Orang-Utans

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Orang-Utans
Orang-Utan (Pongo pygmaeus)

Systematik
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Teilordnung: Altweltaffen (Catarrhini)
Familie: Menschenaffen (Hominidae)
Unterfamilie: Homininae
Tribus: Pongini
Gattung: Orang-Utans
Wissenschaftlicher Name
Pongo
Lacépède, 1799

Orang-Utans (Pongo) zählen innerhalb der Teilordnung der Altweltaffen (Catarrhini) zur Familie der Menschenaffen (Hominidae). In der Gattung werden 2 rezente Arten geführt. Im Englischen wird die Gattung Orangutans genannt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution und Entwicklung

Aufgrund von Molekularanalysen ist heute bekannt, dass sich Orang-Utans vor rund 14 Millionen Jahren von demjenigen Stamm trennten, aus dem die afrikanischen Menschenaffen und letztlich auch der Mensch hervorging. Die südasiatischen Sivapithecus-Formen (Sivapithecus indicus, Sivapithecus sivalensis und Sivapithecus parvada) aus dem späten Miozän, vor 12 bis 9 Millionen Jahren, waren den Orang-Utans schon sehr ähnlich und gelten daher als die Vorfahren der beiden rezenten Arten, dem Borneo Orang-Utan (Pongo pygmaeus) und dem Sumatra Orang-Utan (Pongo abelii). Aus Indochina sind riesige pleistozäne Orang-Utans bekannt, die dort wahrscheinlich vor etwa 1 Millionen Jahren im mittleren Pleistozän ausstarben. Auf Sumatra und Borneo fand man fossile Formen, die ein Alter von rund 40.000 Jahren aufweisen. Diese heute ausgestorbene Art war mit gut 30 Prozent deutlich größer als die rezenten Arten. Im Pleistozän kamen kleinere Vertreter der Gattung auch auf Java vor.

Beschreibung

Anatomie, Aussehen und Maße

Orang-Utans sind die größten asiatischen Vertreter der Hominiden. Sie erreichen je nach Geschlecht eine unterschiedliche Länge und ein unterschiedliches Gewicht. Weibchen erreichen eine Körperlänge von 78 Zentimeter und ein Gewicht von rund 36 (30 - 50) Kilogramm. Männchen sind deutlich größer. Sie erreichen eine Körperlänge von 97 Zentimeter und ein Gewicht von bis zu 79 (50 - 90) Kilogramm. In Gefangenschaft kann ein Männchen leicht ein Gewicht von 150 Kilogramm oder mehr erreichen. Tiere in Gefangenschaft leiden nicht selten unter Verfettung. Ein Dimorphismus zeigt sich nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen den beiden Arten. Der Sumatra Orang-Utan ist leichter als die Verwandten auf Borneo. Darüber hinaus haben sich bei den beiden Arten im Laufe der eigenständigen Entwicklung zahlreiche morphologische und physiologische Unterschiede herausgebildet. Sumatra Orang-Utans sind dürrer als ihre Verwandten, das Fell ist im Gesicht länger und die Fellfärbung ist insgesamt blasser getönt. Ein deutlicher Dimorphismus zeigt sich zwischen den Geschlechtern. Die adulten Männchen weisen markante Wangenwülste auf. Diese aus Bindegewebe bestehenden Wangenwülste wachsen ein Leben lang. Daraus kann geschlossen werden: je älter ein Männchen, desto ausgeprägter sind die Wangenwülste.
Junger Orang Utan im Frankfurter Zoo
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Junger Orang Utan im Frankfurter Zoo
Sie sind mit feinen weißlichen Haaren überzogen. Ein Dimorphismus kann sich auch unter den einzelnen Populationen zeigen. Mitunter sind kraniale Unterschiede zwischen den borneanischen Populationen größer als zwischen den sumatranischen und borneanischen Arten.

