Ockerbindiger Samtfalter

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Ockerbindiger Samtfalter

Taxonomie
Klasse: Insekten (Insecta)
Unterklasse: Geflügelte Insekten (Pterygota)
Überordnung: Neuflügler (Neoptera)
Ordnung: Schmetterlinge (Lepidoptera)
Unterordnung: Glossata
Familie: Edelfalter (Nymphalidae)
Unterfamilie: Augenfalter (Satyrinae)
Tribus: Satyrini
Gattung: Hipparchia
Art: Ockerbindiger Samtfalter
Wissenschaftlicher Name
Hipparchia semele
(Linnaeus, 1758)

Der Ockerbindige Samtfalter (Hipparchia semele), auch unter dem Synonym Satyrus semele und unter dem weiteren Trivialnamen Rostbinde bekannt, zählt innerhalb der Familie der Edelfalter (Nymphalidae) zur Gattung Hipparchia. Im Englischen wird der Ockerbindige Samtfalter Grayling genannt. Die BUND NRW Naturschutzstiftung hat in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen e.V.den Ockerbindigen Samtfalter zum Schmetterling des Jahres 2005 gewählt.

Der Ockerbindige Samtfalter kann leicht mit dem Großen Waldportier (Hipparchia fagi), dem Kleinen Waldportier (Hipparchia hermione), dem Rotbindigen Samtfalter (Arethusana arethusa), dem Mittelmeer-Waldportier (Hipparchia aristaeus) sowie mit Hipparchia neomiris verwechselt werden.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Ockerbindige Samtfalter erreicht eine Flügelspannweite von etwa 48 bis 55 Millimeter. Zwischen dem Männchen und dem Weibchen besteht kaum ein nennenswerter Dimorphismus. Die Oberseite weist eine dunkelbraune bis rostbraune Färbung auf und ist mit je zwei gleichgroßen schwarzen Augenflecken im Vorderflügel sowie mit einer rostroten, orangefarbenen bis fahlgelben Binde auf der Oberseite des Vorderflügels und des Hinterflügels versehen. Bei dem Männchen ist diese Bindenzeichnung deutlich ausgeprägter als bei dem Weibchen. In der Mitte des Augenfleckes ist zusätzlich ein weißer Kern zu erkennen. Auf dem Hinterflügel befindet sich nur ein Augenfleck. Die Unterseite des Hinterflügels zeigt eine grau marmorierte Tönung und ist mit hellen und dunklen Zackenbinden bedeckt. Der Ockerbindige Samtfalter setzt sich gerne mit geschlossenen Flügeln auf die bloße Erde oder auf Steine, wo er perfekt getarnt ist. Besonderes Merkmal bei dem Ockerbindigen Samtfalter ist die Reduktion der Vorderbeine, die besonders bei dem Männchen zu behaarten Putzbeinen ausgebildet sind.
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Zum Gehen sind die Vorderbeine nicht mehr zu gebrauchen. Des Weiteren besitzt der Ockerbindige Samtfalter viel kürzere Palpen und die Krallen sind nicht gespalten. Das Männchen ist mit einfachen Valven ausgestattet. Eine Tendenz zur Schließung der Diskoidalzelle (Mittelzelle) auf dem Hinterflügel besteht und die vordere Diskoidalzelle ist stets geschlossen. Das Flügelgeäder erscheint ziemlich einheitlich, wobei ein oder zwei Adern auf dem Vorderflügel blasig erweitert sind. Das Ei ist höher als breit und weist senkrechte Rippen auf. Die Raupe kann eine Länge von etwa 30 Millimetern erreichen. Sie weist eine hell gelbbraune Färbung auf und ist mit in einzelne Flecke aufgelöster, dunkler Rückenbinde und daneben jederseits mit zwei weiteren dunklen Längsbinden versehen. Die Raupe besitzt keine Nackengabel (Osmetrium) und weist teilweise lange fleischige Auswüchse auf. Das Analsegment der Raupe ist gespalten und die Kopfkapsel weist lange Fortsätze auf.

