1976 gegen die "Viererbande" - ihren politischen Ausdruck fand.

"Eurokommunismus" als Suche nach dem "Dritten Weg"

Eurokommunismus: Italien, Frankreich und Spanien
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Eurokommunismus: Italien, Frankreich und Spanien

Der Begriff "Eurokommunismus" wurde 1975 geprägt und bezeichnet das theoretische Selbstverständnis und das politische Programm derjenigen kommunistischen Parteien in Westeuropa - insbesondere Italiens, Frankreichs und Spaniens -, die sich gegen den sowjetischen Hegemonieanspruch wenden und ein pluralistisches Modell des Sozialismus vertreten. Zwar bilden diese keinen geschlossenen Block und in einzelnen Parteien zeigen sich auch Tendenzen zur teilweisen Wiederannäherung an die KPdSU, doch in wesentlichen Punkten lassen sich Übereinstimmungen feststellen: Die Eurokommunisten vertreten den Grundsatz einer eigenständigen Außenpolitik und verurteilten einhellig den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes 1968 in die Tschechoslowakei. Eine sozialistische Wirtschaftspolitik soll in erster Linie durch Kontrolle der Schlüsselindustrien und durch eine demokratische Planung erfolgen. Die Eurokommunisten lehnen den Begriff der "Diktatur des Proletariats" als Bezeichnung für die Hegemonie der kommunistischen Partei ab und befürworten ein neues Verhältnis zu anderen Parteien. Die KP Italiens propagierte ab 1973 den "historischen Kompromiß" - Zusammenarbeit mit allen demokratischen Kräften, insbesondere den Christdemokraten -, die französischen Kommunisten vereinbarten mit der Sozialistischen Partei gemeinsame Programme für die Wahlen 1972 und 1976 und traten 1981 in eine Koalitionsregierung unter Führung der Sozialisten ein.

Weltwirtschaftskrise und II. Weltkrieg

1929 bis 1945

Der "Schwarze Freitag"

Die Finanzkrise Heute
Der Schwarze Freitag löste eine weltweite Wirtschaftskrise aus
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Der Schwarze Freitag löste eine weltweite Wirtschaftskrise aus

Der Schwarze Freitag hat an Aktualität nichts eingebüßt: Er zeigt uns nur zu genau, das die Anleger nichts gelernt haben aus der Geschichte, denn diese wiederholt sich, nur die Verpackung ist eine andere.

Der 25. Oktober 1929 ist als "Schwarzer Freitag" in die Geschichte eingegangen: Eine Spekulationswelle hatte die Aktienkurse in den USA hochschnellen lassen und den nordamerikanischen Kreditmarkt stark aufgebläht, weil zahlreiche Wertpapierkäufe in der Hoffnung auf steigende Kurse mit Krediten finanziert wurden. Als die "berufsmäßigen Spekulanten" im August 1929 begannen, ihre Papiere abzustoßen, schlug die allgemeine Kaufeuphorie in kürzester Zeit in eine hektische Verkaufshysterie um. Die Folge waren Kurseinbrüche von bisher unbekanntem Ausmaß: Am 25. Oktober, einem Freitag, fielen die Wertpapiere an der New Yorker Börse um bis zu 50 Dollar. In weniger als einer Woche brach der Aktienmarkt an der Wallstreet zusammen. Die Zeit der Prosperität in den USA wich einer Phase schwerer Depression, die den Auftakt zu einer weltweiten Wirtschaftskrise darstellte. Die amerikanische Finanzkrise zeigte schon bald ihre Auswirkungen in Europa. Vor allem Deutschland und Österreich hatten in den sogenannten Goldenen Zwanziger Jahren von 1924 bis 1929 erheblichen Kapitalzufluß aus den USA erhalten. Als die amerikanischen Geldgeber ihre kurzfristig kündbaren Kredite aus Mitteleuropa abriefen, zeigte sich, wie unzureichend die Rücklagen der deutschen und österreichischen Banken waren. Am 11. Mai 1931 alarmierte der Zusammenbruch der Österreichischen Credit-Anstalt die Öffentlichkeit. Am 13. Juli mußte die Darmstädter und Nationalbank als erste deutsche Großbank ihre Schalter schließen. Der Kollaps des gesamten Bankensystems konnte nur mit Hilfe von Notverordnungen verhindert werden. Der Überlebenskampf der Banken verschärfte allerdings die Wirtschaftskrise: In Deutschland sank die Industrieproduktion bis Mitte 1932 gegenüber 1928 um fast die Hälfte, die Arbeitslosenzahl stieg auf fünf Millionen, in den USA waren Anfang 1933 gar 15 Millionen Menschen - ein Drittel aller Erwerbstätigen - ohne Arbeit. Die politischen Auswirkungen waren erheblich. In Deutschland stärkte die Deflationspolitik Heinrich Brünings (Reichskanzler von März 1930 bis Mai 1932) die politischen Parteien der Linken (KPD) und Rechten (NSDAP), während die Parteien der Weimarer Koalition zusehends an Stimmen und Einfluß verloren.

Europa im Schatten des Faschismus

Benito Amilcare Andrea Mussolini Diktator Italiens - Führer der "Partito Nazionale Fascista"
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Benito Amilcare Andrea Mussolini Diktator Italiens - Führer der "Partito Nazionale Fascista"

Im Oktober 1922 wurde der Führer der "Partito Nazionale Fascista", Benito Amilcare Andrea Mussolini, kurz Benito Mussolini, nach einem weder wohl durchdachten, noch hinreichend organisierten "Marsch auf Rom" vom italienischen König Viktor Emanuel III. zum Ministerpräsidenten ernannt. Die Furcht vor der "Roten Revolution" ließ König und Kirche, Liberale und Demokraten vor dem Machtanspruch der Faschisten zurückweichen, so dass Mussolini eine Alleinherrschaft seiner Partei errichten konnte. 1929 war die Etablierung der faschistischen Herrschaft in Italien abgeschlossen, die Versöhnung mit den Katholiken durch den Abschluß der Lateran-Verträge mit dem Vatikan vollzogen und der Führungsanspruch des "Duce" Mussolini von einem großen Teil der italienischen Bevölkerung akzeptiert. Die alten Oppositionsparteien, vor allem die der Kommunisten und Sozialisten, waren aufgelöst, ihre Führer verhaftet oder im Untergrund, ihre Zeitungen verboten. Die Erfolge der italienischen Faschisten dienten den deutschen Nationalsozialisten als Vorbild. Im November 1923 scheiterte jedoch ein dilettantischer Putschversuch. Ihr "Führer" Adolf Hitler nutzte die anschließende einjährige Festungshaft allerdings zur Niederschrift seines politischen Programms ("Mein Kampf") und schürte den Mythos vom Märtyrer für die nationale Sache. Sein Ziel blieb unverändert die "Machtergreifung" in Deutschland, nur die Taktik änderte sich: Nicht mit Gewalt, sondern auf "legalem" Weg (durch Wahlen) sollte die NSDAP an die Regierung kommen. Dieses Ziel blieb aber vorerst unerreicht. Erst 1930 verhalt die Wirtschaftskrise den Nationalsozialisten zum politischen Durchbruch. 1932 wurde NSDAP gar stärkste Fraktion im Reichstag, erlangte allerdings nie die erhoffte absolute Mehrheit.