Das Fell der Orang-Utans ist dunkelrot bis rotbraun oder orangebraun gefärbt. Im Gesichtsfeld zeigt sich am Kinn beider Geschlechter ein recht langer Bart. Ausgewachsene Männchen weisen nicht selten eine lange mantelartige Behaarung und gut entwickelte Kehlsäcke auf. Die sichtbaren Hautpartien sind je nach Alter dunkelbraun bis fast schwarz gefärbt. Bei den Säuglingen ist die Haut noch leicht rosa gefärbt. Die Pigmentierung ändert sich jedoch mit zunehmendem Alter (Groves, 1990, 2001; Rowe, 1996). Orang-Utans bewegen sich sowohl im Geäst der Bäume als auch auf dem Boden quadrupedal (von Quadrupedie, lat. quadrus = vier und pes = Fuß) auf allen vier Extremitäten fort. Sie setzen jedoch nicht mit den Knöcheln an den Händen auf, sondern mit der ganzen Faust. Hin und wieder bewegen sich die Tiere über kurze Strecken auch im aufrechten Gang fort. Orang-Utans sind geschickte und kraftvolle Kletterer. Ihre Arme sind deutlich länger als die Beine und ausgesprochen kräftig. Beim Greifen spielt der Daumen keine Rolle. Die Finger bilden förmlich einen Haken, mit dem sie sich in den Ästen mühelos halten können. Bei einem ausgewachsenen Tier kann die Spannweite der Arme leicht 220 Zentimeter betragen (Rowe, 1996). Die Arme sind an die suspensorische, also an Ästen hängende, Fortbewegung angepasst (Rijksen, 1978 in Greismann, 2003). Der Großzeh ist reduziert und die Füße sind stark nach innen einbiegbar.

Die mittleren Schneidezähne (Incisivi) sind ausgesprochen groß. Deutlich kleiner und stiftförmig sind hingegen die lateralen Incisivi. Die Eckzähne (Canini) sind groß, bei den Männchen deutlich größer als bei den Weibchen. Die Molaren, also die Backenzähne, weisen zum einen niedrige Zahnhöcker auf, zum anderen eine dicke Zahnschmelzschicht. Die Oberfläche der Kauflächen ist nicht selten, vor allem bei älteren Tieren, stark gekräuselt. Das Gebiss verfügt über 32 Zähne, die zahnmedizinische Formel lautet i2/2, c1/1, p2/2, m3/3. Das Neurocranium, das als Hirnschädel bzw. als stabile Hülle die Weichteile des Gehirns umgibt, ist hoch und deutlich gerundet. Das Gesicht selbst ist hoch und weist eine konkaves Profil auf. Sehr alte Männchen verfügen über stark ausgeprägte Sagittal- und Nuchalkämme. Dies sind Kämme in Form von Wüsten auf dem Oberkopf bzw. im Nackenbereich (Geissmann, 2003). Die Kämme dienen im Wesentlichen als Ansatzstellen für Muskeln, insbesondere der Nackenmuskulatur und der Kaumuskulatur. Die Schnauze weist eine prognathe Form auf und ist aufgekippt. Augenwülste sind zwar vorhanden, jedoch weit weniger stark ausgeprägt als bei den anderen Hominiden. Die augenhöhlen sind relativ klein und liegen eng beieinander.

Lebensweise

Borneo Orang-Utan (Pongo pygmaeus pygmaeus)
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Borneo Orang-Utan (Pongo pygmaeus pygmaeus)
Soziale Organisation und Verhalten

Erwachsene Orang-Utans leben hauptsächlich einzelgängerisch. Die einzige Ausnahme bildet ein Weibchen mit ihrem Nachwuchs. Die einzelgängerische Lebensweise ist unter den Primaten durchaus ungewöhnlich. Die Geschlechter treffen im Wesentlichen nur zur Paarungszeit aufeinander. Unabhängige Jungtiere, also subadulte Jungtiere, sind nicht selten in kleinen Gruppen zu beobachten. Es ist daher von einem sozialen Netzwerk von individuellen Beziehungen in Verbindung mit einem dispersen (lat. dispergere "ausbreiten" oder "zerstreuen") Kerngruppensystem auszugehen (Geissmann, 2003). Die Reviere einzelner Tiere, insbesondere bei den Weibchen, überlappen sich. Weibchen weisen je nach Lebensraumqualität eine Reviergröße von 70 bis 900 ha auf. Die täglichen Streifzüge erstrecken sich meist über rund 500 Meter. Die Reviere der Männchen sind mit 500 bis 4.000 ha deutlich größer und überschneiden sich mit denen mehrerer Weibchen. Die täglichen Streifzüge sind ebenfalls deutlich länger als bei den Weibchen. Dies liegt wahrscheinlich an dem deutlich größeren Nahrungsbedarf. Auf den täglichen Wanderungen der Männchen kommt es auch zu losen Kontakten zu assoziierten Weibchen und Konkurrenten (Rijksen, 1978; Galdikas, 1984; Geissmann, 2003).

