Neandertaler

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Neandertaler

Erdzeitalter
Oberes Pleistozän
vor etwa 200.000 bis 30.000 Jahren

Fossilfundorte
  • Europa
  • Nordafrika (Marokko)
  • Asien (Naher Osten)
Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Teilordnung: Altweltaffen (Catarrhini)
Familie: Menschenaffen (Hominidae)
Unterfamilie: Homininae
Tribus: Echte Menschen (Hominini)
Untertribus: Hominina
Gattung: Menschen (Homo)
Art: Neandertaler
Wissenschaftlicher Name
Homo neanderthalensis
King, 1864

Der Neandertaler (Homo neanderthalensis) trat etwa vor 200.000 bis 30.000 Jahren im Jungpleistozän, auch Oberes Pleistozän oder Spätpleistozän genannt, in Erscheinung. Viele Paläanthropologen würden den Neandertaler lieber als Unterart Homo sapiens neanderthalensis sehen. Nach allen erkannten Standards der Säugetiersystematik ist klar, dass - trotz aller konservativen paläanthropologischen Traditionen - der Neandertaler eine eigene Art aus der Gattung Menschen (Homo) ist.

Inhaltsverzeichnis

Evolution

Vorläufer der Neandertaler

Wann die Geschichte der Neandertaler wirklich beginnt, ist schwer zu sagen. Die meisten Paläanthropologen glauben, dass die Neandertaler aus einer mittelpleistozänen Population des Homo heidelbergensis entstanden sind. Homo heidelbergensis ist gerade aufgrund seiner Primitivität, das heißt, wegen des Fehlens von anatomischen Spezialisierungen, die sich bei späteren Hominiden finden, besonders gut als Vorfahr für spätere Menschenformen geeignet. Einige Schwierigkeiten, den Homo heidelbergensis mit dem Modernen Menschen zu verbinden, hängen mit besonderen Eigenarten des heutigen Menschen zusammen. Daher sind aus unserer Familie wahrscheinlich weniger neue Arten hervorgegangen als aus vielen anderen Säugegruppen. Trotzdem haben besonders im Norden, starke pleistozäne Schwankungen der klimatischen und geographischen Bedingungen die Artenbildung wahrscheinlich begünstigt. Darüber hinaus gibt es aus ökologischen Gründen stets weniger Fleischfresser als Pflanzenfresser. Als Jäger oder Aasfresser waren Menschen sicher nicht häufig und finden sich entsprechend selten in fossilen Ablagerungen.

Folglich kam es unter den Jägern des Pleistozäns zur Bildung neuer Arten, deren Anzahl aber nicht zu groß war. Um morphologische Merkmale für eine eindeutige Artabgrenzung belegen zu können, gibt es nur wenige Fossilien und daher wird der genaue Ursprung der Neandertaler wohl niemals auszumachen sein. Jedoch ist es ziemlich sicher, dass die Neandertaler-Linie einer einzigen europäischen oder nahöstlichen Population entsprang. Manchmal wurde darauf hingewiesen, dass einige klassische Homo heidelbergensis-Vertreter, wie zum Beispiel die 400.000 Jahre alten Arago-Funde (die mit ziemlich einfachen altpaläolithischen Abschlagindustrien, die als Tayacien bekannt sind, vergesellschaftet waren) dem Neandertaler in gewisser Weise ähneln. Diese Merkmale könnten aber auch von einem älteren gemeinsamen Vorfahren stammen und müssen nicht auf besonders enge Verwandtschaft zwischen beiden Arten hinweisen. Derartige Ähnlichkeiten treffen auch auf den massiven, ungenau datierten Schädel aus Petralona in Griechenland zu, dessen Überaugenwülste neandertaler-ähnlich sind. Obwohl sie denen der Neandertaler ähneln und denen des Homo erectus nicht, unterscheidet sich ihre Form klar. Die Überaugenwülste sind jeweils in der Mitte verdickt und dünnen im Gegensatz zu denen der Neandertaler zur Seite hin aus. Außerdem besitzen sie anders als bei den Neandertalern oben einen Kamm und die Wangen sind vorspringend statt eingefallen.

Insgesamt besitzen die Petralona-Exemplare und Arago-Exemplare Merkmale, die sie mit Homo heidelbergensis-Vertretern aus Afrika und vielleicht aus China teilen, aber nicht mit den Neandertalern. Des Weiteren lieferte ein Travertin-Steinbruch bei Bilzingsleben in Deutschland Fragmente, die wahrscheinlich zu einem einzelnen Erwachsenenschädel gehören und zusätzlich den Zahn eines Jugendlichen. Der mehr als 280.000 Jahre alte Schädel aus dem Mittelpleistozän weist ein stark ausgebildetes Hinterhaupt auf und ist charakteristisch gewinkelt. Der Fund wurde mit Homo erectus verglichen, bleibt in der Zuordnung sehr unsicher und ähnelt aber in keiner Weise dem Neandertaler.

Die vergesellschaftete Geräteindustrie besteht aus Abschlägen, Faustkeile fehlen. Diese Zusammensetzung fand sich auch bei einem weiteren, ungefähr gleichalten massiv gebauten, rätselhaften Schädelrest vom ungarischen Fundort Verteszöllös. Die bemerkenswertesten archäologischen Funde dieser Zeitstellung sind einige hölzerne Speere, die man 1995 in Schöningen etwa 100 Kilometer östlich von Hannover fand. Erstaunlich ist nur, dass diese mehr als zwei Meter langen Speere über 400.000 Jahre erhalten geblieben sind. Dass es sich dabei eindeutig um Wurfspeere handelt, die man aus den Stämmen gefällter Bäume herstellte, so dass der Schwerpunkt nahe der Spitze lag, ist bewundernswert. Bis zu diesem Fund meinte man, Wurfspeere seien eine relativ junge Erfindung. Man glaubte zum Beispiel, dass Neandertaler nur Stoßspeere (Lanzen) eingesetzt hätten, die für den Benutzer viel gefährlicher sind als Wurfspeere, die sich aus sicherer Entfernung auf die Beute schleudern lassen. Auf die Verwendung von Lanzen schloß man aus Knochenbrüchen in Neandertaler-Skeletten, die denjenigen heutiger Rodeoreiter gleichen. Die Schöningen-Funde belegen jedoch, dass die Wurfspeere viel älter als neandertaler-zeitlich sind. Zusammen mit weiteren Befunden aus Schöningen wird eine für diesen frühen Zeitpunkt überraschend ausgefeilte Jagdtechnik offenbar. Vor nicht allzu langer Zeit fand sich in Reilingen in Deutschland ein weiterer mittelpleistozäner Schädelrest, der leichter als der von Bilzingsleben gebaut ist (rund 225.000 Jahre alt, vielleicht aber auch 120.000 Jahre jünger - hier zeigen sich die Probleme der Datierung des Mittelpleistozäns).

Wie die Neandertaler besitzt der Reilingen-Schädel eine starke Occipital-Wölbung, eine Fossa suprainiaca und die Andeutung eines Juxtamastoidkammes. Das Exemplar besitzt also gewisse Ähnlichkeit mit dem Neandertaler. Bis vor kurzem hielt man die Menschen von Steinheim und Swanscombe für die wahrscheinlichsten Vorfahren des Neandertalers. Beide sind deutlich über 200.000 Jahre alt, aber ebenfalls nicht problemlos einzuordnen. Das Swanscombe-Exemplar besteht nur aus dem hinteren Teil eines Schädels, dessen Hirnvolumen man auf 1.325 ml schätzt. Nach der Entdeckung in den dreißiger Jahren deutete man diesen Fund als Beleg für eine Präsapiens-Linie, wodurch der Neandertaler an den Rand der Entwicklung gedrängt wurde. Der Schädel war stärker gerundet als derjenige der Neandertaler, mit einer höher an den Seiten gelegenen Maximalbreite, wenn auch nicht so hoch wie bei Homo sapiens. Trotzdem gibt es im Hinterkopfbereich Ähnlichkeiten mit der Neandertaler-Morphologie, besonders in der Andeutung einer Fossa suprainiaca.

Steinheimer Urmensch-Schädel
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Steinheimer Urmensch-Schädel

Die Gerätetechnologie des Swanscombe-Menschen ist jedoch nicht vom Moustérien-Typ. In den gleichen Sedimenten fanden sich Steingeräte des Clactonien. Wie die Moustérien-Technik beruhte die Clacton-Technik auf der Herstellung von Abschlägen aus präparierten Kernen. Heute betrachtet man sie jedoch als unabhängig, sie soll originär aus dem Acheuléen entstanden sein. Einige Industrien bezeichnet man als Levalloisien, was bedeutet, dass man die Geräte in der Technik des präparierten Kerns herstellte. Dies heißt, dass man den Kern sorgfältig vorformte und eine Schlagfläche vorbereitete, von der aus man mit direktem Schlag einen oder mehrere Levallois-Abschläge abtrennte. Diese besaßen eine flache Dorsalseite und eine konvexe Ventralseite. Die mit den Neandertalern verbundene Moustérien-Tradition enthält ebenfalls Levallois-Geräte. Diese finden sich aber auch in einigen Spät-Acheuléen-Inventaren, die vielleicht 300.000 bis 400.000 Jahre zurückreichen. Auch einige nordafrikanische Industrien bezeichnete man, obwohl sie außerhalb des Verbreitungsgebietes der Neandertaler liegen, wegen der Ähnlichkeit der Geräte mit dem Begriff Moustérien. Für beide Gebiete läßt sich nicht exakt feststellen, wann diese Traditionen begannen, da man sie oft nur am Fehlen der für das Acheuléen typischen Faustkeile und Cleaver identifiziert. Diese sind ohne erkennbaren Grund langsam aus den Inventaren verschwunden.

Der Steinheimer-Schädel weist ein Hirnvolumen von etwa 1.100 ml auf und ist somit recht klein. Überaugenwülste, große Nasenöffnung und fliehende Stirn wie auch die Fossa suprainiaca am Hinterkopf könnte man für neandertaloide Merkmale halten. Interessanterweise hat man diesen Schädel aber mit einem viel älteren, rund 350.000 Jahre alten, und weniger vollständig erhaltenen Exemplar vom Lake Ndutu in Tansania verglichen. Archäologen haben die Vergesellschaftung des Steinheimer-Schädels mit ziemlich einfachen Geröllgeräten diskutiert. Insgesamt läßt sich zu den Steinheim- und Swancombe-Funden sagen, dass sie nicht besonders gut zu typischen Homo heidelbergensis-Vertretern wie denen von Arago und Kabwe passen, aber auch keine Neandertaler im engeren Sinne sind. Ob einer oder beide Vertreter Vorgänger des Neandertalers waren, bleibt unsicher. Aber die Tatsache, dass es vor etwa 250.000 Jahren schon eindeutigere Neandertaler-Verwandte gab, spricht eher gegen die Annahme, dass die besprochenen Exemplare Neandertaler waren. Jahrelang datierte man die Funde von Ehringsdorf in die letzte Zwischeneiszeit, das heißt, in eine Blütezeit der Neandertaler. Die Ehringsdorfer-Funde, ein fragmentarischer Schädel, ein Unterkiefer und Teile mehrerer anderer Individuen, wurden zusammen mit Tierknochen, Resten von Wirbellosen und Pflanzenteilen geborgen, die auf gemäßigtes Klima hinweisen.

