Moschushirsche

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Moschushirsche
Sibirischer Moschushirsch (Moschus moschiferus)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Moschushirsche
Wissenschaftlicher Name
Moschidae
Gray, 1821

Moschushirsche (Moschidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) und zur Unterordnung der Wiederkäuer (Ruminantia). Es werden in der Familie 4 (5) rezente Arten in einer monotypischen Gattung geführt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution und Entwicklung

Der Ursprung der Moschushirsche liegt wahrscheinlich in Nordamerika. Hier wurden Fossilien gefunden, die ein Alter von 23 bis 20 Millionen Jahren aufweisen und aus dem frühen Miozän stammen. Seit dem frühen Pleistozän, also vor rund 1,8 Millionen Jahren sind Moschushirsche auch in Asien und Europa verbreitet. Wann die Tiere in Europa und Nordamerika ausstarben ist unklar.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Moschushirsche erreichen eine Körperlänge von 70 bis 100 Zentimeter, eine Schulterhöhe von 50 bis 80 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 1,8 bis 6 Zentimeter sowie ein Gewicht von 7 bis 18 Kilogramm. Der Körperbau ist stämmig, der Kopf ist auffallend klein. Das dichte Fell ist rau und vor allem in höheren Lagen recht lang. Je nach Art ist das Fell graubraun, gelblichbraun bis dunkelbraun gefärbt. Das Fell in der Analregion weist eine weißliche Färbung auf. Die Fellhaare enthalten als Kälteschutz isolierende Luftpolster. Der Schwanz ist überwiegend haarlos, nur im Bereich der Schwanzspitze zeigt sich ein Haarbüschel. Die sehr langen Ohren sitzen weit hinten am Schädel und sind innen weißlich bis leicht gelblich gefärbt. Die Beine sind durchaus lang, wobei die hinteren Beine ein wenig länger sind als die Vorderbeine. Die Rückenlinie erscheint leicht gekrümmt. Die Füße enden in schlanke Zehen, wobei die Hauptzehen lang und spitz zulaufen. Die Griffelbeine sind deutlich vergrößert. Nur bei den Männchen sind Schwanz- und Moschusdrüsen vorhanden. Die Schwanzdrüse liegt im Bereich des Schwanzansatzes und sondert aus seitlichen Poren ein zähflüssiges und gelbliches Sekret ab. Die Moschusdrüse liegt ventral am Bauch und befindet sich im einem Beutel.

Sibirischer Moschushirsch (Moschus moschiferus)
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Sibirischer Moschushirsch (Moschus moschiferus)
Das Gebiss der Moschushirsche besteht aus 34 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i0/3, c1/1, p3/3, m3/3. Die oberen Eckzähne der Männchen können eine Länge von 7 bis 10 Zentimeter erreichen und ragen seitlich aus dem Maul heraus. Bei den Weibchen sind die Eckzähne klein und von außen nicht zu erkennen. Der olfaktorische Sinn (Gruchssinn) ist hoch entwickelt, der Gesichtssinn und das Gehör spielen hingegen nur eine untergeordnete Rolle.

