Nattern

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

Nattern
Gewöhnliche Strumpfbandnatter (Thamnophis sirtalis)

Systematik
Stammgruppe: Neumünder (Deuterostomia)
Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Kriechtiere (Reptilia)
Ordnung: Schuppenkriechtiere (Squamata)
Unterordnung: Schlangen (Serpentes)
Überfamilie: Colubroidea
Familie: Nattern
Wissenschaftlicher Name
Colubridae
Oppel, 1811

Die Familie der Nattern (Colubridae) liegt innerhalb der Ordnung der Schuppenkriechtiere (Squamata) und ist mit rund 290 Gattungen und etwa 1.800 bis 2.000 Arten die umfangreichste und erfolgreichste Schlangenfamilie. Knapp zwei Drittel der über 2.000 Arten sind ungiftig, ein Drittel sind Trugnattern. Im Englischen werden die Nattern Colubrid snakes genannt. Erstmals beschrieben wurde die Familie im Jahre 1811 von dem Naturwissenschaftler Nicolaus Michael Oppel.

Inhaltsverzeichnis

Evolution

Im Karbonzeitalter, vor rund 340 Millionen Jahren, entstiegen die "Ur-Kriechtiere" dem Wasser und legten erstmals ihre Eier an Land ab. Zu dieser Zeit war kaum hervorzusehen, welche enorme Artenvielfalt sich daraus in Zukunft entwickeln wird. Als eine Unterordnung der Schuppenkriechtiere (Squamata) entwickelten sich die Schlangen (Serpentes). Über deren frühste Historie ist bis auf wenige Hinweise leider kaum etwas bekannt.

Sonstige, wichtige Informationen zum Ursprung, zur Entwicklung und zur evolutionären Anpassung der Nattern sind dem Hauptartikel Schlangen zu entnehmen. Dort wird auch etwas genauer auf die Evolution der anderen Schlangenfamilien eingegangen.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Äußerer Körperbau einer Natter (hier eine Kalifornische Kettennatter (Lampropeltis getula californiae))
vergrößern
Äußerer Körperbau einer Natter (hier eine Kalifornische Kettennatter (Lampropeltis getula californiae))

Die meisten Nattern haben eine typische Schlangengestalt: Langgestreckter Körper und deutlich abgesetzter Kopf, bei einigen Arten setzt sich der Kopf jedoch auch relativ wenig vom Rest des Körpers ab. Die Grundfärbung der Nattern ist sehr variabel. Es gibt viele einheitlich braune, graue oder grüne Arten, allein die Afrikanische Baumschlange (Dispholidus typus) verfügt als Art über dieses Spektrum. Viele sind auch schwarz, gelblich, rötlich oder gar schimmernd blau oder rein weiß in der Grundfarbe. Die Muster können noch bunter sein. Besonders schön ist zum Beispiel die Mangroven-Nachtbaumnatter (Boiga dendrophila): Leuchtend gelbe Ringe auf tiefschwarzem Grund. Oder einige Strumpfbandnattern (Thamnophis) mit grünlicher Grundfarbe und roten Streifen entlang des gesamten Körpers. Einige haben auch charakteristische Schläfenbänder zwischen den Augen und dem Hals oder, wie die Ringelnatter (Natrix natrix), einen paarigen Halbmondfleck hinter dem Kopf. Und dies sind nur Beispiele, um die Farbenvielfalt einigermaßen zu verdeutlichen. Die Muster fallen meist in Streifen, rauten- oder barrenförmig oder punktiert aus. Der Bauch der meisten Arten ist weißlich, grau, graubraun oder cremefarben und mit großen, breiten Schuppen bedeckt. Der Schwanz der meisten Nattern ist sehr lang, bei Weibchen oftmals länger als bei Männchen, und die Augen haben in der Regel eine runde Pupille. Vor allem nachtaktive Arten weisen oftmals geschlitzte Pupillen auf.