Neue ESR- und Uran-Serien-Datierungen belegen, dass diese Reste in Wirklichkeit aus einer früheren Warmzeit vor etwa 230.000 Jahren stammen. Genauere morphologische Studien deckten große Ähnlichkeiten zu den Neandertalern auf. Das vergesellschaftete Geräteinventar besteht weitgehend aus feingearbeiteten, doppelseitig retuschierten Spitzen und Kratzern, das heißt Geräten, die man lange für die möglichen Vorgänger der späteren Moustérien-Industrien hielt. Die neuen Datierungen stützen diese Vorstellung, obwohl im europäischen Mittelpleistozän ein derartiges Durcheinander an Geräteindustrien existierte, dass man kaum sichere Aussagen machen kann.
Neandertaler-Schädel
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Neandertaler-Schädel
Alle älteren Vorstellungen von der Neandertaler-Abstammung verblassen jedoch vor dem Hintergrund neuerer Funde aus den Atapuerca-Bergen in Nord-Spanien. Als Sima de los Huesos (Knochengrube) bekannt, ist dieser Fundort kein ursprünglicher Wohnplatz, sondern ein Höhlenkomplex, der mit Knochen und Schutt, aber nicht mit Steingeräten verfüllt wurde. Die meisten Knochen stammen von dem Höhlenbär (Ursus spelaeus) und von verschiedenen anderen Raubtieren.

Rund 700 menschliche Fossilien sollen zu mindestens 24 Individuen gehören. Hervorzuheben sind der fast vollständige Schädel eines Erwachsenen, ein ausgewachsener Hirnschädel sowie der fragmentarische Hirnschädel eines Jugendlichen, die alle 1992 geborgen wurden. Wie diese Knochen so tief ins Innere der Höhle gelangten, bleibt rätselhaft. Ein, wenn auch nicht ganz einleuchtender Lösungsvorschlag ist, dass alle Individuen zu einer Gruppe gehörten, die einer Katastrophe zum Opfer fiel. Alle Exemplare fanden sich unter Gestein, das sich mit der Uran-Serien-Methode auf ein Alter von mehr als 300.000 Jahre datieren ließ. Die Atapuerca-Fossilien werden als morphologisch recht variabel beschrieben, wobei zum Zeitpunkt dieser Bewertung aber nur die drei erwähnten Schädel genauer untersucht waren. Jeder der drei Schädel weist in der Morphologie des Hinterhauptes mit rauher Oberfläche an der Stelle der Fossa suprainiaca, aber ohne klare Vertiefungen auf Neandertaler hin. Zumindest der Hinterkopf des vollständigsten Schädels ist ziemlich rund. Die Überaugenwülste sollen neandertaler-ähnlich sein, scheinen aber eher die für Homo heidelbergensis typische Form aufzuweisen. Ferner findet sich eine steilere Stirn. Die geschätzten Hirnvolumen liegen bei 1.390 ml (erwachsener Hirnschädel), 1.125 ml (vollständiger Schädel) sowie 1.100 ml (jugendlicher Schädel). Insgesamt erinnern diese Formen morphologisch stärker an Homo heidelbergensis als an Neandertaler. Die Neandertaler müssen Vorfahren gehabt haben, die vor etwa 300.000 Jahren lebten und langfristig wird diese außerordentliche Serie europäischer Frühmenschen zweifellos eine besondere Rolle bei der Aufklärung der menschlichen Evolution in diesem Zeitraum spielen.

Die frühen Neandertaler

In der langen Phase des Kältemaximums der vorletzten Eiszeit, vor etwa 180.000 bis 130.000 Jahren, trifft man zum ersten Mal auf eindeutige Neandertaler-Fossilien. Erste flüchtige Hinweise finden sich in Resten von zwei Individuen aus dem nordfranzösischen Biache-Saint-Vaast.
Neandertaler-Kalotte
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Neandertaler-Kalotte
Der Hauptbefund besteht nur aus einem Hinterkopf und dem Oberkieferfragment eines kleinen, vermutlich weiblichen Invidiuums mit einem geschätzten Hirnvolumen von etwa 1.200 ml. Zusätzlich barg man Teile eines etwas schwerer gebauten Schädels. Die Biache-Funde wurden nie vollständig analysiert, aber das Hinterhaupt des Hirnschädels zeigt alle Kennzeichen der typischen Neandertaler-Morphologie. Die begleitenden Steinwerkzeuge beschrieb man als Levallois-Typen. In der Grotte du Lazaret in Südfrankreich fanden sich Neandertaler-Reste an einem Wohnplatz in einem Höhleneingang. Im Inneren der Höhle deuteten Steinanhäufungen sowie die Verteilung von Tierknochen und Steingeräten darauf hin, dass man Schutzdächer aus vermutlich fellbedeckten Pfosten gegen die Höhlenwand gelehnt hatte. Man fand auch mehrere Feuerstellen. Das Geräteinventar wurde als Acheuléen mit einer schwachen Levallois-Komponente beschrieben. Ein weiterer genauso alter und rätselhafter französischer Fund stammt aus Fontéchevade. Diesen ordnete man zunächst in eine Präsapiens-Phase ein. Der archäologische Kontext ist ein Tayacien mit weitgehend grob zweiflächig retuschierten Geröllgeräten, einige Abschläge waren jedoch in der Technik des präparierten Kerns hergestellt.

Frühe Neandertaler-Nachweise sind in Europa selten. Sie häufen sich jedoch für die letzte Zwischeneiszeit (vor 127.000 bis 115.000 Jahren). Dazu gehören besonders die zwei Schädel von Saccopastore in Italien. Einer davon, vermutlich ein weiblicher, ist bis auf die Brauenwülste vollständig erhalten. Vom anderen, stärker gebauten, sind nur die Schädelbasis und Teile des Gesichts erhalten. Diese Fossilien ähneln den späteren Neandertalern. Das vollständige Exemplar besitzt einen großen vorragenden Gesichtsteil und zeigt bis auf das vorspringende Hinterhaupt völlige Übereinstimmung mit den typischen Neandertaler-Merkmalen. Das Hirnvolumen ist mit 1.200 ml relativ klein. Die Steingeräte dieser Fundstelle sind zweifelsfrei typisch für das Moustérien. Auch die fast gleichzeitig lebenden Hominiden der untersten Schichten von Krapina in Kroatien gehören dieser Kultur an. Auch dem Krapina-Vertreter fehlte der für spätere Neandertaler des westlichen Europas so typische robuste Körperbau. Trotzdem gehören sie ohne Zweifel in diese Gruppe.

In der Levante wird die letzte Zwischeneiszeit wahrscheinlich durch den oberen Gesichtsschädel von Zuttiyeh in Israel repräsentiert, dessen assoziierte Steinwerkzeuge man einem primitiven Moustérien zuordnete (das in der Levante vor rund 150.000 Jahren einsetzte). Dieser Menschentyp läßt sich weder dem Homo heidelbergensis noch eindeutig den Neandertalern zuordnen. Viele Fachleute betrachten ihn als ziemlich generalisiert und einige halten ihn für einen möglichen Vorfahren des Homo sapiens. Seine Nähe zum Tabun-Schädel vom Berg Karmel steht aber außer Zweifel. Nach vorsichtigen Uran-Serien- und ESR-Datierungen sind die Tabun-Vertreter mit einem Alter von etwa 100.000 Jahren annähernd Zeitgenossen der Zuttiyeh-Menschen gewesen. Von allen bekannten Neandertaler-Schädeln ist der aus Tabun am leichtesten gebaut und besitzt einen ziemlich runden Hinterkopf. Trotzdem weist er typische Neandertaler-Merkmale auf, wie zum Beispiel große Juxtamastoidkämme, einigermaßen ausgeprägte Fossae suprainiacae und typische, wenn auch dünne Überaugenwülste. Die vergesellschaftete Steinindustrie ist eindeutig dem Moustérien zugehörig.

Neandertaler der letzten Eiszeit

Die Glanzzeit der Neandertaler war der Zeitraum vor 70.000 bis 30.000 Jahren, als sich das letzte Glazial seinem Höhepunkt näherte.
Neandertaler Alter Mann
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Neandertaler Alter Mann
Aus dieser Zeit stammt eine Fülle von Neandertaler-Fossilien, deren Fundstellen sich vom Atlantik bis nach Usbekistan und von Nord-Deutschland bis nach Gibraltar verteilen. Die Begleitfauna des Fundes aus dem Neandertal legt nahe, dass er aus genau dieser Zeit stammt. Dies gilt für alle klassische Skelette wie die von La Chapelle-aux-Saints, La Ferrassie, Spy, Guattari und Le Moustier. Weiter östlich sind die typischen Neandertaler durch die Skelette von Kebara und Amud in Israel vertreten sowie durch die Shanidar-Gruppe aus dem Irak und durch das Kind vom weit abgelegenen Fundplatz in Teshik-Tash in Usbekistan. Das jüngste, einigermaßen vollständige Neandertaler-Skelett fand man 1979 in Saint-Césaire in Westfrankreich. Es ist 36.000 Jahre alt. Der teilweise stark zerstörte Schädel mit großer Nasenhöhle in einem vorstehenden Gesicht, typischen Überaugenwülsten, langem, flachen Hirnschädelprofil, einem Mastoidfortsatz sowie einem fliehenden Kinn gehört eindeutig zu einem Neandertaler. Die assoziierte Steingeräteindustrie gehört ins Châtelperronien, einer Technik, die man lange dem Jungpaläolithikum zuordnete, weil im Inventar Klingenwerkzeuge genauso häufig wie Abschlaggeräte sind. Dieser Fund hat den Streit darüber, wer für das Châtelperronien verantwortlich war, weitgehend beigelegt. Wie die Neandertaler diese neue Technik erwarben, bleibt bislang ungeklärt.

Einige weniger vollständige Neandertaler-Reste sind noch jünger. Dazu gehören als bemerkenswerter Fund einige Fragmente aus der Figueira Brava-Höhle in Portugal. Die rund 31.000 Jahre alten Fossilien fand man zusammen mit einem entwickelten Moustérien. Dies könnte bedeuten, dass die abgelegenen, zerklüfteten Berge der iberischen Halbinsel die letzte Zuflucht der Neandertaler gewesen sind. Außerdem gibt es deutliche Hinweise darauf, dass Moustérien-Werkzeuge aus Zafarraya in Südspanien nur 27.000 Jahre alt und die dort gefundenen Neandertaler-Reste nicht viel älter sind. Insgesamt zeigt sich, dass sich die typische Merkmalskombination der Neandertaler zum Beginn des letzten Interglazials vor rund 150.000 Jahren oder etwas früher herausbildete. Wann und wo die Morphologie entstand, ist noch unklar. Es muß jedoch einen eindeutigen geographischen Ursprungsort geben, wo es zur Isolation einer Population kam.

Neandertaler Frau von Gibraltar
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Neandertaler Frau von Gibraltar

Die früheren Neandertaler besaßen leichter gebaute Schädel, wobei zumindest die Schädel von Saccopastore eine Ausnahme von dieser allgemeinen Regel darstellen, als diejenigen der letzten Kaltzeit. Noch schlechter belegt ist die in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts von Keith, McCown und Howell aufgestelle Behauptung der Bau der Neandertaler werde in östliche Richtung immer leichter. Schädel wie die von Shanidar und Amud sind auf ihre Art genauso robust wie die fast ebenso alten von La Chapelle-aux-Saints und La Ferrassie. Das Skelett von Kebara soll das robusteste von allen sein. Natürlich treten wie bei jeder weit verbreiteten Säugetierart regionale Unterschiede auf. Die späten levantinischen Neandertaler scheinen zum Beispiel etwas weniger vorstehende Augenbrauen als die westeuropäischen klassischen besessen zu haben. Aber auch hier läßt die kleine Fundzahl Verallgemeinerungen nicht zu. Insgesamt ist der Bautyp des Neandertalers über die gesamte Zeit seiner Existenz offenbar ziemlich stabil gewesen, trotz aller erwarteten Variabilität und der offensichtlich steigenden Tendenz zur Robustheit.