So waren es nicht die Wähler, die Hitler zum Reichskanzler machten, sondern einflußreiche Kreise der Großgrundbesitzer und -industriellen, die Ende 1932 auf den Führer der NSDAP einschwenkten und den greisen Reichspräsidenten Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg, kurz Paul von Hindenburg, veranlaßten, Hitler zum Kanzler eines Präsidialkabinetts zu ernennen (30.01.1933). Innerhalb von nur fünf Monaten schuf die NSDAP die Grundlagen für die nationalsozialistische Gewaltherrschaft der folgenden zwölf Jahre: Die meisten Grundrechte wurden außer Kraft gesetzt, die politische Opposition unterdrückt, die ersten Konzentrationslager entstanden und die "Gleichschaltung" aller Bereiche des öffentlichen Lebens begann. Bereits am 6. Juli 1933 erklärte Hitler die zur "Nationalsozialistischen Revolution" hochstilisierte Machtübernahme für abgeschlossen, das NS-Terrorregime hatte sich etabliert.
Prinzregent Hirohito 1928 im Krönungsgewand
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Prinzregent Hirohito 1928 im Krönungsgewand
Mehr oder weniger stark ausgeprägte faschistische Bewegungen gab es in den 30er Jahren in fast allen europäischen Ländern, so die "Pfeilkreuzler" in Ungarn, die "Eiserne Garde" in Rumänien, die "Action Franҫaise" in Frankreich oder die "Falange" in Portugal und Spanien. Obgleich sie die Entstehung von Rechtsdiktaturen förderten, gelangten sie nur noch in einem weiteren Land an die Macht. In Spanien, wo "Generalissimus" Francisco Paulino Hermenegildo Teódulo Franco y Bahamonde Salgado Pardo, kurz Francisco Franco, (mit massiver deutsch-italienischer Waffenhilfe) nach einem Militärputsch und darauffolgendem dreijährigen Bürgerkrieg einen zentralistisch-autoritären Staat errichtete.

Die Japanische Expansion in Ostasien

Als Ende 1926 der 25jährige Prinzregent Hirohito den Kaiserthron bestieg, stand Japan vor dem wachsenden Problem der Überbevölkerung. Unter dem Einfluß radikaler Offizierskreise breitete sich ein extremer Nationalismus sowohl in der Bevölkerung als auch in der Staatsführung aus. Eine Lösung der ökonomischen und bevölkerungspolitischen Schwierigkeiten des Landes schien allein durch eine militärische Expansion möglich. Am 18. September 1931 diente ein von japanischen Militärs inszenierter Zwischenfall bei Mukden als Vorwand für die Besetzung der drei mandschurischen Provinzen Chinas, die am 1. März 1932 zum eigenständigen Staat Mandschukuo zusammengefaßt wurden. Da die Großmächte die Anerkennung dieses japanischen Vasallenstaates verweigerten, kündigte Japan 1933 seine Mitgliedschaft im Völkerbund auf. Diese außenpolitische Spannungssituation führte zu einer Destabilisierung der innenpolitischen Lage Japans. Zwar scheiterte 1936 ein von jüngeren Offizieren getragener Militärputsch, doch übernahm die Armee in der Folge die entscheidenden Machtpositionen im Land. Außenpolitisch näherte sich das Kaiserreich den Achsenmächten Deutschland und Italien, mit denen es Ende 1936 den "Antikominternpakt" unterzeichnete und 1940 einen Dreimächtepakt schloß. Ein Feuerwechsel zwischen japanischen und chinesischen Truppen bei Peking eröffnete am 7. Juli 1937 den Krieg zwischen beiden Ländern, der bis 1945 andauerte. Zu einem Zeitpunkt also, als man in Europa voller Zuversicht darauf hoffte, einen neuerlichen Krieg abwenden zu können, war dieser in Ostasien bereits im vollen Gange.

"Seit 4.45 Uhr wird zurückgeschossen"

Adolf Hitler und Benito Mussolini
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Adolf Hitler und Benito Mussolini

Am 1. September 1939, um 4.45 Uhr in der Frühe, marschierten deutsche Truppen in Polen ein, ohne dass zuvor eine Kriegserklärung erfolgt war. Bis zuletzt hatte Hitler versucht, Polen durch massive Propaganda von den Westmächten zu isolieren, um den beabsichtigten Krieg zunächst auf die Ostfront zu beschränken. Er ließ zu diesem Zweck von der SS polnische Grenzverletzungen inszenieren, die den Vorwand für den deutschen "Gegenangriff" bieten sollten. Doch die Weltöffentlichkeit ließ sich nicht länger täuschen: Bereits am 3. September erklärten Frankreich und Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg. Während der fast sechsjährigen Kampfhandlungen stieg die Zahl der deutschen Kriegsgegner auf insgesamt 51, auch die anfänglichen Verbündeten wechselten im Lauf des Krieges die Fronten (Italien 1943, Bulgarien, Rumänien und Ungarn 1944). Das nationalsozialistische Deutschland hatte sich zuvor systematisch auf den Krieg vorbereitet: Zwischen 1933 und 1939 waren die jährlichen Rüstungsausgaben von 0,7 auf 25,9 Milliarden Reichsmark gestiegen (ihr Anteil am Reichshaushalt betrug mehr als 60 Prozent). Die Folge war ein rapider Anstieg der Staatsverschuldung. 1935 verkündete Hitler die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht und die Aufstellung eines 36 Divisionen starken Heeres, bei Kriegsbeginn hatte sich diese Zahl beinahe verdreifacht (106 Divisionen). Unter dem Eindruck der politisch-militärischen Zurückhaltung der Westmächte angesichts der japanisch-chinesischen Auseinandersetzung und des spanischen Bürgerkrieges schritt Hitler zur Verwirklichung seiner Expansionspläne: Im März 1938 proklamierte er den "Anschluß" Österreichs, im Oktober 1938 folgte der Einmarsch ins Sudetenland, im März 1939 wurde auch die Rest-Tschechoslowakei besetzt und das "Protektorat Böhmen und Mähren" errichtet, im Herbst sollte Polen durch Gebietsabtretungen in eine enge Abhängigkeit zum Deutschen Reich gebracht werden. Als die polnische Regierung jedoch die deutschen Forderungen ablehnte, entschied Hitler sich - durch einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion abgesichert - für die offene Gewalt. In einem Blitzkrieg sollte die polnische Wehrmacht vernichtet werden, um für einen deutschen Angriff im Westen (gegen Frankreich) freie Hand zu erhalten. Hitler nahm dabei das Risiko einer Kriegserklärung von seiten Großbritanniens in Kauf, obwohl das Deutsche Reich für einen längeren europäischen Krieg noch nicht ausreichend gerüstet war. Der deutsche Angriff auf Polen war für London und Paris endgültiger Beweis für das Scheitern ihrer sogenannten Appeasement-(Besänftigungs-)Politik, ihr Nachgeben hatte Hitlers Expansionsstreben noch ermutigt.