Lebensweise

Der Ockerbindige Samtfalter fliegt erst sehr spät im Jahr. Die Flugzeit des Ockerfarbigen Samtfalters findet von Juni bis September in einer Generation statt. Die Eier werden einzeln an dürre Grasblätter in Bodennähe geheftet wie zum Beispiel Echter Schaf-Schwingel (Festuca ovina), Fieder-Zwenke (Brachypodium pinnatum), Rasen-Schmiele (Deschampsia cespitosa), Einjähriges Rispengras (Poa annua), Aira flexuosa, Silbergras (Corynephorus canescens) und Gemeine Quecke (Elymus repens). Die Raupe ernährt sich in der Nacht und versteckt sich am Tag in der Vegetation. Die Überwinterung der Raupe erfolgt im Jugendstadium und im letzten Stadium verpuppt sich die Raupe. Die Verpuppung erfolgt im späten Frühjahr in einer Erdmulde, die etwa ein Zentimeter tief ist.

Ockerbindiger Samtfalter
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Unterarten

Verbreitung

Der Ockerbindige Samtfalter lebt in sehr sandigen und felsigen, offenen, warmen Gebieten, zum Beispiel auf sandigem Magerrasen und Felssteppen, auf trockenen Heiden, auf grasbewachsenem Schiefer sowie auf
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kalkhaltigen Wiesen oder auf Böden mit Galmeiflora. In Mitteleuropa ist der Ockerbindige Samtfalter noch weit verbreitet, jedoch fast überall ziemlich selten zu beobachten. Er war im 20. Jahrhundert in allen biogeografischen Regionen, auch nördlich der Trasse Sambre-et-Meuse, mit Ausnahme des westlichen Hennegau, Hespengau und den Ardennen zu finden. In Europa ist die Art von Spanien, südlich von Skandinavien sowie südlich von Schottland verbreitet.

Ernährung

Der Ockerbindige Samtfalter und die Raupe besuchen vorwiegend die Süßgräser wie zum Beispiel Aufrechte Trespe (Bromus erectus), Echter Schaf-Schwingel (Festuca ovina), Kalk-Blaugras (Sesleria albicans), Fieder-Zwenke (Brachypodium pinnatum), Rasen-Schmiele (Deschampsia cespitosa), Einjähriges Rispengras (Poa annua), Aira flexuosa, Silbergras (Corynephorus canescens) und Gemeine Quecke (Elymus repens). Gelegentlich nascht der erwachsene Ockerbindige Samtfalter auch von Weintrauben, wie auf der unteren Aufnahme zu erkennen ist.