Die größte Natter Deutschlands ist die Äskulapnatter (Zamenis longissimus). Sie erreicht eine Länge von bis über 200 Zentimeter, dabei beträgt das Gewicht der graubraunen bis bronzefarbenen Schlange bis etwa einem halben Kilogramm. Damit ist sie auch eine der größten Schlangen Europas. Auch die häufigere Barrenringelnatter (Natrix natrix helvetica) wird mit 120 bis 160, selten bis 200 cm recht groß. Mit bis fast 300 Zentimetern Länge ist die Indigonatter (Drymarchon corais) eine der weltweit größten Nattern. Mit Längen von 150 bis über 200 Zentimetern werden die Amurnatter (Elphe schrencki) und die Schönnatter (Orthriophis taeniurus) auch äußerst groß. Es gibt nur sehr wenige Nattern, die bis zu 400 Zentimeter lang werden können. Der Durchschnitt solch groß werdender Arten liegt jedoch zumeist zwischen 130 und 180 Zentimetern. Die kleinsten Nattern sind unter anderen einige Arten der Strumpfbandnattern (Thamnophis), sowie die meistens lediglich um 40 bis 50 Zentimetern messenden Grasnattern (Opheodrys). Noch kleiner sind nur noch einige rund 20 bis 30 Zentimeter messenden Arten, hierzu zählt zum Beispiel die Längsgepunktete Zwergnatter (Eirenis lineomaculatus).

Neben der Äskulapnatter und der Ringelnatter kommen in Deutschland auch noch die 50 bis 80 Zentimeter langen Würfelnattern (Natrix tesselata) und Schlingnattern (Coronella ausriaca) vor. Die Grundfärbung beider Arten liegt zwischen grau, oliv und braun, die Bauchseiten sind heller, zumeist cremefarben. Ein Unterschied zwischen den beiden Arten besteht in der Rückenzeichnung: Würfelnattern haben drei bis fünf Längsreihen dunkler, eckiger Flecken über den gesamten Rücken bis zur Schwanzspitze, bei Schlingnattern zeichnen sich Doppelflecken über den Rücken und je Seite ein Schläfenband zwischen den Augen und dem Hals, sowie einen balkenähnlichen Fleck hinter dem Kopf.
Darstellung eines Schlangenschädels: A: Gehirn B: Jacobsonsches Organ, Nerven C: Nasenhöhle E: Nasenloch F: Zunge H: Gaumengrube mit Sinneszellen
vergrößern
Darstellung eines Schlangenschädels: A: Gehirn B: Jacobsonsches Organ, Nerven C: Nasenhöhle E: Nasenloch F: Zunge H: Gaumengrube mit Sinneszellen

Die Längenangaben beziehen sich in diesem Fall auf die Gesamtlänge, also von Schnauzenspitze bis Schwanzspitze gemessen. Man kann auch als Körperlänge, also von Schnauzenspitze bis Kloake, messen.

