Pfaffenhütchen

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Bild:Giftig.png Pfaffenhütchen
Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus)

Systematik
Klasse: Zweikeimblättrige (Magnoliopsida)
Unterklasse: Rosenähnliche (Rosidae)
Ordnung: Spindelbaumartige (Celastrales)
Familie: Spindelbaumgewächse (Celastraceae)
Gattung: Spindelsträucher (Euonymus)
Art: Pfaffenhütchen
Wissenschaftlicher Name
Euonymus europaeus
Linnaeus, 1753

Das Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus), auch als Gewöhnlicher Spindelstrauch und Europäisches Pfaffenhütchen bezeichnet und im Englischen als European spindle oder Spindle-tree bekannt, zählt innerhalb der Familie der Spindelbaumgewächse (Celastraceae) zur Gattung der Spindelsträucher (Euonymus). Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde die Art im Jahre 1753 von dem schwedischen Naturwissenschaftler Carl von Linné.
Im Jahr 2006 wurde das Pfaffenhütchen vom Botanischen Sondergarten Hamburg-Wandsbek zur Giftpflanze des Jahres des Jahres gewählt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Das Pfaffenhütchen ist ein Gehölz und weist die Wuchsform eines Strauches, selten die eines Baumes auf. Dabei erreicht es eine Höhe von zwei bis sechs Metern. Die Pflanze weist das ganze Jahr über glatte und grüne Jungtriebe auf, die durch schmale Korkleisten vierkantig sind. Die Borke älterer Äste ist graubraun bis rotbraun. Das Pfaffenhütchen bildet hartes, gelbliches Holz. Die Laubblätter sind gegenständig und haben eine elliptisch-lanzettliche und zugespitzte Form, oberseits kräftig grüne und unterseits blaugrüne Färbung, werden bis acht Zentimeter lang und haben einen bis 8 Millimeter langen Stiel. Am Rand sind die Blätter fein gesägt. Während der Blütezeit, die sich von Mai bis Juni erstreckt, erscheinen die kleinen Schein- oder Trugdolden mit jeweils zwei bis neun Blüten in den Blattachseln. Die gestielten Blüten haben vier grünlich bis gelblich gefärbte Kronblätter und sind 10 bis 12 Millimeter groß. Das Pfaffenhütchen weist echten Hermaphroditismus (Zwittrigkeit) auf, das heißt, es bildet Blüten, die sowohl weibliche Keimzellen (Eizellen), wie auch männliche Keimzellen (Pollen) bilden. Die Fruchtkapseln sind scharlachrot oder rosarot gefärbt und enthalten zwei bis vier Samen mit orangerotem Samenmantel (Arillus). Zur Reifezeit ab Ende August öffnen sich die Kapseln und die Samen hängen an Fäden unten heraus. Oft finden sich noch im Winter Samen in den Samenkapseln.

Verbreitung

Vorkommen

Das Pfaffenhütchen ist in ganz Europa und weiten Teilen Asiens verbreitet.

Standort

Der Lebensraum des Pfaffenhütchens wird von Waldrändern, Gebüschen, Hecken, Auwäldern und Feldgehölzen dargestellt. Die Pflanze kommt sowohl in den Ebenen, wie auch im Hügelland und in den Mittelgebirgen vor. Bevorzugt wird kalkhaltiger, nährstoffreicher, lehmiger und feuchter Boden, während sandige Standorte und Nadelwälder wie Fichtenforste gemieden werden.