Abgesehen von den spannenden Aspekten ihrer Verwandtschaft Homo sapiens läßt dieses Bild den Neandertaler in Raum und Zeit als ziemlich durchschnittliche Art erscheinen. Wie nach allgemein unvollständigem Wissen über Artbildungsvorgänge zu erwarten ist, hat man das Gastspiel von Homo heidelbergensis auf dieser Erde bisher nur wenig verstanden. Aber einmal entstanden, blieb er während der gesamten Zeit seiner Existenz auch dann noch als Art erkennbar, als lokale Populationen eigene Merkmale ausbildeten. Der Neanderaler ist auch hierin keine Ausnahme. Selbst sein viel diskutiertes Verschwinden ist aus dieser distanzierten Sicht nichts Außergewöhnliches. Zu allen Zeiten wurden ausgestorbene Arten durch neue ersetzt. Aus dieser Sicht ist das Verschwinden einer einzelnen Art, wenn auch einer menschlichen Art, nichts Überraschendes.

Neandertaler-DNA

Die deutschen Forscher Matthias Krings, Ralf W. Schmitz und Svante Pääbo haben kürzlich zum ersten Mal in der Geschichte der Paläoanthropologie die Sequenzierung eines kleinen DNA-Abschnittes des Erbmoleküls eines fossilen Menschen durchgeführt. Untersucht hat man den originalen Neandertaler der kleinen Feldhofer Grotte in Deutschland. Sie fanden heraus, dass die Unterschiede zwischen dem von ihnen extrahierten DNA-Stück und dem gleichen Abschnitt beim Modernen Menschen dreimal so groß waren wie diejenigen, die sich ergeben, wenn man verschiedene Populationen Moderner Menschen vergleicht und halb so groß wie die Unterschiede zwischen Modernen Menschen und den Schimpansen. Damit fallen die Neandertaler völlig aus dem von Modernen Menschen bekannten Streuungsbereich heraus. Dies legt nahe, dass es sich beim Neandertaler eindeutig um eine von Homo sapiens getrennte Art handelte. Mathematische Analysen sprechen dafür, dass die Abtrennung der Neandertaler-Linie von der des Modernen Menschen vor etwa 690.000 bis 550.000 Jahren erfolgte. Die Forscher schlossen daraus, dass der Moderne Mensch erst vor kurzer Zeit in Afrika als eigene Art entstand und den Neandertaler verdrängte, ohne sich mit diesem genetisch wesentlich zu vermischen. Dies deckt sich mit Forschungsergebnissen, die sich unabhängig davon auf der Grundlage der Fossilien und der archäologischen Befunde ergaben. Sie unterstützen die von Jeffrey Schwartz und von Ian Tattersall aufgestellte These, dass die Neandertaler die letzten Überlebenden einer ganzen Reihe von Arten waren, die sich in Europa und im Nahen Osten aus einem Vorfahren entwickelten, der vor etwa einer bis einer halben Million Jahre lebte. Dies alles unabhängig von dem, was im Rest der Welt passierte.

Neandertaler Kind von Tashik-Tash, Usbekistan
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Neandertaler Kind von Tashik-Tash, Usbekistan

Definition des Neandertalers

Seit der Entdeckung der Original-Fossilien im Neandertal bei Mettmann in Deutschland wußte jeder, dass Neandertaler anders waren, so anders, dass man es über ein Jahrhundert lang nicht für nötig hielt, diese Unterschiede genau zu untersuchen, respektive mehr als eine vordergründige Definition der Gruppe zu liefern. So kam es, dass erst 1978 zwei Forscher Albert Santa Luca, damals in Harvard, und Jean-Jacques Hublin, heute am Centre National des Recherches Scientifiques in Paris, unabhängig voneinander das Problem angingen und zunächst feststellten, dass es keine sachgerechte Beschreibung des Neandertalers gab. Um das Problem zu lösen, suchte sich Santa Luca eine Kerngruppe heraus (La Chapelle, La Ferrassie, Spy und eine Reihe weiterer Funde), die von allen Forschern als sichere Neandertaler betrachtet wurden und untersuchte, welche Merkmale unter allen menschlichen Fossilien nur sie besaßen. Schließlich fand er vier Merkmale, die für Neandertaler einzigartig sind.

Eines war der Torus occipitalis (Hinterhauptswulst), eine knöcherne Leiste, die quer über das Hinterhauptsbein am Hinterkopf verläuft. Über diesem Wulst liegt eine ovale Vertiefung (Fossa suprainiaca), ein weiteres ausschließliches Neandertaler-Merkmal. Weiter vorn an der Schädelbasis findet sich das dritte Merkmal, ein ausgeprägter occipito-mastoidaler Kamm, heute oft als Juxtamastoid-Kamm bezeichnet, dieser liegt im Mastoid-Fortsatz. Der Mastoid-Knochen ist eine Knochenstruktur, die (bei Neandertalern im Vergleich zum Modernen Menschen klein) hinter und unter dem Ohrkanal vorspringt. Schließlich besitzen Neandertaler oben auf dem Mastoid-Fortsatz eine deutliche, gerundete Erhöhung, die Tuberositas mastoidalis. Diese schräg nach hinten und oben verlaufende Erhöhung ist bei anderen Menschenformen anders entwickelt. Diese vier Merkmale scheinen als Definitionsgrundlage für Neandertaler nicht überzeugend, besonders da sie alle in einem Schädelbereich liegen. Sie erlaubten Santa Luca jedoch, eine Reihe von Fossilien, die aus so entfernten Gebieten wie Ngandong in Java und Kabwe in Sambia stammen und die man zumindest als neandertaler-ähnlich beschrieben hatte, zu vergleichen. Diese Vergleiche führten ihn zum sicheren Schluß, dass es das zuvor angenommene, weltweite Neandertaler-Stadium in der Humanevolution nie gegeben hat.

Es zeigte sich, dass von allen potentiellen Neandertaler-Verwandten, die Santa Luca untersuchte, nur die Fossilien von Steinheim und Swanscombe einige der für den Neandertaler typischen Merkmale besaßen. Diese Erkenntnisse stützten frühere Vorstellungen, dass diese archaischen Homo sapiens-Formen - älter als alle Neandertaler - trotzdem zu deren Vorfahren gehörten. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist der Neandertaler nicht unser Vorfahr, da er die typischen Neandertaler-Merkmale nicht besitzt. Später fand man weitere neandertaler-typische Merkmale, wie zum Beispiel spezielle Strukturen der Nasenhöhle, wie sie erst kürzlich von Jeffrey Schwartz und von Ian Tattersall beschrieben wurden. Je genauer man die Neandertaler betrachtet, desto stärker unterscheiden sie sich von Homo sapiens. So wird deutlich, dass Veröffentlichungen wie die von Santa Luca und Hublin nur den Beginn einer sorgfältigen Neubewertung derjenigen morphologischen Merkmale darstellt, die sich klar von den nächsten Verwandten trennen. Diese kurze Darstellung der Entwicklung über den Neandertaler ist bei weitem nicht vollständig. Neandertaler-Reste von mehreren Dutzend Fundstellen und Moustérien-Geräte von hunderten Fundplätzen blieben unerwähnt. Viele ungenannte Forscher haben an den Studien teilgenommen.

Umwelt und Klima

Eiszeiten

Die Neandertaler lebten vor rund 200.000 Jahren bis 30.000 Jahren, in einer Phase starker Klimaschwankungen, die für das Jungpleistozän charakteristisch waren. 1909 erkannten die Geographen Albrecht Penck und Eduard Brückner, dass sich die Eisbedeckung der Alpen in dieser Zeit viermal stark ausdehnte und wieder zurückzog.
Galiläa-Schädel
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Galiläa-Schädel
Dadurch stellten sie die grundlegende Chronologie für die geologischen Vorgänge während der 1,8 Millionen Jahre des Pleistozäns auf. Ihre Arbeit basierte auf Untersuchungen der Oberflächengeologie. Dass sich eindeutige Eiszeitspuren nur lokal finden und analysieren lassen, stellte jahrelang das größte Hindernis dar, pleistozäne Vorgänge genauer oder sogar weltweit zu verstehen. Seit der Mitte der fünfziger Jahre verfolgt man jedoch einen anderen Forschungsansatz. Er beruht darauf, dass Bohrkerne aus dem Meeresboden einen Blick in die weitgehend lückenlosen Ablagerungensschichten erlauben. Die Bohrkerne enthalten Mikroorganismen (besonders Foraminiferen), die einen Hinweis auf die Meerestemperatur zur Zeit ihrer Sedimentation geben.

Zu Lebzeiten schwimmen diese winzigen Einzeller im Meereswasser und absorbieren zwei verschiedene Formen von Sauerstoff (Isotope) aus dem umgebenden Wasser 16O und 18O. Diese beiden Isotope bauen sie in einem bestimmten Verhältnis in ihre Skelette ein, das von der vorherrschenden Umgebungstemperatur abhängt. Werden die Eiskappen größer, schließen sie einen Großteil des leichteren 16O-Isotops ein, das bevorzugt an der Meeresoberfläche verdunstet. Gleichzeitig nimmt im Meerwasser und in den Foraminiferen-Skeletten der Gehalt an 18O zu. Die Skelette dieser Einzeller konservieren so Daten über das Klima. Sterben die Foraminiferen, sinken ihre Skelette auf den Meeresboden und werden in den sich anhäufenden Schlamm eingebettet, der sich später zu Gestein verdichtet. Bohrkerne aus dem Meeresboden stellen daher eine kontinuierliche Aufzeichnung über Klimaveränderungen dar, die sich durch Isotopen-Analysen der Einzellerskelette ablesen lassen.

Die obersten Schichten lassen sich mit der Radiokarbon-Methode datieren. Diese Methode reicht aber nicht weiter als 40.000 Jahre. Bei älteren Materialien verwendet man komplexere Korrelationen, die darauf beruhen, dass sich die Richtung des Magnetfeldes der Erde von Zeit zu Zeit umkehrt (vor 1 Million Jahren hätte ihre Kompaßnadel nach Süden gezeigt). Die Richtung des ehemaligen Magnetfeldes läßt sich an den Bohrkernen vom Meeresboden feststellen. Diese Richtungen lassen sich mit denen aus datierbaren Vulkanablagerungen korrelieren und ermöglichen die Zuordnung zu einer Zeitskala. Für Neandertaler-Forscher gibt es jedoch ein Problem. Seit Beginn des Pleistozäns gab es nur vier größere Umkehrungen der Magnetfeldrichtung (die letzte lange bevor die Neandertaler die Szene betraten). Die Sauerstoff-Isotope zeigen aber, dass Klimaschwankungen viel häufiger waren. Daher ließ sich eine Feindatierung der Isotopen-Aufzeichnung nur durchführen, indem man von der Dicke der Sedimentschichten extrapolierte und Kalkulationen über den Weg der Erde um die Sonne sowie die Neigung der Erdachse einbezog, durch die die Menge der eingestrahlten Sonnenenergie schwankt.