Lebensweise

Verhalten
Nattern sind zumeist am Tage aktive Schlangen, aber es gibt auch eine Vielzahl nachtaktiver Arten. In Wüstengebieten sind die Arten oft in der Nacht und während der Dämmerung aktiv, um der Hitze des Tages zu entgehen. Während der Ruhephasen suchen die verschiedenen Typen von Nattern verschiedene Verstecke auf. Die zahlreichen kletternden Arten verbergen sich zum Beispiel in Spechthöhlen oder hohlen Baumstämmen, bodenbewohnende Nattern aus trockenen und feuchten Gebieten, sowie Wassernattern verstecken sich häufig unter Rindstücken, Falllaub, in toten, umgekippten Bäumen, in Erdhöhlen zwischen Felsen oder unter Steinen. Kulturfolger nehmen auch sehr gerne leere Schuppen und Hütten an. Auch gibt es sich eingrabende Nattern. Sie leben in der Regel ein sehr verborgenes Leben und kommen häufig nur in der Nacht zur Nahrungssuche aus der Erde heraus, wenn sie diese überhaupt jemals verlassen.
Nattern verteidigen sich in der Regel durch die Flucht. Die wenigsten bekommt man zu sehen, sie verschwinden entweder bereits, wenn man in ihre Nähe kommt, oder harren aus und fallen durch ihre Tarnung nicht auf. In die Enge getrieben können viele jedoch auch sehr aggressiv reagieren. Viele Arten ziehen dann den Hals S-förmig ein und fauchen mit weit aufgerissenem Maul. Kommt man der Schlange dann noch näher, beißt sie blitzschnell zu. Dies kann zu Infektionen und bei Trugnattern zusätzlich zu, je nach Art, mehr oder weniger starken Vergiftungen führen.
Schwarze Rattennatter (Elaphe obsoleta)
vergrößern
Schwarze Rattennatter (Elaphe obsoleta)
Forbewegungsmethoden
Nattern sind an alle Lebensräume angepasst (bis auf die im Absatz Verbreitung genannten Ausnahmen). Sie können sich auf festem Boden, in den Gipfeln der Bäume, unter der Erde, im Wasser und sogar in der Luft fortbewegen. Nattern haben keine Gebeine oder Arme, müssen also kriechen, um sich vorwärts zu bewegen, und selbst da gibt es Unterschiede. Die häufigste und typischste Methode ist das Schlängeln. Hierbei schieben die Tiere ihren Körper durch horizontale, wellenförmige Muskelkontraktionen nach vorne und die Schuppen am Bauch halten sich an den Unebenheiten des Bodens fest, um so zusätzlich für das Vorankommen sorgen. Beim Ziehharmonika-Kriechen ziehen sich die Muskeln gleichmäßig zusammen und strecken sich nach vorne. Kletternattern (Pantherophis) wie die Kornnatter (Pantherophis gutattus) können auf diese Weise einen senkrechten Baumstamm hinaufklettern. Dabei stützen sie auch die großen Bauchschuppen. Beim Schwimmen wenden Nattern das Schlängeln an. Das so genannte Seitenwinden ist eine Fortbewegungsmethode, bei der der Kontakt zum Boden gemieden werden soll. Dabei bewegt sich die Schlange diagonal vorwärts und brührt nur mit drei Körperpunkten den Boden. Das Seitenwinden kommt bei keinen Nattern vor, meist sind es Vipern (Viperidae), die sich diese Technik zu Nutzen machen. Auch gibt es "fliegende", genauer gleitende Nattern. Dies sind die schlankwüchsigen Schmuckbaumnattern (Chrysopelea) aus Südostasien. Sie können von Baum zu Baum gleiten, in dem sie auf einem hohen Baum an die äußersten Äste klettern und sich von dort hinunter in die Tiefe stürzen. Im Fall flachen sie ihren Körper extrem ab und bilden so ein Gleitsegel, welches sie über Distanzen von bis über 15 Meter befördert.
Überwinterung
In den Tropen gibt es keine Jahreszeiten, daher müssen sie auch keine Winterruhe halten. Bei uns und in anderen winterkühlen Gegenden halten sie eine Winterruhe, bestimmt durch die Jahreszeiten. Wenn es kälter wird suchen sie frostsichere Unterschlüpfe unter der Erde auf, weil sie bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt sterben würden. Sie fressen in der Zeit der Winterruhe nichts und bewegen sich auch kaum oder gar nicht. In den gemäßigten Zonen kommen sie im Frühjahr, bei uns etwa um den April, wieder aus ihren Verstecken.
Wieso gefriert der Boden nicht? Die Temperatur des Bodens liegt in tieferen Schichten immer über dem Gefrierpunkt. Dies liegt daran, dass dort immer Bakterien arbeiten und dabei die Energie von toter Materie (zum Beispiel Falllaub) freisetzen. Dies erzeugt Wärme, wenn auch wenig. Außerdem ist der humusreiche Boden unserer Breitengrade in der Lage, die wärme einige Zeit zu speichern, das heißt auch Sonnenwärme von sonnigen Tagen wird gehalten. In den tropischen Regenwäldern verhält sich dies anders, hier ist der Boden ab etwa einem halben Meter unfruchtbar, es können dann selbst Bakterien nicht mehr leben, weil kein Sauerstoff vorhanden ist.

Fortpflanzung

Bei Nattern der gemäßigten Klimazonen nördlich des Äquators findet die Paarung meistens zwischen Mai und Juli statt, bei tropischen Arten das ganze Jahr oder sie richten sich nach Regen- und Trockenzeiten, sofern diese vorhanden sind. Mit Pheromonen (Sexuallockstoffe) locken die Weibchen die Männchen an. Hat sich ein Pärchen gefunden, umwirbt das Männchen das Weibchen und versucht sie zur Paarung zu bewegen. Ist sie bereit, umwickeln sich beide und das Männchen führt den ausgestülpten Hemipenis in die weibliche Kloake ein, setzt dort ein Samenpaket ab und befruchtet so die Eizellen. Dieser Vorgang kann sich je nach Art über mehrere Stunden hinziehen oder nur wenige Sekunden dauern.