Ökologie

Pfaffenhütchen-Gespinstmotte (Yponomeuta cagnagella): Raupen auf einem Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus)
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Pfaffenhütchen-Gespinstmotte (Yponomeuta cagnagella): Raupen auf einem Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus)

Die Blüten des Pfaffenhütchens dienen etlichen Insekten (Insecta) als Nahrungsquelle. Die Pflanze wird durch Insekten bestäubt. Außerdem nutzen aufgrund der lange hängenden Früchte viele Vögel (Aves) das Pfaffenhütchen als Quelle für ihre Winternahrung. Da der Samen unverdaulich ist, erfolgt über die Vögel auch die Ausbreitung des Pfaffenhütchens. Daneben ist es in der Lage, sich auch ungeschlechtlich durch Wurzelbrut zu vermehren und auf diese Weise dichte Gebüsche auszubilden. Zu seinen wichtigsten Schädlingen zählen die Raupen der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte (Yponomeuta cagnagella) und verwandter Falterarten. Diese leben sehr gesellig und können einen ganzen Strauch mit Seide einspannen. Etwa ab Mai beginnen sie an einem endständigen Blatt zu minieren, das heißt sie fressen das innere Blattgewebe auf. Folglich welkt das entsprechende Blatt, dadurch können ganze Sträucher entlaubt werden. Ist kein Laub mehr vorhanden, fressen die Raupen die Rinde der Zweige.

Pharmakologie

Inhaltsstoffe

Für medizinisch relevante Wirkungen verantwortlich sind vor allem verschiedene Alkaloide, Digitaloide und Bitterstoffe. Die Wirkstoffe konzentrieren sich allgemein besonders stark in der Rinde, sind aber auch in den Früchten und im Wurzelstock zu Genüge enthalten. Die Hauptwirkstoffe sind das (Polyester-) Alkaloid Evonin (C36H43NO17) und die Glykoside Evonosid (C41H46O19), Evobiosid (C35H54O13) und Evomonosid (C29H44O8). Sie hingegen sind vor allem in den Früchten, genauer in den Samen, konzentriert. Des Weiteren lassen sich die Esterverbindung Triacetin (C9H14O6), ein Acetat (Essigsalz), sowie ein anti-H- und anti-B-Lektin (Proteine) nachweisen. Im Laub konzentrieren sich außerdem Triterpene.

Wirkung

Euonymus europaeus ist eine stark giftige Pflanze. Durch die hohe Konzentration der Hauptwirkstoffe in den Früchten sind diese die giftigsten Pflanzenteile. Für einen gesunden Erwachsenen soll die letale Dosis (tödliche Menge) an Gift mit circa 36 Früchten erreicht sein. Zu beachten ist jedoch, dass die letale Dosis abhängig ist von Zustand und Gewicht einer Person während einer Vergiftung. Kinder sind noch gefährdeter, bei einem siebenjährigen Kind verursachten bereits zwei Samen schwere Symptome. Das Pfaffenhütchen ist herzwirksam, vor allem aber wirkt es auf den Gastrointestinaltrakt (Verdauungstrakt). Nach oraler Aufnahme von Früchten kommt es nach einer Latenzzeit von minimal drei und in der Regel 12 bis 18 Stunden zu ersten Vergiftungserscheinungen. Symptome sind Übelkeit, Krämpfe, erhöhte Körpertemperatur, blutige Diarrhoe (Durchfall) und Koliken, Kreislaufstörungen bis hin zum Schock, Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien), Lähmungen der Kaumuskulatur und ggf. auch der Atemmuskulatur sowie Bewusstseinsverlust. Leber und Nieren werden geschädigt. Der Tod tritt oftmals im Zustand der Bewusstlosigkeit ein.

Zudem wirken zu Pulver zermahlene Samen tödlich auf Insekten (Insecta), verantwortlich dafür ist das als Insektizid wirkende Alkaloid Evonin. Auch gegenüber Säugetieren (Mammalia) wurde eine Giftwirkung beobachtet, sie sind besonders gefährdet, wenn sie Zweige oder Zweigspitzen fressen.