Fortpflanzung

Um einen Partner für die Fortpflanzung zu finden und um ihn zur Paarung (Kopula) zu bewegen, muß ein Schmetterling eine ganze Reihe von Schwierigkeiten überwinden. Um dies zu verdeutlichen, wurde in dieser Hinsicht der Ockerbindige Samtfalter von Nikolaas Tinbergen und seinen Mitarbei
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tern in Holland um das Jahr 1942 genauer untersucht. Die Werbung beginnt bei dieser Art damit, dass das Männchen das Weibchen verfolgt. Der Auslöser für dieses Verhalten ist visueller Natur, arbeitet aber nicht sehr selektiv, denn das Männchen verfolgt alle möglichen Objekte, andere Schmetterlinge, Vögel und Attrappen, die von den Forschern in den unterschiedlichsten Größen und Formen hergestellt wurden. Experimente dieser Art zeigten Nikolaas Tinbergen und seinen Mitarbeitern, dass die Farbe des Weibchens keine große Rolle spielt und dass das Männchen sogar von schwarzen oder roten Attrappen stärker erregt wurde, obwohl der Ockerbindige Samtfalter rostbraun und grau gefärbt ist. Auch die Form spielte bei dem Männchen keine so große Rolle. Runde oder rechtwinklige Attrappen wurden ebenso verfolgt wie schmetterlingsähnliche Attrappen. Bei gleicher Oberfläche zog das Männchen jedoch ausgeglichene Rechtecke den schmalen und langen Rechtecken vor. Die Größenordnung schien einige Bedeutung zu haben, und die größeren Attrappen wurden stärker verfolgt als normale Attrappen und diese wiederum wurden stärker verfolgt als die kleinen Attrappen. Als wichtig erwies sich die Art der Bewegung, die den Flug simulierte. Attrappen, die sich flatternd oder drehend fortbewegten, wurden eindeutig vorgezogen im Vergleich zu den Attrappen, die geradlinig flogen. Diese Experimente zeigen, dass bei der Annäherung das Männchen nur auf visuelle Reize reagiert. Seine Reizantwort läßt sich verstärken, wenn experimentell übernommene Reize verwendet werden, in diesem Fall größere und intensiver gefärbte Attrappen. Wird das Weibchen verfolgt und ist es bereit, so setzt sich das Weibchen nach kurzer Zeit zu Boden. Das Männchen läßt sich neben dem Weibchen nieder, bewegt sich dann aber auf einem Halbkreis, so dass das Männchen der Partnerin gegenübersteht. Dies ist die erste Phase einer genau festgelegten Instinktkette. Dann vibriert das Männchen längere Zeit mit den Flügeln. Das Männchen läßt die Fühler kreisen und verstärkt die Flügelbewegung zu
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einer richtiggehenden Ventilation. Schließlich richtet das Männchen seine Fühler gegen den Boden, öffnet die Flügel etwas und versucht, die Fühler des Weibchens darin einzuschließen. Dabei will das Männchen seine Partnerin mit Hilfe eines Pheromons erregen, das von Duftschuppen (Androkonien) an zwei schmalen Stellen auf den Vorderflügeln produziert wird. Schließlich beschreibt das Männchen in kurzen Etappen wieder einen Halbkreis und versucht sich mit dem Weibchen zu paaren. Ist das Weibchen geneigt, was das Weibchen durch leichtes Anheben und Freigeben des Hinterleibsendes anzeigt, so findet die Kopulation beim ersten Versuch statt. Die positive oder negative Antwort des Weibchens wird von seinem physiologischen Zustand und auch von der Umgebungstemperatur beeinflußt. Eine Verweigerung führt dazu, dass die Instinktkette des Männchens unterbrochen wird und, wenn überhaupt, muss das Männchen wieder bei der ersten Phase beginnen. Folgen mehrere erfolglose Versuche aufeinander, so werden die Instinktketten unregelmäßiger und das Männchen kann eine oder mehrere Phasen überspringen. Auf die Paarung, die im Mittel wenig mehr als eine Stunde dauert, folgt ziemlich bald die Eiablage des Weibchens. Die Eier werden einzeln an verschiedenen dürren Grasblättern in Bodennähe geheftet. Nach dem Schlupf ernährt sich die Raupe überwiegend von Süßgräsern, die sie in der Nacht aufsucht. Am Tage hält sich die Raupe in der Vegetation versteckt. Die Überwinterung der Raupe erfolgt im Jugendstadium und im letzten Stadium verpuppt sich die Raupe. Die Verpuppung erfolgt im späten Frühjahr in einer Erdmulde, die etwa ein Zentimeter tief ist. Die Flugzeit des Ockerbindigen Samtfalters erfolgt dann von Juni bis September in einer Generation.