Begegnungen zwischen Männchen können agonistischer Art sein. Die agonistischen Verhaltensweise zwischen Männchen können auch tätliche Auseinandersetzungen miteinschließen. In der Regel halten männliche Orang-Utans jedoch einen bestimmten Abstand zueinander ein. Dieser wird durch die sogenannten loud calls ermittelt. Die Laute dienen aber auch der Kontaktaufnahme zu einzelnen Weibchen. Während der Paarungszeit kommt es kurzfristig zur Gruppenbildung, die sich über einige Tage oder auch über einige Wochen erstrecken kann (Utami et al. 2002). Man unterscheidet bei den Orang-Utans zudem zwischen ansässigen Tieren, Pendlern und Wanderern (Nomaden). Ansässige Tiere weisen feste Gebiete auf, die meist nicht verlassen werden. Die Mehrheit der Orang-Utans sind jedoch Pendler und Wanderer bzw. Nomaden. Sie sind zwar auch über einige Monate oder auch über 1 Jahr in einem Gebiet ansässig, wechseln aber dann in andere Gebiete. Wanderer verfügen über kein festes Revier und wandern daher nur umher. Subadulte und junge Erwachsene Tiere sind meist Pendler, ältere Tiere in der Regel ansässig. Die Regel ist jedoch nicht einheitlich. Es kann in allen Altersklassen ansässige, Penler oder Wanderer geben (Geissmann, 2003; Schaik, 1999, 2000).

Werkzeuggebrauch

Orang-Utans sind ausgesprochen intelligent. Es verwundert daher nicht, dass die Tiere in allen Altersklassen und unabhängig vom Geschlecht sowohl die Herstellung als auch den Gebrauch von Werkzeugen beherrschen. Der erste Eindruck von der Fingerfertigkeit der Orang-Utans wird bereits beim Bau der Nester oder Regenschutzgebilde geliefert. Werkzeuge werden beispielsweise für die Aufnahme von Insekten hergestellt. Dünne Äste werden so manipuliert, dass damit Insekten, Larven oder auch Honig aufgenommen werden können. Die Länge und die Dicke der Äste ist dabei den jeweiligen Situationen angepasst. Speziell geformte Blätter werden zum Schöpfen von Flüssigkeiten hergestellt (Fox et al., 1999; Lethmate, 1982).

Borneo Orang-Utan: Männchen im Zoo Berlin
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Borneo Orang-Utan: Männchen im Zoo Berlin
Kommunikation

Orang-Utans kommunizieren über längere Strecken wie bereits erwähnt mittels der sogenannten Loud calls. Bei den Männchen sind die Laute besonders eindrucksvoll, da sie durch die Backenwülste verstärkt werden. Die Laute können sich über 1 bis 2 Minuten erstrecken und werden über mehrere Kilometer gehört (Galdikas & Insley 1988). Subadulte Männchen, die die Loud calls empfangen, schütten spezielle Stresshormone aus, die offensichtlich die sexuelle Entwicklung und die Entwicklung der sekundäre Geschlechtsmerkmale hemmen. Als sekundäres Geschlechtsmerkmal sind beispielsweise auch die Backenwülste zu sehen.

Aktivitätsmuster

Orang-Utans sind tagaktiv und ruhen in der Nacht. Während der aktiven Zeit am Tage verbringen Orang-Utans bis zu 95% ihre aktiven Zeit mit der Nahrungssuche und -aufnahme. Zwischendurch werden jedoch immer kleinere und größere Ruhepausen eingehalten. Im Aktivitätsmuster, bezogen auf die Nahrungsaufnahme, zeigen sich 2 Spitzen. Die eine liegt am Morgen, die andere am späten Nachmittag. Mit Beendigung der Nachtruhe und dem Verlassen des Nestes begeben sich Orang-Utans unverzüglich auf Nahrungssuche. Gegen Mittag wird eine größere Pause eingelegt. Die Nahrungssuche geht nach der Pause bis in die späten Nachmittags- oder frühen Abendstunden weiter. Je nach Qualität des Lebensraumes bewegen sich die Tiere pro Tag zwischen 100 und 3.000 (800) Meter durch ihren Lebensraum. Weibchen legen für gewöhnlich kürzere Tagesstrecken zurück als Männchen (Rodman, 1993; Galdikas, 1988).