Der weltweite Krieg

Der mit dem deutschen Angriff auf Polen begonnene Krieg läßt sich im Wesentlichen in vier Phasen unterteilen:

Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki
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Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki
  1. Der europäische Krieg (1939 bis 1941), der mit erfolgreichen Blitzfeldzügen der deutschen Wehrmacht gegen Polen, Dänemark und Norwegen, Belgien, Luxemburg und die Niederlande sowie Frankreich begann und Italien im Juni 1940 zum Kriegseintritt veranlaßte. Mitte 1940 verlagerte sich das Kriegsgeschehen nach Osten, vor allem auf den Balkan (Jugoslawien und Griechenland), aber auch nach Nordafrika. Die beabsichtigte Landung auf den britischen Inseln mußte von Hitler jedoch "bis auf weiteres" verschoben werden.
  2. Die Ausweitung vom europäischen zum weltweiten Krieg erfolgte 1941 und wird vor allem durch zwei Ereignisse markíert: Den seit Dezember 1940 aktiv vorbereiteten deutschen Überfall auf die Sowjetunion (22.06.1941) und den Angriff der japanischen Luftwaffe auf die US-amerikanische Flotte in Pearl Harbor (Hawaii, 07.12.1940), in deren Folge der europäische mit dem asiatischen Kriegsschauplatz zusammenwuchs und die USA in den Krieg eintraten. Ende 1941 war Hitlers Ziel, "die UdSSR in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen", vor Moskau gescheitert.
  3. Während der dritten Kriegsphase ging die militärische Initiative von den Achsenmächten auf die neue "Anti-Hitler-Koalition" (Großbritannien, Sowjetunion und USA) über. An der Ostfront verlor Hitler bei Stalingrad fast eine Viertel Million Soldaten (Januar 1943), die britische Luftwaffe begann mit Flächenbombardements auf deutsche Städte (März 1942), die Niederlage der Japaner in der See-Luft-Schlacht um die Midway-Inseln (Juni 1942) leitete die Wende im Kampf um die Vorherrschaft im Pazifik ein. Im November 1942 wurde die deutsch-italienische Panzerarmee in Nordafrika zum Rückzug gezwungen und im Mai 1943 mußte Deutschland den U-Boot-Krieg im Atlantik abbrechen. Der Ruf nach dem "Totalen Krieg", Durchhalteparolen und das Hoffen auf Hitlers "Wunderwaffen" ersetzten in Deutschland die Erfolgsmeldungen der ersten Kriegsjahre.
  4. Mit der Landung alliierter Truppen in der Normandie (D-Day, 06.06.1944) begann die letzte Phase des Zweiten Weltkrieges, an deren Ende die völlige Niederwerfung Deutschlands und Japans stehen sollte (Italien hatte bereits nach dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 die Fronten gewechselt). Das Deutsche Reich war wirtschaftlich und militärisch am Ende, die allgemeine Kapitulation der Rest-Wehrmacht am 7./8. Mai 1945 unausweichlich.

Dem Ende im asiatischen Krieg ging das nach dem nationalsozialistischen Holocaust am Jüdischen Volk, dem in den NS-Vernichtungslagern mehr als fünf Millionen Juden zum Opfer fielen, grausamste Kapitel des Zweiten Weltkrieges voraus: Am 6. August 1945 erteilte US-Präsident Harry S. Truman die Erlaubnis zum Abwurf einer Atombombe auf die japanische Hafenstadt Hiroshima, die 115.000 Menschen das Leben kostete. Drei Tage später forderte eine zweite Atombombe in Nagasaki noch einmal mehr als 80.000 Todesopfer. Das Kaiserreich Japan kapitulierte bedingungslos, der Krieg war zu Ende. 70 Monate dauerte der bislang schrecklichste Krieg der Menschheit, der rund 55 Millionen Menschen das Leben kostete (in der Mehrheit Zivilisten). Die größten Verluste beklagten die Sowjetunion (20,7 Millionen Tote), Polen (6 Millionen) und Deutschland (5,25 Millionen). Die Zahl der chinesischen Kriegsopfer ist unbekannt, wird aber auf mehr als 13 Millionen geschätzt.


Blockbildung und Supermächte

1945 bis 1984

Eine Collage - Der Kalte Krieg zwischen den beiden Supermächten
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Eine Collage - Der Kalte Krieg zwischen den beiden Supermächten

Bipolarität - Die Neue Grundkonstellation

Der Zweite Weltkrieg und die Kapitulation der Achsenmächte veränderte die weltpolitische Lage grundlegend. Deutschland, Italien und Japan (Achsenmächte) schieden aus dem Kreis der Großmächte aus. Das alte Europa büßte seine einstmals führende Rolle in der Weltpolitik endgültig ein. In das machtpolitische Vakuum, welches die Achsenmächte hinterließen, stießen die beiden Siegerstaaten der Anti-Hitler-Koalition, die aufstrebenden Weltmächte USA und UdSSR, welche die künftigen weltpolitischen Entscheidungen bestimmten. Beide Staaten stellten eine Macht ganz neuer Qualität dar: Die USA verfügten seit 1945 Atomwaffen, die UdSSR seit 1949. Der Weg zur Supermacht - in rüstungstechnischer Hinsicht - führte über die Entwicklung der Wasserstoffbombe (1952 USA, 1953 UdSSR) bis zu den heutigen Waffensystemen. Diesen Weg konnten die anderen drei Siegermächte Großbritannien, Frankreich, und China trotz ihres Nuklearpotentials nicht nachvollziehen udn blieben deshalb deutlich unterhalb des Status einer Supermacht. Ihre Weltgeltung blieb - ohne eigentliche Machtbasis nach dem Zweiten Weltkrieg - allein politisch begründet. Nach 1945 stand die Weltpolitik ganz im Zeichen dieses Wandels von der Multipolarität (Mehrpoligkeit) zur Bipolarität (Zweipoligkeit). Die Wandlung zur "Herrschaft der zwei Blöcke" vollzog sich nicht friedlich, sondern in harter Konfrontation (Kalter Krieg). eine zusätzliche Dimension erhielt diese bipolare Politik durch die beiden grundsätzlich verschiedenen Gesellschaftssysteme mit ihrem Anspruch der alleinseligmachenden Ideologie.