Gelege einer Kornnatter (Pantherophis gutattus)
vergrößern
Gelege einer Kornnatter (Pantherophis gutattus)

Die Jungtiere entwickeln sich auf verschiedene Arten. Es gibt Nattern, die Eier in einem Versteck mit bestimmter Feuchtigkeit und bestimmten Temperaturverhältnissen ablegen. Dort entwickeln sich die Jungschlangen in den Eiern, bis sie zum Schlupf bereit sind. Eierlegend sind zum Beispiel alle Echten Nattern (Natrix). Andere sind eilebendgebärend. Das heißt, sie bilden richtige Eier (allerdings mit weicher Schale), die juvenilen Schlangen schlüpfen aber bereits vor oder spätestens während der Eiablage. Ein Beispiel hierfür sind Strumpfbandnattern (Thamnophis). Bei sehr wenigen Nattern entwickeln sich die Jungtiere in uterusähnlichen Strukturen und kommen ebenfalls lebend zur Welt. Die Nattern schlitzen die Eihülle oder die "Uterusstrukur" mit einem Eizahn auf.

In den ersten Tagen ernähren sich die kleinen Schlangen vom Eidotter, die erste Paarung findet meist einige Tage nach dem Schlupf statt. In den ersten Jahren häuten sie sich wesentlich häufiger, weil sie dann auch schneller wachsen. Die Häutung ist ein von Hormonen gesteuerter Vorgang, bei dem die nicht mitwachsende Haut abgestreift wird. Darunter liegt dann bereits eine neue Haut. Dass eine Schlange kurz vor einer Häutung steht, ist zu erkennen an den dann milchigen Augen. Daran ist ein Flüssigkeit schuld, welche sich zwischen die alte und neue Haut befindet und als Schmiermittel hilft.

Die Geschlechtsreife erreichen Nattern mit durchschnittlich ein bis drei Jahren, sie können je nach Art zwischen 3 und 30 Jahren alt werden.

Anatomie und Sinneswahrnehmung

Skelett und Gebiss
Den langgestreckten Körper der Nattern stützt ein einfaches Knochengerüst, bestehend aus dem Schädel, dem Unterkiefer, den Wirbeln und den Rippen. Bei den Nattern fehlt jeglicher Hinweis auf ursprünglich vorhandene Gliedmaßen, sie besitzen weder Schultergürtel, noch Becken. Der Schädel weist einige Besonderheiten auf. Der Unterkiefer ist, wie bei allen Schlangen, nur durch dehnbare Bänder mit dem Oberkiefer verbunden, die linke und die rechte Seite des Unterkiefers sind ebenfalls nur durch Bänder miteinander verbunden. Dadurch können die Schlangen das Maul weit nach unten öffnen, sowie den Unterkiefer nach links und rechts extrem dehnen. So sind sie in der Lage Beutetiere zu verschlingen, die mehr als doppelt so dick sind wie der Kopf der Schlange. Die Wirbel tragen je ein Rippenpaar, die rechten und linken Rippen sind an der Bauchseite nicht durch ein Brustbein miteinander verbunden, wodurch sich der Bauch ebenfalls sehr weit dehnen lässt. Zwischen zwei Wirbeln liegt je ein Gelenk, was bei, je nach Art, bis zu 400 Wirbeln eine enorme Wendigkeit hervorbringt.
Bei den Nattern sitzen die, zumeist glatten Zähne, in den Kieferknochen. Lediglich die Trugnattern weisen hintenständige, gefurchte und verlängerte Giftzähne auf. Die Zähne aller Nattern können nach dem Ausfallen wieder nachwachsen (Revolvergebiss).
Gophernatter (Pituophis catenifer) in drohender Haltung. Sie ist zwar nicht giftig aber kann schmerzhaft zubeißen.
vergrößern
Gophernatter (Pituophis catenifer) in drohender Haltung. Sie ist zwar nicht giftig aber kann schmerzhaft zubeißen.
Innere und andere Organe
Alle inneren Organe, also das Herz, die Lunge, der Magen, die Leber, die Nieren, sowie die Geschlechtsorgane, sind langgestreckt, um in dem langen, dünnen Körper Platz zu finden. Der Darm ist relativ kurz. Die linke Lunge ist sehr lang und die rechte ist verkümmert und endet in einem Luftsack, welcher als Luftvorrat für tauchende Nattern, sowie für den Fressakt dient. Die Nieren liegen versetzt hintereinander, eine Harnblase fehlt bei allen Schlangen. Der Harnleiter mündet direkt in die Kloake. Die Kloake ist der gemeinsame Ausgang von Geschlechts- und Ausscheidungsorganen. Das größte Organ ist die Haut. Sie hat die Aufgabe die inneren Organe und das Skelett zu schützen. Viele Arten nehmen auch Wasser über die Haut auf. Sie besteht bei Nattern aus vier hauptsächlichen Schichten: Die unterste ist die Lederhaut, welche vor allem als Schutzorgan dient, darüber liegt die Keimschicht, in der neue Hautzellen gebildet werden. Sie wird gefolgt von der, noch lebenden, Oberhaut, welche von abgestorbenen Hornschildern, den Schuppen, bedeckt wird. Diese Schuppen sind von Art zu Art unterschiedlich angeordnet. Das Gehirn im Kopf der Tiere hat als "Zentrale" des Organismus die Aufgabe alle Körperfunktionen zu koordinieren und zu Ordnen. Soll sich in der Schlange ein bestimmter Muskel bewegen, gibt das Gehirn den Befehl als elektrisches Signal über Nervenfasern an den Muskel weiter, welcher sich dann entsprechend zusammenzieht oder weitet.
Die inneren Organe vom Maul bis zur Kloake: Herz, Leber und Lunge, Galle, Darm, Nieren und Eierstöcke/Hoden.
Sinnesorgane
Nattern verfügen über sehr verschieden ausgeprägte Sinnesorgane.
Der Sehsinn: Nattern haben große Augen mit zumeist runden Pupillen. Ihre Augenlider sind miteinander verwachsen und sind durchsichtig. Diese beiden zusammengewachsenen Augenlider heißen "Brille". Die meisten Nattern können auf kurze Distanzen scharf sehen und reagieren vor allem auf Bewegungen.
Der Hörsinn: Allen Schlangen, so auch den Nattern, fehlen äußere Ohren, die inneren Teile der Hörorgane sind verkümmert. Die Tiere nehmen Schallwellen bestimmter Frequenzen über den Boden und vor allem durch das Wasser auf.
Der Geruchsinn: Die Nase hat lediglich die Aufgabe der Atmung, das eigentliche Riechorgan der Nattern besteht aus der gegabelten Zunge und dem, sich im Kopf befindenden, Jacobsonschen Organ. Dieses Organ hat zum Gaumen der Schlange führende Sinneskanäle. Züngelt die Schlange, nimmt sie mit der Zunge Geruchspartikel auf und streift diese beim Einziehen am Gaumen ab. Durch die Kanäle gelangen die Gerüche dann zum Jacobsonschen Organ und zum Gehirn. Dort werden die gewonnenen Informationen ausgewertet.