Vorkommen und Lebensraum

Lebensraum der Orang-Utans auf Borneo/Malaysia
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Lebensraum der Orang-Utans auf Borneo/Malaysia

Verbreitung

Orang-Utans sind auf den beiden Inseln Sumatra (Indonesien) und Borneo (Malaysia und Indonesien) verbreitet. Da es sich bei beiden Verbreitungsgebieten um Inseln handelt, kommt eine räumliche Trennung zustande. Pongo pygmaeus ist auf Borneo beheimatet, Pongo abelii auf Sumatra. Auf beiden Inseln werden heute nur noch kleine, stark fragmentierte Regionen besiedelt. Der Bestand auf Borneo wird auf etwa 55.000 Individuen geschätzt. Auf Sumatra ist die Bestandssituation mit nur noch 7.000 Tieren deutlich schlechter (Singleton et al., 2004; Rijksen & Meijaard, 1999).

Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet war noch weit größer. Nach Geissmann (2003) sind subfossile Funde auch sud dem südlichen China, Vietnam und Java bekannt.

Lebensraum

Der Lebensraum der Orang-Utans ist heute stark fragmentiert. Ursprünglich waren die Tiere über weite Teil von Sumatra und Borneo verbreitet. Die Lebensraume liegen sowohl in Sumpfgebieten im Tiefland als auch in Wäldern in höheren Lagen. Auf Sumatra sind die Tiere bis in Höhen von gut 1.000 Metern über NN anzutreffen. Besiedelt werden ausschließlich Wälder, in denen bestimmte Futterpflanzen wie Flügelfruchtgewächse (Dipterocarpaceae) vorkommen. Dies ist insbesondere in primären Regenwäldern, seltener auch in Sekundärwäldern der Fall. In den natürlichen Lebensräumen auf Borneo fällt rund 4.300 mm Niederschlag im Jahr. Die Hauptregenzeit erstreckt sich dabei von Dezember bis in den Mai. Im Mittel herrschen auf Borneo Temperaturen von etwa 18°C in der kalten Jahreszeit bis 37,5°C in der warmen Jahreszeit. Das Verbreitungsgebiet der Orang-Utans auf Sumatra ist deutlich kleiner. Die Tiere leben hier sowohl in Sumpfgebieten als auch in Wäldern bis in Höhen von gut 1.500 Metern über NN. Auf Sumatra zeigt sich zudem eine geringere Siedlungsdichte als auf Borneo. Die Jährliche Niederschlagsmenge liegt bei 3.000 mm, die durchschnittlichen Temperaturen reichen je nach Jahreszeit von 17,0° C bis 34,2°C. Die Luftfeuchtigkeit liegt in beiden Verbreitungsgebieten nahe 100% (Galdikas, 1988; Rijksen & Meijaard 1999).

Prädatoren

Prädator: der Sumatra-Tiger (Panthera tigris sumatrae)
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Prädator: der Sumatra-Tiger (Panthera tigris sumatrae)

Der Tiger (Panthera tigris) ist am Boden für einen Orang-Utan der ärgste Feind. Eher selten kommt es auch zu Übergriffen von anderen Katzen (Felidae) wie den Nebelpardern (Neofelis nebulosa). Letztere sind jedoch nur in der Lage, einen juvenilen Orang-Utan zu erbeuten, selten greifen sie auch ein adultes Tier an. Gelegentlich fallen Orang-Utans ins Wasser. Hier warten Krokodile (Crocodilia), die es auf die Tiere abgesehen haben. Gelegentlich greifen Krokodile auch am Ufer an. Auf Borneo kommen keine großen Katzen vor. Daher halten sich Orang-Utans sich hier deutlich häufiger auf dem Waldboden auf als auf Sumatra (Galdikas, 1988).