Vom Modell der "Einen Welt" zum Kalten Krieg

Teheran-Konferenz vom 28. November 1943 bis zum 1. Dezember 1943
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Teheran-Konferenz vom 28. November 1943 bis zum 1. Dezember 1943

Als sich am 25. April 1945 in Torgau an der Elbe sowjetische und amerikanische Soldaten die Hände reichten, glaubte die kriegsmüde Welt an einen Neubeginn im Zeichen des Friedens und der Versöhnung. Torgau galt als der augenfällige Ausdruck des alliierten Sieges über den Nationalsozialismus, wurde aber auch als ein Ansatzpunkt für eine gemeinsame, zukünftige Kooperationspolitik der Alliierten verstanden. Doch der Schein trog. Die Anti-Hitler-Koalition war in sich zerstritten. Der Konflikt, was nach der Zerschlagung Hitler-Deutschlands und Japans politisch geschehen sollte, wurde nicht gelöst. Die Spannungen, die sich an der Frage der Friedensregelung entzündeten, reichten bis ins Jahr 1943 zurück. Die USA traten für Schaffung einer liberalen Weltwirtschaftsordnung ein, in der der USA als weitaus stärkster Wirtschaftsmacht die politische Führung zugefallen wäre. Die UdSSR dagegen vertrat das Prinzip der internationalen Friedenssicherung durch Hegemoniebildung. Als Grundlage der amerikanischen liberalen, in Freiheit und Frieden lebenden "Einen Welt" galten die von Präsident Fränklin D. Roosevelt 1941 gemeinsam mit dem britischen Premierminister Winston Churchill formulierten Grundsätze der Altlantik-Charta: Die USA als "Arsenal der Demokratie" forderten das Selbstbestimmungsrecht der Völker, Gewaltverzicht, internationale Abrüstung, Freihandel und internationale Kooperation auf allen Gebieten. Dieses Modell der "Einen Welt" sollte für alle Völker Geltung haben und einen neuen Konsens in der Weltpolitik herbeiführen. "Zur Gewährleistung und Sicherung des Friedens" gründeten die Alliierten unter Federführung der USA einschließlich der UdSSR am 26. Juni 1945 die UNO (Vereinten Nationen). Das Modell der "Einen Welt" stieß bei der UdSSR auf Ablehnung, soweit es ihren Einflußbereich betraf. Im April 1945 erklärte Stalin: "Der Krieg ist anders als die früheren. Wer ein Gebiet erobert, zwingt ihm auch sein eigenes Gesellschaftssystem auf, so weit seine Armee kommt. Es kann nicht anders sein." Die UdSSR schichte sich entsprechend ihres Sicherheitsverständnisses seit 1943 (Teheran-Konferenz: Westverschiebung Polens auf Kosten Deutschlands) an, ihren Einfluß in Osteuropa auszudehnen und nach Kriegsende an der sowjetischen Westgrenze sowjetfreundliche Satellitenstaaten zu schaffen. Einer der ersten Konfliktpunkte, der am Übergang von Kooperation zur Konfrontation lag, wurde die Politik Stalins gegenüber Polen. Die Einsetzung des pro-sowjetischen Lubliner Komitees und die Ausschließung der bürgerlichen polnischen Exilregierung in London bedeutete die Wendung hin zum Kalten Krieg. Die ungelöste deutsche Frage wurde zum Testfall der Konfrontation. Der Kalte Krieg besiegelte die deutsche Teilung.

Der Kalte Krieg - Konfrontation statt Kooperation

Hawk-Raketen auf Smathers Beach im Oktober 1962
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Hawk-Raketen auf Smathers Beach im Oktober 1962

Der sowjetischen Politik der militärischen Sicherung und politischen Abschließung des eigenen Herrschaftsbereichs vor allem in Osteuropa stellte die USA die sogenannte Containment-Politik (Eindämmung des sowjetischen Machtstrebens) gegenüber. Die Außenpolitk der USA stand fortan ganz im Zeichen des Anti-Kommunismus. Die 1947 verkündete Truman-Doktrin formulierte den Grundsatz, wonach die USA mit den ihr zur Verfügung stehenden wirtschaftlichen, aber auch militärischen Mitteln bereit seien, die freie Welt vor der totalitär beherrschten sowjetischen Welt zu sichern und zu schützen. Die McCarthy-Ära mit ihrer antikommunistischen Gesinnungsschnüffelei war das innenpolitische Pendant in den USA. Materielle Basis der Containment-Politik bildete der Marshall-Plan, ein Wiederaufbauprogramm für das wirtschaftliche marode, dem Westen zuneigende Europa. Die Sowjetunion antwortete 1947 mit der Gründung des Kominform, um das eigene kommunistische Lager zu stärken. Folgen des Kalten Krieges waren auch die Gründung der beiden deutschen Staaten Bundesrepublik Deutschland und DDR (1949) sowie der Korea-Krieg, der 1953 auch dort die Teilung des Landes festschrieb. Der politische und ideologische Konflikt der beiden feindlichen Blöcke wurde zur bestimmenden Größe der Weltpolitik in den 50er Jahren. Die Blockbildung wirkte auf die Blockmitglieder systemstabilisierend (NATO 1949, RWG 1949, Warschauer Pakt 1955, EWG 1956). Gelegentliche freiheitliche Bestrebungen im Ostblock (DDR 1953, Ungarn 1956, Tschechoslowakei 1968) wurden mit Waffengewalt der UdSSR unterdrückt. Gegenseitiges Mißtrauen lähmte die internationale Gesprächsbereitschaft, Verhandlungslösungen wurden nicht angestrebt. Der Kalte Krieg bedeutete jedoch neben der Konfrontationsbereitschaft, bis an den Rand eines Krieges zu gehen ("Roll-back"-Strategie der USA), auch zugleich Formen der Koexistenz zu finden. Nikita Chruschtschow prägte 1956 die Formel von der "friedlichen Koexistenz von Staaten verschiedener sozialer Ordnung". Testfälle dieser minimalen internationalen Koexistenz waren die Berlin-Krisen seit 1958 und die Kuba-Krise 1962, welche die Welt an den Rand eines Atomkrieges führte.