Gefährdung und Schutz

Der Bestand des Ockerbindigen Samtfalters ist insgesamt rückläufig. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat der Mensch seine Umwelt verändert wie nie zuvor. Diese Veränderungen bedeuten immer Verarmung und damit Rückgang der ökologischen Nischen. Die Gründe dafür sind äußerst vielfältig und stehen untereinander und mit anderen Faktoren in einer Wechselbeziehung.
Habitat: Magerrasen
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Habitat: Magerrasen
Am wichtigsten sind die Verarmung der Landschaft und Flurbereinigung, Trockenlegung, Urbanisierung und Straßenbau, die allgegenwärtige Verschmutzung sowie der Einsatz von Düngern, Pflanzenschutzmitteln und weiteren Giftstoffen. Besonders empfindlich scheinen die Raupen auf Staub zu reagieren. Blattflächen, die mit einer feinen Staubschicht versehen sind, werden von den Raupen nicht gefessen, die Tiere verhungern eher. Einige Untersuchungen deuten darauf hin, dass sie vor allem der gegenwärtige Abrieb der Autoreifen vom Fressen abhält. Die meisten Schmetterlinge (Lepidoptera) sind wohl deswegen am Aussterben, weil ihre Nährpflanzen keinen Platz zum Überleben mehr haben. Wenn ein Landwirt einen trockenen Magerrasen zu düngen beginnt, verschwinden innerhalb kürzester Zeit 80 bis 90 Prozent aller Pflanzenarten. Mit ihnen sterben die phytophagen Insekten, an erster Stelle die Schmetterlinge (Lepidoptera) und die Langfühlerschrecken (Ensifera) sowie die Kurzfühlerschrecken (Caelifera). In diesem Zusammenhang darf man nicht vergessen, dass sich auch viele erwachsene Schmetterlinge (Lepidoptera) ernähren müssen. Wenn sie nicht die richtigen Blüten finden, sterben sie aus, selbst wenn die Raupennahrung noch wächst. Man kann in dieser Beziehung einen praktischen Naturschutz betreiben, indem man entsprechende Süßgräser pflanzt, wie zum Beispiel: Aufrechte Trespe (Bromus erectus), Echter Schaf-Schwingel (Festuca ovina), Kalk-Blaugras (Sesleria albicans), Fieder-Zwenke (Brachypodium pinnatum), Rasen-Schmiele (Deschampsia cespitosa), Einjähriges Rispengras (Poa annua), Aira flexuosa, Silbergras (Corynephorus canescens) und Gemeine Quecke (Elymus repens).

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Heiko Bellmann: Der neue Kosmos-Schmetterlingsführer. Schmetterlinge, Raupen und Futterpflanzen. Kosmos, 2003 ISBN 3440093301
  • Leon Rogez: Schmetterlinge und Raupen. Ensslin im Arena Verlag, 2006 ISBN 3401452541
  • Thomas Ruckstuhl: Schmetterlinge und Raupen. Gondrom Verlag, 2001 ISBN 3401452541
  • Dr. Helgard Reichholf-Riem: Steinbachs Naturführer. Insekten. Mit Anhang Spinnentiere. München: Mosaik Verlag GmbH, München 1984. ISBN 3-570-01187-9
  • Ake Sandhall, übersetzt von Dr. Wolfgang Dierl: BLV Bestimmungsbuch 15. Insekten und Weichtiere. Niedere Tiere und ihre Lebensräume-Gliedertiere, Würmer, Nesseltiere, Weichtiere, Einzeller. BLV Verlagsgesellschaft mbH, München Wien Zürich 1984. ISBN 3-405-11390-3
  • Michael Chinery: Pareys Buch der Insekten: Ein Feldführer der europäischen Insekten. Übersetzt und bearbeitet von Dr. Irmgard Jung und Dieter Jung. Verlag Paul Parey 1987. Hamburg und Berlin. ISBN 3-490-14118-0
  • Kurt Günther, Hans-Joachim Hannemann, Fritz Hieke: Urania Tierreich, 6 Bde., Insekten . Deutsch Harri GmbH; Auflage: 5, 1990 ISBN 387144944X
  • Valerio Sbordoni, Saverio Forestiero: Weltenzyklopädie der Schmetterlinge Arten, Verhalten, Lebensräume. München Südwest Verlag, 1985 ISBN 3-517-00876-1
  • Dr. Frieder Sauer: Sauers Naturführer Raupe und Schmetterling. Karlsfeld Fauna-Verlag, 1988, 4. Auflage ISBN 3-923010-00-1

Links

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