Während der letzten 1,8 Millionen Jahre unterlag das Erdklima zyklischen Schwankungen mit einem durchschnittlichen Abstand der Wärmephasenmaxima von 100.000 Jahren, wobei die frühen Zyklen weniger extrem waren als die späteren. Seit Beginn des Pleistozäns gab es rund 15 Eiszeiten. Meist baut sich die Vergletscherung langsam bis zu einem Maximum auf, um dann am Ende der Glazials infolge einer kräftigen Erwärmung schnell abzutauen. Die Bohrkerne verraten aber auch kurzfristige Schwankungen. Allgemein kann man sagen, dass die Sommer während der Eiszeiten nicht viel kühler als heute, die Winter dagegen viel länger und härter waren, wodurch sich die Eismengen vermehrten. Gegen Ende der jeweiligen Eiszeit wurde das Klima meist trockener.

Neandertaler Linkes Oberschenkelbein
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Neandertaler Linkes Oberschenkelbein

Die Sauerstoff-Isotopen-Datierung wird mit zunehmenden Alter der Funde immer ungenauer. Die besten Aufzeichnungen stammen aus der Zeit nach dem letzten Wechsel der Magnetfeldrichtung der Erde vor 780.000 Jahren. Aus diesem Zeitraum ließen sich acht vollständige Klimazyklen registrieren. Der letzte, der vor rund 127.000 Jahren begann, ist das Jungpleistozän. Es umschließt die letzte Zwischeneiszeit, die letzte Eiszeit und die Wärmephase, in der sich der heutige Mensch momentan befindet. Die gegenwärtige warme Phase begann vor rund 10.000 Jahren und ist auch als Holozän bekannt. Einige Geologen sprechen neuerdings von der flandrischen Zwischeneiszeit. Meßergebnisse an Eis-Bohrkernen aus Grönland und der Antarktis belegen eine für Zwischeneiszeiten typische Abnahme der Klimavariabilität während der letzten 10.000 Jahre. Trotz allem gab es aber in dieser kurzen Zeit starke Klimaschwankungen wie zum Beispiel die kleine Eiszeit, die 1.650 ihren Höhepunkt erreichte oder Wärmeperioden wie diejenige in der Hannibal mit seinen Elefanten Bergpässe überquerte, die heute unter Gletschern liegen. Entscheidend ist, dass die Eiszeiten nicht durchgängig kalt und unwirtlich waren, sondern ein zeitlich und räumlich wechselndes Muster verschiedener Umwelten darstellten. Kaltzeiten sind in diesen nördlichen Breiten für Menschen auch nicht immer lebensfeindlich gewesen. Riesige Herden von Großsäugern in der offenen Tundra waren für die Frühmenschen sicher eine einfachere Beute als kleine Rothirschgruppen, die in der Warmzeit lebten.

Lebensräume des Eiszeitalters

Das Jungpleistozän ist aufgrund seiner zeitlichen Nähe und dadurch, dass seine Spuren von keiner folgenden Vereisung zerstört wurden, die beste bekannte Eiszeit. Diese Phase begann vor rund 127.000 Jahren als mit dem Abtauen der polaren Eiskappen und den lokalen Vergletscherungen, wie die der Alpen und Pyrenäen, die letzte Zwischeneiszeit anfing. Als Folge floß mehr Wasser in die Ozeane, deren Spiegel dadurch wiederum anstieg. Es bildeten sich Inseln, wo vorher geschlossene Landmassen existierten. Großbritannien ist ein Beispiel dafür. Seine Landverbindung zum kontinentalen Europa wurde vor etwa 14.000 Jahren das letzte Mal unterbrochen. Am wärmsten Punkt des Zyklus könnten die Meeresspiegel sogar noch höher gestanden haben als heute. Mit der Verbesserung des Klimas drangen Wälder in frühere Tundrengebiete vor und die Fauna veränderte sich. So fanden sich in Großbritannien an einem Fundort, der 200 Kilometer nördlich der vorherigen Eisfront lag, Flusspferdknochen. Die Fauna unterschied sich deutlich von der heutigen. Dies liegt weitgehend daran, dass viele Großsäugearten im nördlichen Eurasien nach dem Auftauchen des Modernen Menschen ausstarben. Als die frühen Neandertaler Europa während der letzten Zwischeneiszeit durchstreiften, war die nordenglische Landschaft voller Flusspferde (Hippopotamidae), Nashörner (Rhinocerotidae) und mit geraden Stoßzähnen ausgestatteten Waldelefanten (Loxodonta cyclotis). Weiter nördlich aber, wo die Landschaft unbewaldet blieb, lebten Rentiere (Rangifer tarandus), Wollnashörner, auch Fellnashörner (Coelodonta antiquitatis) genannt, und Mammuts (Mammuthus). Zu den weit verbreiteten kleineren Arten gehörten Rehe (Capreolus), Pferde (Equidae), Auerochsen, auch Ur (Bos primigenius primigenius) genannt, und Steinböcke (Capra), die besonders im Herbst für Jäger attraktiv wurden, wenn sie ihre Sommereinstände in den Bergen verließen, um in die gastfreundlicheren Täler zu kommen.

Unterkiefer des Vor-Neandertaler
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Unterkiefer des Vor-Neandertaler

Vor rund 115.000 Jahren wurde es kühler, was zu einer Auslichtung der Wälder und zur Ausdehnung von Grasländern führte, welche große Herden von Pferden, Auerochsen und Hirschen (Cervidae) nährten. Im Herzen Europas der Neandertaler herrschte besonders in Tiefländern und entlang von Flussufern ein Habitat aus offenen Landschaften mit eingemischten Wäldern vor. Dieser kühlen Periode folgte vor 70.000 Jahren weltweit ein steiler, wenn auch unregelmäßiger Abfall der Temperaturen. Infolgedessen verschwanden in Europa und Westasien in fast allen, außer in geschützte Bereichen - die Wälder und von Norden drang der Eisschild vor, dessen Zentrum die Skandinavische Halbinsel bedeckte. Mit der Zunahme der Eismassen ging die Feuchtigkeit zurück und nach der Zeit vor etwa 40.000 Jahren herrschten in Europa extreme eiszeitliche Bedingungen, in denen das Klima sehr kalt und trocken war. Die polare Eiskappe drang Kilometer um Kilometer nach Süden vor, bis fast ganz Irland, halb England und die gesamte Küstenregion Europas östlich von Dänemark bedeckte. Die Wälder machten langsam der offenen Tundra aus Grasbüscheln, Riedgräsern und in geschützten Lagen Zwergsträuchern Platz.

Mit den Vegetationszonen verschob sich auch die arktische Fauna nach Süden. Sie umfaßte Rentiere, Saigaantilopen (Saiga tatarica), Wollnashörner, Gämsen (Rupicapra), Bisons (Bison), Moschusochsen (Ovibos moschatus) und Mammuts. Zu den eher exotischen Säugern der Eiszeit zählten der riesige Höhlenbär (Ursus spelaeus), die Höhlenhyäne (Crocuta crocuta spelaea) und der Höhlenlöwe (Panthera leo spelaea), die alle ihre überlebenden Verwandten an Größe weit übertrafen. Die Höhlenbären starben vor etwa 40.000 Jahren aus, als die Temperatur auf ihr Minimum abzusinken begann. Die anderen beiden Arten überlebten fast bis zum Ende des Glazials. Vor 30.000 bis 20.000 Jahren als die Neandertaler aus Europa verschwunden waren, sanken die Temperaturen und die Feuchtigkeit immer weiter, bis sie vor etwa 18.000 Jahren ihren tiefsten Wert erreichten. Der daraus resultierende Abfall des Meeresspiegels setzte weite Bereiche der Kontinentalschelfe frei. Hierzu gehörte auch eine ausgedehnte Landbrücke zwischen Europa und dem nicht vergletscherten südlichen England. Da dadurch die klimatisch ausgleichende Wirkung des Meeres gemindert wurde, verstärkte sich das Kontinentalklima. Während der ärgsten Phasen der Eiszeit scheinen große Bereiche Europas nicht von Menschen bewohnt gewesen zu sein. Aus Mähren, in dem sich zum Beispiel vor 28.000 bis 24.000 Jahren eine Reihe hochstehender jungpaläolithischer Kulturen entwickelt hatte, gibt es keine archäologischen Nachweise für eine Besiedlung im Zeitraum von 1.000 Jahren um das Kältemaximum. Das gleiche gilt für England und trifft wahrscheinlich auch für andere glaziale Kältemaxima zu.

Vor rund 14.000 Jahren erfuhr Europa eine deutliche Klimaverbesserung. Die Wälder drangen wieder vor und waren vor nicht viel mehr als 10.000 Jahren im Norden erneut die vorherrschende Vegetation. Die große Geschwindigkeit dieser Umweltänderungen förderte wahrscheinlich den Zusammenbruch der Populationen großer Säugetiere (Mammalia) - des Wollnashorns, des Mammuts usw. -, die mit dem Zurückweichen der Gletscher so selten wurden, dass sie von den Jägern des Modernen Menschen endgültig ausgerottet wurden. Die Gründe für dieses Verschwinden der Megafauna (das neben Europa auch Amerika und Asien betraf), werden sicher weiterhin diskutiert werden. Die Phase vor dem letzten Kältemaximum wies einige teilweise sehr kurze, aber starke Schwankungen auf. Zusätzlich variierte das Mikroklima lokal erheblich. Die Neandertaler paßten sich im langen Zeitraum ihrer Existenz an eine derartige Fülle von Umweltbedingungen an.

Ressourcen

Mit Blick auf die starken Umweltveränderungen im Verbreitungsgebiet der Neandertaler ist überraschend, dass die beiden Hauptgebiete, in denen die Neandertaler lebten - Westeuropa und die Levante - über lange Zeit des Spätpleistozäns ihre jeweils typische Fauna unverändert erhielten.
Steinabschlag Riss-Zwischeneiszeit
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Steinabschlag Riss-Zwischeneiszeit
Im Westen herrschten Pflanzenfresser wie Mammut, Wollnashorn, Bison, Wildschwein, Wildschaf sowie Auerochse, Rentier, Steinbock, Rothirsch, Reh, Saigaantilope, Riesenhirsch, auch Megaloceros genannt, und Moschusochse vor, während Raubtiere durch Höhlenbär, Höhlenlöwe, Höhlenhyäne, Polarfuchs (Vulpes lagopus) und Wolf (Canis lupus) vertreten waren. Im Osten fanden sich Flusspferd, Wildschaf, Wildziege, Rothirsch (Cervus elaphus), Reh und Damhirsch, Wildschwein (Sus scrofa), Wildesel, Wolf, Hyäne und Schakal. Viele dieser Tiere lebten im Bereich der Neandertaler. Ihre Häufigkeit variierte jedoch lokal (und schwankte natürlich auch mit den Klimaveränderungen). Der Paläoanthropologe Chris Stringer und sein Kollege, der Archäologe Clive Gamble, wiesen kürzlich darauf hin, dass die Häufigkeit bestimmter Arten von West nach Ost steigt. Sie betonen auch, dass im Zwischengebiet - Zentral- und Osteuropa - Raubtierreste am häufigsten sind. Hieraus ziehen sie zwei Schlüsse, zum einen, dass in diesem Gebiet die Neandertaler mehr Nahrungskonkurrenten besaßen als anderswo und zum anderen, dass die häufigere Erhaltung vollständiger Neandertaler-Skelette in Westeuropa und der Levante auf die seltenere Vernichtung der Leichen zurückzuführen ist, da es hier weniger Carnivoren gab.