Die 60er Jahre - Zeit des Übergangs

US Marines in Vietnam
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US Marines in Vietnam

Vor dem Hintergrund der Konsolidierung der sowjetischen Vormachtstellung in Osteuropa (1968 gewaltsames Ende des Prager Frühlings, Verkündung der Breschnew-Doktrin) und dem vergeblichen militärischen Engagement der USA im Vietnamkrieg änderte sich gegen Ende der 60er Jahre das politische Verhältnis der beiden Supermächte zueinander. Die Konfrontations-Strategie des Kalten Krieges wich allmählich der Idee einer auf Entspannung ausgerichteten Politik. Die tieferen Ursachen der Entspannungspolitik lagen im Schock der Kuba-Krise (Möglichkeit eines Dritten Weltkrieges), in den militärstrategischen Überlegungen, dass das "Gleichgewicht des Schreckens" der Supermächte eine weitere Anhäufung von Militärmaterial sinnlos machte und in der Erkenntnis, dass die Machtpolitik der Blöcke kontrollierbar und berechenbar bleiben müsse. Wichtige Schritte in Richtung Entspannung waren das Atomtest-Abkommen 1963 (Verbot von Atomwaffenversuchen im Weltraum, in der Atmosphäre und unter Wasser) und die Unterzeichnung des Vertrages über die Nichtverbreitung von Kernwaffen 1968. Hinzu kamen neue politische Faktoren, die zur Aufweichung der politischen Machtblöcke beitrugen: Westeuropa und Japan etablierten sich als neue wirtschaftliche Zentren in der Welt und die Volksrepublik China - einerseits Entwicklungsland, andererseits seit 1964 Atommacht - gab ihre weltpolitische Selbstisolierung nach der Kulturrevolution auf. Neben dem politisch "konkurrienden Dreieck" USA-UdSSR-China stand das wirtschaftliche "kooperative Dreieck" USA-Japan-Westeuropa.

Weltpolitik im Zeichen der Entspannung

Entspannungspolitik bedeutete direkte Vertragspolitik, sowohl zwischen den Supermächten als auch zwischen den Blockmitgliedern in Ost und West. Entspannung ging von der ausdrücklichen beiderseitigen Anerkennung des politischen Status quo aus. Wesentliche Ziele der Entspannungspolitik waren die Sicherung der Stabilität der Ost-West-Beziehungen, der Abbau von Konfrontationen und die Schaffung von Vertrauen durch Verhandlungsbereitschaft. Neben Rüstungskontrollfragen bezog die Entspannung vor allem wirtschaftliche und kulturelle Bereiche in den Ost-West-Ausgleich ein. Die internationale Zusammenarbeit entschärfte die weiterhin bestehenden machtpolitischen und ideologischen Gegensätze, ohne sie jedoch als gegebene Grundtatsache zu leugnen. Entspannungspolitik, oft mißverstanden, war eben nicht Liberalisierung der gesellschaftlichen Systeme der Ostblockstaaten oder die Auflösung der jeweiligen Militärbündnisse, sie war schlicht pragmatische, machbare Politik im Zeichen des Vertrauens. Die Vertragspolitik der Supermächte erreichte 1972 mit dem Abkommen zur Begrenzung der strategischen Waffen (SALT-I) ihren Höhepunkt. Die sowjetisch-amerikanischen Vereinbarungen waren ein wichtiger Schritt in Richtung einer pragmatischen Rüstungskontrolle zur Beendigung des internationalen Wettrüstens. SALT-II und START-Verhandlungen setzten in den folgenden Jahren den begonnen Weg der Rüstungsspirale Herr zu werden, fort. Vor dem Hintergrund dieser auf Ausgleich zwischen den USA und der UdSSR gerichteten Politik nutzte seit 1969 die sozialliberale Koalition der Bundesrepublik (Brandt/Scheel) die politisch günstige Großwetterlage zu einer Aussöhnungs- und Normalisierungspolitik mit dem Osten (Verträge mit Polen und der UdSSR 1970) und dem zweiten deutschen Staat DDR (Transitabkommen 1971 und Grundlagenvertrag 1973). Die bundesdeutsche Ostpolitik bewirkte mit ihrem Gewaltverzicht und ihrer Versöhnungsbereitschaft den politischen Ausgleich auf der Basis des Status quo im Nachkriegseuropa, ermöglichte das Viermächteabkommen über Berlin und brachte den Deutschen im Ostblock mehr Menschlichkeit und humane Erleichterungen.
Pershing und Saber Interkontinentalraketen
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Pershing und Saber Interkontinentalraketen
Die KSZE-Konferenz in Helsinki (1973-1975) unterstrich zum einen die Bedeutung Europas im internationalen Entspannungsprozeß, zum anderen die Wichtigkeit des ständigen Meinunsaustausches der beiden Macht- und Weltanschauungssysteme. Mit ihrer Forderung nach Achtung der Menschenrechte und den vertrauensbildenden Maßnahmen bewirkte sie internationale Zusammenarbeit auf den Gebieten der Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Umwelt und förderte einen regen Meinungsaustausch auf humanitärem und kulturellem Gebiet. Die sowjetische Besetzung Afghanistans Ende 1979 und die amerikanische Politik seit der Nichtratifizierung von SALT-II bewirkte jedoch eine merkliche Abkühlung in den Ost-West-Beziehungen.