Trugnattern

Die Trugnattern sind kein eigentliches Taxon (auch wenn einige Wissenschaftler die Trugnattern als Unterfamilie Boiginae anerkennen), bilden also keine Gattung, Familie oder ähnliches. Sie sind bestehend aus einigen Unterfamilien innerhalb der Familie der Nattern (zum Beispiel die Wassertrugnattern (Homalopsinae)) oder liegen als einzelne Gattungen in anderen Unterfamilien (zum Beispiel die Afrikanischen Baumschlangen (Dispholidus)). Sie unterscheiden sich von den anderen Nattern durch das Vorhandensein von Giftdrüsen im Oberkiefer. Von den Erdvipern (Atractaspididae), Vipern (Viperidae) und den Giftnattern (Elapidae), den drei anderen Giftschlangengruppen (welche eigene Taxone bilden), unterscheiden sie sich dadurch, dass ihre Giftzähne im hinteren Teil des Oberkiefers liegen und diese Zähne nicht direkt mit den Giftdrüsen in Verbindung stehen müssen. Auch müssen viele Spezies nicht unbedingt ihre Beute durch einen Giftbiss töten, wie es Giftnattern und Vipern tun müssen, weil ihre Verdauung sonst nicht richtig arbeiten könnte. Viele sind auch in der Lage, sie lebendig herunterzuschlingen, ohne ihr Gift zu injizieren. Die Giftzähne sind aus verlängerten Fangzähnen mit einer Rinne am Rand bestehend. Das Gift
Trugnatter: Gefleckte Nachtschlange (Hypsiglena torquata)
vergrößern
Trugnatter: Gefleckte Nachtschlange (Hypsiglena torquata)
wird durch eine Rinne der Fangzähne in das gebissene Gewebe geleitet. Zur hundertprozentigen Eingabe des Giftes müssen die meisten Trugnattern ihr Ziel festhalten und das Gift regelrecht einkauen, damit es wirken kann. Die meisten Trugnattern sind relativ harmlos, aber es gibt auch Arten, wie die Afrikanische Baumschlange (Dispholidus typus) oder die Mangroven-Nachtbaumnatter (Boiga dendrophila), die dem Menschen gefährlich werden können. Im Gegensatz zu den Vipern und Giftnattern kann man nicht sagen, dass die meisten Arten neurotoxisch oder hämotoxisch wirken, bei den Trugnattern ist es viel mehr so, dass es sowohl viele Arten mit überwiegendem Hämotoxingehalt, als auch viele mit Neurotoxingehalt im Gift gibt, Cytotoxine sind bei fast allen in geringen Mengen vorhanden. Es existieren nur für die aller wenigsten Trugnattern wirksame Antivenine, die Afrikanische Baumschlange ist eine von ihnen.