Die Verteilung von Pflanzenfresserknochen - den Resten potentieller Beute - ist ein sicherer Hinweis darauf, dass diese Menschen bei der Auswahl ihrer Beute wählerischer vorgingen als die anderen Fleischfresser. In Bauten von Höhlenhyänen findet sich zum Beispiel ein unselektiertes Spektrum zerbrochener Knochen ihrer pflanzenfressenden Beutetiere. Auf Neandertaler-Wohnplätzen herrschen normalerweise ein oder zwei Arten vor. Welche Arten das waren, variiert von Fundplatz zu Fundplatz. Neandertaler bewohnten lange Zeit hindurch ein großes Gebiet, in der das Lokalklima stark schwankte. Einige Wohnplätze lagen in Bergregionen, andere in Ebenen. Sie können Hunderte, ja Tausende von Kilometern vom Meer entfernt oder auch direkt an der Küste liegen. Sie finden sich auch in Gebirgsgegenden, wo Ressourcen von den geschützten Tallagen bis hinauf zu den Hochebenen und Felsspitzen zur Verfügung standen. Wieder andere lagen in eintönigen Ebenen oder fanden sich an den Ufern des Mittelmeeres respektive am Rand der gefrorenen Tundra.

Eine verallgemeinernde Darstellung der Neandertaler-Umwelt ist nur schwer möglich. Noch schwerer sind ihre bevorzugte Jagdbeute oder ihre kulinarischen Vorlieben zu erfassen. Sicher weiß man, dass zum Beispiel im Westen pflanzenfressende Großsäuger wie Bisons und Auerochsen zu ihrer Lieblingsbeute gehörten. In den Bergregionen des Nahen Ostens waren unter den Beutetieren wilde Schafe und Ziegen besonders häufig. Derartige Unterschiede bedeuten jedoch nicht, dass Neandertaler ihre verschiedenen Umwelten auf verschiedene Weise nutzten. Es ist viel wahrscheinlicher, dass diese Unterschiede die Verfügbarkeit an Tierarten widerspiegelt. Die Lebensräume der Neandertaler waren sehr vielfältig und ihre Wohnplätze zeigen, wie anpassungsfähig sie waren. Diese Menschen besaßen eindeutig die notwendigen Mittel, um mit einem breiten Spektrum ökologischer Bedingungen von gemäßigt warmen bis zu arktischen Bereichen fertig zu werden. Sie waren eben wie der heutige Mensch ökologische Generalisten.

Lebensweise der Neandertaler

Ökonomie

Der Zugang zum Verständnis der Vorfahren - vor der Erfindung von Häusern und seßhaftem Ackerbau - ist beschränkt. Menschen, die für ihr Überleben jagen oder sammeln, hinterlassen normalerweise nicht viel, das über ihr Leben Auskunft gibt. Die wichtigste Wissensquelle sind die Steinwerkzeuge, welche die altsteinzeitlichen Vorfahren herstellten und nutzten, sowie Tierknochen, die sie an Siedlungs- oder Schlachtplätzen zurückließen. Dies ist sicher eine karge Auswahl aus all ihren wahrscheinlich sehr komplexen Lebensvorgängen. Was lässt sich heute sicher über die Neandertaler aussagen? Zunächst einmal sind Plätze mit Siedlungsspuren der Neandertaler einfacher und nicht so strukturiert wie Wohnplätze Moderner Menschen. Gelegentlich finden sich Feuerstellen mit ringförmig angeordneten verbrannten Steinen oder ausgeräumten Flächen. Spuren von Feuer bestehen aber häufiger aus verbrannten Knochen oder Ascheablagerungen, die wie zufällig im Lagerbereich verteilt sind und nicht klar auf Aktivitätszentren hinweisen. Mitunter findet sich eine Stelle, an der die Lage der auf dem Boden verteilten Feuersteinabschläge verrät, dass hier Werkzeuge hergestellt wurden. Nachweise eines strukturierten Lagers gibt es bis auf wenige Fundorte, wie zum Beispiel in der Grotte du Lazaret und vielleicht Combe-Grenal.

Steinabschlag Riss-Zwischeneiszeit
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Steinabschlag Riss-Zwischeneiszeit

Eine Ausnahme von der typisch ungeplanten Struktur von Neandertaler-Wohnplätzen stellt die Fundstelle Kebara in Israel dar, die von dem Harvard-Archäologen Ofer Bar-Yusef und seinen Kollegen ausgegraben wurde. Hier belegen Ascheablagerungen eine Fülle von Feuerstellen, die sich auf das Zentrum des Höhleneingangs konzentrieren. Jede Siedlungsphase hinterließ in der Höhle eine Abfallschicht. In der Zeit zwischen den Wohnphasen wehte Staub hinein und Felsmaterial fiel von der Decke. In Kebara haben sich meterdicke Sedimente angesammelt, in denen man genau in der Zentralfläche, wo die Feuerstellen lagen, zahlreiche aufeinanderfolgende Begehungshorizonte unterscheiden konnte. Jüngere Feuerstellen zerstörten zum Teil die älteren Feuerstellen, was die Deutung der Befunde erschwerte. Offensichtlich hat man aber deren Umgebung regelmäßig von herumliegenden Steinen gesäubert, und Konzentrationen von Steinabschlägen verraten, dass die Neandertaler gerne in der Nähe vom Lagerfeuer Steinwerkzeuge herstellten. So gibt es zumindest in Kebara Nachweise dafür, dass Neandertaler ihre Wohnbereiche ansatzweise gliederten.

Das gänzlich andere Bild eines Neandertaler-Wohnbereiches beruht auf Studien des überaus methodenkritischen Lewis Binford von der Southern Methodist University, einem der geistreichsten Köpfe der Archäologie. Binford kam in den frühen achtziger Jahren als erster auf die Idee, dass die Moustérien-Menschen im Gegensatz zu den jungpaläolithischen Völkern, die gezielt sammelten, Zufallsfunde nutzten. Für Binford liegt der Unterschied darin, dass die Nutzung von zufälligen Funden ein opportunistischer Prozess ist, bei dem man die Landschaft durchstreift und das nutzt, was man findet, während Sammeln bedeutet, dass man Ressourcen geplant nutzt, wobei man ihre Lage genau kennt und überwacht. Binford geht davon aus, dass moderne Jägervölker und Sammlervölker innerhalb ihres Verbandes spezialisierte Teilgruppen ausbildeten, die getrennt bestimmte Ressourcen ausnutzten und postuliert daher, dass die Lager von gezielten Sammlern strukturiert sein sollten, diejenigen von Gruppen, die zufällige Funde nutzten, dagegen nicht. Das Fehlen strukturierter Wohnbereiche auf Moustérien-Fundstellen weist auf entsprechende Lebensweisen hin und deutet an, dass ihre Bewohner nicht in der Lage waren, ihre Zukunft so zu planen wie der heutige Moderne Mensch - oder es zumindest nicht taten.

Binford hat jedoch inzwischen darauf hingewiesen, dass sich am Moustérien-Platz von Combe Grenal in Südwestfrankreich Wohnstrukturen finden, diese aber nicht die Lebensweise gezielten Sammelns widerspiegeln. Er fand Begehungshorizonte mit verschiedenen Bereichen. In einem - von Binford das Nest genannt - waren Asche, sehr einfache Steingeräte aus örtlich vorhandenem Rohmaterial sowie viele zersplitterte, markhaltige Knochen und Schädelfragmente mittelgroßer Säuger gelagert. In rund drei bis sieben Metern Entfernung lagen an mehreren Stellen komplizierte Steingeräte, besonders Kratzer und die Enden von Langknochen. Verkohlte Sedimente belegen, dass hier nicht nur Feuer gebrannt hatten, sonders dass diese auch eine höhere Temperatur erreicht hatten als diejenigen, von welchen die Ascheschichten stammten. Es fanden sich auch Werkzeuge aus Rohmaterial, die es nur in einiger Entfernung (zum Teil mehrere Kilometer) gab. Es fiel auf, dass die Steinmaterialien aus den Gebieten stammen, in denen die Tiere, deren Knochen man daneben fand, früher gelebt haben müssen. Werkzeuge aus Flussgeröllen waren mit Resten vo Bewohnern der Flusstäler, wie zum Beispiel Wildschweinen, vergesellschaftet, während neben Werkzeugen aus Material von benachbarten Hochflächen Knochen von Pferden und ähnlichen Steppentieren lagen.
Typisches Werkzeug des Neandertaler
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Typisches Werkzeug des Neandertaler
Auf jedem Begehungshorizont ließen sich zwei ökonomisch verschiedene Aktivitäten belegen. Binford glaubt, dass die Nester von den eher seßhaften Frauen belegt waren, welche die Lagerumgebung nach Pflanzenmaterial absuchten, das sie bei kleiner Flamme kochten. Die anderen Wohnbereiche gehörten den Männern, welche sich auf der Jagd weiter vom Lager entfernten und nur gelegentlich zurückkehrten. Fleischtragende Knochen fand man an diesen Stellen selten. Dies könnte darauf hinweisen, dass die Männer das Fleisch am Jagdplatz verzehrten und nur die markhaltigen Knochen und Köpfe zum Lager brachten. Um aus diesen eine möglichst große Fettmenge freizusetzen, benötigte man große Hitze. So folgert Binford, dass Männer und Frauen der Neandertaler weitgehend unterschiedliche Ernährungsweisen besaßen. Wie die zerlegten Knochen in den Nestern zeigen, können sie jedoch nicht völlig verschieden gewesen sein.

Auch Mary Stiner und Steven Kuhn haben sich mit dem Muster des zufälligen Sammelns der europäischen Neandertaler beschäftigt. An der italienischen Westküste südlich von Rom entdeckten sie in mehreren Höhlen Belege für zwei Siedlungsperioden des Moustérien. Eine aus der Zeit vor etwa 120.000 Jahren aus dem letzten Interglazial, die andere aus der letzten Eiszeit vor 50.000 bis 40.000 Jahren. Sie fragten sich, ob die Überlebensstrategien in beiden Perioden unterschiedlich waren, und fanden heraus, dass in der frühen Periode - als man sich nur kurz in Höhlen aufhielt - die mit den Steinwerkzeugen zusammen gefundenen Tierreste meist aus Schädelteilen erwachsener Individuen bestanden. Stirner und Kuhn schlossen daraus, dass gestorbene Tiere einen wichtigen Teil der Neandertaler-Ernährung darstellten. In der späten Periode dagegen gehörten die Tierreste weitgehend zu jüngeren Individuen und stammten von allen Körperteilen. Zusammen mit einer größeren Zahl an Werkzeugen deuten diese Befunde an, dass man die Wohnplätze längst nutzte und aus dem Hinterhalt Jagd auf Tiere machte, deren Körper man vollständig zum Lager transportierte. Ob diese Unterschiede auf eine Verbesserung der Jagdtechnik zurückzuführen sind oder eine Folge der klimatischen Veränderungen waren, bleibt ungewiss. Die mögliche Beeinflussung der ursprünglichen Befunde durch Raubtiere verkompliziert die Lage noch. Eindeutig bleibt aber, dass zumindest diese italienischen Neandertaler während der letzten Eiszeit regelmäßig Jagd auf mittelgroße Pflanzenfresser wie Rothirsche und Damhirsche machten und ihre Ernährungsstrategien den Veränderungen der Landschaft anpassten. Viele Fachleute glauben, dass die Neandertaler zumindest unter bestimmten Bedingungen regelmäßig Tiere dieser Größe jagten, wahrscheinlich aber keine größeren Tiere. Eigenartigerweise finden sich an Neandertaler-Wohnplätzen keine Kleintierknochen. Binford glaubt, dass man diese wertvollen und leicht zu fangenden Nahrungsressourcen zwar jagte, sie aber gleich vor Ort verzehrte.

