Nordfledermaus

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Nordfledermaus

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Fledertiere (Chiroptera)
Unterordnung: Fledermäuse (Microchiroptera)
Überfamilie: Glattnasenartige (Vespertilionoidea)
Familie: Glattnasen (Vespertilionidae)
Unterfamilie: Eigentliche Glattnasen (Vespertilioninae)
Gattung: Breitflügelfledermäuse (Eptesicus)
Art: Nordfledermaus
Wissenschaftlicher Name
Eptesicus nilssoni
(Keyserling & Blasius, 1839)

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Die Nordfledermaus (Eptesicus nilssoni) zählt innerhalb der Familie der Glattnasen (Vespertilionidae) zur Gattung der Breitflügelfledermäuse (Eptesicus). Im Englischen wird die Art Northern Bat genannt. Der Artname wurde zu Ehren von Professor Sven Nilsson vergeben (Rydell, 1993).

Inhaltsverzeichnis

Erkennung

Von den anderen europäischen Glattnasen (Vespertilionidae) aufgrund des langen dunkelbraunen Felles, dem goldenen Haarspitzen im Bereich der Schultern und in der Größe unterschieden werden. Nur die artverwandte Breitflügelfledermaus (Eptesicus serotinus) ist mit einer Forderarmlänge von 48 bis 55 mm noch größer. Das Verbreitungsgebiet der Nordfledermaus überlappt sich mit dem der Alpenfledermaus (Hypsugo savii, Syn.: Pipistrellus savii) und der Zweifarbfledermaus (Vespertilio murinus). Die Alpenfledermaus ist ebenfalls dunkelbraun gefärbt und die Haare sind im Bereich der Schultern golden gefärbt, jedoch ist die Art mit einer Vorderarmlänge von 31 bis 37 mm kleiner. Die Zweifarbfledermaus ist auch dunkelbraun, jedoch die die Haarspitzen eher gräulich gefärbt und die Vorderarmlänge liegt zwischen 39 und 49 mm (Rydell, 1993).

Fossile Funde

Die ältesten fossilen Funde von Vertretern der Gattung Eptesicus stammen aus dem frühen Pliozän (3,6 bis 5,3 Millionen Jahre) und wurden in Polen gefunden. Die ältesten Fossilien von der Nordfledermaus stammen aus pleistozänen Ablagerungen und wurden an mehreren Stellen in Russland gefunden. Im zentralen Europa sind fossile Funde der Nordfledermaus relativ selten und weisen hier ein Alter von 100.000 bis 600.000 Jahre auf (Rydell, 1993).

Beschreibung

Aussehen, Maße

Die Nordfledermaus ist eine mittelgroße Art mit kurzen, rundlichen und fleischigen Ohren. Der Rand der Ohren weist 5 querliegende Falten auf. Der Tragus ist kurz, oberhalb gerundet und ist leicht nach innen gebogen. Das dorsale Fell ist dunkelbraun bis fast schwärzlich gefärbt. Im Bereich des Kopfes und des Rückens zeigt sich ein goldener Schimmer. Ventral zeigt sich eine gelblichbraune Färbung. Die Nase, die Ohren und Flughaut und Schwanzmembran sind dunkelbraun oder schwarz. Die Flügel sind mittellang, breit und enden in einer leicht gerundeten Flügelspitze. Die Fläche der Flügel liegt bei 112 cm². Die Nordfledermaus erreicht eine Körperlänge von 54 bis 64 mm, eine Schwanzlänge von 35 bis 50 mm, eine Vorderarmlänge von 37 bis 44 mm, eine Ohrlänge von 13 bis 17,5 mm, eine Flügelspannweite von 240 bis 280 mm, eine Schädellänge von 14,7 bis 16 mm, eine Condylobasallänge von 14,2 bis 15,6 mm, eine Jochbeinbreite von 9,5 bis 10,5 mm sowie ein Gewicht von 8 bis 18 g. Der Schädel ist filigran gebaut und spitz zulaufend, der Hirnschädel ist niedrig. Der Saggitalkamm ist nur rudimentär oder gar nicht vorhanden. Das Gebiss verfügt über 32 Zähne, die zahnmedizinische Formel lautet i2/3, c1/1, p1/2, m3/3. Nordfledermäuse verfügen über 11 Brustwirbel (Thoracic vertebrae), 7 Halswirbel (Cervical vertebrae), 4 Kreuzbeinwirbel (Sacral vertebrae) und 5 Lendenwirbel (Vertebrae lumbales) (Novak, 1999; Rydell, 1993).