Bei einigen Nattern, wie der Ringelnatter, wird ebenfalls Gift produziert, die Injektion erfolgt allerdings ohne jegliche Fangzähne und macht sich beim Menschen nach einem Biss oft rein gar nicht bemerkbar, wobei einige (so bei Ravergiers Zornnatter (Coluber ravergieri)) recht schmerzhaft sein können. Solche Schlangen werden allerdings nicht zu den Trugnattern gezählt.

Mimikry

Als Mimikry bezeichnet man das Nachahmen anderer Tiere. Dies machen einige Nattern vor allem, um sich Feinde vom Leib zu halten. Die harmlose Milchschlange (Lampropeltis triangilum) zum Beispiel ahmt in ihrer Färbung einige der hochgiftigen Korallenottern (Micrurus) nach, welche häufig eine Zeichnungen mit rot, gelb und weiß aufweisen. Diese grellen Farben heißen unter Tieren so viel wie "vorsicht, ich bin giftig". Es ist jedoch nicht eindeutig nachgewiesen, dass die Färbung der Milchschlange und anderer Königsnattern (Lampropeltis) nicht auch Zufall sein kann, somal einige Arten nicht mal ihr Verbreitungsgebiet mit ähnlich gefärbten Giftschlangen teilen.

Verbreitung

Vorkommen

Die Nattern kommen fast auf der ganzen Welt vor. Lediglich einige Inseln wie Neuseeland, Irland oder Island werden weder von Nattern, noch von irgend welchen anderen Schlangen bewohnt. Auch die polaren Klimazonen werden gemieden. Die nördlichst verbreitete Nattern-Art ist die Gewöhnliche Strumpfbandnatter (Thamnophis sirtalis). Sie kommt bis nach Südalaska im Norden des nordamerikanischen Kontinents vor. Die größte Vielfalt findet sich, wie so häufig unter Tieren, in Äquatornähe. Dies liegt daran, dass Nattern, wie alle Reptilien (Reptilia), wechselwarm sind und in dem ganzjährig gleich-warmen Klima besser gedeihen können. Die warmen Gegenden der USA und des Mittelmeerraums sind ebenfalls dicht mit Nattern aller Art besiedelt, sie bieten Sonne, feuchte Stellen und milde Winter.

Ein Paradies für Nattern: Der Regenwald Tanzanias
vergrößern
Ein Paradies für Nattern: Der Regenwald Tanzanias

Lebensräume

Die 2.000 Nattern-Arten sind in fast alle Lebensräume der Erde verteilt. Sie kommen in trockenen, feuchten und sommergrünen Wäldern, den Hartlaubwäldern des Mittelmeerraumes, in gemäßigten Nadelwäldern und in tropischen Regenwäldern vor. Sie besiedeln offene Landschaften wie Stein-, Halb- und Sandwüsten, Prärien, Steppen, feuchte und trockene Savannen, Heidelandschaften und Feuchtgebiete wie Sümpfe, Auwälder und Erlen-Bruchwälder. Auch an Seen, Fließgewässern und Meeren kommen sie vor. Sogar in den lebensfeindlichen Vulkanlandschaften einiger Gebirge und in den Gebirgen selbst (etwa bis 3.000 Höhenmeter) finden einige Nattern ihr Habitat. Nur das offene Meer, die bereits genannten Inseln Neuseeland, Island und Irland, sowie einige Inseln der Weltmeere sind frei von Nattern. Viele bevorzugen auch die Nähe zum Menschen. Die Kornnatter (Pantherophis gutattus) hält sich gerne in leeren Nagetierbauten in und an Agrarflächen auf und geht dort und in Getreidelagern nachts auf Jagd nach Mäusen - dies ist ein Vorteil für den Landwirt und für die Schlange.