Die Bewegung der Blockfreien und der Nord-Süd-Konflikt

Für die Weltpolitik von Bedeutung wurde die 1955 gegründete Bewegung der Blockfreien, die das starre bipolare Ost-West-System in Bewegung brachte. Wesentliche Anstöße erhielten die Blockfreien, die sich seit 1961 regelmäßig auf Gipfelkonferenzen trafen, vom jugoslawischen Staatspräsidenten Josip Broz Tito. Die über 100 Mitgliedstaaten der Blockfreien verfolgten keine einheitliche politische Linie. Die minimale Basis ihrer Zusammenarbeit bildete jedoch die gemeinsame Forderung nach Antikolonialismus, friedlicher Koexistenz und internationaler Abrüstung sowie Respektierung der Integritätund Souveränität der Staaten. Eng verbunden mit der Bewegung der Blockfreien war die Emanzipation der Dritten Welt, bedingt durch die allmähliche Entkolonialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg. Mitte der 70er Jahre setzte sich langsam die Erkenntnis durch, dass sich neben dem bisherigen, die Weltpolitik bestimmenden Ost-West-Gegensatz für die Zukunft als weitere große weltpolitische Konfliktformation der Nord-Süd-Konflikt herauszubilden begann. Der Nord-Süd-Konflikt wird geprägt von dem sehr unterschiedlichen Entwicklungsstand zwischen Entwicklungsländern und Industrienationen. Dem "reichen Norden" der Industriestaaten steht der "arme Süden" der Dritten Welt gegenüber. Das Nord-Süd-Gefälle bezieht sich auf die Entwicklungsdifferenzen in wirtschaftlich-sozialer und politisch-kultureller Hinsicht. Stichworte sind unter anderem Überbevölkerung, Unterernährung, Rohstofflieferant, Verteilungsproblematik. Die formelle Herrschaft über Kolonialgebiete früherer Zeiten ist einer differenzierten informellen Abhängigkeit der Entwicklungsländer der Dritten Welt von den Industrienationen gewichen. Die von Willy Brandt (SPD) geleitete Nord-Süd-Kommission bemüht sich seit 1977 um eine Verbesserung des Verhältnisses der Länder der Dritten Welt mit den Industriestaaten.


Die Emanzipation der Dritten Welt

20. Jahrhundert

Entkolonisierung

Gegen Apartheid - Demonstranten auf den Straßen von Johannesburg
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Gegen Apartheid - Demonstranten auf den Straßen von Johannesburg

Der Prozeß der Entkolonialisierung der Befreiung der Länder und Völker der Dritten Welt von kolonialer Vorherrschaft und Unterdrückung, der Erlangung der vollen staatlichen Souveränität, ist heute nahezu abgeschlossen: In der Mitte der 80er Jahre gibt es nur noch wenige, kleine Gebiete, deren Unabhängigkeit meist schon abzusehen ist. Allein die schwarze Mehrheit in Südafrika ist durch die Apartheidspolitik der weißen Minderheitsregierung von der Entscheidung über das eigene Schicksal weiterhin ausgeschlossen. Vielfältige Formen der indirekten, vor allem wirtschaftlichen Abhängigkeit der ehemaligen Kolonien von den Industriestaaten (Stichwort: Neokolonialismus) bestehen dennoch. Die Befreiuung der Dritten Welt von den verschiedenen Formen der Bevormundung durch die Industrienationen wurde unter anderem durch den Macht- und Prestigeverlust ermöglicht, den die imperialistischen Staaten in den beiden Weltkriegen hinnehmen mußten, zugleich jedoch durch das Erstarken eines organisierten Widerstandes gegen die Kolonialherren, der von breiten Bevölkerungsschichten getragen wurde. Dieser Widerstand wurde durch ein erwachsenes Nationalbewußtsein gespeist, aber auch durch sozialistische und kommunistische Vorstellungen, die den Völkern der Dritten Welt ihre Ausbeutung durch die westlichen industrialisierten Staaten ins Bewußtsein brachte und erklärte. Der Befreiuungsprozeß nahm verschiedene Formen an, von der begrenzten Zusammenarbeit mit dem Kolonialherren zur Erlangung weitgehender Rechte über den gewaltfreien Widerstand (Indien) bis zum meist als Guerillakrieg geführten Kampf gegen die Kolonialherren (Vietnam, Algerien).

Kolonialpolitik nach 1918

Das Foto zeigt Präsident Thomas Woodrow Wilson (sitzend, links) mit James Beauchamp Clark (1850-1921), (sitzend rechts) Sprecher des US-Repräsentantenhauses von 1911 bis 1919, Sea Girt, New Jersey
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Das Foto zeigt Präsident Thomas Woodrow Wilson (sitzend, links) mit James Beauchamp Clark (1850-1921), (sitzend rechts) Sprecher des US-Repräsentantenhauses von 1911 bis 1919, Sea Girt, New Jersey

Der erste Weltkrieg hatte nicht nur für das besiegte Deutsche Reich den Verlust sämtlicher Kolonien zur Folge, auch die anderen imperialistischen Mächte mußten zurückstecken. Der amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson forderte in seinem 14-Punkte-Friedensplan im Januar 1918 unter anderem die unparteiische Schlichtung der kolonialen Ansprüche unter Berücksichtigungen der "Interessen der betroffenen Bevölkerung". Um den Forderungen nach einem Selbstbestimmungsrecht der Völker zu genügen, wurde das Mandatsystem des Völkerbunds geschaffen. Ein Mandat bedeutet die Vormundschaft "fortgeschrittener Nationen über Völker, die noch nicht imstande sind, sich selbst zu leiten". Die Unabhängigkeit war für die Mandatsgebiete prinzipiell (konkret jedoch nur für die sogenannten A-Mandate in den arabischen Gebieten) in Aussicht gestellt. Die Mandate wurden vom Völkerbund jeweils an die herrschende Kolonialmacht treuhänderisch übergeben. Für die Kolonien änderte sich dadurch im Allgemeinen wenig. Die britischen Protektorate Ägypten (1922) und Irak (1932) erlangten jedoch die - allerdings noch stark beschränkte - Unabhängigkeit. Die Kolonialmächte verwalteten ihre Mandate zwar nach unterschiedlichen Grundsätzen - die Briten bevorzugten die "indirect rule" (indirekte Herrschaft), d. h. sie stützten sich auf überkommene Gesellschaftsstrukturen und Herrschaftsverhältnisse. Die Franzosen sprachen von der Assimilation der Kolonisierten an das Mutterland. Der belgische und niederländische Paternalismus sollte "Fürsorge" für die ihnen anvertrauten "Unmündigen" bedeuten - in der Praxis waren diese Unterschiede jedoch von geringer Bedeutung. Die Verwaltung in den überseeischen Besitzungen ging häufig mit Terror und Willkür gegen die Einheimischen vor (auch noch im 20. Jahrhundert), aber selbst abgesehen von diesen Ausschreitungen: Kolonialismus ist erzwungene Ausrichtung der kolonisierten Gesellschaften an den Wirtschaftsinteressen Europas. Die These, dass die Kolonisation Afrika und Asien nicht entwickelt, sondern zur Unterentwicklung dieser Teile der Erde geführt hat, ist heute unter Wissenschaftlern kaum noch strittig. Der Zweite Weltkrieg - aus der Perspektive der Dritten Welt nicht wirklich ein globaler Krieg, sondern eine interne Auseinandersetzung zwischen den Industrienationen - markiert das Ende der "Herrschaft des weißen Mannes". Italien und Japan verloren jetzt ihre Kolonien. Die USA und die Sowjetunion, die als Supermächte aus dem Krieg hervorgingen, waren beide Gegner des Kolonialismus, teils aus historischen, teils aus ideologischen Gründen. Der Druck, den die USA auf die wirtschaftlich und militärisch von ihnen abhängigen westeuropäischen Staaten ausüben konnten, blieb nicht ohne Einfluß auf die Kolonialpolitik dieser Länder. Den Freiraum wußten die Völker der Dritten Welt für sich zu nutzen.