Ernährung

Orang-Utans besiedeln vor allem dipterocarpe Wälder, also Lebensraumtypen, in denen Flügelfruchtgewächse (Dipterocarpaceae) in ausreichender Menge vorkommen. Auch wenn Orang-Utans eine Vielzahl an Pflanzen fressen, stellen Früchte mit mehr als 60% den Großteil an Nahrung dar. Neben Früchten werden auch junge Blätter und Triebe, Blüten und Knospen, Baumsäfte und Wurzeln gefressen. Aber auch tierische Kost wie beispielsweise die Eier von Vögeln (Aves) und Insekten (Insecta), insbesondere Raupen und Ameisen (Formicoidea) stehen hoch im Kurs. Zu einem kleinen Teil stehen auch Pilze (Fungi) und Honig auf der Speisekarte. Die Art der aufgenommenen Nahrung unterliegt starken saisonalen Schwankungen. Vor allem Früchte stehen daher nicht immer in ausreichender Menge zur Verfügung. Früchte stehen insbesondere gegen Ende der Regenzeit in großer Menge zur Verfügung. In Zeiten reichlich vorhandener Nahrung neigen Männchen dazu, mehr zu fressen, als sie an Nahrung brauchen. Dieses Phänomen ist auch in Gefangenschaft zu beobachten. Unter den Früchten stehen vor allem die Früchte des Zibetbaumes (Durio zibethinus) und Feigen (Ficus) hoch im Kurs (Galdikas, 1988; Knott, 1998). Früchte mit einem hohen Anteil an Tanninen (Gerbstoffe) werden gemieden (Geissmann, 2003).

Fortpflanzung

juveniler Sumatra Orang-Utan (Pongo abelii)
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juveniler Sumatra Orang-Utan (Pongo abelii)
juveniler Borneo Orang-Utan (Pongo pygmaeus)
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juveniler Borneo Orang-Utan (Pongo pygmaeus)

Das Paarungsverhalten der Orang-Utans ist in Freiheit nur unzureichend studiert. Die meisten Informationen stammen daher von Beobachtungen des Paarungsverhaltens in Gefangenschaft. Weibliche Orang-Utans erreichen die Geschlechtsreife im Alter von 5,8 bis 11,0 Jahren. In freier Wildbahn wurden die meisten Erstgeburten im Alter von etwa 14 Jahren beobachtet. Je besser der Ernährungszustand, desto früher wird die Geschlechtsreife erreicht. Der Zyklus der Weibchen erstreckt sich nach Knott (2001) über 22 bis 30 Tage und können sich bis zu einem Alter von rund 48 Jahren fortpflanzen. Männchen erreichen die Geschlechtsreife im Alter von 8 bis 15 Jahren. Sie brauchen demnach deutlich länger als Weibchen. Die meisten Männchen pflanzen sich jedoch erst im Alter von 15 bis 20 Jahren erstmals fort. Zu diesem Zeitpunkt sind sie körperlich voll entwickelt. Auch die Backenwülste sind in diesem Alter voll ausgeprägt. Die Hoden sind jedoch schon im Alter von 8 bis 15 Jahren voll entwickelt. Ein adultes, geschlechtsreifes Männchen besetzt ein festes Revier. Subadulte Männchen leben deutlich nomadischer. Männchen mit den ausgeprägtesten Backenwülsten haben bei den Weibchen die besten Chancen. Weibchen suchen in der Regel nach paarungsbereiten Männchen, gelegentlich ist es auch umgekehrt der Fall. Männchen mit den größten Backenwülsten werden von den Weibchen bevorzugt. Daher haben subgeschlechtsreife Männchen kaum eine Chance auf eine Paarung.