Einige Arten werden, bzw. wurden auf verschiedenen Inseln eingeführt und bedrohen dort nun die Umwelt. So wurden auf Neuseeland Schlangen eingeführt, welche nun langsam aber bisher sicher die Kiwis (Apteryx) ausrotten. Ein weiterer Neozoon, wie solche eingeführten Tiere genannt werden, ist die Braune Nachtbaumnatter (Boiga irregularis), welche aus Indonesien und Australien stammt und auf der Insel Guam eingeführt wurde. Hier hat sie bereits mehrere Vogelarten ausgerottet und bedroht damit auch die Pflanzenwelt, da viele Pflanzen zur Verbreitung der Samen auf Vögel angewiesen sind.

Ernährung

Beutespektrum

Das Beutespektrum der Nattern ist sehr groß. Es reicht von kleinen Wirbellosen wie Würmer, Asseln (Isopoda) und Laubheuschrecken (Tettigoniidae), über kleine Nagetiere (Rodentia) wie Mäuse (Mus) und junge Ratten (Rattus), bis hin zu mehr oder weniger kleinen Vögeln (Aves) wie Kolibris (Trochilidae) und vielen anderen der fast 10.000 Vogelarten. Viele Nattern fressen auch kleine Echsen (Lacertilia), Amphibien (Amphibia) wie Frösche (Anura), Fische (Actinopterygii) und einige sogar andere Schlangen. Bei den meisten Nattern-Arten ist es so, dass sie mehrere Tiere als Nahrung annhemen, viele jedoch haben sich spezialisiert. So frisst die Gewöhnliche Eierschlange (Dasypeltis scabra) nur Vogel- und Reptilieneier. Auch Individuen können sich spezialisieren. Das Beutespektrum der Gewöhnlichen Strumpfbandnatter (Thamnophis sirtalis) reicht allgemein von Fischen, über Amphibien und Wirbellosen bis hin zu Vögeln. Aber oft spezialisieren sich einzelne Exemplare zu reinen Fischfressern oder nehmen nur noch Frösche an. Zu den Nattern, welche nur Wirbellose fressen, zählen die Grasnattern (Opheodrys).

Beuteerwerb und Verdauung

Die Art des Beuteerwerbs hängt von den Lebensbedingungen und der Beute selbst ab. Auch der Körperbau der Natter spielt eine wichtige Rolle. So sind plumpe Schlangen, mit wenig Bewegungsdrang eher Ansitzjäger, warten also, bis Beute in Reichweite ist. Die meisten Nattern sind jedoch aktive Jäger und stellen ihrer Beute nach. Dabei orientieren sie sich am Geruch der Beute. Reine Baumbewohner sind oft Ansitzjäger und warten, bis ein kleiner Vogel in ihre Reichweite gelangt. Dann schlagen sie blitzschnell nach vorne und packen die Beute. Alle Nattern, die ungiftig sind, schlingen die Beute lebend runter oder erdrosseln sie, in dem sie ihren Schlangenkörper um den Körper der Beute schlingen und zusammendrücken. Die Beute stirbt dann am Zusammenbrechen Kreislaufs, sowie an Sauerstoffmangel. Trugnattern wie die Europäische Eidechsennatter (Malpolon monspessulanus) beißen ihre Beute, halten sie etwas fest, um das Gift einsickern zu lassen und warten bis das Tier stirbt. Sie halten das Beutetier entweder fest, bis es tot ist, oder lassen sie weglaufen und kriechen ihr hinterher, bis sie nach spätestens wenigen Minuten tot ist. Alle Schlangen schlingen die Beutetiere an einem Stück runter, nur sehr wenige nehmen auch Aas an. Im Terrarium kann man die meisten auch an tote Mäuse oder Fische gewöhnen.

Eine Kornnatter (Pantherophis gutattus) frisst eine Farbmaus (Hausmaus)
vergrößern
Eine Kornnatter (Pantherophis gutattus) frisst eine Farbmaus (Hausmaus)

Da Nattern wechselwarm sind, ist ihr Stoffwechsel wesentlich langsamer, als der eines Warmblüters wie einem Menschen. Beutetiere werden zwar innerhalb weniger Tage vollkommen verdaut, aber bis dass die Stoffe restlos in Energie umgewandelt sind, kann es Wochen dauern. Aus diesem Grund können mittelgroße Nattern Monate lang von zwei Mäusen, große Nattern von zwei Ratten zehren. Lediglich Fischfresser und solche, die Wirbellose fressen, müssen regelmäßiger fressen, weil sich deren Stoffe schneller in Energie umwandeln, als die von Kleinsäugern.