Therapie einer Vergiftung

Besonders häufig sind Kinder betroffen. Nach Informieren des Notarztes gilt es zunächst möglichst viel zu Erbrechen (Finger auf Zungengrund drücken), damit nicht noch mehr Pflanzenteile in den Darm gelangen. Um Giftstoffe zu binden, bevor sie in den Blutkreislauf gelangen, kann medizinische Kohle gegeben werden. Viel warmen Tee zu trinken sowie die Einnahme von leichten Abführmitteln, etwa Glaubersalz-Präparaten (Wirkstoff: Natriumsulfat, Na2SO4) ist ebenfalls ratsam. Grundsätzlich gilt es Ruhe zu bewahren und sich warm zu halten. Im Krankenhaus werden eine Magenspülung mit gelöstem Kaliumpermanganat (KMnO4) und Elektrolytsubstitution durchgeführt und bei Azidose (Übersäuerung; Blutsäurewert liegt auf pH-Skala (0-14) unter 7,35) Natriumhydrogencarbonat (auch Natriumbikarbonat genannt; NaHCO3) zur Neutralisation des Säurehaushaltes gegeben.
Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus): Früchte
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Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus): Früchte
Bei Schock wird eine Plasmaexpanertherapie durchgeführt und gegen Krämpfe wird Diazepam (C16H13ClN2O; Valium®) intravenös injiziert. Es muss regelmäßig die Funktion der Nieren sowie die Atmung überwacht werden. Bei Atemdepressionen oder Lähmungserscheinungen der Atemmuskulatur muss die Atmung künstlich unterstützt respektive aufrecht erhalten werden (Intubation, Sauerstoffbeatmung).

Ethnobotanik

Verwendete Pflanzenteile

Verwendet wurden oder werden die Früchte als Euonymi fructus, die Blätter als Euonymi folium und die Rinde als Euonymi cortex.

Verwendung

Früher wurden die Früchte in Pulverform als Mittel gegen Läuse (Anoplura) und Krätzemilben (Sarcoptes scabiei) verwendet und die Pflanze kam als harntreibendes Mittel zum Einsatz. In der Schulmedizin findet das Pfaffenhütchen aufgrund der Giftigkeit heute keine Verwendung mehr. Heutzutage bedient sich die Homöopathie den Früchten der Pflanze unter der Bezeichnung „Evonymus europaea“ bei Kopfschmerzen und Erkrankungen von Leber, Galle und Bauchspeicheldrüse. Als Zierstrauch für Gärten und Parkanlagen werden Pfaffenhütchen nach wie vor häufig kultiviert.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Roth, Daunderer & Kormann: Giftpflanzen - Pflanzengifte, Auflage 5, NIKOL Verlag. ISBN 3868200096.
  • Franz-Xaver Reichl: Taschenatlas der Toxikologie, Nikol Verlag; 2., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3868200058.
  • W. Eisenreich, A. Handel und U. Zimmer: BLV-Handbuch Tiere und Pflanzen, BLV Verlagsgesellschaft. ISBN 3-405-16740-X.
  • W. Stichmann, U. Stichmann-Marny: Der Kosmos Pflanzenführer, Franckh Kosmos. ISBN 3-440-07364-5.
  • M. Pahlow: Das grosse Buch der Heilpflanzen, Bechtermünz Verlag. ISBN 3-8289-1839-5.
  • GEO Themenlexikon: Tiere und Pflanzen: Geschöpfe, Arten, Lebensräume; Teil 2 / Bd. 34. ISBN 3765394645.
  • Wolfram Franke, Dr. Reinhold Kaub, Maria & Christoph Köchel, Marie-Luise Kreuter, Ulrike Leyhe, Karl H. C. Ludwig, Robert Markley, Ulrike Schäfner, Martin Stangl, Gisela Zinkernagel, Siegfried Stein, Eva Ott, Hans Martin Schmidt und Herta Simon: Handbuch Garten, BLV Buchverlag GmbH & Co. Kg, München. ISBN 9783828917866.
  • Bianchini, Corbetta & Pistoia: Der große Heilpflanzenatlas, Unipart Verlag Stuttgard. ISBN 3812201984.
  • M.Bergau, P.Habbe und B. Schäfer: Umwelt:Biologie 7/8, Ernst Klett. ISBN 3-12-029200-1.
  • Karl Traugott Schütze: Biologie der Kleinschmetterlinge, Frankfurt a. M., 1931.[1]

Weblinks

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