Lebensweise

Nordfledermäuse sind nachtaktiv. Flüge am Tage sind eher selten. Im Sommer versammeln sich die Weibchen zur Aufzucht ihres Nachwuchses in den Wochenstuben. Die Weibchen kehren jährlich zu 70% oder mehr in immer die gleichen Wochenstuben zurück. Hier sind ausschließlich Weibchen und ihr Nachwuchs anzutreffen. Zu saisonalen Migrationsflügen kommt es bei der Art nicht. Im Einzelfall ist ein Flug über 115 km nachgewiesen. Zwischen November und dem frühen Dezember ziehen die Nordfledermäuse in ihre Winterquartiere. Diese werden im März oder April des Folgejahres wieder verlassen. In den Winterquartieren, meist Gebäudeteile, Keller, Minen oder dergleichen, herrschen Temperaturen von 0 bis -5C°. Im Sommer sind die Männchen von den Weibchengruppen getrennt. Sie leben in kleinen Gruppen von 2 bis 4 Individuen. Beutetiere werden mittels Echoortung ermittelt. Die ausgesandten Impulse liegen bei 30 bis 40 kHz und erstrecken sich über 10 bis 13, gelegentlich bis zu 18 ms. Die Flüge erfolgen in einer Höhe von 2 bis 50 m, durchschnittlich jedoch nur in einer Höhe von 5 bis 10 m. Die Fluggeschwindigkeit liegt bei 5 bis 6 m in der Sekunde (Rydell, 1993).

Verbreitung und Lebensraum

Die Nordfledermaus ist im palärarktischem Europa und Asien weit verbreitet. Im Westen reichen die Vorkommen bis nach Frankreich und Norwegen im Nordwesten, im Osten bis nach Ostasien und dem nördlichen Japan. Nördlich ist die Art bis weit über den Polarkreis anzutreffen. In Westeuropa fehlt die Art in den Niederlanden, Großbritannien und auf der Iberischen Halbinsel. Besiedelt werden hingegen südlich der Alpen das südliche Frankreich und das nördliche Italien. Auch im Balkan ist die Nordfledermaus lokal anzutreffen. Im Einzelnen ist die Art in Österreich, Aserbaidschan, Weißrussland, Belgien, Bulgarien, China, Kroatien, in der Tschechischen Republik, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Georgien, Deutschland, Ungarn, im Iran und Irak, in Italien, Japan, Nordkorea, Südkorea, Kirgisistan, Lettland, Liechtenstein, Litauen, Luxemburg, in der Mongolei, Norwegen, Polen, Rumänien, Russland, Slowakei, Slowenien, Schweden, Schweiz, in der Türkei und in der Ukraine anzutreffen. Die Art lebt im Flachland und kommt lokal in Höhenlagen bis in Höhen von gut 2.300 m über NN vor. So groß wie das Verbreitungsgebiet ist, so vielfältig sind die besiedeten Lebensräume. Die Nordfledermaus besiedelt Bergwälder, Flusstäler, Wälder der Ebene, wie Taiga, wüstenähnliche Gebiete, landwirtschaftliche Flächen, aber auch Parkanlagen und Gärten (Rydell, 1993; IUCN, 2014).

Biozönose

Zu den natürlichen Feinden der Nordfledermäuse zählen insbesondere der Waldkauz (Strix aluco), der Uhu (Bubo bubo), die Wildkatze (Felis silvestris) und der Sperber (Accipiter nisus). In der Feldforschung konnten zahlreiche Ekto- und Endoparasiten nachgewiesen werden. Zu den bekanntesten Ektoparasiten zählen Flöhe (Siphonaptera) wie Ischnopsyllus octactenus, Ischnopsyllus variabilis, Ischnopsyllus simplex, Ischnopsyllus intermedius, Ischnopsyllus obscurus und Ischnopsyllus hexactenus sowie Milben (Acari, Acarida) der Art Macronyssus flavus (Rydell, 1993).

Ernährung

Nordfledermäuse ernähren sich von kleinen Insekten (Insecta), die im Flug erbeutet werden. Beliebte Beutetiere sind Zweiflügler (Diptera) mit einer Länge von 3 bis 10 mm. Je nach Vorkommen und Lebensraumqualität stellen Zweiflügler 30 bis 80% am Nahrungsaufkommen. Darüber hinaus werden auch kleine Käfer (Coleoptera) und nachtaktive Schmetterlinge (Lepidoptera) gefressen. Bei Temperaturen unter 3 bis 9 C° bleiben die Tiere in ihren Quartieren, da eine Nahrungssuche bei Temperaturen unterhalb dieser Temperatur nicht effektiv ist (Rydell, 1993).

Fortpflanzung

Zu den meisten Geburten kommt es zwischen Mitte Juni und Mitte Juli. Je weiter nördlich die Vorkommen, desto später die Geburten. Der Geburtsakt erstreckt sich über wenige Minuten und erfolgt in hängender Position. Der Nachwuchs wird von der Mutter sauber geleckt. Die Geburtslänge liegt bei 45 bis 48 mm, die Vorderarmlänge bei 12,5 bis 14 mm. Die Jungen kommen nackt und mit geschlossenen Augen zur Welt. Der erste Flug erfolgt erstmals im Hochsommer. Dies ist meist im Alter von 3 bis 4 Wochen der Fall. Das nachgewiesene Höchstalter liegt bei 15,5 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt jedoch deutlich darunter (Rydell, 1993).

Gefährdung, Schutz

Die Nordfledermaus gehört heute noch nicht zu den bedrohten Arten. In der Roten Liste der IUCN wird die Art in der Kategorie LC, Least Concern, geführt. Größere Gefahren für die Art sind nicht bekannt. Die Art ist zudem weit verbreitet. Nur lokal kommt es bei den Populationen zu einer signifikanten Beeinträchtigung. In den meisten europäischen Länder steht die Art unter Schutz (IUCN, 2014).

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X

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