Prädatoren, Parasiten und Krankheiten

Zu den Prädatoren der Nattern zählen vor allem Greifvögel (Falconiformes) wie Mäusebussard (Buteo buteo), Rotmilan (Milvus milvus) und Steppenadler (Aquila nipalensis), und kleine Raubtiere wie Marder (Mustelidae) und Füchse (Vulpes). Oft tritt zwischen verschiedengroßen Individuen einer Art auch Kannibalismus auf. In Nordamerika stehen Nattern, genauso wie alle anderen Schlangen auch, neben Kleinsäugern und Vögeln auf der Speisekarte der Königsnattern (Lampropeltis), wobei sich diese untereinander auch oft gegenseitig verschlingen.

Typische "Schlangenparasiten" sind zum Beispiel die, sich im Verdauungstrackt oder unter der Haut festsetzenden, Fadenwürmer (Nematoda). Blasen und Krusten auf der Bauchseite deuten auf Pilzbefall alter oder schwacher Tiere hin. Rote, weiße und/oder schwarze Punkte zwischen den Schuppen sind ein sicheres Zeichen für Milben (Acari) und deren Kot. Auch andere Spinnentiere (Arachnida) wie Zecken (Ixodida) saugen am Blut der Reptilien. Durch ein länger anhaltendes, ungewöhnlich kühles Klima während der Fortpflanzungszeit kann bei Weibchen eierlegender Arten Legenot auftreten, weil sie aufgrund zu niedriger Temperaturen nicht in der Lage ist, den nötigen Kraftaufwand zu erzeugen und zu nutzen, um die Eier auszupressen, meistens sterben die Tiere dann selbst in Gefangenschaft, weil sich eine Legenot (besonders bei kleineren Arten) häufig als nicht heilbar erweist. Eine Verkrümmung der Wirbelsäule kann durch einen Geburtsfehler, eine Rachitis oder einen Bruch hervorgerufen werden. Durchfall wird oft durch Darmparasiten, Entzündungen oder Vergiftungen, Erbrechen durch Stress oder Entzündungen im oberen Verdauungstrakt ausgelöst.


Galerie: Beutetiere und Prädatoren
Galerie: Weitere Nattern

Gefährdung und Schutz

Trotz der vielen Prädatoren ist und bleibt der Mensch der größte Feind der Nattern. Besonders bedroht sind sie hierzulande durch die Angst vieler Menschen. Sie schlagen sie mit Hacken oder Schüppen tot, um sie loszuwerden, anstatt sie einfach davonziehen zu lassen. Weltweit ist die wahrscheinlich größte Bedrohung das Zerstören und Bebauen der Lebensräume. Dies lässt manchmal ganze Natternpopulationen aussterben. Auch Straßen, welche durch die Habitate führen, stellen eine große Gefahr für sie dar. Die wechselwarmen Tiere suchen die Straßen im Sonnenlicht auf, um sich aufzuwärmen. Dabei sterben jährlich Abertausende Schlangen weltweit.

In Deutschland werden alle vier Nattern (und auch die beiden Vipernarten) im Bundesartenschutzgesetz geführt und dürfen nicht eingefangen, verletzt oder gar getötet werden. Am Schutz der Nattern kann man sich beteiligen, in dem man den Tieren im Garten durch Komposthaufen einen Winterunterschlupf bietet, die Tiere in Ruhe und in ihren natürlichen Lebensräumen lässt oder sie zumindest von der Feuerwehr wegbringen lässt oder selbst aus dem Garten trägt, sollten sie regelmäßig auftauchen und nicht freiwillig weichen wollen. In speziellen Schutzgebieten werden an Straßenrändern "Umleitungen" für die Reptilien angelegt oder Straßenunterführungen gegraben. Die Unterschutzstellung natternreicher Gebiete ist auch sehr wichtig für das Erhalten der Populationen.

Systematik der Nattern

Mit den weltweit rund 2.000 Arten sind die Nattern die erfolgreichste Schlangenfamilie.

Familie: Nattern (Colubridae)

Unterfamilie: Boodontinae
Unterfamilie: Calamariinae
Unterfamilie: Eigentliche Nattern (Colubrinae)
Unterfamilie: Dipsadinae
Unterfamilie: Wassertrugnattern (Homalopsinae)
Unterfamilie: Wassernattern (Natricinae)
Unterfamilie: Pareatinae
Unterfamilie: Psammophiinae
Unterfamilie: Pseudoxenodontinae
Unterfamilie: Pseudoxyrhophiinae
Unterfamilie: Xenodermatinae
Unterfamilie: Xenodontinae

Anhang

Siehe auch

Lesenswerte Natternartikel

Literatur und Quellen

'Persönliche Werkzeuge