Die Paarungszeit ist in den natürlichen Verbreitungsgebieten an keine bestimmte Jahreszeit gebunden. Geburten wurden zu allen Jahreszeiten beobachtet. Nach einer Tragezeit von 9 Monaten bringt ein Weibchen ein Jungtier zur Welt. Zwischen 2 Geburten liegen meist bis zu 8 Jahren. Männchen haben aufgrund der semieinzelgängerischen Lebensweise mit der Aufzucht des Nachwuchses nichts zu tun. Die einzige längerfristige Bildung ist nur zwischen einer Mutter und ihrem abhängigen Jungtier zu beobachten. In den ersten 2 Jahren ist ein Jungtier von der Mutter völlig abhängig. Während dieser Zeit halten sie engen Kontakt zur Mutter und schlafen in der Nacht auch im gleichen Nest. In den ersten 4 Monaten wird der Nachwuchs am Bauch der Mutter getragen. Mit der Zeit nimmt jedoch der unmittelbare Körperkontakt nach und nach ab. Ab einem Alter von 2 Jahren werden die Jungtiere immer selbständiger. Sie sind nun geschickte Kletterer und schwingen mit Leichtigkeit von Ast zu Ast. Das Kindesalter erstreckt sich je nach Entwicklungsstand über 2 bis 5 Jahre. Ab diesen Zeitpunkt kann es durchaus schon zu längeren Phasen kommen, in denen sich die Jungtiere weiter von der Mutter weg bewegen. Danach treten die Jungtiere in die jugendliche Phase ein. In den vielen Jahren, in denen Jungtiere bei der Mutter verbringen, lernen sie alles, was sie für das spätere Leben brauchen. Hier ist insbesondere das Bauen der Nester zu nennen. Jungtiere lernen hauptsächlich durch abschauen und nachahmen. Von der Muttermilch vollständig entwöhnt ist der Nachwuchs im Alter von 4 Jahren. Die Betreuung durch die Mutter erstreckt sich darüber hinaus aber über bis zu 7 Jahren. Orang-Utans können in freier Wildbahn ein Alter von 50 bis 60 Jahren erreichen (Kaplan & Rogers 1994; Galdikas 1995).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Bestandssituation

Der Borneo Orang-Utan gehört heute zu den stark bedrohten Arten. In der Roten Liste der IUCN wird die Art daher als stark gefährdet (EN, Endangered) geführt. Noch dramatisch steht es um den Sumatra Orang-Utan. Er ist kritisch gefährdet (CR, Critically Endangered). Beide Arten werden im Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) in Anhang I geführt. Die Populationen der Sumatra Orang-Utans werden aktuell auf etwa 7.300 (Singleton et al. 2004). Die Tiere verteilen sich auf Sumatra auf 20,552 km², wobei das Kerngebiet 8,992 km² umfasst. Seit den 1990er Jahren hat der Bestand regional jährlich um 1.000 Individuen abgenommen. Die Bestände der Borneo Orang-Utans wird auf 45.000 bis 69.000 Individuen geschätzt (Singleton et al. 2004, Caldecott & Miles 2005). Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich über 86,000 km².

Gefährung und Schutzmaßnahmen

Vernichtung der Lebensräume

Eine ernsthafte Bedrohung geht heute von zahlreichen Faktoren aus. Hauptsächlich ist dies die Vernichtung der natürlichen Lebensräume. Aber auch die Störung durch den Menschen, insbesondere durch den Ökotourismus sowie die Bejagung und Verfolgung spielen eine große Rolle. In den letzten 60 Jahren wurde auf Borneo mehr als die Hälfte der tropischen Regenwälder vernichtet (Rijksen & Meijaard, 1999; Rijksen 2001). Die Lebensräume der Orang-Utans sind davon sogar mit 80% betroffen. Die meisten Flächen wurden in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt. Das Holz der geschlagenen Bäume wanderte überwiegend in die Möbel- und Bauholzindustrie. Auf Sumatra ist die Situation der Orang-Utans nicht viel besser. Zwar wurde Regenwald nicht im gleichen Maße vernichtet wie auf Borneo, jedoch haben landwirtschaftliche Flächen die Lebensräume stark fragmentiert. Orang-Utans sind von Lebensräumen mit einem gesunden Baumbestand abhängig. Sie leben nicht nur fast ausschließlich hoch oben in den Bäumen, sie sind auch auf die Bäume als Nahrungsquelle angewiesen. Viele Edelhölzer wurde in den tropischen Regenwäldern geschlagen, als Kollateralschaden (Begleitschaden) wurden dadurch auch viele fruchtbildende Bäume zerstört. Durch die Fragmentierung der Lebensräume sind weitflächig die Wanderrouten der Orang-Utans unterbrochen und durch die Vernichtung vieler wichtiger Futterpflanzen wird es für die Tiere immer schwieriger sich ausreichend zu ernähren. Selbst auf die torfigen Sumpfwälder Borneos hat es die Holzindustrie abgesehen. Begehrt sind vor allem die Edelhölzer. Anstatt die Wälder nachhaltig zu nutzen, werden alle verwertbaren Bäume geerntet (Schaik et al., 2000, 2001). Eine natürliche Regeneration, die leicht 40 Jahre dauern kann, ist so nicht mehr möglich. Der Eingriff in die Natur wird durch neu gebaute Straßen erleichtert. Der unberührte Wald rückt so immer näher an die kommerzielle Holzindustrie und Landwirtschaft. Auf zig Tausenden km² entstehen heute riesige Monokulturen mit Ölpalmen. Die Produkte daraus sind weltweit gefragt.