Moschusdrüse

Die Moschusdrüse des Männchens, die vor dem Geschlechtsorgan liegt, produziert ein Sekret mit dem Namen Moschus. Die Drüse besteht aus einer äußeren Region, in der das unreife Sekret produziert wird, sowie einem Beutel, in der das Sekret lagert und heranreift. Der Beutel kann etwa 28 Gramm des Sekretes aufnehmen. Wenn das Sekret trocknet, bildet es eine klebrige und rötlichbraun gefärbte Körner aus. Die Körner riechen sehr stark und schmecken leicht bitter. Das Sekret weist einen hohen Anteil an Muscon (3-Methylcyclopentadecanon) auf, dass für den durchdringenden Geruch verantwortlich ist. Der Geruch ist selbst bei einer Verdünnung von 1:3000 noch deutlich wahrnehmbar. Moschus findet seit je her Verwendung in der Parfümherstellung. Es wird insbesondere als Fixativ (von lat. fixus, -a, um = festhaftend, unveränderlich) eingesetzt. Verwendet wird Moschus auch bei der Herstellung von Seifen, Duftmischungen oder Mottenpulver. In der asiatischen Medizin, insbesondere in China und Indien, spielt das Moschus ebenfalls eine große Rolle. Es wird beispielsweise als Sedativum (von lat. sedare = beruhigen) zur Behandlung von Epilepsie, Hysterie, Asthma und ähnlichen nervösen Erkrankungen eingesetzt. Weitere Einsatzbereiche in der Medizin sind Erkrankungen wie Typhus, Bronchitis oder Lungenentzündung. Die Nachfrage nach natürlichem Moschus ist hoch. Da verwundert es nicht, dass der Stoff zu horrenden Preisen gehandelt wird. 1 Kilogramm Moschus erzielt einen Preis von etwa 45.000 bis 65.000 US$. Pro Jahr werden rund 300 Kilogramm gehandelt. Um diese Menge zu produzieren müssen Jahr für Jahr 24.000 Tiere sterben. Lokal sind in weiten Teilen des Verbreitungsgebietes Moschushirsche ausgestorben oder vom Aussterben bedroht.

Lebensweise

Moschushirsche sind optimal an das Leben in großen Höhen angepasst. Selbst in steilem Gelände bewegen sie sich ausgesprochen leichtfüßig und sicher. Schnell laufen können sie jedoch nicht, sie bewegen sich meist gemächlich fort. Durch die vergrößerten Hufe mit den kräftig entwickelten Griffelbeinen sinken die Tiere auch in Schnee kaum ein. Moschushirsche sind ausgesprochen standorttreu und verlassen ihre Reviere im Grunde nicht. Die Reviere erstrecken sich über 15 bis 30 Hektar. In Sibirien wurde Reviergrößen von bis zu 300 Hektar nachgewiesen. Die Reviermarkierung und die Übermittlung von Botschaften erfolgt über Kot und den Sekreten aus den Duftdrüsen. Die Kotplätze, die im ganzen Revier verteilt sind, werden vor allem während der Brunft verstärkt aufgesucht. Sie lassen dann Kot ab und scharren mit den Vorderhufen. Das Scharren dient während der Brunft neben dem Geruch als zusätzliches, visuelles Signal. Beim Urinieren geben die Männchen zusätzlich Sekrete aus den Schwanzdrüsen ab. Dadurch entstehen im Winter die auffälligen gelblichen Flecken im Schnee. Der Urin der Weibchen ist geruchlos.
Sibirischer Moschushirsch (Moschus moschiferus)
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Sibirischer Moschushirsch (Moschus moschiferus)
Da Moschushirsche einzelgängerisch leben, werden die Kotplätze immer nur von einem Tier genutzt. Eher selten nutzen mehrere Tiere einen Kotplatz. Dies hängt im Wesentlichen von der Siedlungsdichte ab. Das Moschus wird von den Männchen vor der Brunft produziert. Man geht davon aus, dass das Moschus den Östrus der Weibchen beeinflusst. Das Sekret aus den Schwanzdrüsen dient im Gegensatz zum Moschus dazu, um Rivalen aus dem eigenen Revier fernzuhalten.

Verbreitung

Moschushirsche sind in Asien, insbesondere in China, in der Mongolei, in Russland, Laos, Vietnam, Afghanistan, Bhutan, Myanmar, Nepal, Pakistan, Indien und Korea, verbreitet. Lichte Wälder und Buschregionen in der Ebene und in Höhenlagen in Höhen von 2.600 bis 3.600 Metern, zuweilen auch bis 4.300 Meter über NN. gehören zu den natürlichen Lebensräumen. Moschushirsche bleiben auch im Winter in ihrem Lebensraum. Andere Paarhufer (Artiodactyla) zieht es im Winter meist in tiefere Lagen.