Die Unabhängigkeit Indiens

Mahatma Gandhi und Kasturba Gandhi im Birla House, wo Mahatma Gandhi die letzten 144 Tage seines Lebens verbrachte, in Delhi, der Hauptstadt von Indien
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Mahatma Gandhi und Kasturba Gandhi im Birla House, wo Mahatma Gandhi die letzten 144 Tage seines Lebens verbrachte, in Delhi, der Hauptstadt von Indien

Im Jahr 1916 stellte die bereits 1885 aus Protest gegen die britische Herrschaft gegründete Allindische Kongreßpartei erstmals die Forderung nach Selbstregierung auf. Sie wurde von den britischen Behörden verweigert, statt dessen räumten die Briten 1919 den Indern beschränktes Mitspracherecht bei der Provinzverwaltung ein. Ein Jahr später übernahme Mohandas Karamchand Gandhi, genannt Mahatma Gandhi, "große Seele Gandhi", die Führung des Kongresses und verkündete sein Programm des gewaltfreien Widerstands gegen die britische Vorherrschaft: Durch Verweigerung der Zusammenarbeit, durch Boykott, Fasten und durch bewußten Gesetzesverstoß sollte das Ziel der indischen Unabhängigkeit erreicht werden. Dieses Programm nannte Gandhi Satjagraha ("Festhalten an der Wahrheit"). Den ersten Satjagraha-Feldzug (1920 bis 1922) führten Hindus und Moslems noch gemeinsam, in der Folge verschärften sich jedoch die Konflikte zwischen den Religionsgruppen: Die Moslems waren zu einer Mitarbeit im Kongreß nicht mehr bereit, weil sie eine Majorisierung ihrer Interessen befürchteten. Der zweite Satjagraha-Feldzug, der 1929 nach der erneuten Ablehnung der Forderung nach Unabhängigkeit ausgerufen wurde, richtete sich vorrangig gegen das britische Salzmonopol. Die Absicht der britischen Verfassungsreformen in Indien in den 30er Jahren war es, Minderheiten - wie die Moslems, aber auch die kastenlosen Hindus ("Unberührbare") und die indischen Fürsten - durch Gewährung eines Sonderstatus zu schützen. Dadurch wurde jedoch zugleich der Konflikt zwischen diesen Gruppierungen verschärft. Gandhi und seine Anhänger dagegen hofften weiterhin auf eine Überwindung der Gegensätze und beharrten auf einer einigen indischen Nation. Während sie sich in der Frage des Kastenwesens weitgehend durchsetzen konnten, war die Spaltung zwischen Hindus und Moslems nicht aufzuhalten. 1947, als die Briten das Land verließen, wurden zwei Staaten unabhängig: Das hinduistische Indien und, als neu geschaffener Staat, das moslemische Pakistan. Bürgerkriegsähnliche Unruhen (200.000 Tote) gingen dem voraus, Massenaustreibungen (acht Millionen Menschen) waren die Folge.

Die Chinesische Revolution

Das Bild zeigt zwei ehemalige Studenten in Yan'an, China, im Jahr 1947
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Das Bild zeigt zwei ehemalige Studenten in Yan'an, China, im Jahr 1947

Ausländische Mächte hatten im 19. Jahrhundert mit militärischen Mitteln ihre Wirtschaftsinteressen in China durchgesetzt und das Land in Interessensphären untereinander aufgeteilt. Die chinesische Ökonomie war zu Beginn des 20. Jahrhunderts rückständig, industrielle Zentren vom Hinterland abgeschnitten, die überwiegende Mehrheit der chinesischen Bevölkerung, arme Bauern, wurden durch hohe Pachtzinsen von Großgrundbesitzern und Bürokratie ausgepreßt. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie gab es keine einheitliche Verwaltung mehr (seit 1916). 1925 bis 1927 konnte die Kuomintang (Nationalpartei) das ganze Land unter ihren Einfluß bringen. Sie ging danach mit einem Blutbad gegen ihre Kampfgenossen, die Kommunisten, vor. Die Kommunistische Partei Chinas, in der Mao Tse-tung an Einfluß gewann, konzentrierte sich in der Folgezeit in der Auseinandersetzung mit der Kuomintang und - nach dem Ausbruch des chinesisch-japanischen Krieges (1937) - im Kampf gegen den äußeren Aggressor auf die Mobilisierung der Bauernschaft. Mit Hilfe der Guerillataktik, bei der militärische Eroberungen mit der modellhaften Veränderung in den von den Kommunisten kontrollierten Gebieten einhergingen, gelang es ihnen, die Masse der ländlischen Bevölkerung hinter sich zu bringen und so nach dem Ende des Krieges mit Japan (1945) im Bürgerkrieg mit der Kuomintang (1946 bis 1949) trotz deren zahlenmäßiger Überlegenheit und militärischen Unterstützung durch die USA den Sieg zu erringen. Nach der Ausrufung der Volksrepublik China (01.10.1949) wurde eine radikale Agrarreform durchgeführt. Die Mobilisierung der Massen, die Förderung ihrer Erfindungsgabe und produktiven Kraft war oberstes Prinzip im China Maos.

Der Kolonialkrieg in Vietnam

Hồ Chí Minh war Vietnamesischer Revolutionär und Politiker
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Hồ Chí Minh war Vietnamesischer Revolutionär und Politiker