Um die restlichen Populationen - und dies sind heute nur noch wenige - zu schützen und zu erhalten, muss der Raubbau an den tropischen Regenwäldern gestoppt werden. Es ist aber nicht nur der kommerzielle Holzeinschlag. Die Manipulation an der Natur im kleinen, also von den Landwirten, die immer wieder ein kleines Stück dem Wald durch Abholzung oder Rodung abtrotzen, richten insgesamt erhebliche Schäden an. Wird der illegale Holzeinschlag nicht gestoppt, sind die beiden Arten auf Sumatra und Borneo mittelfristig, wahrscheinlich schon in den nächsten Jahren, nicht mehr zu retten. Die Holzindustrie und die Landwirtschaft machen heute nicht einmal mehr vor den Nationalparks halt. Durch illegalen Einschlag oder Korruption gehen auch hier jährlich weite Teile des natürlichen Lebensraumes verloren. Ein Mittel gegen die Vernichtung der Lebensräume wären hohe Geldbußen, Entzug von Lizenzen oder ähnliche Strafen. Es müssten aber auch die Sägewerke überprüft werden, denn hier landet der Großteil der geschlagenen Hölzer. Die lokale Bevölkerung müsste aufgeklärt, insbesondere durch das Auflegen von Bildungsprogrammen, und in den Schutz der Orang-Utans involviert werden. Durch den Schutz der Tiere und Lebensräume sowie dem ökologisch nachhaltigen Tourismus ergeben sich zahlreiche Verdienstmöglichkeiten der lokalen Bevölkerung. Der Mensch muss verstehen, dass eine nachhaltige Nutzung von Ressourcen langfristig sinnvoller ist. Das Problem ist sowohl auf Sumatra als auch auf Borneo, dass Gesetze zum Schutz der Flora und Fauna vorhanden sind. Es hapert nur an der Durchsetzung und einer nachhaltigen Kontrolle. In Regionen, wo Lebensräume heute fragmentiert sind, müssen Korridore geschaffen werden, um den Tieren die Wanderungen zu ermöglichen, denn nur so kann eine genetische Diversität erhalten werden.

Krankheiten

Auch wenn der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle für die lokale Bevölkerung und die Naturschutzorganisationen ist, so muss der Tourismus nachhaltig sein. Die Einnahmen werden von den Naturschutzorganisationen in Arterhaltungsmaßnahmen, Rehabilitationszentren und andere Pflegestationen investiert. Die Tiere in den Pflegestationen und Rehabilitationszentren stammen hauptsächlich aus Beschlagnahmungen, meist aus illegaler Tierhaltung. Die Tiere werden unter nicht artgerechter Haltung ausgestellt und kommen so in engem Kontakt zum Menschen. Viele Tiere sind lethargisch und leiden an Zoonosen (griechisch zoon = "Lebewesen" und nosos = "Krankheit"), die vom Menschen übertragen wurden. Gelangen derartig erkranke Tiere wieder in den natürlichen Lebensraum, so ist nicht selten eine Ansteckung der ganzen Population die Regel. Bei den meisten Erkrankungen handelt es sich um Infektionskrankheiten, die durch aerosole Inhalation in den Körper der Orang-Utans gelangen. Weitere Übertragungsmöglichkeiten der Krankheiten sind die direkte Übertragung oder die fäkalorale Übertragung. Tuberkulose, Masern, Kinderlähmung, Cholera, Malaria, HIV, Leptospirose, Hepatitis (A-E) und Lungenentzündung sind die üblichen Erkrankungen. In Pflegestationen und Rehabilitationszentren wird der Kontakt zu den Tieren auf ein Minimum reduziert. Hinzu kommt, dass die Tiere in hygienisch einwandfreien Bedingungen gepflegt werden und einer ständigen tierärztlichen Kontrolle unterliegen (Woodford, et al. 2002).

