Nachtaffen

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Nachtaffen
Östlicher Graukehl-Nachtaffe (Aotus trivirgatus)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Familie: Nachtaffen
Wissenschaftlicher Name
Aotidae
Poche, 1908

Die Familie der Nachtaffen (Aotidae) zählt innerhalb der Ordnung der Primaten (Primates) zur Unterordnung der Trockennasenaffen (Haplorhini). Die Familie weist nur eine Gattung auf, der 8 Arten zugeordnet sind.

Ursprünglich kannte man innerhalb der Familie der Nachtaffen nur eine Art, den Östlichen Graukehl-Nachtaffen (Aotus trivirgatus). Die weiteren heute bekannten Arten führte man als Unterarten. Aufgrund genetischer Untersuchungen erkannte man deutliche Unterschiede zwischen den Unterarten. Sieben Unterarten erhielten daraufhin den Artstatus.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Nachtaffen erreichen je nach Art und Geschlecht eine Kopf-Rumpf-Länge von 24 bis 37 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 25 bis 40 Zentimeter sowie ein durchschnittliches Gewicht von rund 460 bis 1.250 Gramm. Die Geschlechter weisen weder in der Fellfärbung noch in der Größe einen Dimorphismus auf. Zu den größten Arten in dieser Familie gehört der Südliche Rotkehl-Nachtaffe (Aotus azarai), zu den kleinsten Arten gehört der Mittelamerikanische Graukehl-Nachtaffe (Aotus lemurinus). Die Fellfärbung variiert je nach Art und Verbreitungsgebiet zum Teil sehr stark. Es treten hellbraune, gräuliche, silbergraue, rötliche oder auch rotbraune Farbmorphen auf. Ventral ist das Fell gelblich bis leicht orange gefärbt. Eine ähnliche Färbung weisen die Innenseiten der Extremitäten auf. Der Kehlbereich ist je nach Art gräulich oder rötlich gefärbt. Für gewöhnlich teilt man die Arten daher in zwei Gruppen ein: die Graukehl-Nachtaffen und die Rotkehl-Nachtaffen. Die Augenbrauen sind hell, meist weißlich oder hellgrau gefärbt. Der Oberkopf ist durch drei dunkle Längsstreifen gekennzeichnet. Ein Streifen befindet sich im Bereich der Kopfmitte, je ein weiterer Streifen an den oberen Kopfseiten. Die seitlichen Streifen verlängern sich bis ins Gesicht hinein. Optisch scheint der mittlere Längsstreifen auf dem Nasenrücken auszulaufen.

Das Fell ist je nach Lebensraum unterschiedlich dicht. In den Höhenlagen weisen die Tiere ein deutlich dichteres Fell als die Artgenossen in den Tieflandregenwäldern auf. Markantes Merkmal aller Nachtaffen sind die ungewöhnlich großen Augen. Die Iris der Augen ist orange bis orangebraun oder bräunlich gefärbt. Die großen Augen sind ein Indiz für die Nachtaktivität. Dies trifft auch gemeinhin zu, jedoch sind einige Arten, trotz der großen Augen auch in der Dämmerung oder teilweise auch am Tage aktiv. Die großen Augen scheinen noch ein entwicklungstechnisches Relikt zu sein. Gleichwohl stellen Nachtaffen aber keine sehr alte Tiergruppe dar. In jedem Fall können sie auch bei völliger Dunkelheit noch sehen. Die Linsen der Augen dienen dabei mehr oder weniger als Restlichtverstärker. In der Rezeptorzellschicht dominieren im Wesentlichen Stäbchenzellen. Die Stäbchenzellen sind deutlich lichtempfindlicher als die Zapfenzellen und ermöglichen somit das Sehen auch bei Dämmerung oder Dunkelheit.
Östlicher Graukehl-Nachtaffe (Aotus trivirgatus)
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Östlicher Graukehl-Nachtaffe (Aotus trivirgatus)
Man geht davon aus, dass Nachtaffen auch Farben erkennen können. Die Fähigkeit, Farben erkennen zu können, spielt bei der überwiegenden Nachtaktivität keine große Rolle. Das räumliche Sehen ist hingegen sehr gut entwickelt. Im Kehlbereich verfügen Nachtaffen über einen dehnbaren Kehlsack, mit Hilfe dessen sie ihr Vokabular deutlich verstärken können.

Lebensweise

Nachtaffen sind nachtaktiv, nur selten entfalten sie ihre Aktivität bereits in den frühen Abendstunden. Meist beginnt ihre Aktivität kurz nach Eintreten der Dunkelheit. Den Tag über schlafen sie an angestammten Schlafplätzen hoch oben in den Bäumen, zu denen sie täglich zurückkehren. In der Regel handelt es sich bei den Schlafplätzen um Baumhöhlen oder ähnlich geschützten Stellen. Die erste Nachthälfte ist geprägt von der Nahrungssuche und -aufnahme, die in der Regel in kleinen Gruppen stattfindet. Um Mitternacht legen die Tiere ein Pause von ein bis zwei Stunden ein, ehe sie sich wieder der Nahrungssuche widmen. Nachtaffen leben ausschließlich auf Bäumen. Hier gehen sie im Kronendach hoher Bäume auch auf Nahrungssuche. Die Art der aufgenommenen Nahrung schwankt saisonal und auch nach Lebensraum. So nehmen Populationen in tropischen Regenwäldern deutlich mehr Früchte zu sich, als beispielweise die Artgenossen in Trockenwäldern. Pro Nacht legen sie eine Strecke von 300 bis 1.000 Metern zurück. Nachtaffen gelten als ausgezeichnete Kletterer und Springer. Sie können durch Sprünge Distanzen von über vier Metern überwinden. Nachtaffen sind durchaus gesellige Primaten. Sie leben paarweise oder in kleinen Familiengruppen, die aus einem Pärchen und deren Nachwuchs bestehen.