Im Zug des europäischen Interesses an einem Zugang zum chinesischen Reich wurde Vietnam im 19. Jahrhundert in das System der Kolonialherrschaft einbezogen. Bis 1887 hatte Frankreich die Staaten Vietnam, Laos und Kambodscha zur französisch-indochinesischen Union zusammengeschlossen. Die Bevölkerungsmehrheit der Bauern hatte unter der Fremdherrschaft doppelt zu leiden: Sie mußte an die Kolonialmacht Steuern entrichten und war zugleich den Forderungen der einheimischen Großgrundbesitzer ausgeliefert. Nach der Niederlage der Franzosen in Indochina im Zweiten Weltkrieg und der japanischen Besetzung nahme die Vietminh, eine 1941 von Hồ Chí Minh gegründete antikolonialistische Befreiungsbewegung einen gewaltigen Aufschwung. Im September 1945 rief Hồ Chí Minh die Demokratische Republik Vietnam (DRV) aus. Doch entgegen einem Abkommen von 1946, in dem Frankreich die DRV als freien Staat innerhalb der indochinesischen Union anerkannte, betrieben die Franzosen eine Rekolonialisierungspolitik, die in einen Kolonialkrieg mündete. Er endete mit einer vernichtenden Niederlag für die Franzosen. Das Land wurde geteilt (1954). Eine friedliche Neutralisierung und Vereinigung des Landes gelang nicht (Genfer 14-Mächte-Konferenz 1962). Nord-Vietnam orientierte sich am Ostblock und an China, während Süd-Vietnam sich amerikanischer Hilfe versicherte. Die Polarisierung führte zur Eskalation. Schon 1960 wurde der Vietcong eine mit Unterstützung des kommunistischen Nordens in Süd-Vietnam operierende Guerilla-Armee, gegründet. Im gleichen Jahr verstärkte die USA die Zahl ihrer Militärberater in Süd-Vietnam erheblich. Der Vietcong brachte mit Unterstützung der einheimischen Bevölkerung und mit militärischer Hilfe der Sowjetunion und aus China große Gebiete im Süden des Landes unter seine Kontrolle. Die USA reagierte mit verstärktem Einsatz ihrer Militärmaschinerie. Sie mußten sich dennoch 1973 unter dem Druck der amerikanischen Bevölkerung zurückziehen. 1976 wurde die Sozialistische Republik Vietnam als gesamtvietnamesischer Staat gegründet.

Die Entkolonialisierung in Afrika

Nelson Rolihlahla Mandela war Rechtsanwalt und verbrachte 27 Jahre als politischer Gefangener in Haft
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Nelson Rolihlahla Mandela war Rechtsanwalt und verbrachte 27 Jahre als politischer Gefangener in Haft

Verschiedene Formen der Kolonisierung - neben der externen auch die interne, bei der die "Herrschaft des weißen Mannes" durch Siedlung ins Innere der Kolonie verlegt ist - finden sich auf dem afrikanischen Kontinent ebenso wie eine Vielfalt von Methoden der Befreiung. Sowohl die Briten als auch die Franzosen zeigten sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kompromißbereit. Großbritannien führte eine Reihe von Verfassungsreformen in seinen Kolonien durch. Die Franzosen verfolgten in Schwarzafrika eine Integrationspolitik, gaben afrikanischen Politikern Sitz und Stimme im Parlament des Mutterlands und gewährten andererseits Marokko und Tunesien 1956 die Unabhängigkeit. Die afrikanischen Politiker bemühten sich durch die Gründung von Massenparteien erfolgreich um die Mobilisierung der Einheimischen gegen die Kolonialherren und setzten sich auf der anderen Seite mit Kompromißbereitschaft und Geschick in Verhandlungen für ihre Rechte ein. 1957 wurde Ghana als erster schwarzafrikanischer Staat unabhängig, bis Ende 1960 folgten 18 weitere. Als Gründe für die aufgeschlossene Haltung der Kolonialmächte sind die bitteren Erfahrungen bei einer kompromißlosen Politik (Dien Bien Phu, Suez) und die Hoffnung der Europäer zu nennen, nach der Entlassung der Kolonien in die Unabhängigkeit weiterhin wirtschaftlicher Nutzen aus diesen Gebieten ziehen zu können. In Algerien scheiterte die friedliche Lösung an der starren Haltung der Algerien-Franzosen, die sich gegen die Forderung der moslemischen Bevölkerungsmehrheit nach Autonomie sperrten. Ende 1954 wurde von der Nationalen Befreiungsarmee Algeriens (FLN) der Unabhängigkeitskrieg ausgerufen. Nach siebenjährigem Guerillakampf hatte Algerien 1962 - trotz Terrors der OAS, einer rechtsgerichteten Organisation der französischen Kolonisten und trotz zahlenmäßiger Überlegenheit der Kolonialtruppen - die Unabhängigkeit erreicht. Während in Rhodesien (Zimbabwe) die weißen Siedler sich der britischen Kolonialmacht beugen und - wenn auch erst 1979/80 - der schwarzen Bevölkerungsmehrheit die Macht überlassen mußten, leisteten die portugiesischen Kolonialherren weiterhin den Befreiungsbestrebungen ihrer Kolonien Angola, Mosambik und Guinea-Bissau Widerstand, so dass es auch dort zu bewaffneten Guerillakämpfen linksgerichteter Bewegungen kam, die von der Sowjetunion und von Kuba unterstützt wurden. 1974, mit dem Ende der Salazar-Diktatur im Mutterland, erlangten diese portugiesischen Kolonien die Unabhängigkeit.


Gefährdung und Schutz

Auf der ganzen Welt wird jede 3 Sekunden ein Baby geboren
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Auf der ganzen Welt wird jede 3 Sekunden ein Baby geboren

Laut der Roten Liste der IUCN gehört der Moderne Mensch heute noch nicht zu den bedrohten Arten. Derzeit bestehen keine größeren Gefahren für die Menschen, obwohl einige Subpopulationen einen lokalisierten Rückgang als Folge von Krankheiten, Dürre, Krieg, Naturkatastrophen und anderen Faktoren erfahren. In der Roten Liste der IUCN wird der Moderne Mensch als least concern (nicht gefährdet) geführt.

Laut der Roten Liste der IUCN wurde Mitte 2007 die Weltbevölkerung auf 6,6 Milliarden Menschen geschätzt. Zwei Länder, China und Indien, machen etwa ein Drittel der Weltbevölkerung mit 1.318 Mio. und 1.312 Mio. Menschen aus. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind Dritter mit 302 Millionen Menschen. Die jährliche Steigerungsrate liegt bei etwa 1,2 Prozent. Die Weltbevölkerung wird voraussichtlich bis Mitte 2025 etwa 8,0 Milliarden Menschen und bis Mitte 2050 etwa 9,2 Milliarden Menschen zählen.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Robert Jungk: Chronik der Menschheit. Mit einem Ausblick auf die Zukunft. Band 3 der Chronik-Edition. Chronik-Verlag in der Harenberg Kommunikation Verlags- und Mediengesellschaft GmbH & Co. KG, Dortmund 1984. Idee und Konzeption und verantwortlich für die Redaktion: Bodo Harenberg. ASIN B002CDJRNE
  • [1] Winfried Ahne, Hans-Georg Liebich, Manfred Stohrer, Eckhard Wolf, Horst Erich König: Zoologie: Lehrbuch für Studierende der Veterinärmedizin und Agrarwissenschaften. Verlag: Schattauer, F.K. Verlag (September 2000). ISBN 978-3794517640

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