Moderner Mensch (Homo sapiens) - Frau
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Moderner Mensch (Homo sapiens) - Frau

Tatsache bleibt, dass Neandertaler, obwohl sie effektive Jäger waren, an ihren Wohnplätzen weniger komplexe Strukturen hinterließen als die jungpaläolithischen Modernen Menschen. Binfords Unterscheidung von ungezieltem und gezieltem Sammeln scheint wichtig zu sein. Einen spannenden Hinweis auf diese Frage ergaben jüngste Forschungen in der Levante von Dan Lieberman aus Harvard und John Shea von der State University von New York. Auf israelischen Wohnplätzen produzierten sowohl Neandertaler als auch Moderne Menschen Geräteinventare, die generell dem Moustérien zugehörten. Das Moustérien war in Raum und Zeit viel variabler als bisher angenommen, und jüngst hat man vermutet, dass sich die verschiedenen Varianten dieser Kultur den beiden Menschentypen zuordnen lassen.

Eine Schlüsselposition in dieser Frage kommt Tabûn zu. Hier unterschied man mehrere unterschiedliche Moustérien-Traditionen. Unter der Tabûn-B-Schicht (etwa 90.000 bis 50.000 Jahre alt) liegt die Tabûn-C-Schicht. Der vermutlich weibliche Neandertaler-Schädel fand sich in einer Grube im Kontaktbereich beider Schichten. In ihrem Ausgrabungsbericht ordnet Dorothy Garrod das Exemplar provisorisch der C-Schicht zu, bemerkt aber, dass das Individuum auch zu Tabûn-B-Zeiten in dieser C-Schicht bestattet worden sein könnte. Der kräftige Unterkiefer mit dem ausgeprägten Kinn lag eindeutig in der C-Schicht. Die meisten Steingeräteindustrien israelischer Fundorte hat man durch einen Vergleich mit der Tabûn-Abfolge charakterisiert. Besonders bedeutsam ist, dass die Neandertaler von Kebara typische Tabûn-B-Geräte besaßen, während Homo sapiens aus Qafzeh Werkzeuge von Tabûn-C-Typ herstellte. Um festzustellen, wie unterschiedlich sich die Hominiden, die diese Siedlungsschichten hinterließen, verhalten haben, verglichen Lieberman und Shea sorgfältig die Faunenreste und Steingeräte aller drei Stellen. Zu ihrer ausgefeilten Untersuchungsmethode gehörte unter anderem eine Analyse der Säugerzähne, um festzustellen, in welcher Jahreszeit die Tiere gestorben waren und ein Studium der Gebrauchs- und Bruchspuren der Steingeräte, um deren Einsatz zu verstehen. Lieberman und Shea gehen davon aus, dass die frühen Jäger und Sammler in der Levante zwei Überlebensstrategien besaßen. Eine nannten sie die zirkulierende Mobilität. Dabei nehmen sie an, dass die Gruppen regelmäßig ihre Lagerplätze verlegten und in ihrem Territorium weiterzogen. Dies soll eine Reaktion auf jahreszeitliche Veränderungen des Nahrungsangebotes sowie die Ausdünnung der Ressourcen gewesen sein, wie sie an jedem Lagerplatz auftreten. Die andere Strategie nennen sie die ausstrahlende Mobilität, bei der ein relativ langfristig bewohntes Lager als Basis für kurzzeitige Satelliten-Camps in der Nähe entfernter, aber wichtiger Ressourcen gedient haben könnte. Die Erschöpfung der lokalen Nahrungsgrundlagen zwingt beim ungezielten Sammeln unausweichlich irgendwann dazu, das Basislager zu verlegen. Menschen, welche die Ausstrahlungsstrategie verfolgen, versuchen jedoch, sich in jedem Basislager möglichst lange aufzuhalten. Das bedeutet, dass Jagdausflüge länger und häufiger werden. Durch die Analyse der Tierreste und Steingeräte der drei Fundstellen erkennen Lieberman und Shea, dass Neandertaler-Wohnplätze (Kebara und Tabûn-B) Reste von ganzjährig bejagten Tieren erbrachten sowie, dass Spitzen (wahrscheinlich an Speeren befestigt) mit Beschädigungsspuren, am wahrscheinlichsten auf der Jagd entstanden sind. Im Gegensatz dazu lieferten Wohnstätten anatomisch Moderner Menschen (Qafzeh und Tabûn-C) weniger Werkzeuge mit vergleichbaren Beschädigungen und die Tierreste stammten von Individuen, die alle in einer Jahreszeit erlegt worden sind.

Dies legt nahe, dass die Neandertaler von Kebara eine ausstrahlende Mobilität verfolgten, während die Modernen Menschen von Qafzeh die zirkulierende Mobilität bevorzugten. Sicherlich müssen beide Strategien sich nicht völlig ausgeschlossen haben. Es gibt aber noch weitere Hinweise auf grundsätzliche Unterschiede der Siedlungsmuster der zwei Fundstellen. So sind zum Beispiel in Kebara Faunenreste im Vergleich zu Werkzeugen viel häufiger als in Qafzeh. Dies legt nahe, dass das Eindringen von Aasfressern im zuerst genannten Fundort viel seltener war als im letztgenannten, genau was man erwarten würde, wenn Kebara durchgehender von Menschen besiedelt war als Qafzeh. Lieberman und Shea glauben auch, dass die Unterschiede der Umweltbedingungen beider Wohnorte nicht groß genug waren, um die verschiedenen Ernährungsstrategien zu erklären. Obwohl diesen sicherlich erst vorläufigen Forschungsergebnissen nur eine kleine Datenbasis zugrunde liegt, liegt die Vermutung nahe, dass die Neandertaler in der Levante ihre Umwelt trotz der Ähnlichkeit ihrer Werkzeugtechnologien auf andere Weise nutzten als die Modernen Menschen. Die Deutungen der Kebara-Funde ähneln in gewisser Weise denjenigen Binfords von Combe Grenal. Die Gesamtanalyse passt zu Binfords-Theorie vom beiläufigen Sammeln der mittelpaläolithischen Menschen und dem gezielten Sammeln, das für den Jungpaläolithiker typisch gewesen sein soll.

Höhlenbär (Ursus spelaeus) - Rechter Unterkieferknochen
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Höhlenbär (Ursus spelaeus) - Rechter Unterkieferknochen

In Lieberman und Sheas Szenario deutet nichts darauf hin, dass die Neandertaler notwendigerweise ihre Umwelt auf primitivere Art nutzten. Die Befunde deuten an, dass geplantes Handeln nicht völlig fehlte. Andere Befunde legen nahe, dass diese archaischen Menschen ein weniger komplexes Bild ihrer Umwelt besaßen als der heutige Mensch oder sie zumindest auf weniger komplexe Weise nutzten. Der wichtigste Hinweis ist die relative Strukturlosigkeit ihrer Wohnplätze. Als Bestätigung ihres Neandertaler-Bildes betrachten Lieberman und Shea ein biologisches Merkmal des Neandertalers: Sein robustes Skelett. Die gewichttragenden Gelenke des Neandertalers sind größer und die Wände der Langknochen viel dichter als bei Homo sapiens. Knochen reagieren auf Beanspruchungen, und man hat lange vermutet, dass die Stärke der Neandertaler-Knochen ein Ergebnis ihres harten Lebens gewesen sei. Lieberman und Shea glauben, dass die ausstrahlende Mobilität der Neandertaler längere Zeiten für die Nahrungssuche erforderte und damit auch das Muskel-Skelett-System stärker beansprucht hat, als die effektivere zirkulierende Mobilität der frühen Modernen Menschen. Es ist kaum zu entscheiden, ob Neandertaler so robust waren, weil sie diese Strategie verfolgten, oder ob sie die Ausstrahlungsstrategie wählten, weil sie kräftig waren. Die Tatsache, dass auch schon die Kinder robust gebaut waren, scheint aber die erste Möglichkeit auszuschließen.

Ein bislang noch unerforschter Aspekt ist, in wie großen Gruppen Neandertaler zusammenlebten und Nahrung suchten. Sicher lebten sie jedoch in Kleingruppen. Besonders bei Annahme der ausstrahlenden Mobilität konnten Gruppen nicht sehr groß sein, da die Suchwege von einem zentralen Lager zu den verbleibenden Ressourcen bei einer größeren Gruppe schnell zu lang geworden wären. Neandertaler-Gruppen könnten aus zehn bis zwölf Erwachsenen und den dazugehörenden Kindern bestanden haben. Das Shanidar-Individuum mit dem verkümmerten Arm zeigt, dass man zumindest einigen behinderten Gruppenmitgliedern langfristig half - es gibt aber am Skelett auch Hinweise, die vermuten lassen, dass man diesem Neandertaler in den Rücken gestochen hat. Die Aktionsräume benachbarter Gruppen dürften sich etwas überschnitten haben, so dass ein Austausch von Gruppenmitgliedern möglich war und eine großräumige Verwandtschaft bestand. Die Größe der Streifgebiete war vom enthaltenen Nahrungsangebot abhängig. Anders als im Jungpaläolithikum gibt es im Moustérien (weder für Neandertaler noch für Moderne Menschen) wenig Hinweise auf Kontakte und Güteraustausch über weite Strecken. Derartige Aktivitäten lassen sich im Jungpaläolithikum wegen der größeren Artefaktvielfalt leichter nachweisen. Es ist aber auffällig, dass ortsfremde Rohmaterialien an Neandertaler-Wohnplätzen nie weiter als aus einigen Kilometern entfernten Rohstoffquellen stammen. Pflanzenreste sind im archäologischen Fundmaterial verschwindend gering und Pflanzenrückstände sind kaum erhalten. In den Feuerstellen von Kebara fanden sich aber verkohlte Leguminosen-Samen und Binfords Nester im Combe Grenal enthielten offensichtlich Rohrkolben-Pollen. Dies spricht dafür, dass diese Pflanzen zur Nahrung der Frauen gehört haben (wenn diese wirklich die Nester bewohnten). Darüber hinaus sind viele Pflanzen vermutlich dort verzehrt worden, wo man sie fand, und daher gar nicht an den Lagerplätzen aufgetaucht.

Technologie

Aus historischen Gründen liegt ein Forschungsschwerpunkt der Moustérien-Technologie, die weitgehend, aber nicht ausschließlich mit dem Neandertaler assoziiert ist, in Frankreich. Der Name wurde ursprünglich nur für Industrien in der Dordogne-Region des Vézère-Tales verwendet, dann aber als Oberbegriff für Werkzeuginventare aus weiteren Bereichen Europas, des Vorderen Orients und sogar Nordafrikas benutzt. Dadurch wurde verschleiert, dass sich dahinter an verschiedenen Stellen sowohl unterschiedliche Werkzeugtypen als auch verschiedene Bearbeitungstechnologien verbergen und dass das Moustérien weder in Zeit noch Raum eine monolithische Kulturform darstellt.
Wollnashorn (Coelodonta antiquitatis) - Linker Unterkieferast
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Wollnashorn (Coelodonta antiquitatis) - Linker Unterkieferast
Selbst in Frankreich hat es sich als schwierig erwiesen, eine einfache Klassifikation von Moustérien-Geräteinventaren aufzustellen. Versuche, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts auf der Grundlage von diagnostischen Gerätetypen eine Entwicklungsreihe des Moustérien aufzustellen, scheiterten bald. In den fünfziger Jahren schlug der französische Prähistoriker Francois Bordes einen anderen Weg ein. Er unterschied vier Moustérien-Varianten nach der realtiven Häufigkeit bestimmter Werkzeugtypen. Bordes stellte eine riesige Vielfalt an Moustérien-Werkzeugen fest (63 verschiedene Abschlagwerkzeuge und 21 Faustkeiltypen). Spätere Arbeiten legten nahe, dass viele dieser Typen unterschiedliche Stadien der Überarbeitung einer kleineren Zahl von Werkzeuggrundformen waren, die man erneut schärfte. Bordes schenkte auch der Bedeutung der Levallois-Technik Aufmerksamkeit, die man in der Levante häufiger als in Europa verwendete. Er glaubte, dass diese verschiedenen Werkzeuginventare zu ethnisch verschiedenen Neandertaler-Gruppen gehörten, deren Technologie relativ konstant blieb, die sich jedoch wechselseitig über lange Zeiten des Moustérien an vielen Stellen Europas ersetzten. Borders glaubte, dass die Neandertaler zwar hervorragende Handwerker, aber nicht sehr innovativ waren.