Verbreitung

Nachtaffen sind im südlichen Mittelamerika sowie im nördlichen und im zentralen Südamerika verbreitet. Sie sind insbesondere in Panama, Kolumbien, Ecuador, Venezuela, Peru, Brasilien, Paraguay, Argentinien und Bolivien anzutreffen. In diesem sehr großen Verbreitungsgebiet wird eine Vielzahl an unterschiedlichen Lebensräumen bewohnt. Die meisten Arten bevorzugen als Lebensraum den tropischen Regenwald. Aber auch primäre und sekundäre Trockenwälder, Laubwälder, Galeriewälder, Überschwemmungsbereiche und bewaldete Flussläufe werden häufig besiedelt. Nachaffen sind sowohl auf Meereshöhe als auch in Bergwäldern bis in Höhen von über 3.000 Metern anzutreffen. Nachtaffen halten sich ausschließlich in den oberen Regionen hoher Bäume auf.

Prädatoren

Zu den natürlichen Fleischfressern zählen insbesondere nachtaktive Eulen (Strigiformes), Kleinkatzen (Felinae) und in Bäumen lebende Schlangen (Serpentes). Tagaktive Greifvögel (Falconiformes) kommen als Räuber nur selten in Frage, da sich Nachtaffen am Tage meist in Baumhöhlen oder ähnlichem versteckt halten. Neben der Nachaktivität bietet die tarnende Fellfärbung einen gewissen Schutz. Sie sind im Blattwerk kaum auszumachen.

Ernährung

Nachtaffen ernähren sich als Allesfresser sowohl von pflanzlicher als auch von tierischer Nahrung. Spinnentiere (Arachnida) und Insekten (Insecta) wie Geradflügler (Orthoptera), nachtaktive Schmetterlinge (Lepidoptera) und Käfer (Coleoptera) stehen weit oben auf der Speisekarte. Die Nahrungssuche erfolgt ausschließlich in der Nacht. Eine Ausnahme bildet der Südliche Rotkehl-Nachtaffe (Aotus azarai), der zuweilen auch am Tage auf Nahrungssuche zu beobachten ist. Diese abweichende Ernährungsgewohnheit stellt wahrscheinlich eine Anpassung an den Lebensraum dar. Die Nächte in seinem Lebensraum sind zumeist sehr kalt und ohne Mondschein. Beutetiere werden über den hoch entwickelten Gehörsinn und über den Sehsinn lokalisiert. An pflanzlicher Nahrung werden junge Triebe und Blätter, Blüten, reife Früchte und Nüsse gefressen.

Fortpflanzung

Anders als die meisten Primatenarten leben Nachtaffen in einer monogamen Einehe. Sie erreichen die Geschlechtsreife mit rund zwei Jahren. Aufgrund der nachtaktiven und verschwiegenen Lebensweise ist jedoch nicht viel über das Paarungsverhalten bekannt. Nach einer Tragezeit von 125 bis 150 Tagen bringt das Weibchen meist ein Jungtier zur Welt, das ein Geburtsgewicht von 70 bis 100 (80) Gramm aufweist. Nach der Geburt kümmert sich überwiegend der Vater um den Nachwuchs, die Mutter übernimmt weitestgehend nur das Säugen. Dieses Verhalten ist unter Primaten nur selten zu beobachten. Die Säugezeit beträgt sechs bis zehn Monate. Die Jungtiere bleiben in der Regel bis zur Geschlechtsreife in der Familiengruppe. Nachtaffen können ein Alter von 10 bis 13 Jahren erreichen. In Gefangenschaft auch bis zu 20 Jahren.

Familie mit Jungtier: Mittelamerikanischer Graukehl-Nachtaffe (Aotus lemurinus)
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Familie mit Jungtier: Mittelamerikanischer Graukehl-Nachtaffe (Aotus lemurinus)

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Nachtaffen haben in ihrem Lebensraum eine durchaus gewichtige Rolle. Sie gelten als exzellente Samenverbreiter und bilden daher einen wichtigen Teil in einem intakten Ökosystem. Die meisten Arten gelten heute noch nicht als bedroht. Eine Ausnahmen bilden der Mittelamerikanische Graukehl-Nachtaffe (Aotus lemurinus) und der Anden-Rotkehl-Nachtaffe (Aotus miconax). Beide Arten gelten als bedroht und werden in der Roten Liste der IUCN als gefährdet (VU, vulnerable) geführt. Zu den Hauptbedrohungen zählen vor allem die Vernichtung der natürlichen Lebensräume und die Bejagung durch den Menschen. Nachtaffen stehen bei vielen indigenen Völkern auf der Speisekarte. In der Medizin werden Nachtaffen zudem als Laboraffen gehalten und dienen vor allem bei der Malariaforschung (Malaria, hervorgerufen durch Plasmodium falciparum) als Versuchstiere.

Gattungen und Arten

Gattung: Nachtaffen (Aotus)

Art: Östlicher Graukehl-Nachtaffe (Aotus trivirgatus)
Art: Hershkovitz-Graukehl-Nachtaffe (Aotus hershkovitzi)
Art: Mittelamerikanischer Graukehl-Nachtaffe (Aotus lemurinus)
Art: Kolumbianischer Graukehl-Nachtaffe (Aotis vociferans)
Art: Südlicher Rotkehl-Nachtaffe (Aotus azarae)
Art: Anden-Rotkehl-Nachtaffe (Aotus miconax)
Art: Nancy Mas-Rotkehl-Nachtaffe (Aotus nancymaae)
Art: Schwarzköpfiger Rotkehl-Nachtaffe (Aotus nigriceps)

Anhang

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X
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