Ernährung

Moschushirsche sind reine Pflanzenfresser. Zu ihrer bevorzugten Nahrung gehören neben Blättern auch junge Triebe, dünne Zweige Moose und Flechten sowie Gräser und Farne. Im Winter fressen sie auch Waldfrüchte wie Eicheln und Scheinbeeren (Gaultheria). In mageren Zeiten werden aber auch Rinde und die Nadeln von Nadelbäumen gefressen. Als überwiegend nachtaktive Tiere gehen Moschushirsche hauptsächlich in der Nacht zwischen Abenddämmerung und Sonnenaufgang auf Nahrungssuche.

Fortpflanzung

Moschushirsche erreichen die Geschlechtsreife mit rund 1,5 Jahren. Das vom Männchen produzierte Moschus beeinflusst den Östruszyklus der Weibchen. Das Sekret wird kurz vor der Brunftzeit produziert. Während der Brunft kommt es unter rivalisierenden Männchen nicht selten zu heftigen Kommentkämpfen, bei denen die Eckzähne als Waffe eingesetzt werden. Auch wenn Moschushirsche in der Regel einzelgängerisch leben, so schließen sie sich während der Paarungszeit vorübergehend zu Paaren zusammen. Die Paarungszeit erstreckt sich über den später Herbst oder den frühen Winter. Zu den Geburten kommt es demnach im Frühjahr. Nach einer Tragezeit von 185 bis 198 Tagen kommt meist 1, selten auch 2 Jungtiere zur Welt. Die Jungtiere weisen ein Geburtsgewicht von 500 bis 700 Gramm auf. In den ersten Wochen verbleibt der Nachwuchs zum Schutz vor Fleischfressern im dichten Unterholz, die Mutter kommt nur gelegentlich zum Säugen vorbei. Das Fell der Jungen ist bräunlich gefärbt und weist helle Flecken und Punkte auf. Dies dient insbesondere der Tarnung im Unterholz. Die Säugezeit erstreckt sich meist über einen Zeitraum von 45 bis 50 Tagen, beim Moschus moschiferus bis zu 180 Tage. Kurze Zeit später ist der Nachwuchs selbständig. Die Lebenserwartung in Freiheit ist unbekannt, in Gefangenschaft können Moschushirsche ein Alter von bis zu 20 Jahren erreichen.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Abgesehen von der Bejagung durch den Menschen, der es vor allem auf das Moschus der Männchen abgesehen hat, hat vor allem die Vernichtung der natürlichen Lebensräume einen negativen Einfluss auf die Bestände der Moschushirsche. Die Bejagung erstreckt sich insbesondere auf China, Indien und Nepal. Die Abnehmer für das kostbare Moschus sind in Japan und Südostasien zu finden. In China ist man mittlerweile dazu übergegangen, die Tiere zu züchten. Das Moschus wird den Tieren entnommen ohne sie zu töten. Der so gewonnene Moschus ist jedoch von geringerer Qualität. Südlich des Himalaja, in Indien, sind Moschushirsche fast vollständig verschwunden. Die Gründe sind hier vor allem im Verlust der Lebensräume zu suchen. Freilebend sind Moschushirsche in Indien fast nur noch in Reservaten anzutreffen. Die meisten Arten gehören heute noch nicht zu den bedrohten Arten. Der Sibirische Moschushirsch (Moschus moschiferus) gilt jedoch als gefährdet (VU, Vulnerable).

Systematik der Moschushirsche

Moschus leucogaster wird meist als Unterart des Himalaya-Moschushirsches (Moschus chrysogaster) geführt. Man geht daher nur von 4 rezenten Arten aus.

Familie Moschushirsche (Moschidae)

Gattung: Moschus
Art: Moschus leucogaster
Art: Himalaya-Moschushirsch (Moschus chrysogaster)
Art: Sibirischer Moschushirsch (Moschus moschiferus)
Art: Schwarzer Moschushirsch (Moschus fuscus)
Art: Chinesischer Moschushirsch (Moschus berezovskii)

Anhang

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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