Borders Arbeit war einflussreich und brachte Ordnung in die chaotische Vielfalt der aus Frankreich bekannten Neandertaler-Technologien. Seine Vorstellungen blieben jedoch nicht lange unwidersprochen. Lewis und Sally Binford meinten in den sechziger Jahren, dass die verschiedenen Werkzeuginventare nicht - wie Bordes vermutet hatte - dieselbe Technologie tradiert hatten, sondern eher widerspiegelten, wie sich die Arbeit ein und derselben Gruppe in verschiedenen Lagern unterschied. Spätere Forschr wandten ein, dass Unterschiede zwischen verschiedenen Moustérien-Inventaren auch auf die lokale Verfügbarkeit von Rohmaterialien zurückgeführt werden könnten, da diese - wie man inzwischen weiß - festlegen, welche Werkzeuge sich daraus herstellen lassen. Zusammen mit großen Veränderungen des Klimas, der Umwelt sowie der Ressourcen wandelten sich auch die Werkzeuginventare der Neandertaler in Raum und Zeit. Aber selbst wenn - im Widerspruch zu Bordes - Neandertaler zumindest in Grenzen ihre Werkzeuge den veränderten Bedingungen anpassen konnten, war die Moustérien-Technik im Vergleich zur Technologie des folgenden Jungpaläolothikums verhältnismäßig unkompliziert. Die Geräteproduktion war ziemlich einfach. Die meisten Werkzeuge hat man aus dem gerade zur Verfügung stehenden Gestein hergestellt. Zweifellos erkannt Neandertaler gute Rohmaterialien, da sie regelmäßig Werkzeuge aus hervorragendem Material, das nur in großer Entfernung vom Wohnort zu finden war, nachschärften, um die Funktion der Arbeitskanten erhalten. Im Gegensatz zu den darauffolgenden Jungpaläolithikern benutzten Neandertaler jedoch selten Knochen und andere häufige Ressourcen zur Werkzeugherstellung. Knochenbearbeitung fordert vom Handwerker eine hohe Materialkenntnis. Möglicherweise besaßen die Neandertaler - zumindest der Durchschnitts-Neandertaler - dieses Wissen nicht. Und obwohl sie diese Erkenntnisse vielleicht nicht eigenständig gewonnen haben, waren sie offensichtlich nichtsdestoweniger in der Lage, ihre Vorteile zu erkennen. Einige spätere Entwicklungsstufen der Moustérien-Tradition von weitverteilten Fundplätzen in Frankreich, Italien und Zentraleuropa sind auch als Übergang zum Jungpaläolithikum betrachtet worden. Deren typischste ist das Châtelperronien in Westfrankreich, eine nur kurz existierende Industrie, die am Ende des Mittelpaläolithikums (vor etwa 36.000 bis 32.000 Jahren) auftrat, gefolgt von der Ankunft jungpaläolithischer Völker in Europa. An wenigen Fundstellen liegen zwischen Châtelperronien-Schichten solche des Aurignacien (früheste Jungpaläolithikum), wahrscheinlich Hinweise auf ein erstes Eindringen Moderner Menschen. Francois Bordes glaubte, dass das Châtelperronien von einer seiner Moustérien-Varianten abstammte. Dem widersprachen andere Forscher, da ein großer Anteil der Châtelperronien-Werkzeuge aus Klingen hergestellt war, die von zylindrischen Kernen stammten. Diese Neuerung brachten einwandernde jungpaläolithische Völker in Europa. Man benutzte diese Klingenmethode aber gelegentlich auch im afrikanischen Mittelpaläolithikum.

Sorgfältige Studien haben Borders Vorstellungen jedoch bestätigt. Grundsätzlich ähnelt das Châtelperronien dem Moustérien. Auch die Entdeckung des Grabes von Saint-Césaire hat zumindest die meisten Archäologen davon überzeugt, dass die Neandertaler die Châtelperronien-Werkzeuge herstellten. Warum aber dann dieser Technologie-Mix? Man vermutet, dass die Neandertaler von einwandernden Jungpaläolithikern einige Bearbeitungsmethoden übernahmen. Steinbearbeitung ist da nicht das einzige Beispiel. Am berühmten französischen Fundort Arcy-sur-Cure fanden sich in einer Châtelperronien-Schicht zusammen mit aus Knochen geschnitzten Anhängern durchbohrte Tierzähne. Wie die Klingenmethode waren derartige Objekte typisch für das Jungpaläolithikum. Sie fehlten offensichtlich im Moustérien, waren in diesem Fall aber Produkte von Neandertalern. Befunde wie die von Arcy-sur-Cure weisen stark auf Kontakte zwischen Neandertalern des Châtelperronien und jungpaläolithischen Völkern hin. Ein ungewöhnlicher Aspekt der Neandertaler, der vermutlich mit ihrer Werkzeugtechnologie zu tun hat, ist die typische starke Abnutzung ihrer vorderen Zähne. Selbst Jugendliche zeigen schon gewisse Abnutzungsspuren, die für Moderne Menschen - einschließlich jungpaläolithischer Völker - untypisch sind. Heute finden sich derartig abgekaute Schneidezähne nur bei Völkern, die diese Zähne intensiv für die Bearbeitung von Häuten einsetzen, indem sie diese durchkauen. Ob sich der Zustand der Neandertaler-Zähne damit erklären läßt, ist noch unklar. Unter den gegebenen Klimabedingungen müssen Neandertaler irgendwelche Kleidung getragen haben, und Häute sind das naheliegende Material. Selbst in der ausgehenden Neandertaler-Zeit war das Nähen, das sich später durch viele Knochennadeln mit Ösen nachweisen läßt, noch nicht erfunden.

Symbolismus

Moderne Menschen leben durch Symbole - in der Kommunikation, in ihrer Ästhestik und ihrem eigenen Selbstverständnis sowie der Erklärung ihrer Welt. Es gibt eine Fülle von Hinweisen, dass die Menschen des Jungpaläolithikums ähnlich empfanden. Gibt es Gründe anzunehmen, dass auch die Neandertaler zumindest in Ansätzen den Symbolgebrauch kannten? Bärenkulte und ähnliche bizarre Rituale wären sicherlich dafür qualifiziert gewesen. Aber die Geschichte vom Drachenloch und anderer Fundstellen wie zum Beispiel der von Regourdou hielten einer kritischen Überprüfung nicht stand. Das gleiche gilt für Blancs Vorstellungen vom Hirnverzehr in Monte Circeo. Abgesehen von Bestattungen findet sich in den Moustérien-Siedlungen kaum etwas, dass mit Ritualen in Verbindung bringen könnte. Ihre Verteilungsmuster scheinen aber weitgehend zufällig zu sein und weisen auf kein dahinterstehendes Symbolsystem hin. In wenigen Fällen fanden sich auf Moustérien-Stellen durchlochte Knochen und Zähne sowie in La Ferrassie ein Kalksteinblock mit einer Anzahl flacher, runder Vertiefungen. Aber auch hier läßt sich keine eindeutige Symbolik belegen. Erst kürzlich hat man zwar von dem 50.000 Jahre alten Moustérien-Fundort Quneitra auf den Golan-Höhen eine Platte mit eingravierten Bogenlinien beschrieben, deren Formgebung beabsichtigt erscheint. Das Stück läßt sich jedoch keiner Menschenform zuordnen.

Schalengehäuse von Wirbellosen und gelegentlich auf Neandertaler-Wohnplätzen geborgene importierte Molluskenfossilien zeugen von einer gewissen Ästhetik oder sprechen zumindest für Neugier, da sie, außer einigen scharfkantigen Schalen funktionslos erscheinen. Weitere Hinweise auf Symbole finden sich in Pigment-Ablagerungen - schwarzes Mangan, roter und gelber Ocker - auf einigen Moustérien-Fundplätzen. Vielleicht dienten sie zur Körperbemalung. Sie könnten aber auch nützlichen Zwecken wie dem Konservieren von Häuten gedient haben, was auf eine hochentwickelte Technologie hindeuten würde. Auch die letzten Hinweise auf Symbolnutzung durch die Neandertaler sind sehr dürftig. Sie stammen von den vermuteten Anzeichen eines Kannibalismus oder genauer gesagt, vom Entfleischen der Körper. Die Neandertaler waren nicht die ersten, die Artgenossen entfleischten. Auch der Homo heidelbergensis-Schädel aus Bodo scheint entfleischt worden zu sein. Kannibalismus, wie man ihn früher vermutet hat, ist unwahrscheinlich und auch sehr schwer nachweisbar. Schnittspuren an Menschenknochen können dagegen zeigen, dass man einen Toten absichtlich entfleischt hat. Bei Modernen Menschen geschah dies zu anderen als kannibalistischen Zwecken. Am häufigsten trat es im Zusammenhang mit Sekundärbestattungen auf, bei denen man vor einer erneuten Bestattung die Knochen säuberte. Derartige Praktiken sind eindeutige Hinweise auf komplexe Glaubensvorstellungen. Welche Vorstellungen die Neandertaler auch immer hatten, Entfleischen läßt sich bei ihnen nur selten nachweisen, zumindest viel seltener als Bestattungen. Eine neuere Übersicht belegt, dass diese Praxis nur von drei oder vier Fundstellen aus Europa eindeutig belegt ist. An all diesen Orten weisen die menschlichen Knochen Muster von Schnittspuren auf, die sich von denjenigen Tierknochen, deren Fleisch vermutlich verspeist wurde, unterscheiden könnten. Sollte sich dies bestätigen lassen, hätte man das Entfleischen mit anderem Ziel durchgeführt. Eine klare Antwort - falls man sie je erhalten wird - setzt noch viel Forschung voraus. Die kargen Hinweise deuten jedoch zumindest komplexes Verhalten an.

Bestattung

Man hat lange diskutiert, ob Neandertaler ihre Toten bestatteten. Obgleich einige Fachleute leugneten, dass dies je geschah, sind Bestattungen in Einzelfällen belegt. Es wäre jedoch voreilig anzunehmen, dass sie bei ihnen die gleiche symbolische Bedeutung wie bei dem heutigen Menschen hatten, wie zum Beispiel die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod. Sie könnten genauso gut zum Ziel gehabt haben, Körper, die sonst den Wohnraum und Lebensraum belastet und Hyänen angezogen hätten, zu beseitigen. Was immer sie auch damit bezweckten - Neandertaler führten Bestattungen durch. So fand man den Alten Mann von La Chapelle-aux-Saints in einer Grube, deren Füllung sich farblich eindeutig vom umgebenden Sediment unterschied. Eine Reihe von Gräbern in La Ferrassie war mit Absicht angelegt. Weitere Neandertaler-Gräber in Frankreich sind gut belegt. Das gleiche gilt für den Nahen Osten, wie zum Beispiel die Gräber von Amud, Tabûn und Kebara in Israel, wie auch für Shanidar im Irak. Auch der Jugendliche von Teshik-Tash in Usbekistan wurde offensichtlich zusammen mit Hörnern von einem Steinbock in der Nähe einer Feuerstelle begraben.