Bejagung und Verfolgung

In den letzten Jahrzehnten spielte auch die illegale Bejagung eine große Rolle. Adulte Tiere wurden und werden heute noch von der indigenen Bevölkerung wegen des Fleisches gejagt. Jungtiere, die so zu Waisen werden, landen im illegalen Haustierhandel. Die Bejagung geht einher mit der Erschließung der Wälder durch Straßen. Über LKW-Transporte gelangt das Fleisch auf lokale Märkte. In einigen Regionen, wo Orang-Utans in der Nähe des Menschen leben, sind sie als Ernteschädlinge verhasst und werden daher verfolgt. Die Bejagung wirkt sich insgesamt verheerend aus, da sich die Bestände der Orang-Utans aufgrund der sehr langsamen Reproduktion nur sehr langsam erholen können. Als Lösung bietet sich auch hier eine Aufklärung und Weiterbildung der lokalen Bevölkerung an. Es müssen aber auch Straftaten verfolgt werden und hohe Strafen ausgesprochen werden (Rijksen, 2001).

Klimawandel

Ein weiteres Problem stellt der globale Klimawandel dar, dessen Auswirkungen auch vor Sumatra und Borneo nicht halt machen. Die Auswirkungen, insbesondere die auf das Klimaphänomen El Niño zurückzuführen sind, machen sich vor allem in den letzten 2 Jahrzehnten bemerkbar. Vor allem unnatürliche Dürreperioden sorgen für große Trockenheit in den Wäldern. Daraus resultieren nicht selten verheerende Waldbrände, die Jahr für Jahr mehrere Millionen Hektar an Wälder vernichten. Die vernichteten Flächen werden daraufhin meist in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt. Derartige Buschfeuer werden in Zukunft immer häufiger auftreten, da der Klimawandel nicht bekämpft, geschweige denn gestoppt werden kann (Siegert et al. 2001; Delgado & van Schaik 2000).

Systematik der Gattung Orang-Utans

Man geht heute davon aus, dass sich beide Arten vor rund 1,5 Millionen getrennt haben (Rowe, 1996). In dieser relativ kurzen Zeit haben sich zahlreiche phänotypische Unterschiede herausgebildet (Phänotyp = Summe aller Merkmale eines Individuums, sowohl morphologische als auch physiologische Eigenschaften). Auf die morphologischen und physiologischen Unterschiede wurde im Kapitel Aussehen und Maße eingegangen.

Gattung: Orang-Utans (Pongo)

Art: Borneo Orang-Utan (Pongo pygmaeus)
Art: Sumatra Orang-Utan (Pongo abelii)

Nachstehend die Stellung der Orang-Utans in der äußeren Systematik in der Familie der Menschenaffen nach Wilson & Reeder (2005).

 Menschenaffen (Hominidae)
  ├─ Orang-Utans (Pongo)
  └─ Homininae
       ├─  Gorillas (Gorilla)
       └─ N.N.
          ├─ Schimpansen (Pan)
          └─ Menschen (Homo)

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

Quellen zur Gefährdung
Artspezifische Quellen
Allgemeine Quellen
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World: v. 1 & 2. B&T, Auflage 6, 1999, (engl.) ISBN 0801857899
  • Don E. Wilson & DeeAnn M. Reeder: Mammal Species of the World, a Taxonomic & Geographic Reference. J. Hopkins Uni. Press, 3rd ed., 2005 ISBN 0801882214
  • Thomas Geissmann: Vergleichende Primatologie. Springer Verlag, 2003, ISBN 3540436456
  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999
  • Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004. ISBN 383100580X

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