Der große Unterschied zwischen Gräbern der Neandertaler und denjenigen der späteren Jungpaläolithiker findet sich in den Grabbeigaben. Jungpaläolithische Gräber waren häufig sehr komplex mit reichgeschmückten Toten und zahlreichen Grabbeigaben. Entsprechend gedeutete Gegenstände in Moustérien-Gräbern waren dagegen meist alltägliche Gegenstände wie Steinwerkzeuge und einzelne Tierknochen. Diese könnten als Ausrüstung und zur Versorgung im späteren Leben gemeint gewesen sein, es wäre aber auch denkbar, dass sie als allgegenwärtige Gegenstände des Wohnraumes eher zufällig mit in das Grab gelangten. Es gibt nur wenige Dinge in Moustérien-Gräbern, deren Deutung als Grabbeigabe einer kritischen Analyse standhält. Der berühmteste vermeintliche Fall ist derjenige des Shanidar-Blumenbegräbnisses. Auch hier ist möglich, dass die Pollen von Frühlingsblumen nachträglich durch die Tätigkeit von bodengrabenden Nagetieren eingetragen wurden und nicht zum ursprünglichen Grab gehörten.

Die eindeutigsten Moustérien-Grabbeigaben stammen aus Bestattungen, die nicht von Neandertalern, sondern von Modernen Menschen stammen (Qafzeh und Skhul). In diesen Fällen fanden sich Tierreste, die sicher gezielt abgelegt worden waren, zusammen mit Menschenskeletten. So war zum Beispiel der Unterkiefer eines Wildschweines in Skhul von der Hand des Toten umschlossen. Hier wird ein weiterer Unterschied zwischen Neandertalern und Modernen Menschen offensichtlich, obwohl beide in der Levante dem Moustérien angehörten. Trotzdem bestehen keine Zweifel daran, dass Neandertaler von Zeit zu Zeit einfache Bestattungen durchführten. Soweit man weiß, hat das keine frühere Menschenform gemacht. Warum Neandertaler nur gelegentlich ihre Toten begruben, in den meisten Fällen die Leichen sich selbst überließen und vielleicht in seltenen Fällen die Toten entfleischten, um das Fleisch zu verzehren oder um sie ein zweites Mal zu bestatten, bleibt ein Geheimnis.

Sprache

Die Neandertaler waren dem heutigen Menschen zeitlich so nahe und so ähnlich, dass sie ein ausgefeiltes Kommunikationssystem mit Lauten, Gesten oder dergleichen benutzt haben müssen. Besaßen sie aber auch eine artikulierte Sprache mit einem komplexen Syntax-System, Grammatik und Objektbezeichnungen, die eine hohe Kapazität an Denken in Symbolen erfordert und ermöglicht? Diese Frage ist aufgrund der beschränkten fossilen und archäologischen Befunde sehr schwer zu beantworten. Viele haben jedoch vermutet, dass Sprache so stark mit unserem komplizierten und oft unergründlichen Verhalten verknüpft ist, dass es ihnen unwahrscheinlich erscheint, dass Neandertaler, die sich eindeutig anders als der Moderne Mensch verhielten, eine Sprache wie der heutige Mensch besaßen. Umgekehrt ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Fähigkeit der Symbolbildung, das heißt, die Grundlage der Sprache, die im Jungpaläolithikum zu finden ist, sich bei den Neandertalern nicht auch in einigen Merkmalen ausgedrückt hätte.

Sprache ist eine Hirnfunktion. Jüngere Studien haben aber gezeigt, dass die Sprachfähigkeit nicht aus den äußeren Hirnstrukturen abzulesen ist. Die reine Gehirngröße ermöglicht noch nicht einmal Wahrscheinlichkeitsangaben. Die Sprachfähigkeit hängt aber nicht nur vom neuralen Apparat ab, sondern setzt auch periphere Strukturen zur Tonerzeugung voraus. Ed Crelin, ein Anatom aus Yale und der Linguistiker Phillip Lieberman von der Brown University leisteten in den frühen siebziger Jahren Pionierarbeit, als sie einen methodisch völlig neuen Ansatz für die Untersuchung der Sprachfähigkeit an menschlichen Fossilien entwickelten. Sie stellten zunächst fest, dass Sprache in den Weichteilen des Stimmapparates erzeugt wird, der nicht fossil überliefert wird. Seine obere Begrenzung (die Schädelunterseite) ist jedoch manchmal erhalten.

Stammbaum des Menschen
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Stammbaum des Menschen

Auf der Grundlage des La Chapelle-Schädels (der von Marcellin Boule rekonstruiert worden war) erstellte Crelin ein Modell des oberen Stimmapparates des Neandertalers, und Lieberman analysierte dann, welche Töne er produzieren konnte. Nach seiner Analyse waren Neandertaler nicht in der Lage, drei der grundlegenden Vokale (a, i und u), die in der Sprache Moderner Menschen vorkommen, zu produzieren. In späteren Jahren hat Jeffrey Laitman von der Mount Sinai-School of Medicine in New York die Methode erweitert und verfeinert, ähnliche Rekonstruktionen von verschiedenen ausgestorbenen Hominiden hergestellt und mit Stimmapparaten anderer Säuger verglichen. Er stellte fest, dass die Schädelbasis von Australopithecus - wie offensichtlich bei allen anderen Säugern - flach ist. Bei Homo ergaster dagegen ist sie leicht nach unten gebogen, beim Homo heidelbergensis aus Kabwe sogar noch stärker. Die größte Beugung tritt bei Homo sapiens auf, wobei der Säugling jedoch zunächst die flache Form aufweist. Die Krümmung entwickelt sich während der ersten Lebensjahre.

Diese Veränderung der Schädelbasis ist die Folge einer Umformung der oberen Atemwege. Im primitiven Zustand liegt der Kehlkopf mit dem Stimmapparat hoch im Schlund und ist mit der Mundhöhle durch einen kurzen Rachenraum (Pharynx) verbunden. Bei erwachsenen Modernen Menschen liegt der Kehlkopf dagegen tief im Schlund, so dass der darüber liegende Rachenraum länger ist. Dieser lange, gebogene Rachenraum spiegelt sich in der Krümmung der Schädelbasis wider. Die Schlundmuskulatur kann ihn verformen und so die in ihm erzeugten Schwingungen der Luftsäule verändern. Ohne diesen langen Pharynx lassen sich nicht alle für eine artikulierte Sprache notwendigen Töne erzeugen. Die Vorteile des langen Rachenraumes sind offensichtlich, der Nachteil ist, dass gleichzeitiges Atmen und Schlucken (wie für Neugeborene notwendig) nicht mehr möglich ist und man sich lebensgefährlich verschlucken kann.

Betrachtet man zusätzlich den evolutionären Trend der Humanevolution hin zu einer stark gekrümmten Schädelbasis, das heißt zu einem Stimmapparat für artikulierte Sprache, könnte der westeuropäische klassische Neandertaler eine Ausnahme darstellen. Selbst als Laitman eine jüngere Rekonstruktion der etwa 500.000 Jahre alten Schädelbasis von La Chapelle zugrunde legte, die stärker gekrümmt ist als die ursprüngliche Version von Boule, stellte er fest, dass dieses Exemplar weniger stark gekrümmt war als der (wahrscheinlich mindestens 200.000 Jahre ältere) Kabwe-Schädel. Der Trend hatte sich offensichtlich umgekehrt. Da die früheren (etwa 120.000 Jahre alten) Neandertaler von Saccopastore jedoch eindeutiger gekrümmte Schädelbasen aufweisen, sind ausführlichere Studien nötig. Wieso besitzt der La Chapelle-Schädel diese seltsame Form? Womöglich stellte der hohe Kehlkopf eine sekundäre Spezialisierung dar, eine Möglichkeit, die kalte, trockene Luft der letzten Eiszeit zu erwärmen und zu befeuchten, um die empfindlichen Lungen zu schützen. Mit diesem Vorteil hat man schon das vorspringende Gesicht und die vergrößerte Nasenöffnung zu erklären versucht (obwohl diese Merkmale schon in der letzten Zwischeneiszeit, das heißt vor dem Eintritt extremer Kälte vorlagen). Die Abweichung vom Trend besteht weiter. Eine Hoffnung auf die Lösung des Problems blieb - man mußte ein Neandertaler-Zungenbein finden. Dieser frei in der Muskulatur sitzende Knochen ist Ansatzpunkt für eine Reihe von Kehlmuskeln. Es bestand die Hoffnung, dass die Struktur dieses Knochens weitere Hinweise auf die Sprachfähigkeit des Neandertalers geben könnte. Die Entdeckung eines Zungenbeines in Kebara löste jedoch nur eine hitzige Diskussion über seine Bedeutung aus. Das Problem besteht darin, dass die Morphologie des Kebara-Zungenbeins einerseits sehr modern ist, dieser Knochen andererseits Teil einer übergeordneten Struktur ist. Wie die knorpeligen Strukturen aussahen, bleibt unbekannt. So sind alle Möglichkeiten offen, und momentan sind die Debatten, ob das Kebara-Zungenbein Teil eines modernen oder eines archaischen Atmungstraktes war, weit von jeder Lösung entfernt.

Über die Kommunikation der Neandertaler können keine endgültigen Aussagen gemacht werden. Zwei, wenn auch subjektive Schlußfolgerungen sind jedoch möglich. Zum einen die, dass Neandertaler eine ziemlich hoch entwickelte Kommunikationsform - die zumindest weitgehend vokal war - besessen haben müssen. Die einzige Anforderung an eine solche Kommunikation wäre die Übereinstimmung mit ihrer Lebensweise gewesen, die jedoch nicht eine artikulierte Sprache wie des heutigen Modernen Menschen erfordert hat. Zum anderen kommunizierten Neandertaler sicher nicht genau wie der heutige Mensch. Es wäre wahrscheinlich, dass ein Wesen mit der Fähigkeit zu moderner artikulierter Sprache an archäologischen Fundstellen mehr Hinweise auf komplexe Lebensweisen hinterlassen hätte. Sicherlich besaßen die frühen Modernen Menschen von Skhul und Qafzeh die physischen Anlagen für artikulierte Sprache, ihre Technologie bleibt jedoch streng Moustérien, und ihre Wohnplätze weisen nichts von dem Materialreichtum auf, der für das Jungpaläolithikum charakteristisch ist, dessen Menschen zweifellos sprachfähig waren. Was diese offensichtlichen Widersprüche letztlich besagen, bleibt am Ende unklar. Sie könnten bedeuten, dass theoretisch Möglichkeit und Realisierung zweierlei Dinge sind. Im Falle der Neandertaler befindet man sich aber wahrscheinlich auf sicherem Boden, wenn der heutige Moderne Mensch als vergleichbares Modell für ihr Verhalten ausschließen - sowohl was die Kommunikation als auch andere Bereiche betrifft.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Ralf W. Schmitz, Jürgen Thissen: Neandertal. Die Geschichte geht weiter. Spektrum Akademischer Verlag, 2002 ISBN 3827413451
  • Martin Kuckenburg: Der Neandertaler. Auf den Spuren des ersten Europäers. Klett-Cotta, Auflage: 1, 2005 ISBN 3608941371
  • Prof. Dr. G. Tichy et al.:Die Urzeit in Deutschland. Von der Entstehung des Lebens bis zum Neandertaler. Naturbuch Verlag, 1995 ISBN 3894401923
  • Ernst Probst: Deutschland in der Steinzeit. C. Bertelsmann, München 1986 ISBN 35701066x

Links

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